Adieu, Pina Bausch

Pina Bausch revolutionierte von Wuppertal aus das Tanztheater der Welt. Als Tänzerin und Choreographin provozierte und berührte sie. Mit 68 starb sie an Krebs.

Pina Bausch, Pina Ballerina. Keine andere Tänzerin der Welt verkörperte mehr Schönheit, Glamour, Gefühl und Bewegung. Ihre Augen, die Schultern, der sehnige Hals, das Lächeln, der Männerhut, die Männerhose, die Zigarette, so kannnte man sie: wortkarg, filigran und rätselhaft, selbstverliebt, zart und ironisch. Madonna und Sphinx zugleich. In Solingen geboren, revolutionierte sie von der Nachbarstadt Wuppertal aus die Bühnen der Welt.

Alles, was ich mache, mache ich als Tänzerin.

"Alles, was ich mache, mache ich als Tänzerin, alles, alles!", sagte Pina Bausch zwei Jahre vor ihrem Tod. Es fing damit an, dass die scheue Tochter eines Gastwirts träumend zwischen Beinen unter Wirtshaustischen saß. Seit ihrem vierten Lebensjahr tanzte die kleine Philippine, so ihr Taufname. Nach ihrem Studium an der Essener Folkwangschule und zwei Jahren Modern-Dance-Studium in New York kehrte sie zum Folkwang-Ballett zurück. Mit 33 wurde sie Ballettdirektorin und Chefchoreografin an den Wuppertaler Bühnen. Eine, die Tutu und sterbende Schwäne in den Abgründen der Bühnengruft begrub. Skandalös in ihren Anfängen. Denn als Choreografin ließ sie ihr Ensemble nicht nur tanzen, sondern auch Geschichten erzählen, spielen, singen, schreien und Dinge tun, die man sonst nie auf einer Bühne gesehen hatte. "Fake, fake, fake - alles falsch", schrie sich der New Yorker Ballettpapst Clive Barnes heiser. "Bezüge zum Schizoiden", attestierte ein deutscher Kritiker 1974. Als sich 1979 in ihren "Arien" verkleidete Nilpferd-Tänzer, Männer in Kleidern und Frauen mit nackten Brüsten Wasserschlachten auf der Bühne lieferten, wandelte sich das Premierenpublikum zu Hooligans, die laut schrien und wild um sich schlugen. In Deutschland wurde sie ausgepfiffen, in Frankreich als "Fée de Wuppertal" gepriesen.

Bei Pina Bausch gab es keine starren Choreografien

"Es ging und geht mir immer nur darum: Wie kann ich ausdrücken, was ich fühle?", sagte sie. Ohne Worte. Denn am Anfang war nicht das Wort, sondern Gefühl und Bewegung. Die Gemütsbewegung.

Pina Bausch revolutionierte die Theaterwelt.

Dafür hat sie radikal mit dem traditionellen Tanz gebrochen und ganz auf Körpersprache und Körperbilder gesetzt. Aus Angst vor Worten, sagte sie, aber auch aus Respekt. Weil sie sich nicht zutraute, in Worte zu fassen, was sie bewegte.

Bei Pina Bausch gab es keine starren Choreografien. Ihre Ausgangsmaterialien waren die Menschen und ihre Körper, die Spuren des gelebten und ungelebten Lebens in sich tragen.

Auf Gastspielreisen zwischen Rom und Hongkong sammelte sie mit ihrem Ensemble Rhythmen, Bilder und Gerüche. Mittels Fragen näherte sie sich dann den Themen. Liebe und Geschlechterkampf, Trauer, Angst, Kindheit und Umwelt. In kleinen Szenen ließ sie die Tänzer vorspielen, was sie empfanden. Sie rannten gegen Wände oder kletterten ein Stück Wand hinauf, hüpften auf 8000 Nelken, strampelten zwischen riesigen Kakteen oder robbten durchs Wasser wie in "Masurca Fogo". Im "Café Müller" tanzte Pina Bausch selbst durch ihre Kindheit. "Was tut man nicht alles, um geliebt zu werden", sagte sie dazu.

Niemand wußte, worauf sie bei den Proben hinauswolltel, sie selbst konnte es nicht sagen. Zum Schluss setzte sie alles collagenartig zusammen. Fertig waren ihre Stücke bei der Premiere selten, Humor hatten sie immer, Titel bekamen sie später, und frenetisch jubelten die Zuschauer. "Wir bauschen", hat der Schriftsteller Péter Esterházy diesen Zustand einmal genannt. Denn das Tanztheater von Pina Bausch musste man nicht verstehen, sondern erfühlen.

Warum sie nicht in die Metropolen, die weltweit um sie buhlen, abgewandert sei, wurde sie einmal gefragt. Die Antwort der Tänzerin: "Ich glaube an die Fantasie. Wenn ich will, dass die Sonne scheint, dann lasse ich sie einfach aufgehen, auch in Wuppertal."

Pina Bausch starb am 30. Juni 2009 - fünf Tage nach einer Krebsdiagnose, 18 Tage nach der Uraufführung ihres letzten Stücks im Wuppertaler Opernhaus.

Text: Marianne Mösle Foto: Getty Images
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