Die Spielwütige

"Lass uns doch mal ins Puppentheater gehen" – Alle, für die das nach netter Nachmittagsbeschäftigung klingt, sollten sich ein Stück von Suse Waechter anschauen. Die 39-jährige Berlinerin liebt es, das Leblose zum Leben zu erwecken. Und ein bisschen Gott zu spielen – mehr nicht.

Das Kind sitzt am Bühnenrand. Man war nicht drauf gefasst. Ein Kind, das keins ist. Und sein Blick, der keiner ist, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren, so durchdringend ist er. Das Kind spricht mit einer Stimme, die nicht ihm gehört, und das Kind atmet, dabei kann es das doch gar nicht. Alles, was es ausmacht, dieses Kindswesen, macht Suse Waechter, die Frau, die hinter ihm steht. Die Puppenspielerin. Als Zuschauer sieht man diese Puppe und begreift: Es ist eine Puppe. Und man sieht Suse Waechter und weiß: Sie spielt diese Puppe. Doch es geschieht etwas. Es lässt sich nicht genau sagen, wann und wie: Beide verschmelzen. Ein eigenes Wesen entsteht, aus zwei wird eins, auf halbem Weg zwischen Mensch und Kreatur. Das ist die Kunst. So eine Puppe irritiert. Da sitzt das Abo-Publikum in Reihe 17 des Thalia-Theaters in Hamburg und ist überrumpelt. Empört sogar, man ist ja nicht ins Puppenspiel gegangen, sondern ins T-h-e-a-t-e-r.

Doch aus dem Unwirsch-auf-dem-Stuhl-Rutschen wird Begeisterung, ein intensiverer Kontakt mit dem, was auf der Bühne passiert. Ein Heidenspaß. Ein Wie-früher-Gefühl mit mächtigen Gegenwarts- Anteilen. Das schafft Suse Waechter. Das schaffen ihre Puppen. Man musste sie ziemlich überreden, bis sie sich zu diesem Porträt entschließen konnte. Sie hätte nichts Interessantes zu erzählen über ihre Kunst, hat sie gesagt. Schon gar nichts Kluges. Dabei ist die 39-Jährige die einzige Puppenspielerin, die ihr Können an großen Bühnen in Deutschland zeigt. Waechter spielt im Theater am Turm in Frankfurt, an der Volksbühne Berlin, in Basel, Graz und eben am Thalia in Hamburg. Ein paar ihrer Puppen verlieh sie vergangenes Jahr sogar an die Salzburger Festspiele.

Ich bin zu sehr D-Zug für Kinder-Puppentheater.

Suse Waechter ist eine, bei der man nie an Wanderbühne denken sollte, an ungelenke Marionetten in Niedlich-Kulisse, an aufgerissene Kinderaugen und "Seid ihr alle da?". Sie spielt mit solchen Erwartungen – und haut sie uns um die Ohren. "Ich bin viel zu sehr D-Zug für Kinderpuppentheater", sagt sie. An ihren Geschöpfen ist wenig Liebliches. Albtraummasken sind es. Erstarrte Seelenzustände zuweilen, beängstigend realistisch. Karikaturen unserer Selbst. Die Puppen können Brecht oder Dürrenmatt oder Wagner. Oder Revue. Wechseln das Kostüm, um mal in „Turandot – Schöpfer der Einkaufswelten“ aufzutreten, dann in „Peer Gynt“. Ihre rund 250 Puppen sind Waechters Ensemble, in dutzenden von Kisten verpackt und in diversen Kellern untergebracht. In ihrer Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg ist kein Platz dafür.

Nicht weit von zu Hause, in der Ernst-Busch-Schauspielschule, noch ein Stück weiter im Osten der Stadt, zeigt Suse Waechter ihren ganzen Fundus. Hier hat mal alles angefangen, kurz nach der Wende. Klein und zart wirkt die Künstlerin zwischen ihren Geschöpfen, die sie vor sich auf dem Boden ausbreitet, über Bügeln baumeln lässt, saftlos, wie tot. Sie zeigt die Rheintöchter aus dem "Ring des Nibelungen", Stoffwesen so groß wie Schulkinder, und den kleinen Urmenschen, den sie zuallerletzt gebaut hat – "das war ein Traum von mir", ein zotteliges, rotgesichtiges Etwas.

Suse Waechter in blauem T-Shirt, Jeans und Flipflops, verliert sich in ihrer Welt, taucht ab. Packt um, zieht hier etwas gerade, streicht dort etwas glatt. Kommt nie zu einem Punkt. Ganz anders, als wenn sie auf der Bühne steht. Da poltert, greint, tobt sie durch die Kulisse. Kraftvoll: In ihren Stücken haut Suse Waechter uns unsere Erwartungen vom Puppentheater um die Ohren Zwiegespräch mit einer ihrer Heldinnen, der Schriftstellerin Elfriede Jelinek. Was haben Suse Waechter und Muhammad Ali noch gemein? Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen Meist im Schatten ihrer Puppen und doch ganz vorn. Sie ist die Spielwütige, die Spiellustige. In ihrem Stück "Helden des 20. Jahrhunderts" spielt Waechter Trotzki, Lenin, die Dietrich und Marilyn Monroe, als Hitler singt sie "Flugzeuge im Bauch" von Herbert Grönemeyer. Insgesamt 60 Puppen macht sie zu perfekten Kopien der echten Menschen, Waechter trifft ihre Dialekte genau, ihre Stimmlagen, ihre Körpersprache. In vielen Szenen hantiert sie mit zwei Assistentinnen gleichzeitig an einer Puppe – eine führt die Arme, eine Brust und Kopf, die andere ordnet die Füße. Dabei sind die Puppen gerade mal 40 Zentimeter groß. Meistens übernimmt Suse Waechter den Hauptpart – sprechen, Kopf und Zentrum. "Ich will, dass sich die Puppenkörper möglichst komplex bewegen. Das schafft man als Einzelner gar nicht. Aber indem ich ihr die Stimme gebe, habe ich die meiste Macht über die Puppe."

Puppen bekommen eine Geschichte, eine Seele

Geht es ihr also auch um Macht? Im Spiel? Dazu kann man zwei Geschichten erzählen. Die eine: Suse Waechter hat zwei ältere Brüder. "Wenn die im Fluss geangelt haben, habe ich mir eine kleine Angel gebaut, mit einem ganz kleinen Haken dran. Ich wollte alles in Klein haben." Man könnte auch sagen: anders. Die zweite Geschichte: Suse Waechter sagt, der Mythos von Pygmalion aus Homers Odyssee berühre sie sehr. Es ist die Episode eines Bildhauers, der sich eine Frau erschafft und sie durch seine Liebe und durch sein Flehen an die Götter zum Leben erweckt. "Ein Geschöpf, das für einen lebt", sagt Suse Waechter und horcht ihrem Satz einen Moment lang nach, "ich will auch, dass meine Skulpturen lebendig werden, will ihnen Seele einhauchen. Daher identifiziere ich mich absolut mit dieser Geschichte."

Suse Waechter wollte auf keinen Fall Schauspielerin werden. Weil sie es sich nicht zugetraut hat. Und: "Weil ich ja noch sehr jung war, damals." Und: "Ich war eher ein Provinzgirl." Suse Waechter hatte nach dem Abitur ein Praktikum am Erfurter Theater als Theaterplastikerin gemacht. Und nach der Wende hatte sie beim Wanderzirkus Salomé angeheuert und mit ihm den Westen entdeckt. Sie suchte die Nähe zur Kunst, aber irgendwie machte die ihr auch Angst. Sie hielt sich lieber ans Handwerk, im Hintergrund. Man muss, was sie erzählt, an sich vorbeifließen lassen, denn später erst kommt die entscheidende Passage: "Ich bin einfach eher der Papageientyp, ein Nachahmer", sagt Suse Waechter. "Ich mache gern Stimmen nach und Dialekte. Ich liebe es, mich in Tiere oder Menschen zu verwandeln. Beim Schauspielen muss man so viel von sich selbst zeigen." Sie bewarb sich an der Abteilung Puppenspiel. Sie lernte Tom Kühnel kennen, der studierte damals in der Regieklasse. Seit dem Studium leben und arbeiten sie zusammen. Schon ihr erstes gemeinsames Stück war ein Puppen-Schauspiel. Jede ihrer Puppen hat sie selbst gebaut und mittlerweile komplexe Bewegungsmaschinen geschaffen.

Wie viel Mensch, wie viel Suse Waechter steckt in jeder einzelnen Puppe? Sie überlegt. Vor jedem Bau macht sie anatomische Studien. Fragt sich, wie sich die Figur später auf der Bühne halten muss. "Ich versuche, die Konsistenz des Körpers nachzuempfinden – meist mit Schaumgummi. Meine Puppen müssen eine Knautschzone um ihr Skelett haben. Holz hätte für mich einen Nussknacker-Effekt." Sie springt auf, macht auf "Augsburger Puppenkiste", um zu verdeutlichen, was sie meint: kommt mit labberig-fedrigem Gang auf einen zu, den Kopf leicht geneigt, und lässt ein paarmal ihren Unterarm wie ein Fallbeil fallen; sie ist die perfekte Stand-up- Marionette. Dann schüttelt sie sich zurück in Suse Waechter. "Nee, das klassische Puppentheater ist nichts für mich."

Puppen können auch Fesseln sein.

Sie sagt, sie habe immer den Blick von außen im Kopf. Von Bewegungen, Szenen und Abläufen. "Wie ein Comiczeichner. Ich nenne das Blickregie. Ich weiß, wie die Szene wirken kann vom Timing her und von den Bewegungen." Nur manchmal nimmt sie eine Videokamera zu Hilfe, um sich aus der Zuschauerperspektive zu verfolgen. Aber Suse Waechter in jeder Puppe? "Ich bin doch keine Esoterikerin." Das sagt sie fast trotzig. Jemand anderes findet eine gute Antwort auf die Frage. "Suses Puppen", sagt Jürgen Kuttner, "sind so vielschichtig wie sie selbst. Schön und verstörend, kindlich und brutal." Nie sind Waechters Stücke reine Puppen-Inszenierungen. Das will sie ja gerade, die Theatergrenzen sprengen, ihre skurrilen Kreaturen über die Grenzen ihrer Kunstform lugen lassen. Oder wie sie, ein bisschen sperrig, sagt: "

Die Möglichkeiten des Maskenspiels reanimieren und damit auch das Schauspiel bereichern." Die Schauspieler treten mit den Puppen in Dialog, streiten, kämpfen mit ihnen, und der Zuschauer weiß gar nicht so recht, wohin er schauen soll: auf den Menschen, die Puppe oder diese kleine energiegeladene Person dahinter, die die Bewegungen der Puppe mit dem gesamten Körper vorwegnimmt. Mal passiert es dann doch, dass Suse Waechter ohne Begleitung auftritt. Mittlerweile macht sie das sogar gern. "Puppen können auch Fesseln sein, ich verschenke meine Hände an die Puppen, und das ist schon eine Einschränkung. Als würde ich mit Boxhandschuhen Kaffee trinken."

Was ist sie denn nun eigentlich? Schauspielerin und Puppenspielerin? Puppenbauerin? Puppenanimateurin? Figurenspielerin? Gute Frage, sagt Suse Waechter nachdenklich, zieht sich einen Moment in sich zurück. Sie zündet sich eine Zigarette an. Kurzer Zug, Rücken durchgestreckt, die großen runden Augen aufgerissen. Ihre Stimme gewinnt wieder an Tiefe: "Ich bezeichne mich gar nicht gern selbst", sagt sie. "Ich mag lieber, wenn auf dem Programmzettel ,Animation' steht statt ,Puppenspiel'. Weil Animation ,Beseelung' oder ,Verlebendigung' heißt. Das kommt dem, was ich machen will, viel näher. Letztendlich bin ich so was zwischen den Stühlen."

Ein bisschen im Schatten, aber ganz vorn

Ihre Sätze kreiseln, gewinnen an Selbstbewusstsein – doch am Schluss gibt's wieder einen Tritt in den Abgrund. Die Waechter-Strategie: tief stapeln, tief. Es gibt viele solcher Sätze, mit denen sie den Rückzug antritt. Das macht sie gern. Un- derstatement. Licht aus, Abgang. "Ich bin wohl bei den Puppen stehen geblieben", sagt sie einmal, fast nebenbei. So ein Satz bleibt hängen. Weil er so wenig zu dieser starken Frau auf der Bühne passen. Doch irgendwann kapiert man: Die Waechter-Sätze haben einen Sinn. Sie schützen. So kann ihr keiner was. Das ist ihr lieb. Und sie kann in Ruhe weitermachen. Ein bisschen im Schatten. Aber auch ganz vorn.

Text: Silke Stuck Fotos: Max Lautenschläger

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