Für die Kunst in den Ruhrpott ziehen

Ein Jahr mietfrei wohnen? Klingt nach Träumerei? Ist aber Kunst! Der Künstler Jochen Gerz hat Menschen dazu eingeladen, für ein Jahr miefrei im Ruhrpott zu leben - und so die Stadtteile und ihre Bewohner zu verändern.

Das einzige, was die 78 Teilnehmer für ihr mietfreies Jahr im Rahmen des Ruhr.2010-Kunstprojektes "2-3 Straßen" tun müssen: Zwölf Monate in jeweils einer Straße in Dortmund, Duisburg oder Mühlheim wohnen und in einem digitalen Tagebuch ihre Eindrücke und Erinnerungen festhalten. Daraus soll nächstes Jahr ein Buch entstehen. Der Konzeptkünstler Jochen Gerz will mit dem Projekt Kunst im öffentlichen Raum statt im Museum stattfinden lassen. Das eigentliche Kunstwerk ist also der soziale Prozess, den er in Gang bringen möchte - ein spannendes Experiment, mit dem er die Kreativität der Gesellschaft auf den Prüfstand stellen will.

2-3 Straßen

Jochen Gerz: Den Blick weg von Gemälden hin zur Realität.

BRIGITTE-woman.de: Mehr als 1400 Menschen wollten bei Ihrem Projekt mitmachen. Wer hat sich beworben?

Jochen Gerz: Menschen aus Deutschland wie aus Singapur, Yokohama oder Buenos Aires - das war überraschend, schließlich ist das Ruhrgebiet nicht der attraktivste Ort der Welt. Es sind Menschen, die von sich sagen: Ich bin kreativ. Das sind nicht nur Künstler, sondern zum Beispiel auch Rentner, Studenten oder Ingenieure.

BRIGITTE-woman.de: Und wer nimmt nun teil?

Jochen Gerz: Das sind unterschiedliche Leute. Der Jüngste ist 19, der Älteste ist 68. Es sind Singles, Paare, Familien mit Kindern und WGs. In unseren Häusern gibt es alle möglichen Lebensformen. Ausländer sind natürlich auch dabei. Es ist ein Schnitt durch unsere Gesellschaft. Wir haben einen Teilnehmer, der seit 40 Jahren glücklich verheiratet ist und in einem guten Züricher Viertel wohnt. Er sieht es als Gelegenheit, sich dadurch zu verändern, dass er in einer typischen Ruhrpott-Gegend lebt. Er ist jetzt bei uns - ohne seine Frau. Die Bereitschaft zum Risiko ist generell größer als ich dachte.

BRIGITTE-woman.de: Ihre Mieter leben seit mehreren Wochen in den Straßen. Was ist bis jetzt passiert?

Jochen Gerz: Kurz nachdem alle eingezogen sind, haben wir eine Willkommens-Party gemacht, auf der sich alle persönlich kennenlernen konnten. Einige von ihnen hatten vorher sogar schon Silvester zusammen verbracht. Inzwischen leben sie ein normales Leben, treffen sich mit Bekannten, gehen zur Arbeit. Manche können von zu Hause aus arbeiten, andere haben sich einen Job in der Gegend gesucht. Die Laptops sind da, das Internet läuft und die Teilnehmer können ihre Tagebücher schreiben. Die Einträge werden von einer Lektorin gelesen. Wir sind regelmäßig vor Ort, aber ich stehe da nicht dauernd auf der Matte und kontrolliere die Teilnehmer.

BRIGITTE-woman.de: Nach welchen Kriterien haben Sie die Straßen ausgewählt?

Jochen Gerz: Die Straßen habe nicht ich ausgesucht, sondern die Städte selbst. Wir mussten uns danach richten, wo es viele leerstehende Wohnungen gibt. Die Teilnehmer leben in normalen Straßen, die sanierungsbedürftig sind. In Duisburg ist es eine kleine Straße im Stadtteil Hochfeld mit einem Ausländeranteil von 50 Prozent. In Mühlheim ist es ein Hochhaus am Hauptbahnhof mit 22 Stockwerken, sozusagen eine vertikale Straße.

BRIGITTE-woman.de: Welches künstlerische Konzept steckt hinter Ihrem Projekt?

Jochen Gerz: Ich möchte das, was man Kunst nennt und normalerweise in Museen oder Galerien sehen kann, auf den öffentlichen Raum übertragen, der keinem speziellen Publikum vorbehalten bleibt. Ich möchte Kreativität in ein Milieu bringen, das nicht sozial privilegiert ist. Ich möchte die Straßen innerhalb dieses Jahres verändern. Die Straßen werden nicht optisch durch neue Bäume oder Neubauten umgestaltet. Es soll etwas mit den Menschen passieren: Sie werden aktiv und bleiben nicht nur passive Betrachter.

BRIGITTE-woman.de: Verändert sich ein Mensch, wenn er vom bloßen Betrachter zum Schaffer von Kunst wird?

Jochen Gerz: Er verändert sich, wenn er seine Stimme benutzt und Vertrauen in seine Fähigkeit entwickelt, eine Spur zu hinterlassen. Er ist erfüllter als als bloßer Käufer einer Ware oder Betrachter vor dem Fernseher.

BRIGITTE-woman.de: Dann ist der soziale Prozess das eigentliche Kunstwerk?

Jochen Gerz: Die Teilnehmer leben mit den alteingesessenen Bewohnern zusammen, die hoffentlich im Laufe des Jahres auch Teil von zwei bis drei Straßen werden. Wir wollen sie einladen mitzuschreiben. Es gibt extra Laptops mit türkischen oder russischen Tastaturen. Nur so kann der Text real und authentisch sein. Der soziale Prozess ist das Entscheidende. Es geht darum, den Blick von Gemälden und Skulpturen zur Realität zu wenden.

BRIGITTE-woman.de: Sie sind der Meinung, dass die Öffentlichkeit unterfordert sei und die Kunst eine Möglichkeit darstelle, sich zu engagieren. Wenn man aber zum Beispiel die Beteiligung an der Bundestagswahl 2009 betrachtet, haben viele offensichtlich keine Lust, aktiv zu werden.

Jochen Gerz: Es wäre bedrückend, wenn die Menschen wirklich keine Lust mehr dazu hätten. Wir haben eine demokratische Staatsform, in der das Volk entscheidet. Wenn keiner sich mehr beteiligen will, welche Staatsform kommt wohl als nächstes? Vielleicht eine, die wir schon hatten. Die niedrige Wahlbeteiligung ist ein Zeichen dafür, dass viele Menschen auch von der Politik unterfordert sind und kaum Selbstvertrauen haben. Wir wissen oft gar nicht, was in uns steckt. Vielleicht kann die Kunst es uns klar machen. Wer neugierig auf sich selbst ist, den interessiert auch die Gesellschaft in der wir leben.

Mehr zum Kunstprojekt "2-3 Straßen" erfahren Sie auf der offiziellen Website.

Interview: Roxana Wellbrock Fotos: Sabitha Saul/2-3 Straßen

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