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Die Kunst mit dem Wort

Die Kunst mit dem Wort
Jenny Holzer ist weltweit bekannt für ihre Textkunst. Eigentlich könnte sie der Zukunft entspannt entgegenblicken. Wenn sie sich nur nicht so viele Sorgen um die Welt machen müsste.

Sie gibt sich als große Pessimistin. Ihren Pessimismus brauche sie, nur so bleibe sie am Leben, hat Jenny Holzer oft gesagt. Erklärt hat sie das nie. Vielleicht braucht sie ihn, um kreativ sein zu können. Dann muss er eine starke Antriebsfeder sein. Die schmale Frau von bald 60 Jahren arbeitet wie eine Süchtige mit ihren Lieblingsmaterialien: mit Worten und mit Licht. Vielleicht hält ihr Pessimismus ihr auch ein Stück weit ihre Sorgen um die Welt vom Leib, die in ihrem Werk aufscheinen: Macht und Unterdrückung, Armut und Ausbeutung, Folter und Krieg - ihre Themen sind eine einzige Herausforderung.

Die Kunst mit dem Wort

Es ging ihr immer um die großen Zusammenhänge. Schon als Kind in Ohio malte sie nicht einfach nur Bäume oder Häuser, sondern wollte auf einer langen Papierrolle gleich die Geschichte der Welt darstellen: "Bizarrerweise malte ich die Arche Noah und direkt dahinter die Erfindung des Autos", sagt sie. Das mag allerdings auch daran gelegen haben, dass ihr Vater Autohändler war. Die Mutter arbeitete als Reitlehrerin. Später, als Jenny Holzer schon eine abstrakte Künstlerin war und in New York lebte, stieß sie mit Farben und Leinwand an ihre Grenzen. "Es gelang mir nicht, meine Anliegen darzustellen", sagt sie. "Ich konnte nie so gut malen wie Gerhard Richter zum Beispiel." Vielleicht macht sie das zu einer so produktiven Pessimistin: dass sie auch eine große Realistin ist. Im Nachhinein erscheint es als glückliche Fügung, dass sie glaubte, als Malerin nicht gut genug zu sein. So holte sie den Text in ihre Bilder, um die Inhalte zu transportieren - und gab der Kunst eine neue Dimension.

Textkunst für den öffentlichen Raum

Jenny Holzer begann 1977 mit Sätzen, die sie "Truisms" nannte, "Binsenweisheiten": "Ambivalenz kann dein Leben zerstören" oder "Deine ältesten Ängste sind die schlimmsten" - oder ihr persönlichster Satz: "Protect me from what I want", beschütze mich vor dem, was ich will. Sie druckte ihre Texte auf Poster und T-Shirts und plakatierte sie in den Straßen New Yorks.

Seit diesen Anfängen ist ihre Kunst immer im öffentlichen Raum geblieben. Aber sie veränderte sich, gewann an Form und Strahlkraft. Bald schon ging Jenny Holzer dazu über, ihre Texte über LED-Paneele, Anzeigetafeln mit Leuchtdioden, laufen zu lassen, später über Projektoren. Sie wanderten bei Nacht über die Fassade des Kanzleramts in Berlin und spiegelten sich in der Lagune von Venedig. Sie schlängelten sich die Rotunde des Guggenheim-Museums in New York hinauf und rasten über die Deckenbalken der Berliner Neuen Nationalgalerie.

Ihre Kunst scheint mit jedem Ort kompatibel, schmiegt sich an jeden Bau. So ist sie zu einer beliebten Künstlerin für Mahn- und Denkmale geworden. Sie ist auch seit Jahren Stammgast auf großen Kunst- Events wie der Documenta und war 1990 die erste Frau, die den amerikanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltete - und gleich den Goldenen Löwen gewann.

Jenny Holzers Textbilder haben schon eine emotionale Kraft, bevor man sie liest. Und gehen noch viel tiefer, wenn man sie gelesen hat.

Die Kunst mit dem Wort

Manchmal versteckt sich die Künstlerin in der Nähe ihrer Werke und beobachtet, wie die Menschen im Vorbeigehen auf einmal stutzen, stehen bleiben und dann zu lesen beginnen. Die Reaktionen ihres Publikums sind für sie Teil ihrer Kunst. Und nie waren sie so heftig wie bei dem Projekt, das ihr bis heute das wichtigste ist: "Lustmord" (1993). Da bezog sie sich mit ihren Texten zum ersten Mal auf ein konkretes Ereignis: den Krieg im ehemaligen Jugoslawien und die systematischen Vergewaltigungen dort. Nie war sie in Text und Form so schonungslos. Für die Bilder schrieb sie Sätze auf die Haut von Frauen. "Mit dir in mir beginne ich den Tod zu ahnen" war einer davon. Sie sagte hinterher, sie habe geweint, während sie das schrieb. Sie sei keine versierte Schreiberin, sie bringe solche Sätze nur zustande, indem sie sich in ihren Gedanken und Gefühlen vollkommen in ein solches Thema fallen lasse. Es ist also auch Selbstschutz, dass sie heute kaum noch selbst schreibt. Sie findet ihr Material inzwischen bei anderen Autoren. Viel holt sie sich aus den Büchern des Dichters Henri Cole - oder direkt aus seinen Gedanken. Die beiden kennen sich seit zehn Jahren, als sie als Stipendiaten der American Academy in Berlin lebten. Durch ihn hat ihr Kopf mehr Ruhe und kann sich mehr auf die Form konzentrieren.

Ihr Kind ist das Wichtigste im Leben

Ihr Leben hat schon seit Jahrzehnten einen Ruhepol: den Künstler Mike Glier. Die beiden trafen sich mit Mitte 20, waren Mitbegründer der Künstlergruppe Colab, haben viel gemeinsam ausgestellt. Die große Karriere hat aber nur sie gemacht. Ihre gemeinsame Tochter Lilli ist 21. Lange hat Jenny Holzer damit gehadert, ein Kind in diese Welt zu setzen, hat auf den Einwand, dass keine Kinder das Ende der Menschheit bedeuten würde, gesagt: "Die Eichhörnchen hätten endlich ihre Ruhe." Durch solche Sätze blinkt ihr Humor, von dem alle schwärmen, mit denen sie zusammenarbeitet. Und der sie gar nicht so negativ klingen lässt, wie sie sich selbst immer beschreibt. Lilli ist das Einzige, was Jenny Holzer je als das Wichtigste in ihrem Leben bezeichnet hat. Außer ihrer Arbeit natürlich.

In ihrem aktuellen Projekt arbeitet sie mit Autopsieberichten und Verhörprotokollen, ehemals geheimen Dokumenten des amerikanischen Krieges gegen den Terror. "Waterboarding", die Foltermethode, in der Ertrinken simuliert wird, beschäftigt sie besonders. Sie halte es für unmöglich, für diese Verhörpraxis einen Ausdruck zu finden, sagt sie. Und versucht es trotzdem, mit ihren Lichtpaneelen und riesigen Siebdrucken, auf denen einzelne Angaben oder ganze Blöcke geschwärzt sind. Wenn sie sich ganz frei ein Projekt wünschen dürfte, sagt sie, "dann nehme ich mal, was Schönheitsköniginnen oft sagen: 'Ich wünsche mir Frieden für die Welt, ich muss Aids heilen, ich werde die Eisbären und die Wale und die Kolibris retten, und ich will Freiheit für jede Seele.'" So hoffnungslos optimistisch kann wohl nur eine unverbesserliche Pessimistin klingen.

Die große Jenny-Holzer-Schau

In der Fondation Beyeler bei Basel sind derzeit Werke aus verschiedenen Phasen Jenny Holzers zu sehen - einige davon zum ersten Mal in Europa: ihre Truisms, ihre LED-Installationen, vor allem aber ihre neueren Bilder und Installationen. Bis zum 24. Januar 2010; www.beyeler.com.

Fotos: Jenny Holzer, VG Bild-Kunst, Bonn 2009

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