Im Doppelpack auf Promi-Jagd

Die Zwillinge Margret und Christel Tenbuß fotografieren seit mehr als 50 Jahren Film- und Theaterstars. Ein Hobby, aus dem im Laufe der Zeit viel mehr wurde.

Schuld an allem ist Rotkäppchen. Genauer gesagt, eine Weihnachtsaufführung im Jahr 1941, in einem kleinen Theater im Ruhrgebiet. Damals sitzen im Publikum zwei Mädchen, fünf Jahre alt, mit großen Augen und Panik im Herzen, weil auf der Bühne der Wolf das Rotkäppchen fressen will. "Das war für uns so fesselnd, wir dachten, das Geschehen auf der Bühne sei echt", erinnert sich Christel Tenbuß. "Was dieses Theaterstück und seine Schauspieler in uns ausgelöst haben, war wohl der Grundstein für alles, was danach kam."

Die Conny, die Jackie, die Senta...

Arm in Arm mit der Knef.

Was danach kam, sind 90.000 Fotos von Schauspielern und Sängern, festgehalten mit der Kamera von zwei Zwillingsschwestern, die über 50 Jahre lang ihre Tage und Nächte damit verbringen, auf große Künstler zu warten - eine lebenslange Leidenschaft.

Wenn Margret und Christel Tenbuß von Begegnungen mit Hildegard Knef, Maria Callas und Jackie Kennedy erzählen, spürt man diese Leidenschaft, die sie selbst als "inneres Feuer" beschreiben. Dann sprudeln die Erinnerungen aus ihnen heraus und wollen nicht mehr stoppen. Jede Jahreszahl, die Farbe jedes Abendkleides auf irgendeinem roten Teppich haben sie parat. Einfache "Promi-Jäger" waren sie aber nie. "Wir haben die Stars bewundert und waren dankbar für das, was sie uns mit ihrem Spiel und ihrer Musik gegeben haben", sagt Margret Tenbuß. "Unsere Fotos sind Ausdruck unserer Verehrung."

Eine Verehrung, die nach dem Erweckungserlebnis mit Rotkäppchen erstmal auf Eis gelegt wird - der zweite Weltkrieg verschickt Margret und Christel aufs Land, Überleben ist der einzige Tagesordnungspunkt. Erst als sie zurück in ihrer Heimatstadt Gladbeck sind und das Radio wieder Operetten und Schlager sendet, erwacht ihre Leidenschaft erneut. "Das Radio war unser erster Kulturspender", erzählt Christel. "Da haben wir sie alle gehört: Bruce Low, Liselotte Malkowsky und Cornelia Froboess. Die haben wir ganz besonders geliebt." Der Kinderstar wird das erste Motiv der Schwestern. An einem Sonntagmorgen fahren die beiden zum Hotel von Conny. Bewaffnet mit ihrer "Box", einer Kamera für 9 Mark 90, die ihnen ihr Vater 1951 zu Weihnachten geschenkt hat, fragen sie den Hotel-Portier nach Cornelia Froboess. Der gibt gerne Auskunft, "die Kleine" fahre im Hof Roller. Das erste Foto ist im Kasten. Von da an machen die Zwillinge keinen Schritt mehr ohne ihre Kamera. Sie besuchen Kinopremieren, warten vor Hotels und hinter Theatern - wo sie ihre Stars fotografieren können, erfahren sie aus Kinozeitschriften.

Margret (links) und Christel Tenbuß.

Irgendwann reicht das Ruhrgebiet nicht mehr, 1955 reisen sie zum ersten Mal nach München, ein Jahr lang haben sie ihre Verkäuferinnen-Gehälter für diesen Urlaub gespart. Abends gehen sie ins Theater, "Musentempel", wie die beiden das schön altmodisch nennen, tagsüber stehen die Schwestern vor den Bavaria-Studios, ihrem "El Dorado", wo in den 50ern die großen Filme entstehen und die Weltstars ein- und ausgehen. Sie fotografieren O.W.Fischer, Sir Peter Ustinov, Horst Buchholz und Heinz Rühmann, ihr Archiv wächst.

"Wir sind sehr ausdauernd gewesen", erzählt Margret lachend. Das sei unverzichtbar für ihr Hobby. Genauso wie Instinkt, Feingefühl und Disziplin. "Hunger und Durst müssen Sie ignorieren. Und eine Toilette gibt's meist auch nicht, wenn Sie Stunden auf jemanden warten."

Geschick und Diplomatie zählen die Schwestern nicht auf, beherrschen beides aber sehr wohl. Zum Beispiel, als sie 1957 nach Wien fahren, um Vivien Leigh in einer Shakespeare-Aufführung zu sehen. Mehrfach hatten sie der Darstellerin nach London geschrieben, diese hatte sich mit Briefen bedankt. Diese Briefe zeigen sie als Referenz an der Rezeption des Hotels Sacher, in dem Vivien Leigh logiert. "'Wir kennen sie', haben wir dem Portier gesagt", erinnert sich Margret. Der ruft prompt im Zimmer der Schauspielerin an. Drei Minuten später kommt Mrs. Leigh die Treppe runter, "in einem blauen Kostüm mit weißen Aufschlägen. Wie ein Engel", schwärmt Christel. "Der liebe Gott hätte uns in diesem Augenblick nicht wichtiger sein können."

Mein Käfer roch drei Monate nach Hildes Parfüm.

Es ist dieses Gefühl, das aus dem Hobby eine Passion werden lässt. Aber auch die Möglichkeit zur Flucht aus dem Alltag. "Das alles hat uns durch trübe Zeiten geholfen. Zwölf Stunden am Tag haben wir als Lehrlinge geschuftet, da war man nichts weiter als Dreck", erzählt Margret. Mit einigen Stars entstehen im Laufe der Jahre regelmäßige Briefwechsel, mit manchen sogar Freundschaften. Liv Ullmann lädt sie nach Norwegen zu ihrer Familie ein. Ute Lemper schickt immer wieder Bilder ihrer Kinder. Hildegard Knef tauft das erste Auto von Christel mit einer Flasche ihres sündhaft teuren Parfüms. "Danach hat mein Käfer drei Monate lang nach Hilde gerochen", erinnert sich Christel.

1962 wird die Leidenschaft bei Margret so groß, dass sie ganz nach München zieht. "Ich wollte noch mehr Kunst schlucken" sagt sie, "erstmal nur für ein Jahr." Aus dem einen Jahr wird lebenslänglich, bereut haben beide Margrets Umzug nie, auch wenn sie sich gegenseitig gefehlt haben, denn Christel folgt ihrer Schwester erst dreißig Jahre später, 1992, nach Bayern. In ihren gemeinsamen Urlauben reisen sie weiter den Stars nach: In Monte Carlo rennen sie morgens um fünf auf Stöckelschuhen dem Wagen von Fürst Rainier und Grace Kelly hinterher. In Gstaad fotografieren sie, zugegebenermaßen heimlich, Jackie Onassis in einer Kirche beim beten. Bei einem Filmfest bürstet Christel Blütenstaub von Catherine Deneuves Kleid, mit einer kleinen Bürste, die sie zufällig in der Tasche hat, sie treffen Muhammed Ali, Clint Eastwood, Shirley McLaine, Dustin Hoffman und Liz Taylor. Sie überreichen Königin Silvia einige Fotos, die Margret 20 Jahre zuvor bei den Olympischen Spielen gemacht hat, wo Silvia als Hostess arbeitete.

Am Flughafen posierte Alfred Hitchcock mit Margret Tenbuß.

"Wir haben immer auch versucht, den Stars etwas zurück zu geben. Haben ihnen unsere Fotos geschickt, ihnen Kindermädchen oder Gärtner vermittelt oder sogar Bankgeschäfte für sie erledigt", sagt Christel. Sie selber wollten nie Geld mit den Fotos machen. Mit der Zeit werden ihre Bilder, die sie ab 1972 mit einer Leica machen, in Magazinen, auf Buch- und Plattencovern, Theaterplakaten und Autogrammkarten gedruckt. Warum sie das Fotografieren nicht zum Beruf gemacht haben? "Wir hätten uns ein neues Hobby suchen müssen und ein besseres als dieses wäre uns nicht begegnet."

Dass sie im Laufe der Jahre selbst prominent geworden sind, im Fernsehen auftreten, Ausstellungen haben und vor allem, dass nun sie die Fanpost bekommen, macht sie stolz. Jetzt, mit 73, fangen sie langsam an zu glauben, dass sie etwas Großes geschaffen haben, auch, wenn das nie ihr Ziel war: eine Kulturgeschichte in Bildern.

Die Tenbuß-Zwillinge schwärmen für Moritz Bleibtreu

Selbst die Tatsache, dass beide keine eigenen Familien gegründet haben, tut ihnen nicht leid. "Ausgeschlossen haben wir eine Ehe nie", sagt Christel. "Aber sie war nicht unsere Bestimmung." Und sich an die männlichen Stars "ranzuschmeißen" sei nie in Frage gekommen. "Die haben wir schließlich verehrt." Kichernd geben sie aber zu: "Einige hätten wir nicht von der Bettkante gestoßen, wenn sich die Gelegenheit geboten hätte." Die Gelegenheit für Fotos nehmen sie heute nur noch in München wahr, ein bisschen satt seien sie von so vielen Begegnungen in den letzten Jahren schon geworden.

Dabei gäbe es immer noch Schauspieler, die ein Tenbuß-Foto wert wären: "Wiebke Puls, Nina Kunzendorf und Moritz Bleibtreu finden wir großartig", sagen sie. "Aber die kommen auch nach München, wir müssen nicht zu ihnen reisen." Hollywood und die Oscar-Verleihung wären natürlich ein Traum gewesen. Aber es müsse eben auch unerfüllte Wünsche geben, sagen die beiden. "Wenn man keine Träume mehr hat, dann ist man wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln."

Die Tenbuß-Zwillinge stellen aus

In der Galerie Frank Schlag in Essen ist vom 16. April bis zum 21. Mai 2010 eine Auswahl der Star-Fotos der Zwillinge zu sehen. Galerie Frank Schlag Meinsenburgstraße 173 45133 Essen Telefon: 0201-1807772

Text: Nina Grygoriew Fotos: privat
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