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Das Leben ist eine Oper


Elke Heidenreichs Lieblings-Opern auf CD – zum Hören, zum Weinen, zum Lachen, zum Schwelgen.

"Don Carlo" von Giuseppe Verdi

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Verdi muss sein. Alles von Verdi. Ohne "La Traviata", "Aida", "Otello", "Falstaff", ohne "Rigoletto", "Il Trovatore", "Un Ballo in Maschera" geht gar nichts. "Macbeth"! "Nabucco"! Und trotzdem: Meine Lieblingsoper von Verdi ist und bleibt "Don Carlo", nach Schillers Drama "Don Carlos" – dieses ergreifende Stück aus der Zeit der Inquisition, dieses Stück über Politik, Liebe, Ideale und darüber, wie letztlich alles den Bach runtergeht. Carlos liebt Elisabeth, die muss aus Staatsraison seinen Vater Philip II. heiraten, die Eboli liebt Carlos, Rodrigo will Flandern befreien, der Großinquisitor lässt hinrichten, und der alte König singt: "Sie hat mich nie geliebt." Und meine Tränen fließen über alle nie geliebten Lieben . . . Meine Aufnahme ist alt, aber sie ist wunderbar und immer noch im Handel. "Don Carlo", 1867 in Paris in französischer Sprache uraufgeführt, ist für mich eine der schönsten Opern, die es gibt.

Orchestra and chorus of the Royal Opera House, Covent Garden, Sir Georg Solti. Mit Carlo Bergonzi, Renata Tebaldi, Nicolai Ghiaurov, Dietrich Fischer- Dieskau, Grace Bumbry, Martti Talvela u. a. (Aufnahme von 1966, 1988 bearbeitet, Decca 421 114-2).

"La Bohème" von Giacomo Puccini

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Natürlich muss Puccini auch sein, und bei Puccini muss es natürlich "La Bohème" sein, die Geschichte des Schriftstellers Rodolfo, der sein Manuskript verbrennt, um es ein bisschen warm zu haben, und dann kommt Mimi aus der Dachkammer, hustet und holt sich Feuer für ihre Kerze, und Rodolfo verliebt sich, und all das kann nicht gut gehen. Mimi stirbt am Ende, Puccini soll dabei geweint haben, wir weinen auch und sind glücklich, weil die Musik zart und stark zugleich ist. Die Uraufführung dirigierte Arturo Toscanini 1896 in Turin, bis heute ist die Oper ein Welterfolg, und Rodolfos letzter Schrei: "Mimi! Mimi! Mimi!!!" bricht uns das Herz. Zur CD gibt es auch Texte auf Englisch, Deutsch, Französisch zum Mitlesen. Ich hatte die CD schon drei Jahre, ehe ich das merkte!

Philharmonia Orchestra London, Antonio Pappano. Mit Roberto Alagna, Leontina Vaduva, Thomas Hampson, Ruth Ann Swenson u. a. (1996, EMI Records 7243 556120 2).

"Maria Stuarda" von Gaetano Donizetti

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Und noch ein Italiener: der wunderbare Donizetti, wieder mit einem Stoff von Friedrich Schiller, den die Komponisten wegen seiner musikalischen Sprache und der dramatischen Sujets so geliebt haben, dass alle seine Dramen zu Opern wurden. Donizetti hat sich den Streit der beiden Königinnen für eine dramatische Oper ausgesucht. Vor der Uraufführung 1834 in Neapel sollen die Sängerinnen der beiden Rollen Maria und Elisabeth sich so in die Haare gekriegt haben, dass sie sich auf der Bühne krankenhausreif schlugen. Meine Lieblingsstelle in dieser Oper ist der verzweifelt schöne Chor der Schotten, als sie erfahren, dass ihre Königin Maria aufs Schafott muss. Es gibt Spezialisten, die sagen: Im Grunde beginnt die moderne Oper schon hier, mit Donizettis "Maria Stuarda". Zumindest ahnt man, was bei Wagner Dramatisches passieren wird.

Orchestra e coro del Teatro Comunale di Bologna, Richard Bonynge. Mit Joan Sutherland, Huguette Tourangeau, Luciano Pavarotti, Roger Soyer u. a. (Aufnahme von 1976, überarbeitet 1990, Decca 425 410-2).

"Der Ring des Nibelungen" von Richard

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Da sind wir schon bei Wagner. Es hilft kein Sträuben: Wagner muss auch sein, wenn man die Oper liebt und begreifen will, was für eine kostbare Kunstform sie ist. Keiner hat sie so gründlich erneuert und umgewälzt wie Richard Wagner, und dieser grandiose Jahrhundertring liegt jetzt in einer neuen, glänzenden Bearbeitung vor – "Rheingold", "Walküre", "Siegfried", "Götterdämmerung". Es geht um den Ring der Nibelungen: Wer der Liebe entsagt, der kann sich aus dem Rheingold diesen Ring schmieden, der unendliche Macht verleiht –was für ein Bild! Macht ohne Liebe, und so zerbricht am Ende alles. Wenn die Welt durch Brünhilde vom Fluch dieses Ringes erlöst wird, geht Walhall in Flammen auf, der Rhein tritt über die Ufer, die Götter gehen unter. Großartige Visionen!

Bayreuther Festspiele, Pierre Boulez. Mit Siegfried Jerusalem, Donald McIntyre, Gwyneth Jones, Peter Hofmann, Matti Salminen, Gabriele Schnaut, Manfred Jung u. v. a. (Aufnahme aus Bayreuth von 1981, 2006 völlig überarbeitet, Philips 475 7960, 12 CDs).

"Giulio Cesare" von Georg Friedrich Händel

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Für mich war 2006 mein Händel-Jahr. Ich kannte ihn immer, habe oft in meinen Jahren im Bach-Chor seine Oratorien gesungen, aber seine Opern habe ich erst spät entdeckt, auf dem herrlichen Festival im englischen Glyndbourne und in der Kölner und Frankfurter Oper. Am liebsten höre ich "Giulio Cesare" (in Egitto), die Liebesgeschichte von Cäsar und Cleopatra, und am liebsten in der Fassung von René Jacobs. Hören Sie mal den Beginn von CD 2 – zwei hoch gerüstete Kaiser tänzeln in einer Art Menuett zierlich und bitterböse waffenstarrend umeinander herum: großartige alte Musik von 1724, die immer noch erschüttert. Die Kaiser sind tot, die Kriege sind vergessen, doch die Musik ist auch noch nach 400 Jahren lebendig.

Concerto Köln, René Jacobs. Mit Jennifer Larmore, Barbara Schlick, Bernarda Fink, Derek Lee Ragin u. a. (Arles 1991, neu 2004, HMC 901385.87).

"La Clemenza di Tito" von Wolfgang Amadeus Mozart

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Das Mozart-Jahr hat uns fabelhafte Aufnahmen auch der nicht so oft gespielten Mozart-Opern beschert, zum Beispiel die vom Kaiser Titus, der sich von Intrigen und Verrat umgeben sieht und doch allen verzeiht. Ein Stück über Freundschaft, Leidenschaft, Hochmut, mit anrührenden Gesängen, z. B. Vitellias Abschied von allen ehrgeizigen Hoffnungen: "Non più di fiori". Ich weiß mir kaum Schöneres. Die Liebesqualen und Machtfantasien sind so aktuell wie zu Zeiten des Titus, 79 n. Chr., oder zu Mozarts Zeiten.

Scottish Chamber Orchestra, Sir Charles Mackerras. Mit Magdalena Kozena, Rainer Trost, Hillevi Martinpelto u. a. (2006 Deutsche Grammophon, 00289 477 5792).

Fotos: Tom Krausz

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