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Liv Ullmann: Zuhause bei einer Legende


Liv Ullmann ist seit mehr als 50 Jahren ein Weltstar. Nur ganz selten gibt sie Interviews - und noch seltener darf man sie zuhause treffen. Unsere Autorin Andrea Benda durfte bei ihr sogar auf den Fußboden krümeln.

Liv Ullman: Privataudienz zuhause

Berühmt wurde Liv Ullmann mit den Filmen von Ingmar Bergman, ihre bekannteste Rolle spielte sie 1973 in "Szenen einer Ehe". Die Tochter eines Ingenieurs wuchs in Kanada, Tokio und Norwegen auf. Ihre Tochter Linn kam 1966 zur Welt. 2004 bekam sie den Europäischen Filmpreis für ihren "Beitrag zum Weltkino".
Berühmt wurde Liv Ullmann mit den Filmen von Ingmar Bergman, ihre bekannteste Rolle spielte sie 1973 in "Szenen einer Ehe". Die Tochter eines Ingenieurs wuchs in Kanada, Tokio und Norwegen auf. Ihre Tochter Linn kam 1966 zur Welt. 2004 bekam sie den Europäischen Filmpreis für ihren "Beitrag zum Weltkino".
© Imago/T-F-Foto

New York im Hochsommer ist eigentlich nicht zu ertragen. In den Häusern herrschen Kühlhaustemperaturen, während in den Straßen Höllenfeuer lodern, weil die Klimaanlagen die Luft draußen noch zusätzlich aufheizen. Dabei hatte ich gerade noch in den Erinnerungen von Liv Ullmann von klaren schwedischen Wintertagen gelesen, mit verschneiten Tannen und eisüberzogenen schwarzen Felsen. Das war, bevor ich den Fehler begangen hatte, aus der Hotellobby auf den Broadway zu treten, um die Straßen entlangzuwandern, die auch Liv Ullmann morgens entlangspaziert, um Blaubeer-Muffins und frische Blumen zu kaufen. Oder um ihre Wäsche zur Reinigung zu bringen. Oder um ein Taxi zu finden, das sie in das Studio bringt, in dem sie gerade ihren neuen Film schneidet: "Miss Julie" nach dem Theaterstück von August Strindberg.

Liv Ullmanns Apartmenthaus in Manhattan ist gerade so viele Blocks entfernt, dass man auch nach einem verschwitzten Fußmarsch noch eben so gesellschaftsfähig aussieht. Dennoch bin ich darauf gefasst, dass der Pförtner am Empfang eine Star-beschützende Habachtstellung annehmen wird - aber der guckt nur irritiert: Wer soll hier wohnen? Auch verschiedene Klangvarianten des norwegischen Nachnamens "Ullmann" helfen wenig: Allmän? Jullmän? Erst als sein Kollege herbeisprintet und sagt: "Liv, you know", greift er zum Hörer der Haussprechanlage.

Kurze Zeit später bittet Liv-you-know nach oben und öffnet höchstpersönlich die Tür ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung, deren wenige Wände mit Gemälden und Bücherregalen gepflastert sind. Der Interview-Termin ist eine Privataudienz ohne Assistenten oder PR-Profis; und ab dem ersten einladenden Händedruck so herzlich, als würde ich meine eigene Großmutter besuchen. Vorausgesetzt, ich hätte eine Großmutter, deren Wohnzimmerfenster einen überwältigenden Blick auf den Central Park bietet. Liv Ullmann freut sich, als mir kurz der Atem stockt; sie liebt dieses Panorama. Sie zeigt auf ein etwas größeres Gebäude westlich des Parks und erzählt freimütig, wie sie vor ein paar Jahren ihr Fünf-Zimmer-Penthouse darin für einen geradezu obszönen Preis verkauft hat. "Früher lebte ich da mit meiner Tochter, Linn ist ja hier eine Zeit lang zur Schule gegangen. Jetzt brauche ich nicht mehr so viel Platz, und wenn Linn und die Kinder aus Norwegen zu Besuch kommen, reicht ihnen das hier."

Das ist der erste Eindruck von Liv Ullmann: Sie ist überraschend offen, selbst gegenüber Journalisten, die private Informationen berufsbedingt ja nicht gerade diskret behandeln. Dennoch wirkt ihre Persönlichkeit - immerhin die eines Weltstars mit mehr als 50-jähriger Karriere - so aufrichtig und ungefiltert, wie es sich kein Jungschauspieler mit angeschlossener Public-Relations-Abteilung mehr zumuten (oder zutrauen) würde.

Aufrichtigkeit sei ein aussterbendes Gut, sagt sie mit ihrem norwegischen Akzent, der wie ein gemächlicher Quickstep über die englischen Silben hopst. Politiker, Stars, die "Moneypeople", alle würden doch nur noch sagen, was von ihnen erwartet wird. "Die Welt wird zunehmend künstlich. Ich habe Angst vor Schönheits-OPs und Botox. Ich sehe Menschen, die sich unbedingt verändern wollen, und ich weiß nicht, wieso. Ich will, dass die Dinge wahr sind." Das sei das Gute an ihrer kreativen Arbeit, "wir können unsere Aufrichtigkeit nutzen, um wahre, ehrliche Dinge zu erschaffen. Und das müssen wir auch".

Sie bedauert, dass viele Produzenten das Kino zur Gewinnmaximierung wieder zu seinen Ursprüngen zurücktreiben - weg von der Kunstform, hin zur bloßen Unterhaltung. "Ich gehöre zu einer aussterbenden Kultur. Regisseure wie Bergman, Fellini oder Kurosawa würden heute kein Geld mehr für ihre Filme bekommen." Genau dieses Kunstkino mit all seiner tiefschürfenden Symbolik hat Liv Ullmann geprägt. Nicht nur ihr Leben als Lieblingsschauspielerin von Ingmar Bergman. Auch ihr Gesicht, an dem nichts verändert wurde, was 74 Jahre nicht auf natürliche Weise verändern. Ihrer bodenständigen Schönheit konnte das Alter wenig anhaben. Zumal sie immer noch den leuchtenden eisblauen Blick des erfahrungsgierigen Mädchens hat, das sie einst war. Das behütete Kind aus Trondheim, das als Halbwaise ohne Vater aufwächst, früh sein Glück auf der Theaterbühne findet und 1966 schließlich den 20 Jahre älteren Ingmar Bergman kennen lernt, der ihr erst in "Persona" die erste große Kinorolle gibt und dann einen Platz in seinem Leben.

Sie habe sich selbst nie als etwas Besonderes gesehen, bis er ihr eines Tages gestand, dass sie immer seine Stradivari gewesen sei, in der Arbeit wie im Leben. "Das war das Schönste, was jemals jemand zu mir gesagt hat. Für einen Menschen, der so viel allein ist wie ich, ist es wichtig zu wissen, dass man Musik in ein anderes Leben gebracht hat."

Liv ohne Ingmar, die gibt es nicht; oder doch, natürlich gibt es sie, seit Jahrzehnten schon, seit sie ihn 1971 verlassen hat und nach Hollywood ging, während er andere Frauen heiratete; und endgültig seit seinem Tod im Jahr 2007. Dennoch hat er sie nie losgelassen oder sie ihn nicht, sie kann es nicht genau sagen. Auch nach ihrer Trennung sind sie immer enge Freunde geblieben, Seelenverwandte, Muse und Meister in wechselnden Rollen. Ingmar lebt in ihren Erinnerungen, die eher deutlicher werden mit den Jahren, als dass sie verblassen. Sein Gesicht findet sich auf den Fotos in ihrem Bücherregal und im Schlafzimmer, nur am Panoramafenster mit dem Prachtblick steht kein Bild von ihm, sondern von Livs zweitem Ehemann Donald.

Letztes Jahr ist sie für einen Dokumentarfilm in das Haus auf der schwedischen Insel Fårö zurückgekehrt, in dem sie in den 70er Jahren mit Ingmar und Linn gelebt hat. Auf die Tür zu seinem Arbeitszimmer hatten sie jeden Abend ein Symbol für den Tag gemalt - ein gefülltes Herz, ein Auge mit Tränen, nur einig mussten sie sich sein. Diese Tür gibt es noch immer, bis zu seinem Tod hat Bergman die Zeichen in jedem Frühjahr sorgfältig nachgemalt. "Bei meinem letzten Besuch habe ich gesehen, dass die Symbole schon viel heller geworden sind. In zwei oder drei Jahren werden sie ganz verschwunden sein", sagt Liv Ullmann, und in diesem Moment ist sie umflort von der Melancholie eines Menschen, der seine Liebe überlebt hat und nun die Erinnerung an die Toten aushalten muss. Die Haushälterin hat ihr einen Brief gezeigt, den Bergman aufbewahrt hat, ein kleiner Dank von Liv nach einem Besuch auf Fårö, Jahre nach ihrer Trennung. "Mir hat die Notiz gar nicht so viel bedeutet, als ich sie geschrieben habe, ihm aber offensichtlich schon." Sie zögert und blinzelt einen Anflug von Tränen weg. "Ich bin so froh, dass es ihn gab, aber eigentlich war ich ein fröhlicher Mensch, bis seine depressiven Geschichten auf mich abgefärbt haben."

Dabei ist Liv Ullmann eine begnadet komische Geschichtenerzählerin. Ihre Lieblingsanekdote - wie sie Woody Allen einst für einen Abend mit seinem Idol Bergman zusammenbrachte, beide vor gegenseitiger Ehrfurcht kein Wort miteinander wechselten, die Begegnung unabhängig voneinander aber "wunderbar und inspirierend" fanden - erzählt sie mit einem dramaturgisch geschulten Gespür für Timing und Pointe. Auch in ihren beiden Memoiren-Büchern "Gezeiten" und "Lebenswege" findet man diese selbstironische, klare Stimme. Doch wenn man versucht, eine Verbindung zu ihrer Tochter, der erfolgreichen Schriftstellerin, zu ziehen, blockt sie ab: Dass sie das Talent von ihr haben könnte, weist sie von sich. Linn, die immer darunter gelitten hat, "die Tochter von" zu sein, soll einzigartig in ihrer Kunst bleiben. Liv Ullmann hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie nicht immer alles richtig gemacht hat bei ihrem einzigen Kind, das unehelich geboren wurde, weil Ingmar Liv nie geheiratet hat. Sie konnte nie nur alleinerziehende Mutter sein. Da gab es die vielen Rollen, die gespielt werden wollten, ihr Drang, möglichst viel zu reisen, ihre humanitäre Arbeit für Unicef und die Flüchtlingshilfe.

Sie will weniger spielen, mehr Regie führen und schreiben - "dann kann mir keiner reinreden"

Liv Ullmann: Zuhause bei einer Legende
© Tom Trambow

Ab dem 19. September ist sie wieder einmal selbst im Kino zu sehen, neben Juliane Köhler in der deutsch-norwegischen Co-Produktion "Zwei Leben". Eine Geschichte über die "Lebensborn"Kinder, die während der Besatzungszeit der Nazis ihren norwegischen Müttern weggenommen wurden, um im reichsdienlichen Geist in Deutschland erzogen zu werden. Liv Ullmanns Rolle ist vergleichsweise klein, aber aus ihren wenigen Auftritten springt einem sofort die Wahrheit entgegen, die sie so vehement von der Welt einfordert. Umso schrecklicher ist es, wenn sie sagt: "Es ist schade, dass ich nicht mehr von dieser Frau zeigen konnte, da das vermutlich einer der letzten Filme war, in denen ich jemals spielen werde." Fühlt sie sich zu schwach? Nein, aber sie will die Zeit nutzen, um eigene Dinge zu erschaffen. Regie führen. Oder schreiben. "Das ist sogar noch besser, denn dann kann mir keiner reinreden."

Berühmt wurde Liv Ullmann mit den Filmen von Ingmar Bergman, ihre bekannteste Rolle spielte sie 1973 in "Szenen einer Ehe". Die Tochter eines Ingenieurs wuchs in Kanada, Tokio und Norwegen auf. Ihre Tochter Linn kam 1966 zur Welt. 2004 bekam sie den Europäischen Filmpreis für ihren "Beitrag zum Weltkino".
Berühmt wurde Liv Ullmann mit den Filmen von Ingmar Bergman, ihre bekannteste Rolle spielte sie 1973 in "Szenen einer Ehe". Die Tochter eines Ingenieurs wuchs in Kanada, Tokio und Norwegen auf. Ihre Tochter Linn kam 1966 zur Welt. 2004 bekam sie den Europäischen Filmpreis für ihren "Beitrag zum Weltkino".
© Imago/T-F-Foto

Anderthalb Stunden sind unmerklich vorbeigerauscht, erst jetzt fällt mir auf, dass ich vor lauter Faszination den Teppich mit Stücken des von der Gastgeberin so liebevoll servierten Blaubeermuffins vollgekrümelt habe. "Das macht überhaupt nichts!", ruft Liv Ullmann aus, "so muss das doch sein, wenn man lebt und trinkt und isst!" Sie greift nach ihrem eigenen Muffin und lässt ebenfalls ein paar Krümel auf den Fußboden rieseln. "Sehen Sie, ich mache es auch, und wenn ich heute Abend nach Hause komme, sehe ich diese Krümel hier auf dem Boden und denke dann an unser schönes Gespräch zurück."

Sie lacht herzlich, die blauen Augen blitzen, der Schmelztiegel da draußen ist eine Eishölle gegen diese Herzenswärme. Dann begleitet sie mich nach unten, zwei Oberteile für die Trockenreinigung gegenüber im Arm; anschließend rufen Strindberg und der Schnittraum. Auf der Straße trennen sich unsere Wege. Ich gehe ein Stück und blicke mich um, gehe wieder ein Stück und blicke noch mal. Beim ersten Mal hat sich auch die LeinwandIkone umgedreht. Beim zweiten Mal bleibt sie stehen und winkt.

BRIGITTE Woman 20/13

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