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Langzeitfolgen nach Infekt Für immer krank?

Langzeitfolgen nach Infekt: Mann hält sich den Kopf
© ESB Professional / Shutterstock
Die Krankheit ist überstanden, nun geht es bergauf: Wenn diese Erwartung enttäuscht wird, kämpfen wir nicht selten auch im Kopf gegen die Spätfolgen eines Infekts. Und zwar längst nicht nur bei Covid-19. Über die Psychologie der Langzeitschäden.

Körperliche Schwäche, Ängste und Depressionen, dramatischer Leistungsabfall: Das sind Symptome, die als Long Covid zurückbleiben können, wenn der eigentliche Infekt mit dem Coronavirus längst überstanden ist. Aber auch andere Virusinfektionen wie Grippe oder Gürtelrose führen mitunter dazu, dass Betroffene ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher einteilen. Die Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Monika Vogelgesang arbeitet in der Median Klinik Münchwies mit Long-Covid-Betroffenen und erklärt, welchen Einfluss die Psyche, das Hadern mit sich selbst und die Ungeduld der Gesellschaft auf die Genesung haben..

BRIGITTE WOMAN: Frau Dr. Vogelgesang, was überrascht Sie am meisten bei Menschen, die mit Long-Covid-Symptomen zu Ihnen kommen?

Dr. Monika Vogelgesang: Die übergroße Erschöpfung. Menschen, die vorher sehr leistungsfähig waren, sind jetzt schon bei der geringsten Belastung kaputt. Aber auch psychisch sind sie schnell mitgenommen. Wenn sie etwas hören oder sehen, was sie beunruhigt, kommen schneller die Tränen, sie sind seelisch ein Fähnchen im Wind. Früher nannte man das reizbare Schwäche, ein alter medizinischer Ausdruck. Auch die Konzentrationsfähigkeit ist weg. Multitasking geht gar nicht mehr. Was noch ins Auge fällt: Es erwischt auch Menschen, die einen eher leichteren Verlauf hatten.

An dem Krankheitsverlauf lässt sich nicht ablesen, wie heftig später die Symptome ausfallen?

Nein, leider nicht. Da wissen wir noch zu wenig. Was man sagen kann: Menschen, die mit Covid-19 im Krankenhaus waren, leiden unter Traumafolgesymptomen. Einer unserer Patienten hat sich immer furchtbar erschreckt, wenn er nur ein leises Klopfen hörte. Weil auf der Intensivstation immer laut geklopft wurde, wenn jemand reinkam. Und das bedeutete nie etwas Gutes für ihn: Die Begegnungen mit dem vermummten Personal waren immer kurz, das war zwangsläufig kein angenehmer menschlicher Kontakt. Andere haben schreckliche Albträume aufgrund des Erlebten. Die drehen sich immer um die vollkommene Hilflosigkeit und um die Angst zu sterben.

Lösen diese Ängste später auch die große Erschöpfung aus?

Bei der Erschöpfung spielt der Körper selbst eine große Rolle. Sie ist vermutlich eine Folge der schweren Entzündung, die das Virus ausgelöst hat. Wir kennen ja auch andere Erkrankungen, bei denen solche länger andauernden Fatigue-Symptome auftreten.

Etwa bei schwerer Influenza oder Herpes, der Organe befällt.

Genau. Da geht es um entzündliche Prozesse im Körper, die ihn nachhaltig schlauchen. Als wir vor drei Jahren diese heftige Grippe-Epidemie hatten, bin ich betroffenen, bis dato sehr sportiven Menschen begegnet, die monatelang gebraucht haben, bis sie wieder auf ihrem alten Niveau waren. So eine Erschöpfung gibt es übrigens genauso bei Krebserkrankungen. Trotzdem sind gerade diese körperlichen Ausnahmezustände eigentlich die gute Nachricht. Weil sie sich mit der Zeit zurückbilden lassen. Oft ist es am Ende die Psyche, die uns einen Strich durch die Rechnung macht. Ängste überlagern den Genesungsprozess, verlangsamen ihn.

Weil die Betroffenen fürchten, dass sie da nie wieder rauskommen?

Jemand, der vorher sehr leistungsfähig und in der Kraft war, der jetzt merkt, ich kann einfach nicht mehr so wie früher, reagiert oft sehr erschrocken und enttäuscht. Die Folge kann eine Depression sein. Manche wollen in so einer Situation oft mit dem Kopf durch die Wand, mit aller Kraft erzwingen, dass sie wieder in die frühere Form kommen. Das funktioniert leider überhaupt nicht.

Warum nicht?

Das Einzige, was hilft, ist, genau auf den Körper zu hören. Seine Defizite sehr aufmerksam wahrzunehmen und mit ihm ganz vorsichtig zu üben, ohne ihn zu überanstrengen. Man sollte in der körperlichen Betätigung eine gute, individuelle Balance zwischen Kopf-in-den-Sand-Stecken und Überforderung finden. Das ist nicht leicht. Weil die Menschen sich ganz anders kennen und davor mit Belastung viel stabiler umgehen konnten. Die Idee der kleinen Schritt ist immens wichtig. Da sind sportliche, leistungsbereite Menschen manchmal im Vorteil. Sie haben oft eine große Ausdauer, sind sehr zäh. Die werfen nicht so schnell die Flinte ins Korn, sondern bleiben einfach dran.

Verschlechtert eine negative Erwartungshaltung die Prognose?

Ja, das kann sich ins Negative verstärken und tatsächlich depressive Züge annehmen. Pessimistische Überzeugungen machen mutlos und rauben wichtige Kraft, die man bräuchte, um sich zu berappeln. Hier spielen unsere Bezugspersonen eine wichtige Rolle: Wenn die Familie Verständnis hat und beim Wiederaufstehen hilft, schützt das enorm vor einem seelischen Absturz.

Wahrscheinlich hadert man in so einer Situation furchtbar mit sich?

Genau so ist es. Die Betroffenen setzen sich massiv unter Druck. Verstehen nicht, warum sie nicht mehr auf die Beine kommen. Und dann gibt es noch eine soziale Komponente: Von außen sieht man nicht, dass jemand unter Long Covid oder allgemein unter einer virusbedingten Erschöpfung leidet. Das äußere Umfeld reagiert daher mit wenig Empathie. Das erleben wir immer wieder: Oft fühlen sich die Patienten in eine ungute Ecke gedrängt. Nach dem Motto: Der simuliert doch sicher! Oder: Drückt die sich jetzt vor der Arbeit? Deshalb ist hier Aufklärung so essenziell.

Es gibt sicher auch Menschen, die sagen: "Diese Fatigue gibt es doch nicht. Ist alles psychisch."

Das halte ich ganz klar für falsch. Wir haben es mit einer ursächlich organischen Erkrankung zu tun. Die jeden treffen kann. Deshalb wäre ich vorsichtig mit Schuldzuweisungen: Das hat nichts mit Willenskraft oder Sich-hängen-Lassen zu tun.

Was spielt beim Gesundwerden die wesentliche Rolle? Sind es die entzündlichen Prozesse, die Schritt für Schritt den Rückzug antreten?

Zum einen das. Eine wichtige Hypothese ist auch, dass die gesteigerte Immunabwehr zu der großen Erschöpfung führt. Weil sie immer noch auf Hochtouren läuft oder verrückt spielt. Der Körper ist ausgelaugt von diesen inneren Prozessen. Es liegt nun auf der Hand, dass es in die komplett falsche Richtung läuft, ihn durch Training kaputt zu machen. Wir bringen unseren Patienten bei, ganz behutsam in die Bewegung zu kommen. Sehr wichtig ist auch, dass sie freundschaftlich mit sich umgehen. Am Anfang ist vielleicht nur spazieren gehen möglich, in der Natur sein. Wir müssen dem Körper eine Chance geben, sich zu erholen.

Welche Rolle spielt bei der Erholung das richtige Atmen? Covid-19 geht ja sehr oft mit einer Beeinträchtigung der Lunge einher.

Aus der Lungenrehabilitation wissen wir, dass viele falsch atmen. Zu oberflächlich. Nicht in den Bauch, nicht in die Flanke rein – was zusätzlich ermüdet. Selbst wenn die Lungen sich erholt haben, wird das richtige und gute Atmen leider viel zu wenig geübt. Wir trainieren das mit unseren Patienten. Genauso wie wieder gut schlafen können. Viele Patienten haben Schlafstörungen und müssen gesundes Schlafverhalten ganz neu lernen. Dazu gehört, möglichst wenig tagsüber zu schlafen und vor dem Ins-Bett-Gehen nicht mehr zu grübeln.

Wie arbeiten Sie mit den seelischen Tiefs der Betroffenen?

Wir bieten zum Beispiel eine Traumatherapie speziell für die Albträume an. Wir behandeln Ängste und Depressionen psychotherapeutisch in Gruppen und Einzelgesprächen. Da geht es unter anderem um Entlastung und Positives Denken. Viel Erfolg haben wir mit EMDR …

… einer Technik, die über die Augenbewegung Prozesse im Gehirn neu lenkt und oft bei Traumatisierung angewendet wird.

Sie greift richtig toll bei Long-Covid-Patienten, die nicht schon vorher psychisch erkrankt waren. Wenn ältere seelische Verletzungen darunter liegen, ist es natürlich schwieriger. Da potenziert sich das Gefühl der Hilflosigkeit. In solchen Fällen empfehlen wir, alte Traumata, die durch Covid zum Vorschein kommen können, in einer gesonderten Psychotherapie anzugehen.​​​​​​​

Wenn wir jetzt nur über Covid und seine Langzeitfolgen sprechen, wagen Sie dann die Prognose, dass sich das relativ gut in den Griff kriegen lässt?

Natürlich kann es sein, dass ich nicht mehr zu hundert Prozent meiner alten Leistungsfähigkeit zurückfinde. Daher müssen wir Arbeitgeber und die Politik auf das Thema aufmerksam machen: Es darf hier nicht zu einer Stigmatisierung kommen. Es kann etwa passieren, dass Patienten nach ihrer Genesung sehr geräuschempfindlich sind oder viel Ruhe beim Arbeiten brauchen. Doch ich bin von meiner Grundhaltung her Optimistin: Wenn man der Sache Zeit lässt, wird sie wieder werden. Man kann danach vielleicht keine Bäume mehr ausreißen, aber es es findet eine deutliche Besserung statt. Sehr hilfreich ist, sich in Selbsthilfegruppen auszutauschen, sich gegenseitig Hoffnung zu machen. Es tut ungemein gut, wenn jemand erzählt: "Das hat zwar Monate gedauert. Aber jetzt ist es tatsächlich besser geworden."

Sie machen Mut!

Auf jeden Fall. Ich gehe davon aus, dass die psychischen Beeinträchtigungen sich mit der Zeit unter der richtigen Behandlung zurückbilden. Man sollte auf keinen Fall die Hoffnung aufgeben. Das Corona-Virus ist völlig neu für uns: Niemand hatte bisher damit etwas zu tun, sehr viele Menschen sind daran gestorben. Die Long-Covid-Patientinnen und -Patienten haben großes Leid und eine Bedrohung ihres Lebens erfahren. Deshalb plädiere ich dafür, sie mit dem größten Respekt zu behandeln.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit anderen Viruserkrankungen wie zum Beispiel der Gürtelrose? Kommt es da zu ähnlichen seelischen Spätfolgen?

Ich gehe davon aus. Nur kommen bei der Gürtelrose noch die neuralgischen Schmerzen hinzu, das ist die gefürchtete Komplikation dieser Erkrankung, die ihre ganz eigenen Probleme macht. Deshalb wird man damit oft in der Organmedizin behandelt. Die Patienten kommen meist gar nicht zu uns. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass ihnen die psychosomatische Therapie auch sehr helfen würde. Auch vom verwandten Epstein-Barr-Virus, dem Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers, weiß man: Es beschäftigt die Erkrankten richtig lange. Da kommt es zu Symptomen, die wir auch nach Covid kennen: Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, Ängste, sich nicht mehr zu erholen. Die Heilung dieser Viruserkrankungen braucht ihr ganz eigenes Tempo. Und die Betroffenen manchmal sehr viel Geduld.

Dr. Monika Vogelgesang ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Zu ihren Spezialgebieten zählen u. a. Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Angststörungen inklusive Traumafolgen, Depressionen, aber auch pathologisches Glücksspielen bei Frauen. Sie ist Chefärztin der Median Klinik Münchwies, in der sich Long-Covid-Patient*innen etwa fünf Wochen lang behandeln lassen können.

WOMAN 06/2021 Brigitte

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