Wer feiert denn da noch?

Silke Pfersdorf und Mark Kuntz sind 40 geworden. Und diskutieren per E-Mail, ob es da was zu feiern gibt.

Der Weg zum 40. Geburtstag

Montag, 12.27 Uhr Von: Mark Kuntz An: Silke Pfersdorf Betreff: Helden wie ich

Ich hatte immer eine präzise Vorstellung davon, wie ein Mann mit 40 aussehen würde. Es gibt doch diese Fotos von der Siegerehrung 1954, als "wir" gegen Ungarn sensationell Weltmeister wurden. Da sieht man so richtig gestandene Männer: Mittelgroß gewachsen, leicht gebeugt in der Körperhaltung streichen sie sich ihre schwarze Tolle aus der zerfurchten Stirn, erschöpft, aber glücklich über das, was sie geleistet haben. Weltmeister bin ich nicht geworden. Erschöpft: ja. Glücklich über das bisher Geleistete: gelegentlich, aber wesentlich häufiger besorgt über das, was ich noch zu leisten habe.

Dienstag, 8.20 Uhr Von: Silke Pfersdorf An: Mark Kuntz Re: Helden wie ich Betreff: sich selbst nicht mehr kennen

Das hätte man als Mädel vielleicht auch gebraucht - eine Riege von 40-jährigen Weibern, die man anguckt und denkt: So will ich auch mal werden. Schon um sich daran zu gewöhnen, dass es so ein Alter überhaupt gibt. Meine Mutter war irgendwann 30, ab da habe ich nicht mehr mitgerechnet. Alt ist schließlich alt. Unter ferner liefen. Heute frage ich mich, ob jüngere Frauen ebenfalls durch einen durchsehen. Obwohl ich mich komischerweise gar nicht so weit weg fühle von ihnen. Innerlich, meine ich. Irgendwo in den Twenties bleiben wir alle stehen, habe ich mal gelesen. Ein bisschen Wissen und Erfahrung kommen dazu, aber im Fühlen tut sich angeblich nicht mehr viel. Ein alternder Regisseur hat mir mal verraten, dass er sich seit vielen Jahren nicht vorstellen kann, älter als 25 zu sein. Und sich morgens manchmal völlig entsetzt fragt, wem das Gesicht da im Spiegel gehört. Ob das jeder irgendwann mal erlebt?

Donnerstag, 22.43 Uhr Re: sich selbst nicht mehr kennen Betreff: gefühltes Daueralter

Bei Männern gibt es ja die Theorie vom "Collagen-Schock": Jahrzehntelang halten sie sich blendend, bis irgendwann über Nacht das Bindegewebe im Gesicht kollabiert, und dann erkennt man sich nicht wieder. Diese Katastrophe hat bei mir ziemlich exakt im Juli 2000 stattgefunden. Ich weiß das so genau, weil mein neues Gesicht auf einem Foto dokumentiert ist, auf dem ich so gegen sechs Uhr morgens meinen vier Wochen alten Sohn auf dem Schoß halte, bzw. es sieht eher so aus, als würde ich mich an ihm festhalten. Bis dato hatte ich am frühen Morgen schon immer zu einer gewissen Knautschigkeit im Gesicht geneigt, aber was ich da sehen musste, ähnelte eher einem 78-jährigen Mongolen, der gerade über seinem elften Enkel einschläft, als einem stolzen, jungen Vater. Mein "gefühltes Daueralter" ist eher 35 als 25. Das liegt aber daran, dass ich jung sein nie als besonders attraktiv empfunden habe. Wie für viele andere auch, war für mich mit 25 das Ende meines Studiums noch nicht mal abzusehen, die berufliche Zukunft mehr als ungewiss. Mein vorherrschendes Lebensgefühl war: Hat nix, kann nix, wird nix. Da habe ich mich mit Mitte 30 schon wesentlich wohler gefühlt, mit festem Job, fester Beziehung, festem Einkommen. Seriöses Mitglied im Verein des deutschen Mittelstands sozusagen. Ein Gefühl, das sich allerdings ein wenig abnutzt. Die durchschnittliche Biografie in Deutschland ist nur bis Ende dreißig vorgesehen, dann sollte man beruflich und familiär angekommen sein. Und danach soll man die Kiste ruhig und solide zu Ende bringen. Grundlegende Veränderungen sind da nicht mehr vorgesehen. Für die muss man schon selbst sorgen. Was ja immer besonders anstrengend ist.

Freitag, 8.55 Uhr Re: gefühltes Daueralter Betreff: Bergfest

Aber wunderbar, lieber Mark. Jede Veränderung zeigt mir, dass da noch verdammt viel ist, was ich vor mir habe. Eigentlich schlimm genug, dass es offenbar dieser Beweise bedarf, fällt mir gerade auf. Aber mit zunehmendem Alter wird man gemeinhin schon unflexibler. Die Lust, sich noch mal aufzuraffen, lässt nach. Auch die Neugierde. Wenn wir früher umzogen, war jede neue Wohnung meistens auch eine Verbesserung, ab 40 dagegen ist man auch darin offenbar arriviert. Inzwischen höre ich im gleichaltrigen Umkreis nach Umzügen oft Sätze wie: "Hier tragen sie mich allenfalls mit den Füßen nach vorne wieder raus." Zum Erbleichen, der Gedanke. Dass da nichts mehr kommen sollte. Und wenn ich mich manchmal zwingen muss zu Veränderungen, ich werde sie in mein Leben zerren. Ich habe nämlich Angst vor der Eigendynamik der Monotonie und Routine. Und die gibt es. Die macht, dass die Zeit, spurlos an der Seele (leider nicht am Gesicht!) vorübergeht. Dass die Minuten und Stunden in einem Brei versinken, in dem man eine Woche nicht mehr von der anderen unterscheiden kann. Kannst du übrigens in jedem Urlaub merken: Die ersten Tage spürst du jeden Augenblick. Dann hast du dich plötzlich eingelebt, weißt, wo du frühstückst und baden gehst, und die Zeit beginnt zu rasen. Weil nichts Neues mehr passiert und du alles einfach laufen lässt. Grässliche Vorstellung, dass so was mit dem gesamten Rest deines Lebens passiert. Das ist es übrigens, was ich an meinem 40. Geburtstag wirklich verstanden habe: dass spätestens mit diesem Ereignis statistisch gesehen Bergfest war.

Sonntag, 23.16 Uhr Re: Bergfest Betreff: Jubiläum

Liebe Silke, wie hast Du eigentlich Deinen 40. Geburtstag gefeiert? War es ein rauschendes Fest, war es tiefe Depression? Erzähl doch mal.

Montag, 11.09 Uhr Re: Jubiläum Betreff: Null-Runden

Ein dunkler Punkt in meinem Leben, lieber Mark. Nicht wegen der 40, sondern weil ich trotz vollmundiger Ankündigungen noch immer nicht groß gefeiert habe, obwohl man es doch immer groß feiert, und jetzt habe ich eigentlich auch keine Lust mehr, aber ich denke, ich müsste, und dann finde ich wieder, ich muss eigentlich gar nichts, in meinem Alter. Etwas Gutes hat es ja doch, wenn man in die Jahre kommt: Diejenigen, die einem übers Müssen und Sollen referieren können und sich dabei auf ein Mehr aus Erfahrungen berufen, werden weniger, die eigenen Ohren diesbezüglich abgenutzter. Es gab also keine Feier, jedenfalls keine richtige. Es gab eine Nacht davor, in der ich erstaunlich gut geschlafen habe, und einen Morgen, an dem ich glücklich und selbstbewusst aufgewacht bin. Die Nacht hatte mir weder Albträume beschert noch die Malaisen einer aufkommenden Midlife-Crisis und erst recht nicht das Gefühl – anders als mit 30, als ich klischeegemäß zum nächsten Friseur rannte und mir einen Kurzhaarschnitt verpassen ließ -, irgendwelche Zeichen setzen zu wollen. Seien wir ehrlich, die setzt die Zeit einem ja zur Genüge im Gesicht, an Busen, Bauch und Po. Das reicht dicke an Zeichen. Am Vormittag dann gab es ein Frühstück mit Freundinnen, von denen einige gar nicht kapiert hatten, dass ich 40 wurde ("Nein, ehrlich? Hätte ich nie gedacht"), und andere wiederum so taten, als hätten sie es nicht gewusst. Frauen sind gar nicht immer stutenbissig, habe ich gedacht. Und noch ein Brötchen genommen. Abends war ich essen, mit meinem Mann, unseren beiden Kindern und meinen Eltern, die für diesen Tag immerhin 500 Kilometer abgerissen haben. Da hatte ich dann Wein vor mir und jede Menge Erinnerung. An die Null-Runden zuvor: zehn Jahre - "Von nun an nur noch zweistellig", hatte mein Vater sinniert. An seinen Spruch zur 20 erinnere ich mich nicht mehr, nur noch an die Karte zum 25. ("Ein Vierteljahrhundert"), zur 30 kam ein liebesvolles "Bist jetzt auch nicht mehr ganz taufrisch". Mit 40 bin ich es vermutlich wirklich nicht mehr, aber da wagt es einem keiner mehr zu sagen. "Du siehst noch gar nicht so aus", heißt es dann. So alt, könnte man ergänzen. Nach Mitternacht stand ich vorm Spiegel und dachte mir: Gestern wurde gefeiert, aber ab heute musst du damit leben. Bei der nächsten Null bist du 50. Unvorstellbar. Das Gleiche, was ich zehn Jahre vorher auch gedacht hatte. Kann es sein, dass Frauen solche Gedanken öfter vor dem Spiegel ereilen und Männer beim Blick auf ihre Karriere und ihren Kontostand?

Dienstag, 22.41 Uhr Re: Null-Runden Betreff: Alles auf einmal?

Kontostand und berufliche Position - das sind alles Themen aus der Generation vor uns. Und diese Themen sollte man ernst nehmen, Silke. Wir sitzen doch alle zwischen allen Stühlen: Was uns unsere Eltern mitgaben, und was wir uns selbst ausgedacht haben. Natürlich würde ich gern den zeitgemäßen Weg gehen: Mein eigenes Leben führen, meinem Kind ein moderner Vater sein, meiner Frau ein souveräner, zuverlässiger und abenteuerlicher Partner sein und gleichzeitig eine solide Kontoführung pflegen. Ja, das würde ich gern. Und ich würde gern auch mal wieder so gegen 22.30 Uhr aus der Dusche steigen, etwas anderes als sonst anziehen, vor dem Spiegel checken, ob ich so gehen kann, und dann in die kühle Nacht hinaustreten. Alles auf einmal geht wohl nicht, oder?

Donnerstag, 10.33 Uhr Re: Alles auf einmal? Betreff: Alles auf einmal!

Jetzt geht nur noch alles auf einmal, lieber Mark. So viele völlig unterschiedliche Lebensstadien werden sich ab 40 vermutlich nicht mehr abspielen können, nacheinander, meine ich. Das ahnt man aber auch erst, wenn man diesen Meilenstein erreicht hat. Mit 20 lebst du ewig. Denkst du jedenfalls. Alles noch vor dir, der ganze Ozean, du musst nur losschwimmen. Nach rechts, links, vor, zurück - egal. Lässt dich von ein paar Winden abtreiben, kämpfst ab und zu gegen die Wellen, aber dein ist die Freiheit. Vor allem die Freiheit, hier und da die Richtung noch zu wechseln. Das ist vorbei. Du schwimmst noch, aber in einer Strömung, von der du eigentlich weißt, wohin sie führt. Dich fragt doch keiner mehr, ob’s doch was anderes sein darf. Mit 40 musst du wissen, wo es langgeht, das erwarten sie von dir. Noch mal umsatteln, Schreinerlehre statt Schreibtisch? Schafe züchten in Neuseeland? Vergiss es. Man hat sich eingesponnen in ein Geflecht aus Verpflichtungen, Beziehungen und Trägheiten, und wenn es dich zum Aufbruch drängen würde, gäbe es nur entsetzte Blicke. Mit 40 denkst du nicht an Umschulung und Neuanfang. Du denkst höchstens: Na ja, die 20 Jahre hältst du auch noch aus. Diese Art von Resignation spüre ich tatsächlich manchmal. Dass man aufhört, beim Schwimmen die Arme zu bewegen, um sich der Strömung ganz zu überlassen. Rasend macht mich dieses Gefühl, mich allem zu ergeben, aber es beschleicht mich halt bisweilen. Dieser Nun-sei-doch-zufrieden-Gedanke, ist ja alles nicht so übel, und im übrigen zählen jetzt ohnehin nur noch die Kinder. August Strindberg beschrieb einmal, wie er als gestandener Mann sein Jugendzimmer von früher betritt ("Ich stürzte direkt in meine Jugend hinein; fühlte, wie mich die ganze unbekannte Zukunft bedrückte und mir unheimlich auflauerte ..."). Und dann sagt er: "Da saß ich und hatte alles hinter mir, alles, alles, alles! Den Kampf, den Sieg, die Niederlagen!" Ist das jetzt zu düster? Mir ist halt gerade so.

Donnerstag, 23.57 Uhr Re: Alles auf einmal! Betreff: Lebensjahrsiebte

Ich glaube, nichts ist so stimmungsabhängig wie die Bewertung der eigenen Lebenssituation. Das war doch mit 20 nicht anders, oder, Silke? Da schwebt man ja auch nicht durchgehend wie die Königin der Nacht durchs Leben. Da gibt’s doch auch tiefste Verzweiflung, die Unsicherheit, wohin es gehen soll, die Angst vor dieser seltsam fremden Erwachsenenwelt mit all den Anforderungen und Verpflichtungen. Da hat man doch oft gedacht: Das schaffe ich nie! Die Anthroposophen teilen unser Dasein in Lebensjahrsiebte ein. Jedes ist durch bestimmte Merkmale und Anforderungen gekennzeichnet. Ich weiß nicht, ob wirklich alle sieben Jahre ein neuer Abschnitt beginnt, aber ich finde die Idee ganz tröstlich. Jetzt lebe ich eben in einer Phase, die eher durch Verantwortung geprägt ist: Ich muss mich um meinen Sohn kümmern, mich im Job noch mal ganz anders reinhängen, und dass eine lange Beziehung nicht nur Spaß macht, wissen wir auch alle. So ist das jetzt eben. Und es ist gut so. Es wäre doch absurd, wenn ich gerade in so einer Phase nach persönlicher Freiheit streben würde. Das liegt im Moment einfach nicht an. Und was noch wichtiger ist: Garantiert kommt eine neue Phase. Ich bin mir sicher, dass ich ab 50 noch mal eine großartige Zeit erleben werde. Diese 40er sind schon ziemliche Existenzkampfjahre. Die Kraft lässt langsam nach, dafür werden die Anforderungen immer mehr. Im Job tauchen die ersten Jüngeren auf, vielleicht fangen die Kinder an, einen vom Thron zu stoßen, und die eigenen Eltern werden richtig alt. Wenn man das durchgestanden hat, hat man bestimmt noch mal so viel über das Leben gelernt, wie in den 30 Jahren vorher. Und dann kann man sich wieder mehr um sich selbst kümmern. Ich glaube, die 50er werden mein Jahrzehnt - wenn ich endlich mal mit diesem Scheißrauchen aufhöre. Ich glaube, ich komme noch mal ganz groß raus. Mit einem Roman vielleicht. Irgendwann, als gut gegerbter Mittfünfziger, sitze ich in Talkshows und beantworte stets die gleiche Frage: "Ist es nicht ungewöhnlich, mit 50 sein erstes Buch zu schreiben?" "Ach, wissen Sie", werde ich sagen, "es gibt ja so Phasen. Die Anthroposophen sprechen von Lebensjahrsiebten ..." In Deiner Mail über Deinen 40. Geburtstag hast Du so nebenbei von den Zeichen der Zeit gesprochen, die einem zur Genüge in Gesicht, an Bauch, Beinen und Po geschrieben stehen. Mensch, Silke. Wäre unser Lebensjahrsiebt nicht eines, in dem Frauen wie Du endlich mal aufhören könnten, sich darum einen Kopf zu machen?

Sonntag, 22.34 Uhr Re: Lebensjahrsiebte Betreff: Erwartungen

Natürlich, es sind die inneren Werte, die zählen. Herz und Hirn und nicht der Hintern. O Gott, Mark, leben wir auf demselben Planeten? Allein die Frage, ob mit 40 nicht Schluss sein müsste mit dem Affentheater, erinnert mich stark an Billy Graham: "Ja, meine Brüder und Schwestern, der Welt Gebaren ist von Übel, so lasset uns den unheiligen Werten denn abschwören ..." Oder so ähnlich. Um eines klarzustellen: Der Schönheitswahn ist nicht allein Frauensache. Nur ist unsereins von den Ansprüchen anderer ans weibliche Aussehen leider permanent umzingelt. Toll, wenn eine Grips hat oder im Frauenfußballnationalteam kickt - aber könnte sie nicht ein bisschen mehr aus sich machen? Auf einer einzigen Qualität kannst du dich als Frau kaum ausruhen, immer wollen sie mehr. Wegen deines Gehirns wirst du als Frau von anderen Frauen bestimmt nie als Konkurrenz empfunden - höchstens wegen deiner Beine und glatten Wangen. Eine knapp zu 40 gereifte Freundin von mir hatte einen gleichaltrigen Mann an ihrer Seite, als sie in einer Kneipe auf zwei etwa 30-jährige Damen trafen, die ihren Typen offenbar kannten. Von weitem wirkten die Mädels leicht verspannt, weil der Kerl mit Anhang da war. Aber als sie näher kamen, konnten sie natürlich das Alter meiner Freundin abschätzen. Und waren von einem Moment zum nächsten bester Stimmung. Andere Liga, haben die Sehnerven gemeldet. Keine Konkurrenz. Nur wegen ein bisschen mehr Leben im Gesicht. Das ist Frauenalltag. Mein Mann versteht das, neuerdings. Seit er in einem der Lifestyle-Magazine blätterte, in dem es ausnahmsweise nur um Männer geht. Um ihr Erscheinungsbild und mögliche Maßnahmen der Verbesserung. Er sah Waschbrettbäuche, markige Muskeln, knackige Hintern.

Jedes Bild eine stille Anklage, eine Aufforderung zum Vergleich. Entdecke die Möglichkeiten. Mein Mann ist ganz klein geworden, behauptet er jedenfalls. Jetzt wüsste er endlich, wie Frauen sich fühlen. Männer wie er hauen dann trotzdem abends wieder rein beim Essen. Frauen kriegen Bulimie. Trotzdem, 20 will ich auch nicht mehr sein. Bei 30 bin ich mir schon nicht mehr so sicher. War nicht übel, eigentlich. Wobei weitere zehn Jahre mehr zumindest dem Selbstbewusstsein sehr zuträglich sind, da stimme ich dir zu. Auch in Sachen Sex. Vorbei die Zeit der Verkrampfungen, Verstellungen und vorgetäuschten Orgasmen. In einem gewissen Alter willst du nicht mehr anderen genügen, sondern in erster Linie dir selbst. Den Atem einer verklemmten Erziehung spürst du längst nicht mehr, die Unsicherheiten haben sich in Wohlgefallen aufgelöst, du vertraust dir selbst und dem, was du fühlst. Was mich allerdings immer wieder irritiert: Die Leute erwarten gar nichts mehr von dir, obwohl du älter wirst. Du musst offenbar nicht besser werden, nicht belesener, nicht wichtiger. Da orientieren sie sich schon eher an den Statussymbolen: mein Haus, meine Yacht, mein Pferd. Für die wahren Ansprüche an die eigene Person ist man also selbst zuständig. Auch für diejenigen, denen man noch nicht genügen konnte. Bis 40 wollte ich übrigens auch meinen Roman schon geschrieben haben. Der immer noch mit lausigen sieben Kapiteln in der Schublade herumliegt. Aber ich bin jetzt ja getröstet, mit den Anthroposophen: Ist halt nicht mein Lebensjahrsiebt. Vielleicht sitzen wir ja beide mal in derselben Talkshow. Ich werde auf die Frage, warum der Erstling erst so spät kommt, allerdings nicht die Anthroposophen bemühen, Mark. Ich werde sagen: "Es gab einfach so viel anderes zu tun vorher."

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