Bascha Mika: "Frauen werden alt gemacht"

Während Männer in Würde altern dürfen, wird bei Frauen vor jedes weitere Jahr ein Minuszeichen gesetzt. Die Journalistin Bascha Mika fordert: Wehrt euch gegen dieses höllische Spiel!

BRIGITTE WOMAN: 50 gilt als das neue 40, Best Ager werden als Zielgruppe entdeckt. Man könnte meinen, dass sich unsere Wahrnehmung von Alter gerade ziemlich wandelt. In Ihrem Buch klingt das aber ganz anders.

Bascha Mika: Stimmt, es hat sich einiges geändert. In den 1960er Jahren galt eine Frau mit 50 bereits als alt und verbraucht. Das ist heute zum Glück anders. Bei Männern aber wurde selbstverständlich auch damals ein anderer Maßstab angelegt. Konrad Adenauer konnte mit über 70 Bundeskanzler werden, das fanden alle völlig okay. Der doppelte Standard, der unterschiedliche Wertungen an das weibliche und männliche Altern knüpft, war früher noch viel krasser. Aber insgesamt ist es für Frauen auch heute noch unendlich schwer, selbstbestimmt und ohne gesellschaftliche Abwertung älter zu werden.

Was genau meinen Sie mit dem doppelten Standard beim Altern?

Männer dürfen älter werden, Frauen werden alt gemacht!

Von 1999 bis 2009 war Bascha Mika Chefredakteurin der taz, seit April 2014 leitet sie zusammen mit Arndt Festerling die Redaktion der Frankfurter Rundschau. Für Aufsehen sorgte die Publizistin mit einer kritischen Biografie über Alice Schwarzer und der 2012 erschienenen Streitschrift "Die Feigheit der Frauen". In ihrem aktuellen Buch "Mutprobe" schreibt sie über "das höllische Spiel mit dem Älterwerden" (C. Bertelsmann, 17,99 Euro).

Wer macht uns Frauen denn alt?

Das ist sehr komplex. Wir können nicht einfach mit dem Finger auf Männer zeigen. Hinter dem Phänomen des "doing aging", also der gesellschaftlichen Bewertung unseres Älterwerdens, stecken Muster, die bereits in der Antike angewandt wurden. Schon bei den Griechen und Römern taugte die Frau gern zu Hohn und Spott, sobald sie nicht mehr jung war. Das war im Mittelalter nicht anders, da wurde sie auch noch zur Hexe gemacht. Und wer wissen will, wie die Uhren im 16. Jahrhundert tickten, braucht sich nur das berühmte Bild "Der Jungbrunnen" anzuschauen: In den steigen ältere Frauen und kommen mädchenhaft wieder hervor, während die alten Kerle am Rand auf das Frischfleisch warten. Ähnlich gemeine Vorstellungen finden sich auch heute noch in Kunst, Kultur und Alltagsbildern. Ob wir es glauben wollen oder nicht: Die uralten Vorurteile wirken noch immer und dienen als Folie für die Beurteilung moderner Frauen.

Und die Frauen machen mit. In Ihrem Buch erwähnen Sie das Beispiel von der Kuh und der Ziege - zwei Kategorien des Älterwerdens, in die sich Frauen bereitwillig selbst einordnen.

Das alles ist ein höllisches Spiel, an dem Männer und Frauen gleichermaßen beteiligt sind. Aber wir Frauen haben dabei die miesen Karten. Trotzdem spielen wir mit, weil wir es seit Jahrtausenden so gelernt haben. Wir wenden Bilder auf uns und andere Frauen an, die durch die männliche Dominanz geprägt wurden. Das Beispiel von Kuh oder Ziege macht es sehr deutlich. Es gibt in dieser Republik Millionen von Frauen in den mittleren Lebensjahren. Und angeblich gibt es nur zwei Muster, nach denen sie älter werden: energetisch, dünn, sportlich und zickig wie die Ziege. Oder gutmütig, gemütlich, immer breiter werdend wie die Kuh, die sich gehen lässt. Entschuldigung, gibt es nicht tausend Nuancen dazwischen?

Als Frau tappt man immer wieder in diese Fallen. Auch mit Sätzen wie "Dafür bin ich schon zu alt" oder "So etwas kann ich doch nicht mehr anziehen".

Natürlich passt nicht jede Mode zu jedem Alter. Auch der Geschmack verändert sich im Laufe der Jahre. Aber was steckt eigentlich hinter solchen Aussagen? Wir Frauen setzen damit vor jedes weitere Jahr ein Minuszeichen. Als ob das zunehmende Lebensalter nichts als Verluste mit sich brächte. Das wird uns erfolgreich eingeredet. Bei Männern ist es keineswegs so. Im Gegenteil, ihnen gestehen wir zu, dass sie mit der Zeit an Charakter, Persönlichkeit und Erfahrung gewinnen. Das tun wir Frauen auch. Nur sieht es bei uns niemand positiv.

Es gibt doch auch viele Männer, bei denen man denkt: Dem haben die Jahre gar nicht gut getan. Glauben Sie nicht, dass sie auch darunter leiden, wenn ihr Bauch immer dicker wird und die Haare ausfallen?

Viele Männer macht das Alter nicht schöner. Aber sie scheren sich nicht darum. Bei der jüngeren Generation mag sich da etwas verändern, aber bei Männern im mittleren Alter beobachte ich, dass sie an sich selbst völlig andere Maßstäbe anlegen als an Frauen. Ein Mann Mitte 50 mit Glatze und Wampe findet es völlig normal, eine junge Frau anzuflirten. Schauen Sie sich Kontaktanzeigen an: Männer über 50 suchen ganz selbstverständlich eine mindestens 10 bis 20 Jahre jüngere Partnerin. Dazu gehört schon eine Menge Chuzpe. Als Gegenargument höre ich häufig, dass das nur auf Männer mit Macht und Geld zuträfe. Das ist Quatsch. Es sind auch die Durchschnittsmänner, die jüngere Frauen suchen – und finden. Mit dem Ergebnis, dass die Zahl der allein lebenden Frauen ab Mitte 40 steigt und ab Mitte 50 sogar horrend in die Höhe schießt.

Sie sagen auch, dass es uns an Vorbildern mangelt, weil Frauen zwischen 50 und 70 in der medialen Öffentlichkeit kaum stattfinden. Wie erklären Sie sich das?

Da zeigt sich ganz deutlich, wie sich die Abwertung der älter werdenden Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen auswirkt. Ab einem gewissen Alter ist sie sozial weniger wert, ihr wird weniger zugetraut. Auch weil der weibliche Status bei uns in der westlichen Welt ganz stark an die Fruchtbarkeit geknüpft ist. Die Folge ist, dass ältere Frauen von den Bildschirmen und aus der Öffentlichkeit verschwinden. Sie tun es oft sogar freiwillig, weil auch sie keine Vorbilder haben und meinen, niemand wolle sie mehr sehen. Besonders deutlich wird das im Journalismus. Männer in jeder Lebensphase erklären uns die Welt, aber kaum eine Frau in den mittleren Jahren. Bei Schauspielerinnen ist es etwas besser. Immerhin gibt es eine Handvoll Frauen, von Iris Berben über Hannelore Hoger bis zu Corinna Harfouch, die jenseits der 50 auftauchen dürfen, ohne ihrer Weiblichkeit beraubt zu werden. Aber diese Ausnahmen sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gros der Frauen ab 40 aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt wird.

Sie sprechen dabei von einer Art Verschwinde-Fluch. Persönlich scheint er Sie nicht zu betreffen. Sie sind 60 und sehr präsent. Haben Sie selbst schon einmal eine Form der Altersdiskriminierung erlebt?

Nein, aber es geht mir auch nicht um meine persönliche Betroffenheit. Es gibt viele Bücher, die sich autobiografisch mit dem Älterwerden beschäftigen. Mein Ansatz war, die Erfahrungen vieler Frauen und die dahinter liegenden gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge aufzuzeigen. Ich gebe zu, dass mein eigener Werdegang meinen Thesen teilweise widerspricht. Aber ich bin eine der Ausnahmen – und die bestätigen bekanntlich die Regel.

Wie haben Sie es geschafft, eine solche Ausnahme zu werden?

Vielleicht liegt es mir einfach nicht, mich zurückzunehmen. Ich bin nur 1,54 Meter groß, da muss man sich durchaus behaupten. Was ich zudem gelernt habe: Wenn wir uns als Frauen auf unseren Körper reduzieren lassen, haben wir ganz früh verloren. Es ist wichtig, etwas anderes zu haben, das Identität stiftet. Bei mir ist es mein Beruf. Es geht dabei nicht ums reine Geldverdienen oder Karrieremachen, sondern um die Selbstbestätigung, die sozialen Kontakte. Das hilft enorm, um nicht von Jahr zu Jahr weniger zu werden. Allerdings habe ich bewusst keinen Ratgeber geschrieben, weil ich glaube, dass Frauen klug genug sind, eigene Schlüsse zu ziehen. Stattdessen möchte ich aufzeigen, was wir tun können, damit sich die Verhältnisse ändern.

Was muss geschehen?

Ich glaube, dass wir an zwei Punkten ansetzen können. Zum einen im Privaten: Wir Frauen müssen uns darüber klar werden, dass wir viele sind und ähnliche Probleme haben, wenn es ums Älterwerden geht. Das kann ein ganzes Stück entlasten. Außerdem sollten wir unsere eigene Wahrnehmung hinterfragen. Wenn wir in den Spiegel schauen, denken wir doch häufig: "Ich bin ganz okay so, wie ich bin." Doch dann betrachten wir uns mit den Augen der Anderen, mit dem Blick von außen, den wir längst verinnerlicht haben. Und plötzlich finden wir uns alt und hässlich. Wir müssen lernen uns anzunehmen, statt uns niederzumachen. Das ist schwer, keine Frage. Aber nur, wenn wir diese negativen, fiesen Bilder nicht mehr anwenden, werden sie irgendwann verschwinden. Im gesellschaftlichen Bereich geht es darum, endlich laut zu werden. Wir müssen öffentlich machen, dass dieser verdammte doppelte Standard beim Älterwerden noch immer existiert und tagtäglich auf uns angewandt wird. Doch er ist gesellschaftlich gemacht - und was gemacht ist, kann auch anders gemacht werden.

Interview: Julia Müller

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