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Stimmtraining: So werden Sie gehört


Sie sollen vor vielen Leuten einen Vortrag halten – und plötzlich versagt die Stimme? Ein Stimmtraining verleiht Sicherheit und Souveränität.

Wenn ich den Mund aufmache, hört mir keiner zu.

Eine Journalistenschule hat mich eingeladen, einen Vortrag über die Zeitschrift BRIGITTE WOMAN zu halten. Das wird mir leichtfallen, denke ich, schließlich arbeite ich da. Mit ein paar Stichwörtern auf einem Zettel trete ich vor die Klasse, lächle in die Runde und... mir bleibt die Luft weg. Mein Puls jagt, die Knie scheinen aus Beton, um den Brustkorb liegt ein Stahlkorsett. "Liebe Kolleginnen und Kollegen", quetsche ich mit dünner Stimme hervor. Danach wird es besser. Aber ich spreche längst nicht so flüssig und souverän, wie ich es mir vorgestellt hatte, und fühle mich auch nicht wohl dabei. Kaum sehe ich das vereinbarte Zeichen für das nahe Ende der Redezeit, bringe ich gerade noch den Satz zu Ende, danke hastig für die Aufmerksamkeit und flüchte von meinem Platz. Wie gut, dass das nur eine Übung war. Ich brauche mich nicht an gelangweilten Zuhörern vorbei aus der Tür zu drücken, sondern werde von Stimmtrainerin Eva Loschky mit einem strahlenden Lächeln erwartet. Während sie mir applaudiert, drückt sie die Stopptaste des Aufnahmegerätes, das meinen glanzlosen Vortrag festgehalten hat. Der war nämlich erst Teil eins der Übung. Im zweiten Teil bekomme ich die Aufzeichnung meiner kurzen Rede - sie hat nur etwa drei Minuten gedauert - vorgespielt. Wer ist bloß diese Frau mit der unnatürlich hohen Stimme? Sie redet atemlos, ohne Punkt und Komma. Sie wirkt nicht souverän.

Viele, die sich zum Stimmtraining anmelden, sind schon einige Jahre im Beruf

Ähnlich geht es vielen, die sich bei Eva Loschky zum Coaching anmelden. Sie sind schon einige Jahre im Beruf. Sie können etwas und sind sich dessen auch bewusst. Manche haben eine Führungsposition. Aber wenn sie sich zum Beispiel in Teambesprechungen und Abteilungsleiterrunden zu Wort melden oder Kunden ihr Produkt vorstellen, werden sie unsicher. Gestandene Frauen wirken plötzlich wie Berufsanfängerinnen, manche sogar wie schüchterne kleine Mädchen. "Zu leise Stimme", "Nervosität", "undeutliches Sprechen", "fehlerhafte Atemtechnik": In dem Fragebogen, den die Trainerin vorab zum Ausfüllen verschickt, führen manche eine lange Mängelliste auf. "Ich werde nicht gehört", "Ich kann die Zuhörer nicht gewinnen": So oder ähnlich beschreiben sie, was sie in Gesprächen und Konferenzen oder bei Präsentationen erleben. Eine Klientin hat sich bei Eva Loschky einmal beklagt: "Ich bin wirklich gut in meinem Beruf, und auch im Privaten weiß ich, was ich will. Aber wenn ich den Mund aufmache, hört mir keiner zu. Nicht mal mein Hund." Es ist, als hätten diese Frauen auf dem Weg in den Beruf, durch das Leben ihre Stimme irgendwo zurückgelassen. Als sei sie zu klein und zu dünn für die Person, zu der sie gehört.

Die eigene Stimme zu hören, ist, als schaue man sich nackt im Spiegel an.

Eva Loschky dagegen könnte das Telefonbuch vorlesen, und man würde ihr gebannt zuhören. Die knapp 1,60 Meter kleine Frau hat eine große, volle, warme Stimme. Eine Stimme, die mit Leichtigkeit einen Theater- oder Konzertsaal füllen kann - die ausgebildete Sängerin hat jahrelange Bühnenpraxis, auch im Schauspiel und im Tanz, und eine Zusatzausbildung als Logopädin. Sie gibt Seminare für Logopädinnen und Gesangsunterricht. Und sie arbeitet mit Menschen aus unterschiedlichen Berufen, die sich eine schönere, klangvollere Stimme wünschen. Ein Stimmcoaching bei Eva Loschky, das bedeutet: Ganzkörpertraining. Sie hat einen großen Fundus an Übungen, und es macht ihr sichtlich Freude, daraus das jeweils Geeignete herauszuholen, auch für mich. Ich lerne, innerhalb weniger Minuten meinen Körper in Schwung zu bringen: federn, schütteln, hüpfen, mit den Armen schlenkern. Ich übe Standfestigkeit im Wortsinn: Knie leicht beugen, Körpergewicht auf den Vorderfuß. Und, ganz wichtig: Beckenboden- und Bauchmuskulatur entspannen. Das fällt den meisten schwer, weil Stress und Emotionen gerade in dieser Körperregion Anspannung auslösen.

Bei vielen Frauen kommt hinzu, dass sie ihr Leben lang gewohnt sind, den Bauch einzuziehen und ihren Beckenboden daher kaum noch spüren. Feine Bewegungen im Sitzen, mit einem kleinen weichen Ball zwischen den Knien, helfen, die Spannung zu lösen. Die meisten Übungen sind leicht zu lernen, und die Stimme klingt danach gleich voller und farbiger. Schwieriger ist es schon, mit dem umzugehen, was Eva Loschky "die innere Kritikerin" nennt. Ich lerne sie kennen, als die Stimmtrainerin mich bittet, beim Anhören meiner Drei-Minuten-Rede alles aufzuschreiben, was mir an meiner Stimme und meinem Vortrag besonders gefällt. Zu dieser Übung müssen alle sich überwinden, sagt Eva Loschky. Denn die eigene Stimme auf einer Aufnahme zu hören, das ist, als schaue man sich nackt im Spiegel an. In dieser Situation sind Menschen erbarmungslos sich selbst gegenüber: "Das soll ich sein? So hoch, so wacklig, so atemlos? Und all diese Versprecher? Peinlich. Entsetzlich." In dieser Übung ist aber nur Lob erlaubt, keine Kritik.

Beim Stimmtraining geht es darum, sich Gehör zu verschaffen

Ich drehe den Kugelschreiber zwischen den Fingern, während Eva Loschky mit einem aufmunternden Lächeln von mir zu meinem leeren Blatt Papier schaut und wieder zurück. Beinahe lustlos bescheinige ich mir selbst eine angenehme Stimme. Dabei sollen wir beide doch Freundinnen werden. Es soll mir Spaß machen, meine Stimme kennen zu lernen, zu erproben, zu stärken. Ich soll mich darauf freuen, im Mittelpunkt zu stehen, wenn ich spreche. "Darum geht es eigentlich bei dem, was wir hier machen", sagt Eva Loschky. Die Menschen, die zu ihr kommen, trainieren nicht nur ihre Stimme. Sie üben auch, sich Gehör zu verschaffen. Alle acht bis zwölf Wörter brauchen der Zuhörer, aber auch die Sprecherin eine winzige Atempause. Die meisten jagen darüber hinweg, vor allem wenn sie angespannt sind, so wie ich in meiner Drei-Minuten-Rede. Eva Loschky hat nachgezählt: Bis zu 25 Wörter am Stück habe ich meinem fiktiven Publikum um die Ohren gehauen - kein Wunder, dass ich manchmal außer Atem war. Ich bekomme eine zweite Chance und darf meinen Übungsvortrag noch einmal beginnen - diesmal vor dem Spiegel. Ich sehe und höre mir zu, wie ich deutlich ruhiger spreche, mir Pausen nehme, meine Sätze wirken lasse. "Maul auf beim Reden!", sagt Eva Loschky.

Wer sich daran hält, tut nicht nur seiner Stimme etwas Gutes, sondern auch der Muskulatur am Hals und im Nacken. Sie ist ständig verspannt, wenn beim Sprechen die Mundöffnung krampfhaft klein gehalten wird. Ich konzentriere mich auf meinen Unterkiefer, spüre die Spannung darin - und lasse los. Der Unterkiefer sinkt nach unten, und wie von selbst öffnet sich der Mund so weit, dass etwa zwei Fingerspitzen übereinander zwischen die Zahnreihen passen. "Aaaa", sage ich - und der Ton steht im Raum, klingt nach. Das könnte ich künftig jeden Morgen üben, vor dem Spiegel beim Zähneputzen, auf dem Weg zur Bushaltestelle, vor einer Konferenz schnell noch mal auf der Toilette, sagt die Trainerin. Musiker stimmen ihre Instrumente, bevor sie anfangen zu spielen. Warum also nicht die Stimme stimmen, bevor wir damit sprechen? Manche Sänger nennen die Stimme ihr Instrument, das sie immer bei sich haben. Für sie wäre es unvorstellbar, ihr Instrument nicht zu pflegen, so schlecht darüber zu denken, so lieblos damit umzugehen, wie manche es im Alltag tun.

Mein Instrument ist jetzt gut gestimmt. Ich öffne den Mund und singe ein Lied. „Das tun alle bei mir“, hat Eva Loschky vorhin gesagt. Auch die Geschäftsfrauen und -männer, die sich mit einem Stimmcoaching schnell noch fit machen lassen wollen für die nächste große Präsentation. Manche, die sie erst überreden muss, wollen dann gar nicht mehr aufhören. Stehen da und singen, mit einem Lächeln im Gesicht und vergessen fast, weshalb sie hergekommen sind. Mir geht es ähnlich. Einen Moment lang hatte ich beim Singen sogar das Gefühl, mit meiner Stimme Freundschaft zu schließen. Genüsslich leere ich das große Glas Wasser, das die Trainerin mir fürsorglich hingestellt hat, und wahrscheinlich habe ich dabei ein Lächeln im Gesicht. Zum Zeichen, dass es jetzt noch einmal an die Arbeit gehen soll, klopft Eva Loschky sanft mit dem Kugelschreiber auf ihren Notizblock.

Stimmtraining: Aus dem Stand eine Rede halten

Entweder ich habe was zu sagen oder ich halte den Mund.

"Inhalt" steht auf der Seite, die sie aufgeschlagen hat. Ihr ist wichtig, dass ich nicht mit dem Eindruck nach Hause fahre, es gehe in ihrem Training ausschließlich um eine wohlklingende, tragende Stimme. Die allein ist wenig wert, wenn die Sprecherin Phrasen drischt oder sich selbst und ihr Anliegen klein macht durch ihre Formulierungen. Ein schlechtes Drehbuch wird ja auch nicht dadurch überzeugender, dass brillante Schauspieler die Hauptrollen spielen. Alle, die mit Eva Loschky an ihrem Auftreten im Berufsleben arbeiten wollen, müssen den Übungsvortrag halten, und das Thema ist immer selbst gewählt. "Was ist Ihnen wichtig im Beruf, wofür brennen Sie?", fragt die Trainerin und fordert dann auf: "Darüber halten Sie jetzt aus dem Stand eine Rede!" Wenn dann "farbenfrohe Einkaufserlebnisse" versprochen werden oder "Arbeitsabläufe optimiert" werden sollen, fragt sie nach: "Was ist das Besondere an Ihrem Laden? Wie ist er eingerichtet, wie begrüßen Sie die Kunden? Was genau wollen Sie künftig anders machen bei der Arbeit? Erzählen Sie!" Die Kunst, zu erzählen, Menschen neugierig zu machen, geht verloren in den Büros und Konferenzräumen, beobachtet die Trainerin. Besprechungen und Tagungen gehen dahin mit blutleeren Präsentationen, deren Inhalt die Zuhörer ebenso gut in den ausgeteilten Unterlagen nachlesen könnten. Meine Rede ein zweites Mal bis zum Ende zu halten wird mir erlassen. Und Eva Loschky liest mir auch nicht alle verunglückten Formulierungen vor, die sie während meines ersten Vortrags mitgeschrieben hat. Nur den einen Satz, der auf ihrem Notizblock doppelt eingekreist ist: "Ich möchte Ihnen ein bisschen was erzählen." Nie wieder, schwöre ich mir. Nicht vor Publikum. Entweder ich habe was zu sagen, oder ich halte den Mund.

Stimmtraining: Lesen, hören, ausprobieren

Das Konzept von Eva Loschky und viele Übungen sind beschrieben in ihrem Buch "Gut klingen - gut ankommen: Effektives Stimmtraining mit der Loschky-Methode". 224 Seiten, 7,95 Euro, Goldmann.

Übungen zum Mitmachen, Mitsprechen, Mitsingen - ohne Vorbereitung, ohne Vorkenntnisse - enthält das Hörbuch "Mit der Stimme begeistern und überzeugen: Stimmtraining von und mit Eva Loschky". Ca. 75 Minuten Spielzeit, Steinbach Sprechende Bücher, 14,99 Euro.

Infos über die Seminare und Coachings der Trainerin sowie Podcasts zum Mitüben finden Sie auf ihrer Website www.evaloschky.de.

"Stimmtrainer" ist kein geschützter Beruf, und der Markt ist unüberschaubar groß. Für alle Angebote gilt: anschauen, nachfragen, erst einmal ausprobieren und auf sich wirken lassen. Übungen, die nicht guttun, sind auch nicht gut. Seriöse Anbieter führen kostenlose Vorgespräche am Telefon und informieren gern über ihre Ausbildung und Erfahrung. Professionelle Stimmtrainerinnen haben eine Ausbildung als Logopädinnen, Atem-, Stimm- und Sprechlehrerinnen, Sprecherzieherinnen oder auch im Schauspiel und/oder Gesang. Adressen online unter dem Suchbegriff "Stimmtraining". Einzelcoachings dauern mehrere Stunden oder auch einen ganzen Tag, die Preise sind entsprechend. Kostengünstig sind Gruppenkurse, etwa zu Themen wie "Körper und Stimme", zum Beispiel an Volkshochschulen.

Text: Christine Tsolodimos Fotos: Max Lautenschläger Haare und Make-up: Heike Leska

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