Barbara Becker: "Über den Sport habe ich gelernt, wer ich bin"

"Die Frau von Boris" - das ist lange her. Barbara Becker, 45, macht längst ihr eigenes Spiel. Selbstbewusst und souverän. Mit sympathischen Ansichten über Sport, Stützstrümpfe und Schubladendenken.

Eine schöne Frau, die weiß, was sie will - und was nicht: Barbara Becker beim Interview in Essen

Frisch gebräunte Bodybuilder, Mädchen in bonbonfarbenen Leggings, Geschäftsleute mit Laptops. Es ist viel los in der Lobby des "Atlantic Congress Hotel" direkt neben dem Messegelände in Essen. Die internationale Fitness-Szene hat sich versammelt. Auch Barbara Becker, 45, ist zur FIBO, der weltweit führenden Messe für Fitness, Wellness und Gesundheit, angereist. Gestern hat sie ihr neuestes Buch "B.fit in 30 Tagen" dort vorgestellt. Zusammen mit Timo, ihrem Stylisten, kommt sie jetzt durch die Halle. Elegantes Kleid statt Sportdress, Highheels. Eher Businessfrau als Fitness-Ikone. Freundlich, offen, aber diszipliniert. Dass sie, wie sie später erzählt, vergangene Nacht mehr telefoniert als geschlafen hat, sieht man ihr nicht an.

BRIGITTE WOMAN: Haben Sie heute Morgen schon Sport gemacht, Frau Becker?

Barbara Becker: Ein bisschen Yoga. Und ich habe etwas meditiert. Aber geschwitzt habe ich noch nicht. Ich gehe nachher laufen bei dem tollen Wetter.

BRIGITTE WOMAN: Die Yoga-Matte und die Laufschuhe sind also auf Reisen immer dabei?

Barbara Becker: Auf jeden Fall. Gerade auf Reisen brauche ich das, um in meinen Körper hineinzukommen. Tiefes Einatmen, Sauerstofftanken, damit der Körper wach wird, der Motor anspringt. Das ist für mich morgens wichtig.

BRIGITTE WOMAN: Was nehmen Sie sonst noch mit?

Barbara Becker: Relativ viele Sachen - aber ich schleppe sie auch selbst. Wenn ich längere Zeit unterwegs bin, habe ich meinen Entsafter dabei, meine Tees, meine Magnesiumdrinks und Morgenshakes (lacht). Und Bilder von den Kindern. Das sind meine Anker. So sieht jedes Hotelzimmer gleich aus. Das gibt mir Sicherheit. In Deutschland ist es natürlich einfacher, da bin ich oft bei meiner Mutter oder bei Freunden. Heute Abend werde ich zum Beispiel in Berlin mit meiner ältesten Freundin essen gehen. Die kenne ich seit meinem zwölften Lebensjahr. Dann schlafe ich bei Udo (Walz), der ist wie ein väterlicher Freund. Und morgen besuche ich meine Mutter.

BRIGITTE WOMAN: Das klingt ein bisschen nach Heimweh. Fehlt Ihnen Deutschland?

Barbara Becker: Früher hat mir das Brot gefehlt, heute sind es der Wald, das Pilze- und das Beerensammeln. Und der Frühling, dieses Erwachen, dieses Spektakel des explodierenden Grüns - das gibt es dort, wo ich jetzt lebe, nicht. Miami hat eine andere Fülle. Und es hat mich gut aufgenommen. Aber ich bin schon immer viel umgezogen und durch die Welt gereist. Egal, wo mich das Leben hingeworfen hat, habe ich mich mit den Menschen und den Möglichkeiten, die es dort gab, angefreundet. Die Heimat waren für mich immer meine Freunde. Oder gewisse Traditionen und Rituale. Wie mein Spezial-Porridge, den die Kinder und ich montags bis freitags zum Frühstück essen.

BRIGITTE WOMAN: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie: "Wahres Glück findet man nur in sich selbst." Glücklich sein kann also nur jemand, der in sich selbst zu Hause ist. Wie gelingt Ihnen das?

Barbara Becker: Das ist Übungssache. Ich habe auch schlechte Tage. Aber ich habe gelernt, alte erlernte Muster aufzubrechen und mich zu beobachten. Bevor ich in ein Loch falle, kann ich viele Dinge tun: Blumen schneiden, schwimmen, Trampolin springen, auf meine alte Eiche klettern.

BRIGITTE WOMAN: Sie haben eine deutsche Eiche in Miami?

Barbara Becker: Ich glaube nicht, dass sie deutsch ist, aber sehr alt. Mit einem Baumhaus und Platz zum Klettern. Das bringt mich zum Lachen. Oder ich mache Atemübungen oder ein bisschen Sport.

BRIGITTE WOMAN: Sport scheint wirklich eine zentrale Bedeutung für Sie zu haben. Nicht nur als Antidepressivum, als Mittel gegen "bad days", sondern auch als Selbstfindungsprozess.

Barbara Becker: Als ich 33 war, frisch geschieden mit zwei kleinen Kindern, habe ich gemerkt, dass ich mich dringend wieder mehr um mich selbst kümmern musste. Damals habe ich mit Yoga angefangen. Dann kamen Pilates und andere kraftvollere Workouts dazu. Damit habe ich es geschafft, bei mir anzukommen. Über den Sport und die Begegnung mit mir selbst habe ich gelernt, wer ich bin und wohin ich in meinem Leben möchte. Sport bringt uns besser in Kontakt mit uns selbst. Wenn wir etwas für unseren Körper tun, tun wir etwas für unsere Seele und unseren Geist.

BRIGITTE WOMAN: Das empfinden Sie so. Aber das muss doch nicht für jeden gelten.

Barbara Becker: Das ist eine Möglichkeit. Das bedeutet natürlich nicht, dass das für jeden gut ist. Die Werkzeuge, die ich anbiete, sind eine Hilfestellung. Es gibt hunderttausend andere Dinge, die man machen kann, um zur Ruhe zu kommen. Es ist kein Muss für jeden, einmal am Tag zu schwitzen. Für mich ist es aber der kürzeste Weg zu mir selbst.

BRIGITTE WOMAN: Welchen Einfluss hatte da Miami? Sie pendeln viel hin und her. Wenn Sie vergleichen: Gehen die Amerikaner anders mit Sport und Fitness um als die Deutschen?

Barbara Becker: In Amerika ist Körper Kult. Es ist normal, etwas für seinen Körper zu tun - und nicht nur aus Eitelkeit, sondern, um sich selbst etwas zurückzugeben. In Deutschland ist Sport immer noch oft mit Qual und Frust verbunden. Dafür habe ich keine Zeit, dazu habe ich keine Lust, sagen viele. Aber wenn das Bewusstsein für den eigenen Körper und die Freude an der Bewegung im Vordergrund stehen, hat das nichts mit einem Muss zu tun. Dann macht Sport Spaß, wie Tanzen. Auf der Tanzfläche überlegt auch niemand, ob er noch einen weiteren Tanz durchhalten muss. Sich in seinem gesunden Körper zu bewegen, die Bewegung zu zelebrieren ist ein Geschenk.

BRIGITTE WOMAN: Lassen Sie auch mal fünf gerade sein?

Barbara Becker: Klar, wenn ich gar keine Lust habe, mache ich nichts. Ich kasteie mich nicht, und ich verbiete mir nichts. Dann fahre ich die Kinder im Schlafanzug zur Schule. Oder ziehe mir, wenn ich schwere Beine habe, beim Schlafen meine Stützstrümpfe an. Sehr sexy (lacht).

BRIGITTE WOMAN: Aber es gibt doch inzwischen sehr modische Stützstrümpfe...

Barbara Becker: Bei vielen Sachen ist es wichtig, dass sie elegant aussehen. Bei Stützstrümpfen ist mir wichtig, dass der Strumpf stützt. Zum Beispiel beim Fliegen. Viele Frauen ziehen ihre schönen neuen Schuhe bei Regen lieber aus, um sie nicht zu verderben. Ich möchte mit meinem Körper mindestens genauso gut umgehen wie mit meinen Schuhen. Wo ich ihm helfen kann, werde ich es tun. Gerade wenn man älter wird, sollte man seinen Körper in der Selbstheilung unterstützen.

BRIGITTE WOMAN: Soweit das machbar ist, sicher. Aber es gibt auch Grenzen. Irgendwann ist das nicht mehr möglich. Sie haben das selbst erfahren, als Sie Ihren krebskranken Vater bis zu seinem Tod gepflegt haben. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Barbara Becker: Im Rückblick leider nicht so bewusst, wie ich es gern getan hätte. Erlebt habe ich diese Zeit hauptsächlich durch die Augen meiner Kinder. Mein Vater ist für sie, als er bei uns gelebt hat, ein echter Großvater geworden. Er hat mit ihnen gekocht und ihnen Geschichten aus seiner Kindheit erzählt. Er hat eine Brücke gebaut zu einer Welt, die meine Kinder bis dahin nicht kannten, die aber ein Teil ihrer eigenen Historie ist. Ich habe eher verdrängt, wie krank er war. Er hat sehr stark gekämpft und dadurch viel länger gelebt, als es alle für möglich gehalten haben. Für mich war das ein Kampf ums Leben. Ich habe erst, als er gestorben war, wirklich realisiert, dass er tatsächlich die ganze Zeit am Sterben war.

BRIGITTE WOMAN: Hatten Sie Unterstützung?

Barbara Becker: Seine frühere Lebensgefährtin war eine große Hilfe. Sie hat die Krankenschwesterrolle übernommen und sich mit einer unglaublichen Aufopferung um ihn gekümmert. Das hat mir gezeigt, wie man den anderen durch komplettes Sich-selbst-Zurücknehmen am Leben halten kann. Ich habe viel davon gelernt.

BRIGITTE WOMAN: Hat das auch Ihre Einstellung zum Leben verändert?

Barbara Becker: Ich habe keine Ängste mehr. Angst ist eine Illusion, das habe ich kapiert. Statt ängstlich durchs Leben zu rennen, ist es besser, im Moment zu verharren und die Zeit mit den Menschen, die wichtig sind, zu genießen.

BRIGITTE WOMAN: Welche Bedeutung hat Genuss für Sie?

Barbara Becker: Gesundheit steht für mich stets an erster Stelle. Trotzdem ist Genuss ganz wichtig, denn am Ende des Tages zählen Glück und Lebensfreude. Aber in unserer Gesellschaft hat Genuss immer etwas mit Konsum und Essen zu tun. Genießen bedeutet, sich eine Handtasche zu kaufen oder ein Stück Käse zu essen. Mit Freunden trifft man sich immer zum Essen, statt zusammen spazieren zu gehen. Für mich ist Genuss auch, in meiner Hängematte zwischen den Palmen zu faulenzen und mir meine Zeit mit mir selbst zu gönnen.

BRIGITTE WOMAN: Sicher etwas, was mit den Jahren wichtiger wird. Sie sind jetzt Mitte 40. Wie gehen Sie damit um, dass Sie älter werden?

Barbara Becker: Vor etwa sechs Jahren habe ich angefangen, mit dem berühmten chinesischen Lehrer Master Peng Qi-Gong zu machen und zu meditieren. Mit dem Qi-Gong habe ich gelernt, mich in der Welt wahrzunehmen und mich selbst anzunehmen. Heute höre ich in mich hinein: Wie fühle ich mich gerade, was brauche ich jetzt. Letztendlich geht es immer wieder um dasselbe: die Begegnung mit mir selbst. Auf diese Weise habe ich mich besser mit mir angefreundet. Ich weiß, dass es Dinge gibt, an denen ich arbeiten kann, und andere, von denen ich mich verabschieden muss.

BRIGITTE WOMAN: Zum Beispiel?

Barbara Becker: Ich habe bestimmt ein paar Kilo mehr als vor zehn Jahren. Und die sitzen wie bei jeder Frau an den Hüften, am Bauch und am Po. Ich glaube, Sophia Loren hat mal gesagt: lieber einen dicken Hintern als Falten im Gesicht. Ich bin auf dem besten Weg dahin. Aber ich habe das Gefühl, es ist in Ordnung, so wie es jetzt ist. Ich habe mich mit den Kilos angefreundet. Selbstkritik ist etwas, was gerade wir Frauen uns irgendwann abgewöhnen sollten.

BRIGITTE WOMAN: Das ist oft leichter gesagt als getan, vor allem, wenn Kritik von anderen kommt...

Barbara Becker: ...oder man merkt, dass man sich als Frau schon etwas aufbrezeln muss. Wenn man sich die Haare toll kämmt oder hohe Schuhe anzieht, wird man ganz anders behandelt. Wenn man als Frau wahrgenommen werden will und Komplimente bekommen möchte, geht es fast nur mit Schminke.

BRIGITTE WOMAN: Ein Problem für viele Frauen. Wenn sie älter werden, werden sie einfach nicht mehr gesehen. Sie werden unsichtbar - trotz Schminke.

Barbara Becker: Das ist bei mir anders. Als schwarze Frau ist man nie wirklich unsichtbar. Ich bin immer viel angestarrt worden, habe mich als Exotin gefühlt, als jemand, der durch die Hautfarbe aus der Masse herausragt. In Amerika spüre ich deshalb manchmal Rassismus. Alle lassen sich von Äußerlichkeiten leiten. Ich hasse dieses Schubladendenken. Sobald wir eine solche Schublade an uns bemerken, sollten wir sie rausreißen, wegwerfen, verbrennen. Solche Sachen machen alt.

BRIGITTE WOMAN: Gibt es auch Vorteile des Älterwerdens?

Barbara Becker: Ganz viele. Man hetzt nicht mehr so durchs Leben. Und man muss nicht mehr jammern, dass man etwas nicht kann. Man weiß aus Erfahrung, wie etwas funktioniert, wie man wieder aufsteht und wie es weitergeht. Man hat Sicherheit gewonnen. Das sind Vorteile, die einem ermöglichen, sich noch einmal neu ins Leben zu verlieben. Nicht nur glücklich am Leben zu sein, sondern auch glücklich mit dem Leben zu sein.

BRIGITTE WOMAN: Machen Sie sich Gedanken übers Älterwerden?

Barbara Becker: Absolut nicht. Ich habe eine 74-jährige Freundin, mit der mache ich viel Pilates und Wassergymnastik bei mir im Pool. Die hat dreimal so viel Energie wie ich, geht jede Nacht aus, das könnte ich gar nicht. Meine allerbeste Freundin ist 64 und ständig unterwegs. Und meine Mutter ist 70 geworden, hat noch Arabisch studiert und gerade ihren Abschluss mit 1,2 gemacht. Wenn ich das alles sehe, habe ich nicht das Gefühl, dass ich Angst vorm Älterwerden haben muss. Und gerade weil ich keine Ängste habe, fühle ich mich immer wohler. Ich merke, wohin der Weg geht, und darauf freue ich mich.

Barbara Becker,

lebt mit ihren beiden Söhnen Noah Gabriel, 18, und Elias Balthasar, 13, in Miami. Sie arbeitet als Designerin und hat mehrere Fitness-Bücher und -DVDs veröffentlicht. Zuletzt: "B.fit in 30 Tagen" (208 S., 19,99 Euro, Riva 2012; DVD 14,95 Euro) und "Qigong mit Barbara Becker und Master Peng" (DVD 15,99 Euro).

Interview: Monika Murphy-Witt Fotos: Sabine Bungert

Wer hier schreibt:

Monika Murphy-Witt
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