Das Vergnügen, anders zu sein

Exzentrische Frauen bereichern unseren Alltag mit ihren Ideen und ihrer Kreativität. Wir haben drei Individualistinnen getroffen und festgestellt: Nichts macht so glücklich, wie das Leben abseits der Konventionen.

Es gibt Frauen, die kaufen sich als Erstes eine Kappe, das ist ein so genannter Einsteiger-Hut. Aber Ute Patel-Mißfeldt hat nie einen gebraucht. "Meine Mutter liebte Riesenhüte, und meine kleine dicke Großmutter trug solche Sombreros", Ute Patel-Mißfeldt zieht mit den Händen eine Umlaufbahn um ihren Kopf, als sei er ein eigener Planet. Dann schwärmt sie von den Abendhüten, von surrealen Filzgebilden in allen Formen und Größen, die in ihren Schränken lagern. Als sie in Minsk war, hat sie einen rosa Turban mit langen Federn getragen. In Taiwan ihren Papageienhut. Dort trägt niemand einen Hut. Absolut niemand!

Aber Patel-Mißfeldt geht nie ohne, und das Modell, das sie an einem Frühlingsmorgen im April trägt, ruht wie ein gigantischer zartgrüner Tautropfen auf ihrem Kopf. Die 66-Jährige lebt in Neuburg an der Donau, einem Städtchen mit 30 000 Einwohnern und einem kleinen Bahnhof, auf dem sie an diesem Tag in einem wadenlangen Seidenkaftan mit den Plakaten um die Wette leuchtet. Es ist verdächtig still auf dem Bahnhof, die wenigen Reisenden mustern Patel- Mißfeldt wie eine Erscheinung. "Anstarren bin ich gewohnt", sie geht mit entschlossenen Schritten zu ihrem Auto, "aber mich stört das nicht. Ich ziehe mich ja bewusst so an, es ist ein Teil Opposition und ein Teil Provokation."

Man darf sich keine Blöße geben.

Typisch exzentrisch, meint der Neuropsychologe David Weeks, der an der Uni in Edinburgh das Leben von mehr oder weniger berühmten Paradiesvögeln wissenschaftlich untersucht. Weeks empfiehlt uns allen, ein bisschen verrückter zu sein. "Exzentriker sind viel glücklicher. Sie werden älter als andere Menschen und sehen dabei besser aus." Und Weeks muss es wissen, er lebt schließlich im Heimatland der Spleens. In England werden Exzentriker seit Jahrhunderten geliebt und geachtet, allerdings reicht es dafür nicht, seinem Yorkshire- Terrier eine Schleife ins Haar zu binden. Man muss schon so sein wie Gartenzwerg-Fan Ann Atkin, die selbst gern Zwergen- Zipfelmützen trägt. Oder wie die Schriftsteller-Queen Barbara Cartland, die bis zu ihrem Tod im Mai 2000 in einem rosa dekorierten Schloss lebte und alle 14 Tage einen Liebesroman schrieb.

Ute Patel-Mißfeldt ist ein gutes Beispiel dafür, wie recht Weeks mit seinen Studien hat. Die rothaarige Dame wirkt energisch und lebensfroh, so, als würde sie jeden Tag erneut in Entdeckerlaune in See stechen, um den Mainstream großzügig zu umsegeln. Schon als Kind hat sie sich für Kunst, Schneiderei und Dekoration begeistert. Heute malt sie, entwirft Porzellan und indische Seiden-Saris. Aber ihr liebstes Designobjekt ist immer noch sie selbst: Zu ihrem Tautropfen-Hut trägt sie farblich passende Pumps und Ohrringe. Und selbst ihr Auto ist auf ihren Kopfschmuck abgestimmt: Es hat eine große Tür und extraniedrige Sitze, denn sonst kann die Trägerin eines opulenten Hutes nicht lässig hinters Steuer sinken – und das könnte fatale Folgen haben! "Man darf sich keine Blöße geben, wenn man so exponiert ist", erklärt Patel- Mißfeldt, während sie in ihrem Wagen Platz nimmt, den Rückwärtsgang einlegt und schwungvoll ausparkt, "die Menschen sind wie Tiere. Wenn sie deine Unsicherheit wittern, dann fallen sie über dich her."

In Wien hat Patel- Mißfeldt mal eine Frau zur Rede gestellt, die sie kopfschüttelnd angestarrt hat. Störe ich Sie?, hat Patel-Mißfeldt gefragt. Schade ich Ihnen? Tue ich Ihnen weh? Die Frau hat völlig verschreckt geantwortet: Na, Sie sehen eben nicht normal aus. Und da hat Patel-Mißfeldt gesagt: "Da haben Sie recht. Aber wenn Sie nett gelächelt hätten, hätte ich zurückgelächelt, und wir hätten beide einen schönen Tag gehabt." Dann ist sie mit ihrem Kleid mit Mohnblumen- Muster davongeflattert, und beim Weggehen haben die langen rot-blauen Bänder daran geweht und die kleinen Glöckchen gebimmelt, die sie unter ihren Rock genäht hatte.

Eine Mischung aus Raketenmensch und Sonnenstrahl

Das Lebenselixier exzentrischer Frauen ist eine magische Mischung aus Furchtlosigkeit und Originalität. Nichts scheint ihnen peinlich, und egal, welche absonderlichen Dinge sie auch tun: Sie verlieren nie das Gefühl, sie selbst zu sein. Sie sind spontan und zäh, mutig und einfallsreich. Wer unter Exzentrik-Verdacht steht, tut selbst gewöhnliche Dinge auf ungewöhnliche Art, so drückt es Neuropsychologe Weeks aus. Das gilt auch für Uschi Bierbaum- Bucksch. Die Medizinerin residiert mit ihrer HNO-Praxis an einer belebten Düsseldorfer Allee, der man ihre exzentrische Bewohnerin nicht ansieht. Nach ihrer schulmedizinischen Ausbildung hat die Ärztin mehr Naturheilverfahren erlernt, als man sich auf die Schnelle merken kann. Eine kluge Frau, der man aber bei der ersten Begegnung unwillkürlich auf die Füße gucken muss: Denn Bierbaum-Bucksch läuft in ihrer Freizeit Barfuß- Marathons und steigt dafür in einen hautengen goldenen Anzug, mit dem sie aussieht wie eine Mischung aus Raketenmensch und Sonnenstrahl.

An einem ganz normalen Praxistag gucken die Zehen der Ärztin braun gebrannt aus weißen Gesundheitslatschen. Sie wirken sympathisch, das schaffen wohl nur die Füße einer professionellen Barfußgängerin. Schnellen Schrittes stellt Uschi Bierbaum- Bucksch uns ihre Praxis vor, eine originelle Kombination aus medizinischem Gerät, Venus-Statuen und Korbsesseln.

Barfuß laufen, das ist mein Ding.

Während die 59-Jährige durch die Räume eilt, erzählt sie von ihrer Passion und davon, wie alles begann. Die Idee, barfuß zu laufen, durchzuckte die Medizinerin ausgerechnet im Winter. Es war Weihnachten 2003: "Ich las in einem Buch etwas über Barfuß-Ärzte und darüber, dass jeder im Leben seine ureigene Idee finden muss", Bierbaum-Bucksch bleibt abrupt stehen, als sie an diesem Punkt ihrer Geschichte ankommt, "das war ein magischer Augenblick. Plötzlich wusste ich: Barfußlaufen, das ist mein Ding!"

Es war kalt an diesem Weihnachtstag, drei Grad, und geregnet hat es auch. Aber weil Bierbaum- Bucksch selten etwas auf die lange Bank schiebt, hat sie es gleich ausprobiert: Sie hat bei alten Sportsocken die Sohle ausgeschnitten, "damit es beim Laufen so aussieht, als hätte ich Strümpfe an". Und dann ging es los. Zwei Dinge hat sie bei diesem Lauf gelernt: Es war nicht so kalt, wie sie befürchtet hatte, und niemand achtete auf sie: "Es interessierte eigentlich keinen, was ich tat. Die Hauptsache schien: Ich war davon überzeugt." Ihren ersten Barfuß-Marathon hat Bierbaum-Bucksch dann 2004 mit einem gebrochenen Zeh beendet. Als sie davon erzählt, wie aufgeregt und unsicher sie vorher war, da fällt einem unwillkürlich der Satz von Ute Patel-Mißfeldt wieder ein: Eine Exzentrikerin darf sich keine Blöße geben! Auch die Düsseldorfer Ärztin erinnert sich an die Momente vor dem Lauf, wo alles darauf zu warten schien, dass sie einen Fehler machte. "Als ich meine Schuhe auszog, haben einige Leute schon Sprüche geklopft, in so einer Situation muss man eben in sich ruhen." Uschi Bierbaum- Bucksch sieht sehr empfindlich aus, als sie das sagt – vielleicht sind ihre nackten Füße auch ihre Art, ihre Verletzlichkeit in die Welt zu tragen.

Dabei haben David Weeks' Studien gezeigt, wie heilsam exzentrisches Verhalten für die Umgebung der Abweichler sein kann. In einer Zeit, in der Menschen wie Sklaven der Gesellschaft oder der Gene wirken, zeigen Exzentriker, dass jeder Mensch etwas Besonderes ist. "Indem sie Normen missachten, die die meisten von uns nie infrage stellen, zeigen sie uns, wie viel persönliche Freiheit wir unnötigerweise verschenken", schreiben David Weeks und Jamie James in ihrem Buch "Exzentriker". Deshalb sind die Reaktionen der Mitmenschen oft auch positiv. "Ich bekomme häufig Komplimente von Männern", sagt Ute Patel-Mißfeldt – aber meistens lacht sie dann nur und antwortet: "Aber zu Hause möchten sie so eine wie mich nicht haben." Extravaganz bewundern ist eine Sache, mit ihr verheiratet zu sein eine andere, das weiß die Neuburgerin genau. "Einer Frau wie mir wird schnell unterstellt, ein Biest zu sein, und dann wird der Ehemann heimlich bedauert." Manchmal fragt Ute Patel-Mißfeldt deshalb ihren Mann: Findest du meinen Look zu auffällig? Aber der lächelt dann nur weise und sagt: Denk nicht darüber nach, was anderen gefällt. Benimm dich wie eine Königin, und die Leute werden sich vor dir verbeugen.

Die meisten Exzentrikerinnen kümmert es wenig, wenn die Twinset-Fraktion bei ihrem Anblick aus den Schuhen kippt. Gleichzeitig aber sind sie große Menschenfreunde, Exzentrik bedeutet nämlich nicht Egozentrik. Bierbaum-Bucksch hat kleine Sticker anfertigen lassen, goldene Fußabdrücke, die man sich ans Revers heften kann, mit der Gravur: Barfuß für Menschen. Bei ihren Läufen sammelt sie Geld und stiftet es karitativen Einrichtungen. Patel-Mißfeldt und ihr Mann haben in dessen indischer Heimatstadt Bhavnagar die angesehene Frauenorganisation Mahila Sangh gegründet, die in Slums Kindergärten betreut und Frauen kostenlos in Abendschulen unterrichtet. Um die Hutbranche zu unterstützen, veranstaltet Patel- Mißfeldt außerdem jedes Jahr im September eine Hutschau. Dann herrscht in Neuburg Ausnahmezustand, 12 000 Modelle wurden im letzten Jahr gezeigt.

Die Geschichte exzentrischer Frauen prägen Charaktere wie Mary Kingsley, deren Leben vor allem darin bestand, sich den Konventionen ihrer Zeit zu widersetzen. Die Engländerin sollte eine wohlerzogene Dame des Viktorianischen Zeitalters werden. Aber zum Schrecken ihrer Verwandtschaft reiste sie Ende des 19. Jahrhunderts durch Afrika und schrieb ihre Erlebnisse in ihren großartigen Memoiren "Die grünen Mauern meiner Flüsse" nieder. Neben vielen Ticks pflegte Afrikaforscherin Kingsley auch den, in jeden Raum mit einem Eintritt-verboten-Schild hereinzuspazieren. Weil sie ihr Eintreten immer mit dem Satz "Ich bin's nur" anmeldete, erhielt sie den Spitznamen "Nur ich".

Neben der Lust, Rollenbilder zu sprengen, zeichnet Exzentrikerinnen ihre Neugier und ihr Pioniergeist aus – in diesem Sinne ist auch Barbara Buchholz alles andere als eine alltägliche Erscheinung. Die 47-Jährige spielte in den 80er Jahren Bass in der Frauen-Jazzband "Reichlich weiblich". Sie war erfolgreich, und das Leben hätte immer so weitergehen können. Aber dann sah die Berlinerin Anfang der 90er Jahre die Russin Lydia Kavina ein seltsames Ding spielen. Es war ein Theremin, das einzige Instrument, das ohne Berührung zum Klingen gebracht wird. Der Theremin ist etwas größer als eine Computertastatur, an der rechts und links Antennen rausragen; die eine regelt Lautstärke, Artikulation und Phrasierung, die andere Tonhöhe und Vibrato. Man kann damit Bach spielen oder experimentelle Klang-Landschaften in die Luft malen. Die Töne werden durch Bewegungen der Hände rund um die Antennen erzeugt, eine leichte Armbewegung erzeugt ein dreifaches Forte.

Ich bin's nur.

Oftmals muss Barbara Buchholz nach Konzerten ihr Instrument erklären. Die Gespräche sind ein wunderbarer Kontrast zu ihrem Spiel, bei dem sie sich völlig in die Töne versenken muss. "Ich liebe diesen Gegensatz", meint die Musikerin, Konzentration und Kommunikation, das sei es, was sie als Künstlerin und Mensch am meisten fasziniere. Es scheint, als hätte sie damit die innere Wahrheit jeder Exzentrikerin formuliert. Diese Mischung aus Ganz-bei-sich-Sein und Kontakt- zur-Welt-Suchen findet sich in vielen Biografien außergewöhnlicher Frauen. "Jede Spezies passt sich an, der Mensch ist das einzige Wesen, das die Bedingungen seiner Umwelt nicht akzeptiert", schreibt Weeks. Exzentrische Frauen haben großes Interesse an ihrer Umgebung und wissen genau, dass sie keine Märchenwelt umgibt. Aber statt zu träumen, leben sie ihre Fantasien aus. Sie sind wahre Individualisten, ohne dass sie dafür In-und- Out-Listen oder It-Bags brauchen, und weigern sich, bei ihren Idealen Abstriche zu machen. "Ich war schon als Kind so", Patel-Mißfeldt lächelt, als sie das sagt, Grenzen hat sie schon damals nicht akzeptiert. Gleich wird sie wieder ihren grünen Tautropfen-Hut aufsetzen und zum Bahnhof fahren, vorbei an dem alten Residenzschloss von Neuburg. Jahrhundertelang hat hier der Adel geherrscht, eine ausgewählte Clique, zu der nur die Gnade der richtigen Geburt Zutritt verschaffte. Benimm dich wie eine Königin, und die Leute werden sich vor dir verbeugen – Patel-Mißfeldt kurvt einmal mit ihrem Auto durch den Innenhof des Schlosses und winkt dem Verwalter durch das Autofenster zu. Wie sie da so sitzt und lacht, denkt man, dass es eigentlich doch ganz einfach ist, wie eine Königin zu sein – man muss sich nur einen leuchtend bunten Hut aufsetzen.

Text: Christa Thelen Fotos: Gregor Hohenberg
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