Jane Goodall: Die Botschafterin der Affen

Jane Goodall wurde als Schimpansenmutter weltberühmt, am 3. April wird sie 80 Jahre alt. Wir gratulieren mit einem Porträt.

Sie nannte sie Fifi, Flo oder Goliath. Ein Affront: Forschungsobjekte der Verhaltenswissenschaft trugen in den 60er Jahren Nummern und keine Namen - selbst wenn es sich um Menschenaffen handelte. Aber Jane Goodall, eine junge Tiernärrin ohne akademische Ausbildung, glaubte an das, was sie bei ihren Feldforschungen bei der Schimpansenkolonie in Tansania sah: dass Menschen und Schimpansen einander ähnlich sind, viel ähnlicher, als man bisher wusste. Fifi und Flo küssten und stritten sich, sie lachten, waren wütend, trauerten, halfen einander, umarmten oder schlugen sich, jedes Tier mit seiner eigenen Persönlichkeit. "Allein genetisch sind Mensch und Schimpanse zu 98 Prozent gleich. Deshalb habe ich meinen Tieren auch keine Nummern, sondern Namen gegeben", sagt die berühmteste Tierforscherin der Welt. Im ostafrikanischen Gombe- Nationalpark gebe es auch eine Britney Spears und einen Sir Paul. "Und wenn ich in einer Hotellobby stehe, fühle ich mich von einer Horde Affen umgeben." - "Uahuahuahua", beginnt Jane Goodall ihre Vorträge, mit einem lang gezogenen Begrüßungsschrei der Affen. Ihrer ruhigen, aristokratischen Erscheinung mit dem langen grauen Haar tut das keinen Abbruch, im Gegenteil: Dafür wird sie verehrt wie eine Heilige, die ihre ökologischen Weisheiten zu den Menschen trägt. 300 Tage im Jahr jettet sie durch die Welt, jagt von einem Kongress zum nächsten Dinner, von Interview zu Drehtermin. Immer erzählt sie voller Charme von den Schimpansen an den Ufern des Tanganjika-Sees, wo sie 1960 mit ihren Beobachtungen begann. Sie wirbt für das Jane-Goodall-Institut, das sie zum Schutz bedrohter Primaten gegründet hat, setzt sich gegen Tierversuche und für die Rettung der Welt ein.

Wenn ihre Schimpansen schliefen, döste auch Jane Goodall

Es klingt märchenhaft, aber schon als Kind zog es die kleine Jane zu den Tieren nach Afrika. Sie wollte sein wie Doktor Doolittle oder Tarzan, gleichzeitig war sie sehr gläubig und träumte von Franz von Assisi. Großmutter, Mutter und Tanten, bei denen sie auf einem kleinen Gut im englischen Bournemouth aufwuchs, unterstützten ihre Neugierde und die Liebe zur Natur. "Zum Glück hieß es bei uns nie: Dies und jenes kannst du nicht tun, weil du ein Mädchen bist." Also nahm Jane Regenwürmer mit ins Bett, um zu erforschen, wie sie ohne Beine laufen, und schlüpfte in den Hühnerstall, weil sie wissen wollte, wie die Eier aus den Hühnern kommen.

Für ein Studium reichte das Geld nicht, deshalb riet Janes Mutter dem Mädchen zu einer Sekretärinnenausbildung. Wie ein Wunder erschien es Jane Goodall, als sie 1957 von einer Schulfreundin nach Afrika eingeladen wurde. Sie jobbte monatelang in einer Kneipe, um das Geld für die lange Reise zusammenzubekommen. Denn von Anfang an stand für sie fest: Sie wollte bleiben. Sie bewarb sich bei dem berühmten Paläontologen Louis S. Leakey in Nairobi als Sekretärin. In ihrer Begeisterung für alles, was kreucht und fleucht, überzeugte die hübsche junge Frau den Wissenschaftler. Sie wurde seine Assistentin; fehlende wissenschaftliche Qualifikationen machte sie mit Mut und Unvoreingenommenheit wett. Drei Jahre später schickte der Forscher Jane in Begleitung ihrer Mutter, denn die Behörden duldeten keinen Alleingang, in den Urwald, um das Verhalten einer Schimpansenkolonie in einer Langzeitstudie zu beobachten. Er wollte Rückschlüsse auf das Leben unserer Urahnen daraus ziehen.

"Jetzt müssen wir entweder das Werkzeug oder den Menschen neu definieren oder den Schimpansen als menschliches Wesen akzeptieren", soll Leakey ausgerufen haben, als sie ihm sechs Monate später ihre erste revolutionäre Beobachtung telegrafierte: Affen benutzen Werkzeuge. Täglich war Jane den Schimpansen durchs Unterholz gefolgt. Geduldig und mit Abstand. Wenn die Affen Feigen aßen, tat die weiße Frau es auch, und wenn sie schliefen, döste auch sie. An einem kalten Novembermorgen begegnete sie David Greybeard - so hatte sie einen besonders vertrauensseligen Koloss mit grauem Bärtchen genannt, nachdem er sie schon mal bei der Hand genommen hatte. Er saß auf einer Lichtung, stocherte mit einem Halm, von dem er vorher das Laub gezupft hatte, in einem Termitenhügel, zog es heraus und streifte sich die Insekten direkt ins Maul. Eine Sensation.

Janes Beobachtungen stellten alle bisherigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf den Kopf. Sie entdeckte als Erste, dass Schimpansen nachdenken und kurzfristig planen können, Werkzeuge herstellen und benutzen, Fleisch fressen und eine differenzierte Sprache haben. Als sie ein paar Jahre später ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen in einer Doktorarbeit in Cambridge niederschrieb, stieß die Verhaltensforscherin auf erheblichen Widerstand. Aber, argumentierte sie selbstbewusst: "Ich finde, dass Frauen in der Lage sind, komplexe soziale Beziehungen besser zu verstehen als Männer, weil sie diese Rolle schon immer in der Familie besetzt hatten. Dadurch, dass Frauen die Bedürfnisse und Verhaltensweisen von Babys verstehen mussten, ohne dass Babys in der Lage wären, diese Bedürfnisse auszusprechen, sind Frauen im Vorteil bei der Erforschung von Primaten."

Jane Goodall nannte den einen oder anderen Affen ihr Vorbild

Was sie in ihrer unendlichen Geduld beobachtet hatte, ließ sich nicht widerlegen, zumal sie inzwischen bei ihren Streifzügen von einem Fotografen, Hugo van Lawick, begleitet wurde, der alles für "National Geographic" fotografierte, was sie notierte. Aus den beiden wurde ein Paar. Als strahlende Urwaldfee, langbeinig in Shorts und mit wehenden Haaren, posierte sie mit David Greybeard und seiner Gruppe und scheute sich nicht, den einen oder anderen Affen ihr Vorbild zu nennen. Bald turnte sie mit ihrem Sohn Grub im Tragetuch vor dem Bauch durch den Dschungel, ähnlich wie die Affenmütter mit ihren Babys. 1971 machte sie ihr Buch "In the Shadow of Man" ("Wilde Schimpansen") weltbekannt, worin sie hauptsächlich von den intensiven Mutter-Kind-Beziehungen bei Schimpansen erzählt. Daraus folgerte Jane, dass es auch für Menschenkinder in den ersten Lebensjahren nichts Wichtigeres gebe als den liebevollen Umgang mit der Mutter, was ihr nicht unbedingt die Zustimmung von Feministinnen eintrug.

War die Forscherin in den ersten Jahren davon überzeugt, dass sich die Schimpansen vor allem durch ihre fehlende Sprache und ihre Friedfertigkeit von den Menschen unterscheiden, musste sie später einsehen, dass der "edle Wilde" ein frommer Wunsch war. "Aggressive Tendenzen liegen in den gemeinsamen Genen von Menschen und Affen. Aber wir Menschen können sie besser kontrollieren." Ohne eingreifen zu können, erlebte Jane auf ihrer Forschungsstation, wie eine Schimpansengruppe eine andere in einem grausamen Territorialkrieg massakrierte. Einsichten, die der Forscherin bitter weh taten, auch deshalb, weil Tiere getötet wurden, die sie lieb gewonnen hatte.

Wenn Jane Goodall nach der Motivation für ihre Arbeit gefragt wird, erzählt sie von einem Erlebnis aus ihrer Kindheit: Einmal umschwärmte eine Libelle ihren Kinderwagen, die kleine Jane schrie, und ein wohlmeinender Passant schlug die Libelle tot. Da schrie Jane noch viel mehr und ließ sich nicht mehr beruhigen, weil ihr der Tod des Tieres so zu Herzen ging. "Vielleicht habe ich mein Leben lang versucht, diese Schuld zu sühnen", sagt Jane Goodall. Bis heute ist die Forscherin überzeugt davon, dass jeder Einzelne, ob Mensch oder Tier, etwas bewirken kann, sofern er der Natur Respekt entgegenbringt. "Vielleicht war die Libelle eine Botschaft an mich. Wenn ja, dann kann ich meinem Gott nur sagen: Botschaft gehört und verstanden."

Text: Marianne Mösle Foto: Getty Images
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