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Bauer hat Frau


Frauen auf dem Land melken, machen die Buchhaltung, kochen für eine Großfamilie, tanzen auf dem Feuerwehrball. Und entspannen mit autogenem Training.

Es gibt diesen guten Rat für alle, die aufs Land fahren: "Nimm eine tüchtige Nase voll, und du riechst nichts mehr!" Soll heißen: Es gibt kein Mittel gegen Kuhstall, also gewöhnt man sich lieber schnell daran. Genauso ist es mit der Arbeit auf dem Land. Zu tun gibt es immer, morgens und abends, im Sommer und Winter, am Geburtstag und an Weihnachten. Also gewöhnt man sich lieber schnell daran. "Man muss das gern machen, sonst geht es nicht", sagt Antje Hass aus Holtsee, 1358 Einwohner, 30 Höfe, bei Eckernförde an der Ostsee. Wer bei Land nur an Lust denkt, wird von ihr auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: "Wir Landfrauen stehen auch mal den ganzen Tag mit Gummistiefeln im Mist." Meistens aber nicht. Höchstens den halben, wenn man wie Antje Hass 70 Milchkühe samt Kälbern zu versorgen hat. Das heißt: zweimal täglich anderthalb Stunden melken - ein nasser, kalter und lauter Job.

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Der Hof der Familie Hass ist ein mittelgroßer Familienbetrieb. Knappe 900 000 Menschen leben in Deutschland von der Landwirtschaft, Männer und ihre Frauen, die den Spagat schaffen zwischen traditionellem Leben, gleichberechtigtem Anpacken und modernem Muttersein. Diese Frauen leben in einer kleinen Welt mit Erwartungen und Zwängen, mit neugierigen Blicken vom Nachbarn und ständig offener Haustür - jeder ist hier jederzeit willkommen. Antje Hass kann es sich gar nicht anders vorstellen: "In der Stadt würde ich eingehen."

Ihre Eltern hatten einen kleinen Betrieb, sie wusste also genau, was sie erwartete, als sie mit 21 Jahren heiratete und auf den Hof ihres Mannes zog. Kochen, Waschen, Melken, Büroarbeit und Hausaufgaben mit den Söhnen. Hohe Konzentration, aber auch harte körperliche Anstrengungen, in Routine abgespult. Und manchmal klappt nichts: Da brüllen die Kälber vor Hunger, weil die Futtermaschine kaputt geht, im selben Moment kommt der Tierarzt, die Schwiegereltern müssen zum Arzt gefahren werden, und der Sohn ruft an, er habe den Bus verpasst.

So ein Alltag kann sich schwer anfühlen. Weil sich keine Grenze ziehen lässt zwischen Arbeit und Privatleben, wenn man im Wohnzimmer die Kälber hört und die Auszubildenden mit am Tisch sitzen. Aber Antje Hass sieht das positiv: "Wir sind unsere eigenen Chefs, es geht keine Zeit für den Arbeitsweg drauf, und weil wir selten länger wegkönnen als ein Wochenende, machen wir es uns zu Hause nett." Überall in dem Backsteinhaus zieren Kerzen und Blumen hübsch dekorierte Ecken, im Kamin knistert das Feuer. Ihr Mann Klaus mag das.

Manchmal, abends, wenn die letzte Kuh gemolken ist, steigt die 42- Jährige aus den Gummistiefeln, zieht Pumps an und ein schickes Kleid, malt sich die Lippen rot und geht mit ihrem Mann auf ein Fest. "Ab und zu müssen wir uns etwas gönnen. Sonst macht die Arbeit keinen Spaß." Und feiern können sie auf dem Land. Höhepunkt: der Holtseer Feuerwehrball. "In diesem Jahr waren meine Freundinnen aus der Stadt mit", sagt Antje Hass, "die haben gestaunt, dass man hier so tolle Feste feiert." Das sind die glücklichen Momente. Wenn die Anforderungen des Alltags in den Hintergrund treten oder einfach etwas gut wird. Zum Beispiel ein gesundes Kalb geboren wird. "Das ist ein wunderschönes Gefühl, gerade weil wir wissen, dass es auch schiefgehen kann. Wir leben hier eben mit der Natur."

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Ich traf auf Schwiegereltern und auf Erwartungen.

Sabine Lehmbeck kennt dieses Glücksgefühl gut. Auch bei ihr geht es um ein Leben mit und von der Natur: Sie freut sich jedes Jahr über die Apfelmassen, die der Obsthof Lehmbeck hergibt. Hier, direkt hinter dem Elbdeich im Norden Niedersachsens, wachsen Äpfel an langen Baumreihen, tonnenweise. Wie Antje Hass hat auch Sabine Lehmbeck den Betrieb "mitgeheiratet". Doch wo die Landfrau aus Holtsee sich fast reibungslos einfügte in das Hofleben, hat die gelernte Buchhändlerin Sabine Lehmbeck Zeit gebraucht, um ihren Platz zu finden.

Den Hof als Ort mochte sie zwar von Anfang an, aber "irgendwie war er nicht meins". Sie traf auf Schwiegereltern, die den Betrieb groß gemacht hatten, und auf Erwartungen. "Vor unserer Hochzeit habe ich kurz überlegt, ob mein Mann meinen Namen annehmen könnte. Aber das hatte sich schnell erledigt, schon wegen der Apfelkisten, auf denen ,Lehmbeck' steht", erzählt die 39-Jährige lächelnd. Also das Leben der Schwiegermutter weiterführen? "Die hat in der Erntezeit jeden Tag durchgearbeitet, auch wenn es ihr nicht gutging." Das war früher so: Die Chefs mussten immer vor Ort sein - "sonst reden die Leute", hieß es. Heute muss das nicht mehr sein, findet Sabine Lehmbeck: "Es kann auch mal jemand anders drei Kilo Äpfel verkaufen."

Sie hat einen eigenen Weg gefunden und die gefühlte Leere der Anfangszeit kreativ gefüllt. So ist "landKult" entstanden, Sabine Lehmbecks kleine Reihe mit Lesungen, Konzerten und Kabarett. Da stellt Ehemann Martin in der großen Hofdiele Stühle auf und eine kleine Tribüne aus Apfelkisten, im Winter auch noch ein paar Heizstrahler. Über 100 Menschen drängen sich jedes Mal in der Diele. "Am Anfang kamen auch welche, die wollten nur gucken, was ich mir jetzt wieder ausgedacht hab." Manche haben gefragt: "Was sagt denn der Martin dazu?" Der kümmert sich um die Musik, das Programmheft und ist stolz auf seine Frau.

Gerede gab es trotzdem. Dass sich da eine nicht zufriedengab mit dem, was der Hof bot. Doch Sabine Lehmbeck hält sich nicht lange mit so was auf. Bei "landKult" ist sie neulich selbst aufgetreten, als Putzfrau Enne Kowalski mit Klobürste in der Hand und Knoten im Kopftuch. So ganz nebenbei warf sie in den Raum: "Vielleicht hat Bauer Martin beim nächsten Mal mehr Glück!" Es war der lauteste Lacher des Abends, das Thema damit erledigt.

Am schönsten an "landKult" ist für Sabine Lehmbeck der Moment, bevor die Veranstaltung beginnt: "Wenn ich mich als Teil der Menge fühle und weiß: Das hier war meine Idee." Wie so vieles mehr auch: Ein modernes Buchantiquariat und einen Hofladen hat sie in der Hofdiele eingerichtet, zur Erntezeit im Herbst lädt der Obsthof jeden Samstag zum Selbstpflücken ein. Ideen, die den Hof öffnen und in Bewegung halten. "Das ist mir wichtig. Ich freue mich, wenn die Menschen zu uns kommen."

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Dass das Landleben bei aller Arbeit auch Kraft gibt, davon ist Bäuerin Birgit Scharnberg aus Curslack in den Hamburger Vier- und Marschlanden überzeugt. Viermal in der Woche steht sie auf dem Markt hinter aufgetürmten Kürbissen und glänzenden Tomaten aus eigenem Anbau und zieht mit ihrer Herzlichkeit jede Kundin ins Gespräch.

In ihrem Leben als Landfrau, Bäuerin und Marktfrau ist die 48-Jährige tief verwurzelt. Sie ist geboren auf dem Hof, hier, im bäuerlichen Elbvorland, vor bald hundert Jahren hat ihr Urgroßvater ihn gekauft. Aber schon kurz darauf übernahm eine Frau die Herrschaft: Erna, Birgit Scharnbergs Großmutter, "eine ganz couragierte Frau".

Eines Tages, irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg, spannte Erna die Kutsche an und fuhr mit dem Gemüse vom Acker zum Markt nach Bergedorf. Verdiente da ihr erstes eigenes Geld, damals sehr ungewöhnlich für eine Frau auf dem Land. Die Kristallgläser, die Erna sich von diesem ersten Marktgeld kaufte, stehen noch heute im Vitrinenschrank. Birgit Scharnberg ist stolz auf ihre Großmutter und auf das, was sie geschafft hat, "die ist auch ein bisschen mein Vorbild".

Die größte Gefahr auf einem Bauernhof ist, sich selbst aufzugeben.

1960 wird Birgit geboren, schon mit zehn hat sie jede freie Minute und alle Ferien mit den Eltern und der Arbeit verbracht. "Manchmal habe ich abends vor Erschöpfung geweint." Sie hat Verantwortungsgefühl gelernt, Disziplin und damit auch, sich den Zwängen eines bäuerlichen Betriebes zu beugen. Als sie nach dem Realschulabschluss für ein Jahr nach England gehen will, erlauben die Eltern das nicht, zu wertvoll ist ihre Arbeitskraft auf dem Hof. "Ich bedaure das bis heute, verstehe aber meine Eltern."

Vor einem Jahr spürte Birgit Scharnberg ihre Belastungsgrenze. Sie hatte sich so überanstrengt, dass sie keine Kraft mehr hatte, plötzlich nur noch schlafen wollte. Ihre Nachbarin fragte: "Sag mal, geht es dir nicht gut?" Der Arzt meinte nur: "Burn-out." Die Nachbarin hat dann auf dem Hof geholfen, wochenlang. Auf dem Land lebt man eng zusammen. Da wird schnell sichtbar, wo Hilfe gebraucht wird. Das schützt. Vor allem, wenn es richtig ernst wird. Birgit Scharnberg hat schon die Gäste zu ihrem 40. Geburtstag eingeladen, ein Essen für 30 Freunde ist geplant, da geht es plötzlich ihrem Mann Axel schlecht. Er ist gelernter Kfz-Mechaniker, arbeitet mit auf dem Hof, ist bei der Freiwilligen Feuerwehr, geht zur Jagd. Erst auf Druck seiner Frau geht er zum Arzt. Der schickt ihn sofort ins Krankenhaus: ein Schlaganfall. Axel ist 44.

Birgit steht unter Schock. "Ich hatte riesige Angst: Wird er überleben? Wie soll alles weitergehen?" Am nächsten Tag stehen Axels Schwestern in Gummistiefeln vor der Tür: "Wo sollen wir anfangen?" Und die Hilfe hört nicht auf: Der Schwager übernimmt die Büroarbeit, der Cousin hilft nach Feierabend, der Lehrling macht Überstunden. Denn Axel muss ein halbes Jahr in die Reha.

Am 40. Geburtstag standen dann abends die Freundinnen vor der Tür, sangen für Birgit und hatten Essen mitgebracht. "Das hat mich sehr gerührt." Die größte Gefahr auf einem Bauernhof ist, sich selbst aufzugeben, sich nicht mehr wahrzunehmen. Das macht die ständige Nähe zur Arbeit. "Man braucht einen Ausgleich, sonst geht man vor die Hunde", sagt Antje Hass aus Holtsee.

Die modernen Bäuerinnen setzen selbstbewusst eigene Ansprüche durch.

Auch sie hat ihre Erfahrungen mit dem Stress. Als ihre Söhne klein waren, brauchte sie zur Erholung eine Kur. Kaum wieder zu Hause, hatte sie einen Hörsturz. Seitdem macht sie autogenes Training und mittags grundsätzlich Pause: "Jeder hier weiß: Wenn ich mich hinlege, darf mich keiner stören."

Das ist es, was das Leben der modernen Bäuerinnen von dem ihrer Mütter unterscheidet: das selbstbewusste Durchsetzen eigener Ansprüche. Ein Hineinhorchen in den Körper, in die Seele: Wie viel Arbeit geht noch? Wann brauche ich mal Ruhe?

Auch Sabine Lehmbeck ist auf Hilfe angewiesen: Ihre 13-jährige Tochter Lena kam blind zur Welt, besucht das Gymnasium, wo sie mithilfe eines speziellen Computers wie alle anderen am Unterricht teilnimmt. Diese Normalität erfordert viel Organisation, Willenskraft und Papierkram. Damals, nach Lenas Geburt, ist Sabine Lehmbeck in die Offensive gegangen: "Ich habe es allen sofort erzählt. Und ich war mir sicher: Das schaffe ich."

Frauen auf dem Land - selbstbewusste, starke Frauen

Sie fand Halt in ihrem christlichen Glauben und ihrer Kirchengemeinde und konnte so Lenas Blindheit annehmen. Doch heute drängen sich ihr neue Fragen auf: Wie wird Lena selbstbewusster? Wie kann sie später ein eigenständiges Leben führen? Aber Sabine Lehmbeck kämpft. Und siegt. Lena ist jetzt auf einem guten Weg. Ihr jüngerer Bruder kam mit gesunden Augen zur Welt.

Drei Frauen, die auf dem Land leben, arbeiten, ihre Kinder großziehen, die für vieles verantwortlich sind und jeden Abend erschöpft ins Bett fallen. Existenzängste haben sie gehabt, Schicksalsschläge erlitten, alle sind selbstbewusste, starke Frauen, die es gelernt haben, nicht nur an den Betrieb, sondern auch an sich zu denken.

Ob sie jemals mit dem Gedanken spielen, ein anderes Leben zu führen? Antje Hass, die Bäuerin aus Holtsee, kann sich das nicht vorstellen. Eben weil sie sich Freiraum nimmt. Sabine Lehmbeck vom Obsthof aus Hoopte kann ihre Kreativität dort einbringen. Und Birgit Scharnberg aus Curslack? Wollte sie nicht mal ausbrechen aus der jahrzehntelangen Tradition?

Sie erzählt die Geschichte von der Stellenanzeige: Eine "selbstbewusste Frau mit niveauvollem Auftreten" wurde gesucht. Und weil sie gerade mit ihrem Mann darüber diskutiert hatte, ob sich die Schufterei auf dem Hof überhaupt lohne, und er sie mit dem Satz "Du könntest auf dem freien Markt doch gar kein Geld verdienen" angestachelt hatte, hat sie sich beworben, zum ersten Mal in ihrem Leben. "Ich wollte einfach mal meinen Marktwert testen."

Sie wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und bekam den Job. Präsentationen für einen Buchclub, 4000 Euro brutto. Sie hat lange überlegt, zwei Wochen hospitiert - und dann doch abgesagt. "Ich habe mich für den Betrieb und für die Familie entschieden." Aber sie kennt jetzt ihren Marktwert. Ihr Mann kennt ihn auch.

Text: Lydia Gless Fotos: Jan Riephoff

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