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Wenn der Traumjob zum Frustjob wird


Arbeit bedeutet mehr als Geld verdienen, ein Beruf kann auch eine Berufung sein. Und dennoch haben viele irgendwann Frust im Job: Wo ist die Begeisterung geblieben?

Die Stimme am Telefon klingt leicht verwaschen. "Hier Stephanie Frenz*", nuschelt sie, ich muss den Hörer fest ans Ohr pressen, um sie zu verstehen. So kurz nach Schulanfang, das sei kein guter Zeitpunkt für ein Telefonat. "Post-Holiday-Syndrom", sagt Stephanie Frenz müde. Sie ist seit über 20 Jahren Deutsch- und Englischlehrerin. "Und wenn ich nach den Ferien sehe, was für einen Stundenplan mir die Schulleitung wieder reingewürgt hat, dann bin ich jedes Mal bedient", sagt sie und schweigt ein paar zähe Momente lang.

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Nein, länger will sie über ihre Arbeit lieber nicht reden. "Das bringt nichts", winkt sie ab, "dann ärgere ich mich nur noch mehr." Volkskrankheit Jobfrust. Bei vielen Menschen bleibt von der Leidenschaft für den Beruf nach Jahren nur das Leiden übrig. Sie sind unterfordert oder überlastet, gedemütigt oder einfach nur desillusioniert. 88 Prozent der Beschäftigten verspüren keine oder nur eine sehr geringe Bindung an den Arbeitsplatz, so eine aktuelle Umfrage.

Und es sind vor allem Frauen, die mit hehren Ansprüchen ins Berufsleben starten und sich wundern, wie der Alltag ihren Idealismus pulverisiert. Frauen wie Ulrike Kesters, die ihren Traumberuf Krankenschwester erlernt hat, um Menschen zu helfen. Der Alltag der 48-Jährigen sieht anders aus: Sie hetzt von einem Patienten zum anderen und hat schon lange keine Zeit mehr, auch mal einen Moment am Bett eines Schwerkranken zu sitzen, mit ihm zu reden oder ihm auch nur die Hand zu drücken. Oder Lehrerin Frenz, die als Studentin davon träumte, Schüler für Sprache zu begeistern. Heute, mit Anfang 50, arbeitet sie meist lustlos den Lehrplan ab und zählt die Tage bis zur Pensionierung. Doch wo bleiben die schier unerschöpfliche Energie und die Ideenfeuerwerke der ersten Jahre, was macht aus dynamischen Berufsanfängerinnen resignierte Befehlsempfänger?

Oft ist es der Spaßkiller Gewohnheit, sagen Berufsforscher. Die ewige Tretmühle, der Hamsterradeffekt. Erst scheinen sich Jahre zu gleichen, dann Monate, schließlich Wochen. Hinzu kommen viele kleine Niederlagen, die sich zur inneren Kündigung addieren: Ideen werden ausgebremst, auf der nächsthöheren Stufe der Hierarchie sitzt immer schon ein anderer, Gehaltserhöhungen gibt es nicht, nur das Arbeitspensum steigt stetig. Irgendwann siegt das Gefühl, nicht mehr als ein Rädchen im Getriebe zu sein.

"Dann stirbt die Neugier, und man ereifert sich nur noch, wenn mal wieder kein Papier im Kopierer ist", sagt Annette Woersmann, eine promovierte Romanistin, die 20 Jahre lang in einem Wirtschaftsverlag Zahlen und Fakten überprüft hat. Eine Routinetätigkeit, die mit ihrer eigentlichen Qualifikation nichts zu tun hatte und die heute 61-Jährige vor allem langweilte. Annette Woersmann hatte sich schon damit abgefunden, bis zur Rente in dem ungeliebten Job zu bleiben. "Bis ich eines Tages bei einem Familienfest aufgeschnappt habe, dass mich die Kinder Meckertante nannten. Da wusste ich, ich muss was tun, sonst verbittere ich."

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Annette Woersmann hat sich ihrem Frust gestellt. "Mein Job hat mich völlig unterfordert, gleichzeitig war mir die Sicherheit unheimlich wichtig", sagt sie heute. "Ich musste mich in vielen Gesprächen mit Freundinnen regelrecht umprogrammieren. Von Sicherheit auf Risiko." Irgendwann war sie entschlossen, zu kündigen. Und als habe das Schicksal sie lediglich testen wollen, erhielt sie genau an dem Tag ein Angebot aus der Übersetzungsabteilung ihrer Firma. "Mein Traumjob. Ich hatte irrsinniges Glück", sagt sie.

Was Annette Woersmann erlebt hat, ist typisch für Frauen. Einen Job, der zwar Geld, aber keinen Spaß bringt, können die wenigsten auf Dauer akzeptieren. "Das fällt Männern leichter", sagt Diplom- Psychologin Dr. Eva Wlo darek. Und noch etwas machen Frauen anders: Für viele ist der Arbeitsplatz auch eine Beziehungswelt. Das Verhältnis zu Chefs und Kollegen ist ihnen extrem wichtig. "Es klingt vielleicht nach Klischee, aber wenn Männer einen tollen Titel haben, ist ihnen das Wohlwollen anderer oft egal", sagt Eva Wlodarek. Zwar wollen auch Frauen Erfolg haben und gut verdienen. Viele wollen aber zudem Anerkennung in Form von Emotionen. Es demotiviert sie, wenn ihre Leistung nicht gelobt wird.

Solche Frauen hadern offenbar besonders damit, dass im Arbeitsleben andere Regeln gelten als in Schule und Ausbildung: Dort hat diejenige Erfolg, die fleißig lernt. Im Beruf dagegen setzt sich manchmal nicht der Fleißige durch, sondern der Mittelmäßige. Es gewinnt oft der, der sich im richtigen Moment zu Wort meldet, selbst wenn er nichts zu sagen hat. Und der, der sogar gegen seine Überzeugung schweigen kann.

Nicht nur Fachwissen und Können, auch Taktik und Strategie sind wichtig. Sybille Elsner, Marketingspezialistin in einer Versicherungsgesellschaft, musste das erst lernen. Jahrelang war sie allein verantwortlich für die Info- Broschüren des Unternehmens - bis zu einer Umstrukturierung Ende der 90er Jahre. Abteilungen fusionierten, neue Chefs kamen. Da, wo Sybille Elsner vorher allein schalten und walten konnte, redete nun ein Kollege mit. "Ich fühlte mich kaltgestellt. Plötzlich war nur noch das Neue gut", erinnert sie sich.

Ihre Konsequenz hieß Rückzug. Sie schwieg bei Konferenzen und arbeitete Pausen durch, um zeitig nach Hause zu können. Jeder Tag war wie ein Berg. Zwei Jahre ging das so, dann war klar, dass was passieren musste. "In einem Coaching bin ich meinem Frust auf die Spur gekommen", sagt die 58- Jährige. "Ich hatte mich darauf verlassen, dass diejenige, die gute Arbeit macht, auch Anerkennung bekommt. Aber in einem großen Unternehmen darf man den Faktor Macht nicht ausblenden."

In den Coaching-Sitzungen ist Sybille Elsner zudem klar geworden, dass ihre Vorgesetzten bei der Umstrukturierung lediglich entschieden haben, was für das Unternehmen am besten schien. Mit ihr persönlich hatte das nichts zu tun, niemand wollte sie kaltstellen. Sie hat sich "von der Opferrolle verabschiedet", wie sie sagt, ihren Platz zurückerobert. Und sie mischt jetzt mit im Machtspiel, arbeitet sogar eng mit einem ehemaligen Konkurrenten zusammen. Ihre Motivation ist zurück, sie arbeitet wieder gern.

Es ist schwer, ein ganzes Berufsleben lang den Spaß an einer Sache zu behalten, schreiben die Business-Experten Volker Kitz und Manuel Tusch in ihrem "Frustjobkillerbuch". Nicht einmal Chefs mit Millionengehältern finden ihren Job 30 Jahre lang spannend. Damit die Arbeit auf Dauer interessant bleibt, muss man bereit sein, aus dem Hamsterrad auszusteigen, hat Annette Woersmann erfahren.

Kündigen ist aber nur selten der richtige Weg, sagen Volker Kitz und Manuel Tusch. Denn ein neuer Job ist nach ein paar Jahren oft nicht besser als der alte. Klüger ist es, einen frischen Blick auf alte Gewohnheiten zu werfen - und sie zu ändern. Auch Stephanie Frenz hat das übrigens beschlossen. Vier Tage nach unserem ersten Telefonat ruft sie doch noch mal an. "Ich habe nun einen Termin bei der Schulleitung gemacht, um mein Problem anzusprechen", erzählt sie. Diesmal klingt ihre Stimme viel fester, sie spricht auch deutlicher. "Ich glaube, ich versuche noch mal etwas Spaß bei der Arbeit zu haben", sagt sie. Dann lacht sie. Und es hört sich an, als sei das mit dem Spaß sehr ernst gemeint.

BuchtippsVolker Kitz, Manuel Tusch: "Das Frustjobkillerbuch. Warum es egal ist, für wen Sie arbeiten" 254 Seiten, 19,90 Euro, Campus Interview mit den Autoren online unter www.brigitte.de/jobfrust

Eva Wlodarek: "Hilf dir selbst. Die besten Rezepte gegen Frust und Krise" 317 Seiten, 8,95 Euro, Fischer

Anja Kolberg: "Ab 40 reif für den Traumjob! Selbstbewusstseins- Training für Frauen, die es noch mal wissen wollen" 220 Seiten, 8,90 Euro, Mvg

Dieter Menath, Edda Schneider: "Ich liebe meinen Job! Mehr Zufriedenheit und Erfüllung in Beruf und Karriere" 223 Seiten, 22 Euro, Hoffmann und Campe

Text: Christa Thelen Illustrationen: Anja Niepagen

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