Leihoma: Kind auf Zeit

Auch wer keine eigenen Kinder und Enkel hat, kann das Glück solcher Momente erleben - als Leihoma. Drei Frauen erzählen über ihr Kind auf Zeit.

Wer weiß, wie die Sache mit den Kühen ausgegangen wäre, wenn Sophie tatsächlich etwas zu sagen gehabt hätte. Sophie war sechs, als sie Beraterin von Renate Künast werden wollte. "Dann musst du mir aber auch sagen, wenn es etwas zu verbessern gibt", verlangte die Politikerin. Aber als sie dann Verbraucherministerin war und mit den Folgen des BSE-Skandals zu kämpfen hatte, zog sie die kleine Tochter ihrer Freundin nicht zu Rate. "Ich habe monatelang nicht mit ihr geredet", sagt Sophie, "weil sie all die armen Kühe umbringen ließ."

Irgendwann haben die beiden sich wieder vertragen. Aber Sophies Reaktion ist einer der Gründe, warum Renate Künast Kinder so mag. "Sie sind sehr geradeaus. Das fasziniert mich." Die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag ist 51 und selbst kinderlos. Sophie kennt sie seit ihrer Geburt und nimmt sich trotz ihrer 60-Stunden-Woche immer wieder Zeit für sie. Manchmal verreist sie auch mit Sophie und ihren Eltern, zum Beispiel ins Riesengebirge. Wandern mit Kindern findet Renate Künast besonders schön. Nicht nur, weil ein Moosteppich schon mal zum Feenbett wird, sondern weil es so viel zum Staunen gibt. "Da schiebt sich dann eine kleine Hand in deine, und dahinter kommt eine große Frage", erinnert sich Renate Künast. Kinderfragen, findet sie, "bringen einen auf das Wesentliche".

Leihoma für verschiedene Typen

Ganz ähnlich empfinden auch Karin Datz, 58, und Anne Balschun, 37. Die eine engagiert sich als ehrenamtliche Leihoma, die andere verbringt viel Zeit mit der Tochter ihrer Nachbarin. Außerdem genießen alle, dass sie mit Kindern Dinge tun, die sonst zu kurz kämen. Bei Anne Balschun ist es die Lust am Rumalbern. Karin Datz staunt über die eigene Fantasie, wenn sie mit der kleinen Jolan Urwaldspaziergänge ersinnt. Und bei Renate Künast ist es das Basteln. Aus ihrer Leidenschaft von früher entwickelte sich ein Ritual zwischen der kleinen Sophie und der großen Renate: Jedes Jahr basteln die beiden aufwändige Adventskalender. Nur ein einziges Mal fiel der Termin bisher aus - in Renate Künasts erstem Jahr als Ministerin. Trotzdem bekam sie einen Kalender von Sophie. "Da war ich sehr gerührt."

"It takes a village to raise a child", schrieb Hillary Clinton in ihrem Buch über Erziehung - Familie allein reicht nicht. Sophie hat dieses Prinzip - ohne es zu kennen - bereits gelebt: "Ich wäre in vieler Hinsicht ein ganz andere Mensch, wenn es Renate nicht gäbe", sagt die heute 14-Jährige. Die große Freundin hat ihr das Inline-Skaten beigebracht, bestand darauf, dass emanzipierte Frauen kochen können sollten, und lehrte sie, dass Balkonblumen nur mit Wasser gedeihen. Und, viel wichtiger: "Von ihr habe ich das Bewusstsein, dass man arbeiten muss, wenn man Dinge schaffen will", sagt Sophie. "Und sie sieht mich als jemanden, der selbständig werden muss. Sie ist fordernder als meine Eltern." Gerade in der Pubertät profitieren Kinder oft von erwachsenen Vorbildern, die nicht zur Familie gehören. "Man begleitet die Kinder mit dem Luxus von Freiheit und nicht mit dem Zwang, dass jeden Tag das Essen auf dem Tisch stehen muss. Und da man nicht aufeinander hängt, drängt man den Jugendlichen nicht zu sehr in die Kinderrolle", sagt Renate Künast zu ihrem Verhältnis.

Die Gründe, aus denen Frauen ohne Kinder bleiben, sind unterschiedlich. Und sie passen ganz oft nicht ins Klischee von der egoistischen, kinderfeindlichen Karrieristin. Im Gegenteil, wie die Freiburger Psychologin und Autorin Christine Carl im Online-Familienhandbuch schreibt: "Als Alternative zu leiblichen Kindern pflegen kinderlose Frauen und Männer häufig sehr intensive Beziehungen zu Nachbarskindern, Nichten und Neffen oder Kindern von Freunden und Freundinnen. Viele Kinderlose suchen den Kontakt zu Kindern, weil sie die Verbindung zur nächsten Generation halten wollen."

Das Kind, das einfach später kommt

Das bedeutet aber nicht, nachträglich die eigene Entscheidung gegen Kinder in Frage zu stellen. "Ich habe einfach nie die Natur rufen hören. Und der passende Mann war auch nicht da", sagt Anne Balschun. Für Renate Künast "hat es sich nicht ergeben", und Karin Datz sagt: "Ich habe selbst nie Kinder gewollt. Und ich frage mich auch nicht: Wie könnte ich das nachholen?" Die ehemalige Bankkauffrau beschloss letztes Jahr, sich über den Berliner Großelterndienst als Leihoma zu engagieren. Angeregt hatte sie ein Zeitungsartikel - und die Idee passte zu ihrer Lebensplanung nach einem bewegten Arbeitsleben. "Ich habe immer ehrenamtlich für Institutionen gearbeitet, und jetzt wollte ich mit einzelnen Menschen zu tun haben." Feste Zeiten kamen für sie nicht in Frage, auch Familienanschluss war für die alleinstehende Frau kein Thema: "Ich bin nicht vereinsamt."

Dass das Schicksal sie zu Jolan und ihrer Familie brachte, bezeichnet die 58-Jährige als "großes Glück". Als sie das heute vierjährige Mädchen zum ersten Mal zu Hause besuchte, war sie "aufgeregter als bei einem Vorstellungsgespräch". Eines, das gut verlief. "Irgendwann haben wir fröhlich auf der Matratze rumgetollt" - und die Eltern saßen auf dem Sofa und hatten auf einmal freie Zeit zur Verfügung.

Das passiert öfter, seit Karin Datz in ihr Leben getreten ist. "Es kommt schon vor, dass Karin anruft und sagt: Wollt ihr nicht mal ins Kino oder in eine Ausstellung?", sagt Jolans Mutter Kerstin Müller. Sie hatte sich an den Großelterndienst gewandt, weil sowohl ihre als auch die Eltern ihres Mannes weit entfernt leben und sie keine Hilfe hatte, wenn mal "Not am Kind" war. Zwar hat die freiberufliche Regisseurin genau wie ihr Mann flexible Arbeitszeiten, doch als Jolan neulich für zwei Tage ins Krankenhaus musste, war Kerstin Müller froh, dass Karin Datz sie für ein paar Stunden am Krankenbett ablöste und sie zu Hause arbeiten konnte. Für solche Notfälle lässt Karin Datz auch mal Termine sausen.

Karin Datz wollte von Anfang an kein Geld für Jolans Betreuung - dafür schenken ihr die Eltern mal eine Theaterkarte oder ein Buch. Sie vertrauen ihr, weil sie wissen, dass Karin ihre Verantwortung für Jolan ernst nimmt. "Ich habe immer ein Handy dabei, wenn ich mit der Kleinen unterwegs bin, und ich weiß ihre Krankenkasse und ihre Blutgruppe." "Oma" lässt sie sich von Jolan übrigens nicht nennen - auch da war sie sich mit den Eltern einig.

Das bedingungslose Vertrauen berührt mich.

Mit Jolan hat Karin Datz Erfahrungen gemacht, die ihr bisher fremd waren. Große und kleine: "Das bedingungslose Vertrauen eines Kindes, das so offen und ungeschützt ist, berührt mich stark. Außerdem weiß ich jetzt, wer Petterson und Findus sind." Wichtig findet sie vor allem die scheinbaren Kleinigkeiten. "Wenn so ein kleines Wesen wumms auf einem landet und haltlos vor sich hin kichert." Oder wenn Jolan zur Begrüßung ganz aufgeregt "Karin! Karin!" ruft. "Diese starke Emotionalität - das ist mir wirklich etwas sehr Kostbares." Keine Frage, dass sie den Kontakt halten wird, auch wenn sie irgendwann nicht mehr zur Kinderbetreuung kommt. "Auf keinen Fall gebe ich Jolan wieder her!"

Auch wenn der Familienanschluss nicht geplant ist - oft ergibt er sich aus dem engen Kontakt zum Kind. Anne Balschun ist schwer rheumakrank und hat sich schon vor vielen Jahren gegen eigene Kinder entschieden. Als sie Anfang 2000 in eine neue Wohnung zog, kam ihre polnische Nachbarin Ewa Welke öfter zu Besuch - und brachte ihre damals anderthalbjährige Tochter mit. "Natalia war das erste Kind, mit dem ich engeren Kontakt hatte", sagt Anne Balschun. "Und wenn sie später ganz allein zu mir rüberkam, hatte das etwas Herzerwärmendes." Es ergab sich dann schnell, dass Anne Balschun, die sich als Freiberuflerin ihre Zeit selbst einteilen kann, auch mal auf Natalia aufpasste oder sie vom Kindergarten abholte, wenn ihre alleinerziehende Mutter in einer Arztpraxis arbeitete und auch später, als sie ihren Schulabschluss nachholte. "Es war sehr schön, sich auch mal um andere zu kümmern", sagt Anne Balschun. "Ich habe meine Krankheit früh bekommen und war immer daran gewöhnt, dass andere da sind, wenn ich Hilfe brauchte."

Im Gegenzug schauten Ewa Welke und Natalia nach ihr, als sie nach einer Operation eine langwierige Genesungsphase zu überstehen hatte. "Die Kleine war ein Traum. Sie hat zu allem, was Krankheit und Behinderung angeht, ein ganz anderes Verhältnis als andere Kinder." Dank Natalia kann Anne Balschun heute sogar einen Rollstuhl akzeptieren - was ihr vorher sehr unangenehm war: "Aber Natalia war so unbefangen und saß stolz wie Oskar mit mir im Rolli." Anne Balschun merkte, dass sie "in vielen Dingen selbst noch mal Kind sein kann". Gleichzeitig entdeckte sie Muttergefühle. Und manchmal bekommt die 37-Jährige vor Rührung sogar feuchte Augen. "Das ist mir passiert, als Natalia aus Versehen mal ,Mama' zu mir sagte", erzählt sie. Die Beziehung zu Natalia hilft Anne Balschun auch in anderen Lebensbereichen. In dem Literaturkreis, den sie besucht, sind außer ihr vier Mütter. Da dreht sich natürlich viel um Kinder. "Jetzt habe ich das Gefühl, ich kann mitreden. Sonst würde ich mich vielleicht öfter mal drücken."

Mit Anne Balschun und ihrer Nachbarin treffen ganz unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander. Die eine leise und harmoniebedürftig, die andere laut und temperamentvoll. Ewa Welke findet: "Dass ich mir von Anne helfen lasse, ist egoistisch - aber zum Wohle des Kindes." Ihre Nachbarin ist die Geduldige und kümmert sich daher um alles, was mit Schule und Lernen zu tun hat. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Da Anne Balschun zu Hause arbeitet, kann sie sich meist nach Natalia und ihrer Mutter richten. In ihrer Wohnung steht Natalias Notenständer - jeden Tag übt das Mädchen dort mindestens für eine Stunde Geigespielen. Oft macht sie hier auch die Hausaufgaben. "Anne ist nicht so streng wie Mama beim Geigeüben und beim Hausaufgabenmachen", sagt die achtjährige Natalia über ihre große Freundin. Nicht zuletzt profitiert das Mädchen davon, dass Anne als Muttersprachlerin ihr von Anfang an deutsche Gute- Nacht-Geschichten vorgelesen hat. "Und jetzt habe ich schon 27 Bücher gelesen", sagt Natalia stolz.

Eine Leihoma braucht auch Abstand

So enge Beziehungen funktionieren nur bei gegenseitigem Respekt - und klarer Rollenverteilung. Anne Balschun, die heute als freiberufliche Computerspezialistin für einen wissenschaftlichen Verlag arbeitet, hat eigentlich Pädagogik studiert. So wird häufig über Erziehungsfragen gesprochen. Aber: Ewa ist die Mutter, sie trifft die Entscheidungen. Anfangs versuchte Natalia durchaus, zu Anne Balschun zu gehen, wenn die Mama etwas verboten hatte. Aber: "Ich würde vor Natalia nie gegen Ewas Erziehungsmethoden sprechen." Ewa Welke wiederum duldet es, wenn Anne Balschun manches anders macht als sie - hier darf Natalia auch mal vor dem Fernseher Chips essen. Die Türen der nebeneinander liegenden Wohnungen stehen meist offen. "Das zwischen uns ist mehr als Freundschaft - wir teilen den Alltag", sagt Anne Balschun. Natalia wäre es am liebsten, wenn man einen Durchbruch zwischen den Wohnungen machte - aber das wollen die Erwachsenen nicht. Anne Balschun sagt: "Ich bin auch froh, wenn ich die Tür zumachen und sagen kann: Jetzt gehst du zur Mama."

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Text: Silke Lambeck Foto: Getty Images

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