Wenn der Arbeitsplatz in Gefahr ist...

... hilft Panik nicht weiter. Was jetzt wichtig ist.

Jeder kennt Menschen, denen es passiert ist: Firma pleite, übernommen oder verkleinert - Job weg. Dass jemand seine Arbeit verliert, ist fast schon etwas Alltägliches geworden. Doch deshalb ist die Vorstellung, es könnte einem selbst passieren, nicht weniger bedrohlich. Was tun, wenn es bereits konkrete Anzeichen gibt? Was sollte man lieber lassen? Expertenrat von einer Arbeitspsychologin und einem Anwalt für Arbeitsrecht.

Weiterarbeiten wie bisher?

JA. Lassen Sie sich nicht verrückt machen: Solange nichts Konkretes angekündigt wird, ist es das Beste, wie bisher seine Arbeit zu machen, engagiert und in der gewohnten Qualität. Sie arbeiten ja nicht nur für Ihren Betrieb, sondern auch - je nach Beruf und Tätigkeit - zum Beispiel für Kunden oder Klienten, die für Ihren Service, Ihre Betreuung bezahlen, vielleicht sogar darauf angewiesen sind. Ein Adressbuch mit den Daten zufriedener Kunden ist in manchen Branchen mindestens ebenso wichtig wie gute Arbeitszeugnisse. Aber: nicht übertreiben. Wenn tatsächlich eine Entlassungswelle bevorsteht, bringt es nichts, bis zum Umfallen Mehrarbeit zu leisten oder sich für Sonderaufgaben ins Gespräch zu bringen. Die Entscheidung, wer gehen soll, ist dann wahrscheinlich längst gefallen. Und falls es auch Sie trifft, werden Sie Ihre Kräfte noch brauchen.

Sich mit den Kolleginnen und Kollegen austauschen und beraten?

Kommt darauf an. Sorgen mit anderen zu teilen ist wichtig. Wenn Sie Kolleginnen und Kollegen in Ihrer Nähe haben, denen Sie vertrauen können, wenn Sie feststellen, dass diese Menschen auch Ihnen gegenüber offen sind, bleiben Sie im Gespräch. Wenn Sie aber spüren, dass die Abteilung - wie es in Krisensituationen häufig der Fall ist - sich in Lager spaltet, halten Sie sich lieber an Menschen, mit denen Sie nicht direkt zusammenarbeiten. Falls es im Unternehmen einen Betriebsrat gibt, lassen Sie sich auch dort beraten.

Schon mal nach Alternativen schauen?

JA. Von Zeit zu Zeit den Stellenmarkt zu durchforsten ist auf jeden Fall sinnvoll - und nahezu kostenlos, denn die meisten Angebote sind in Internet- Portalen zu finden wie zum Beispiel www.monster.de www.stepstone.de www.laufbahner.de Schauen Sie sich auch die Websites von Unternehmen an, die für Sie als Arbeitgeber infrage kommen. Auch dort können Stellen ausgeschrieben sein. Eine gute Informationsquelle sind außerdem die Seiten von Personaldienstleistern - solche Firmen suchen im Auftrag von Unternehmen geeignete Bewerber/ innen für freie Stellen aus - und Zeitarbeitsfirmen. Sie sind online zu finden unter Suchbegriffen wie "Personalvermittlung" und "Zeitarbeit".

Bewerbungsunterlagen auf den Stand bringen?

JA. Damit Sie gleich aktiv werden können, falls Sie eine interessante Stellenausschreibung entdecken, sollten Sie ab jetzt - auf Papier und als Dateien - immer parat haben: * Ihren Lebenslauf (aktualisiert), * professionelle, neue Bewerbungsfotos und * Ihre Arbeitszeugnisse. Zeugnisse von ehemaligen Arbeitsstellen können Sie auch nachträglich anfordern. Schicken Sie Ihrem früheren Chef eine Beschreibung Ihrer Tätigkeiten im Betrieb und bitten Sie ihn um eine Beurteilung.

Für alle Fälle hier und da bewerben?

NEIN. Je mehr Bewerbungen Sie verschicken, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich das auch an Ihrem jetzigen Arbeitsplatz herumspricht. Zwar wird überall "Diskretion" zugesichert, aber es sickern dennoch Informationen durch. Und Sie müssten dann künftig damit rechnen, dass hinter Ihrem Rücken getuschelt wird: "Eigentlich will sie ja weg, aber sie findet nichts anderes." Bewerben Sie sich deshalb nur bei Arbeitgebern, die Sie ernsthaft interessieren. Und schicken Sie Ihre Unterlagen nicht einfach an die Firmenadresse, sondern sprechen Sie vorher mit dem oder der Zuständigen in der Personalabteilung und machen Sie auch im Anschreiben deutlich, dass Ihre Bewerbung vertraulich ist.

An Weiterbildungskursen teilnehmen, auch auf eigene Kosten?

JA. Viele haben im Beruf lange nicht mehr systematisch dazugelernt, abgesehen vielleicht von der Einweisung in neue Computerprogramme. Oder sie haben ihren Job als Seiteneinsteiger bekommen. Wenn es auch Ihnen so geht, sind Sie deshalb sicher nicht weniger fähig als Ihre Kollegen mit anerkanntem Ausbildungsabschluss. Doch veraltete oder unzureichende Qualifikationen können zum Problem werden, wenn es darum geht, sich neu zu bewerben. Überprüfen Sie, was Ihnen fehlt und was Sie jetzt neben Ihrer Arbeit nachholen können. Tipp: Schauen Sie sich die Stellenanzeigen Ihrer Branche auch daraufhin an, welche Kenntnisse und Qualifi kationen darin am häufi gsten gefordert werden. Je mehr davon Sie besitzen, desto besser sind Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Einen beruflichen Neustart planen?

NEIN. Sie haben das Gefühl, Ihr Beruf passt gar nicht (mehr) zu Ihnen, oder Sie wollten eigentlich sowieso immer etwas ganz anderes machen? Vergessen Sie es. Es sei denn, Sie haben eine viel versprechende Geschäftsidee, mit der Sie sich selbständig machen können, und/oder ein beruhigendes finanzielles Polster. Sonst bleiben Sie lieber bei dem, wofür Sie ausgebildet sind und was Sie gut können. In wirtschaftlich schlechten Zeiten stellen Betriebe niemanden ein, der erst angelernt werden muss - es sei denn, zu deutlich schlechteren Bedingungen als die gleichaltrigen Kollegen mit entsprechender Ausbildung. Wenn Sie sich verändern wollen, tun Sie es innerhalb Ihres Berufs, spezialisieren Sie sich, erwerben Sie Zusatzqualifikationen.

Sich schon mal bei der Agentur für Arbeit beraten lassen?

JA. Keine Scheu: Die Agentur bietet ausdrücklich auch für den Fall Beratung an, dass jemand bisher lediglich von Arbeitslosigkeit bedroht ist. Wenn Sie bereits damit rechnen, innerhalb der kommenden Monate Ihre Stelle zu verlieren, vereinbaren Sie so bald wie möglich einen Termin. Das ist unter anderem deshalb wichtig, weil Sie sich rechtzeitig arbeitsuchend melden müssen (bei einer fristgemäßen Kündigung zum Beispiel spätestens drei Monate vor dem letzten Arbeitstag), damit Sie gleich ab dem ersten Tag Arbeitslosengeld erhalten. Sollte Ihnen ein Aufhebungsvertrag angeboten werden, lassen Sie ihn unbedingt von der Arbeitsagentur prüfen. Denn der Vertrag muss korrekt formuliert sein, damit Ihnen später keine finanziellen Nachteile entstehen. Und auch, wenn noch gar nicht sicher ist, ob Sie Ihren Arbeitsplatz verlieren, können Sie sich in einem persönlichen Gespräch über das Beratungs-, Vermittlungs- und Weiterbildungsangebot der Agentur informieren.

Tipp: Zuständig ist grundsätzlich die Arbeitsagentur am Wohnort. Sie ist online zu finden unter www.arbeitsagentur.de, Menüpunkt "Partner vor Ort". Bundesweite Telefon-Hotline: 018 01/55 51 11, montags bis freitags, 8 bis 18 Uhr.

Und wenn der Ernstfall tatsächlich eintritt?

Die Mitteilung, dass der Betrieb sich von einem trennen will, kommt für viele vielleicht nicht unerwartet, aber dann doch überraschend. Gut zu wissen: Eine Kündigung muss schriftlich erfolgen, und es gilt in der Regel die im Arbeitsvertrag genannte Frist. Das heißt, in dieser Zeit muss der Betrieb auf jeden Fall noch das Gehalt zahlen. Was tun? Zum Anwalt oder zur Anwältin. Eine Kündigung kann - innerhalb einer Frist von drei Wochen - vor Gericht angefochten werden. Eine Kündigungsschutzklage ist in vielen Fällen sinnvoll, weil sich viele Kündigungen vor Gericht als fehlerhaft erweisen. Meist wird dann ein Vergleich geschlossen - mit besseren Bedingungen für den Gekündigten. Ein Aufhebungsvertrag ist eine Vereinbarung, der beide Seiten zustimmen müssen. Viele Unternehmen bieten solche Verträge an, um die juristisch schwierigere Kündigung zu umgehen - die Mitarbeiterin geht dann "freiwillig". Was tun? Auf keinen Fall sofort unterschreiben! Den Vertrag mitnehmen und vom Anwalt prüfen lassen, eventuell zusätzlich bei der Agentur für Arbeit. Wenn der Betrieb Ihnen dafür keine Zeit geben will oder man Ihnen sogar droht, dann käme eben früher oder später die Kündigung, bleiben Sie hart und lassen Sie es darauf ankommen.

Tipp: Holen Sie sich Rat und Unterstützung, nicht nur juristisch, auch seelisch. Den Arbeitsplatz zu verlieren ist eine Erfahrung, die ans Innerste geht. Je besser Sie jetzt für sich sorgen, desto schneller fassen Sie wieder Mut.

Unsere Experten

Die Arbeitspsychologin Sibylle Bräuer hat langjährige Erfahrung als Beraterin. Sie begleitet ihre Klienten bei einer beruflichen Neuorientierung, coacht Führungskräfte und ist für Unternehmen tätig, unter anderem als Outplacement- Beraterin.

Der Jurist Christian Lewek ist als Fachanwalt für Arbeitsrecht in einer Hamburger Kanzlei tätig. Er berät und vertritt Angestellte und Honorarkräfte von Unternehmen bei arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen aller Art.

Buchtipps

Inken Wanzek/Christine Rosenboom: Arbeitsplatz in Gefahr - das sind Ihre Rechte: Kündigung, Beschäftigungsgesellschaft, Aufhebungsvertrag, Mobbing, Trennungsgespräche. Stern-Ratgeber, 2007, 240 Seiten, 14,90 Euro, Linde. Detaillierte, verständlich formulierte Informationen; juristischer und psychologischer Rat

Helga Krausser-Raether: Die besten Bewerbungsmuster 40 plus. 2006, 211 Seiten und CD-Rom, 19,80 Euro, Haufe. Solides Handwerkszeug für Bewerbungen und Vorstellungsgespräche

Claudia Wanzke: Das Arbeitszeugnis: Schreiben, prüfen, Geheimcodes knacken. 2008, 128 Seiten 6,80 Euro, Beck Juristischer Verlag. Alle wichtigen Informationen; dazu Formulierungshilfen für Zeugnisentwürfe

Vlad Georgescu/Marita Vollborn: Worst Case: Unser ganz erstaunliches Comeback nach Jobverlust und Sozialabstieg. 2009, 247 Seiten, 17,90 Euro, Hanser Fachbuch. Das berührende Buch weckt Verständnis für Betroffene und hilft auch, sich über die eigene Situation klar zu werden Silvia Schneider: Keine Panik: Der Wegweiser aus der Arbeitslosigkeit. 2010, 176 Seiten, 9,95 Euro, Fackelträger. Hilfreich für den Ernstfall: eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für den Umgang mit der Arbeitsagentur

Text: Christine Tsolodimos Foto: Getty Images

Wer hier schreibt:

Christine Tsolodimos
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