Ein Altersheim für Hippies

Mitten im Staat Tennessee, in einem dichten Wald, liegt Amerikas erste Hippie-Kommune für alternde Hippies. Ein Besuch bei den ergrauten Blumenkindern.

Stephen Gaskin ist der Gründer der Hippie- Kommune The Farm und des angrenzenden Altersheims Rocinante.

Es ist vier Uhr nachmittags, schwere Wolken hängen über dem Wald, gleich wird es regnen, und Gayla riecht nach Hasch. Sie ist 51, trägt eine lilafarbene Bluse und Jeans, die langen grauen Haare sind zum Zopf gebunden. Sie hat gerade ihre E-Mails gecheckt.

steht vor ihrer winzigen Hütte mitten im Wald in Tennessee, südwestlich von Nashville. Es gibt keinen Briefkasten, aber Internet. Der Regen verwandelt den Waldboden regelmäßig in eine Rutschbahn. Die Menschen leben in kleinen Holzhütten, sechs sind es bislang, und dieses Holzhütten- Dorf mitten im Wald ist ihr Altersheim. Es heißt Rocinante, nach dem störrischen Pferd von Don Quixote. Eine Kommune für alternde Hippies.

Donnie ist Gaylas Nachbar, manchmal arbeitet er nackt in seinem Garten. Melissa, die ein Haus weiter lebt, liebt den kleinen Garten, den Donnie extra für sie angelegt hat. Und Rick, Gaylas Ex-Mann, hat sich hier ebenfalls niedergelassen. Er verbringt viele seiner Nächte damit, Waschbären zu fangen, die seine Hühner reißen wollen, und schießt dabei mit dem Gewehr herum.

Gayla ist heute früh aufgestanden, als noch kein Sonnenstrahl durch den Wald drang, aber schon die ersten Vögel zwitscherten. Sie hat sich ein Frühstück zubereitet, das sie "Höhlen-Diät" nennt, Nüsse und Beeren, keine Früchte, kein Zucker, und sich nach draußen vor die Hütte gesetzt. Manchmal steht Gayla auch erst morgens um neun auf, manchmal gegen mittag, manchmal hört sie, anstatt zu frühstücken, lieber stundenlang Mozart. Manchmal arbeitet sie die Nächte durch, sie redigiert dann Bücher. Das letzte, über Ethanol als Benzinersatz, ist gerade erschienen. Es gibt aber auch Tage, an denen arbeitet sie gar nicht.

Gayla Groom, 51, ist eigentlich noch zu jung fürs Hippie-Altersheim. Aber sie leidet unter multipler Sklerose. "Rocinante ist für mich ein Ort des Friedens", sagt sie.

Manchmal berät sie mit ihren Nachbarn darüber, ob es Sinn macht, eine weitere E-Mail an Ted Turner oder Bob Dylan zu schicken, um finanzielle Unterstützung für den Ausbau von Rocinante zu erbitten, manchmal kritisiert sie einen Nachmittag lang die amerikanische Kriegswirtschaft über einem Becher Sojamilchkaffee oder diskutiert Grundsatzfragen zur freien Entfaltung von Tieren. Und manchmal löst sie bloß den ganzen Tag Kreuzworträtsel. Kreuzworträtsel beruhigen.

"Rocinante ist für mich ein Ort des Friedens", sagt Gayla, "es gibt hier einen Platz für mich, hier kann ich sinnvoll leben."

Gayla ist mit Anfang 50 eigentlich noch viel zu jung für diese Art Hippie- Altersheim. Aber sie leidet unter multipler Sklerose. So stand sie vor der Frage, wo es einen Ort gibt, der gemacht ist für jemanden wie sie, eine Schnittstelle zwischen Selbstentfaltung und Betreuung, zwischen unbändigem Individualismus und der Nestwärme einer Kommune.

"Ich habe hier einfach nicht das Gefühl, eine Dampflok im Hintern zu haben, die mich gewaltsam zurück in die Gesellschaft steuern will."

Große Pläne: Noch liegen nur ein paar einzelne Holzhütten verstreut im Wald. Bald soll es eine Gemeinschaftsküche und eine Konzertbühne geben

Rocinante ist kein gewöhnliches Altersheim. Es hat kein Pflegepersonal und keine Weckzeiten, keinen Gemeinschaftsraum und keinen Fahrdienst. Bald wird es expandieren, da sind sich die Bewohner sicher. Strom ist bereits für 25 Häuser verlegt, es soll einen Gemeinschaftsgarten geben, eine Gemeinschaftsküche und eine kleine Konzertbühne, dann nämlich, wenn noch andere Hippies jenes Alter erreichen, vor dem sie sich früher immer gefürchtet haben.

In Rocinante sollen die Menschen auch im Alter leben, wie sie immer gelebt haben - und damit steht das Projekt in den USA nicht allein da: Es gibt neuerdings Altersheime für Homosexuelle, für Vegetarier, für Juden und konservative Katholiken, es gibt eines für anarchistische Neu- Heiden und nördlich von Los Angeles eines für pensionierte Piloten, das eine Rollbahn und einen Hangar auf dem Anwesen beherbergt. Nach einer Statistik der "New York Times" erreichen täglich ungefähr 8000 Amerikaner das 60. Lebensjahr. 8000 Menschen, die keine Lust haben, verwahrt zu werden, anstatt zu leben. Rocinante ist Teil der Hippie-Kommune The Farm, die vor 36 Jahren von einem Treck heimatloser Hippies aus Kalifornien gegründet wurde. Sie hatten sich im Sommer 1971 in ausgemusterten Schulbussen auf den Weg durchs Land gemacht und blieben deswegen hier hängen, weil ein Bauer ihnen sein Land anbot.

Marilyn Harris betreibt ein Bed and Breakfast und schmückt ihren Garten mit Buddhas und Tüchern.

Die ehemaligen Lehrer, Ärzte und Physiker begannen, Kartoffeln zu pflanzen, Soja, Mais, Apfelbäume, sie lernten mit Kettensägen umzugehen, verlegten 26 Kilometer Wasserleitungen und praktizierten weiterhin freie Liebe und Gottesdienste zur Selbsterleuchtung. Ihr Gehalt gaben sie an die Gemeinschaft ab, niemand trug ein Portemonnaie auf der Farm. Aber das Leben in Schulbussen und Zelten war beschwerlich, und so kollidierten die Ideale von Gleichheit und Bescheidenheit immer öfter mit der Realität. Von den 1200 Hippies, die gekommen waren, sind 200 übrig geblieben. Mittlerweile ist es ein loser Verbund aus 50 kleinen Häusern, die auf einer Fläche von knapp sieben Quadratkilometern bescheiden in der Natur liegen, unter Bäumen, zwischen Hecken, als wären sie nur zu Besuch. 15 Minuten Fußweg liegt The Farm von Rocinante entfernt. In einem Schulbus wohnt keiner mehr.

Stephen Gaskin ist der Gründer der Farm und auch des Altersheims Rocinante. Irgendwann bemerkte Gaskin, der Cowboysohn, der Korea-Veteran, frühere Lehrer, Gefängnisinsasse, Buchautor und angeblich enger Freund des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Ralph Nader plötzlich, dass immer mehr kränkelnde Hippies die Kommune verließen, weil das Alter sie zurückzwang in die Gesellschaft, gegen die sie immer waren.

Gaskin ist ein hagerer großer Mann, 72 Jahre alt, sein dünnes weißes Haar fällt immer noch über den halben Rücken, und gerade sitzt er mit nacktem Oberkörper, einer orangefarbenen Sonnenbrille und Halstuch in einem 1973er-Sportwagen und fährt über das Gelände. Weite, wellige Wiesen und alte, hohe Bäume, die meisten Bewohner fahren Fahrrad, alle grüßen sich. Es ist ruhig, am lautesten quaken die Frösche. Stephen Gaskin zeigt die Sojamilchproduktion der Farm, die Shiitake-Pilzzucht für den Versandhandel, wo früher mal eine Kartoffelscheune war. Den Acker- und Obstanbau haben die Hippies längst aufgegeben, stattdessen haben sie eine Schule mit Solardach gegründet, einen Farmladen, einen Eigenverlag für Esoterikbücher und ein Hebammenzentrum.

Rocinante liegt gleich neben der Farm. Der Staat gewährt den Alten Sonderbedingungen. Das Land konnten sie preiswert kaufen. "Hier kann jeder wohnen, der eine neue Hütte selbst finanzieren kann, aber nach dessen Tod wird sie Gemeinschaftsbesitz und kann für 75 Dollar im Monat gemietet werden", erklärt Stephen Gaskin.

"Und hier dürfen sich die Menschen einfach ausruhen und müssen nicht die Kommune über Wasser halten." Mühsam war der Anfang, aber inzwischen bekommt Gaskin Anfragen aus dem ganzen Land. Nur er selbst darf auf Rocinante nicht leben, als Gründer der Kommune dürfe er sich nicht selbst begünstigen, hat ihm das Finanzamt erklärt.

Zur Hippie- Kommune gehört auch ein kleiner Farmladen.

Gaskin hält auf einer Anhöhe mitten im Wald, sein Sportwagen geht stotternd aus. "Hier soll das Gemeinschaftshaus stehen, es ist so schön sonnig hier. Und gleich hier", er zeigt nach rechts, "plane ich ein Amphitheater. In fünf Jahren will ich hier Hütten für weitere hundert Alte haben." Hippies natürlich, die nackt durch den Wald laufen können, die sich der Individualität verschrieben haben und dennoch füreinander da sind. Sich gegenseitig helfen und - ja, auch das: sich lieben. Gayla lebt seit drei Jahren in ihrer kleinen braunen Hütte zwischen hohen Pinienbäumen, umgeben von den weiten Feldern des Südens Tennessees.

Vorher hat sie die meiste Zeit ein, wie sie sagt, "freies, selbst gewähltes Leben" gelebt. "Ich habe mir nie die Achseln rasiert, nie Haarspray benutzt, meine Klamotten nur secondhand gekauft." Sie hat freie Liebe genossen, lilafarbene Glühbirnen benutzt, Marihuana geraucht. Sie war arm, ihr Leben lang, sie wollte es so. Ihre Familie, mittelständische Beamte aus Illinois, hat sie dafür geächtet. Die glaubte auch, Hippies würden von der chinesischen Staatsbank finanziert. Tatsächlich hatte Gayla nach einem abgebrochenen Studium einen Job als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei angenommen, in der progressiven Stadt Portland im Staat Oregon.

Dort lernte sie ihren ersten Mann kennen, ihren zweiten ebenfalls, sie bekam drei Kinder, zwischenzeitlich lebte sie in einer Hippie-Kommune in Kalifornien, dann wieder in Oregon, sie begann, als Lektorin zu arbeiten, und dann begannen auch schon die Probleme. Es fing an mit Müdigkeit, Vergesslichkeit. Dinge fielen ihr herunter, die Leute begannen sie schief anzusehen, Gayla merkte das. Sie trennte sich von ihrem Mann Rick, mit dem sie inzwischen wieder befreundet ist - oder trennte er sich von ihr und warum eigentlich, sie erinnert es nicht mehr. Einmal vergaß sie, ein Drittel eines Buches zu redigieren. Sie versuchte es wieder als Sekretärin in Virginia, aber weil sie manchmal tagelang nicht zur Arbeit erschien, "war ich als Arbeitnehmerin nicht mehr tragbar". Eine ärztliche Diagnose oder Hilfe bekam sie lange nicht, weil sie keine Krankenversicherung hat.

Wenn sie ihre Geschichte erzählt, hört es sich so an, als spräche Gayla über eine andere Person. Sie sitzt konzentriert vor ihrer Hütte, die Hunde Marino und L. J. streichen um ihre Beine, sie serviert Tee und lacht oft, vor allem über sich selbst. Sie wirkt wie ein gesunder Mensch, "so gesund, wie es geht, seit ich hier lebe, seit ich mein Tempo habe".

"Mama wirkt so viel glücklicher, seit sie hier ist", sagt ihre Tochter Molly, 17. Sie ist mit Gayla hierhergezogen und besucht die öffentlich anerkannte Schule der Farm. "In den vergangenen Jahren war ich oft in Pflegefamilien, aber nun bin ich wieder bei meiner Mutter. In der Natur. Ich liebe das", sagt Molly. Die Liebe zur Natur und zur Gemeinschaft verbindet die Hippies auf Rocinante.

Donnie Rainbow - was für ein Name für einen Hippie! Der 64-Jährige hat sein Haus eigenhändig gebaut - aus Korkeiche und Kuhmist.

Gaylas Nachbarin Melissa ruft jeden Morgen bei Donnie an, um ihm zu sagen, dass sie noch lebt. Donnie Rainbow, was für ein Name für einen Hippie, 64 ist er, ehemaliger Vorarbeiter bei General Motors, drei Viertel seines Magens sind entfernt, die Halswirbelsäule hat er sich gebrochen bei dem Versuch, Gaylas Dach von Piniennadeln zu befreien. Die Leiter kippte um, ein Rettungshubschrauber holte ihn aus dem Wald.

Melissa Dorlain, 50, wohnt nur 30 Meter entfernt von seinem Haus, das er eigenhändig nach einer norwegischen Bautechnik aus Korkeiche und Kuhmist errichtet hat. Ein charmantes kleines Haus mit hohen Fenstern, die den Blick auf den Garten freigeben, Donnies Herzstück.

Er ist so etwas wie Melissas Betreuer. Auf eine gewisse Art vielleicht sogar ihr Ehemann, sagt er. Er massiert sie, die ehemalige Massagetherapeutin aus Nashville, die angeblich den berühmten Entertainer Bob Hope zu ihren Kunden zählte, Abend für Abend, obwohl Melissa gar nicht mehr viel davon mitbekommt. Sie hat Chorea Huntington, eine Nervenkrankheit, sie wird daran sterben. Bis vor Kurzem fuhr Donnie sie zum Einkaufen, aber der Wagen hat seinen Geist aufgegeben, und Geld für einen neuen hat er nicht.

Melissa (links) ruft jeden Morgen bei Donnie an, um ihm zu sagen, dass sie noch lebt. Die ehemalige Massagetherapeutin leidet an einer unheilbaren Krankheit. Nachbar Donnie kümmert sich um sie.

"Melissa würde ich auch den Hintern abwischen, wenn es so weit kommt. Darauf freue ich mich nicht, aber ich würde es tun." Donnie ist klein und dünn, hat einen langen Zopf und sitzt auf der Heckklappe seines kaputten knallroten Pick-up-Trucks, während er von den anderen in Rocinante erzählt. Von Rick, dem ehemaligen Manager, den zwei Lesben aus Orlando und von Linda, die sich einbildet, einen Stalker zu haben und deshalb mit niemandem redet.

"Das Leben hier besteht nicht nur aus Zucker", sagt er. "Aber Teil der Gemeinschaft zu sein, sich zu unterstützen, auf die Farm zu gehen und einzukaufen oder anderen im Garten zu helfen", sagt er nach einer kleinen Pause, "letztlich ist es das wert. Wo sollte ich sonst leben - für 75 Dollar im Monat. Ich könnte gar nicht anderswo leben, ich bin Hippie, ich will es einfach - hey, Melissa..."

Melissa steht plötzlich da, in einem gelben bekleckerten T-Shirt und mit einem großen Sonnenhut auf dem Kopf. Sie setzt sich auf die Ladeklappe neben Donnie und umarmt ihn. Schmetterlinge und Hummeln fliegen um sie herum und durch seinen Garten, über die Lilien, Kartoffeln und Tomaten. Donnie hat eine kleine Ecke für Melissa eingerichtet, wo sie die Pflanzen bewässern kann. In ihrem eigenen Garten vergisst sie das.

Ein Motor springt an, Gayla kommt zu Donnies Haus heruntergefahren, sie will einkaufen im nächsten Ort, in Columbia, 20 Kilometer entfernt. "Kann ich euch was mitbringen?", ruft sie, "Seife oder Toilettenpapier? Das nächste Mal fahre ich erst in vier Wochen."

Gayla, Melissa, Donnie. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, sich mitten im Wald, frei und unabhängig, dem Tod zu nähern. Sie haben sogar einen kleinen Friedhof, auf dem bereits Dawn liegt, die frühere Freundin von Kommunegründer Stephen Gaskin. Melissa möchte hier begraben werden, unter einer Pinie, nur in ein Laken gehüllt, damit ihr Körper schnell zu Erde werden kann. Donnie möchte lieber verbrannt werden, und die Asche soll über seinen Lilien verstreut werden. Gayla denkt nicht ans Sterben. "Ich bin dankbar, dass ich noch daran mitwirken kann, die Welt ein bisschen freundlicher zu machen." Sie zeigt in Richtung der Farm, in Richtung eines alten Schuppens. Auf dem Dach steht in Regenbogenfarben: "Wach auf und lebe!"

Text: Annett Heide Fotos: Erika Larsen
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