Durchstarten mit 50

Sie haben schon viel erreicht. Sie haben noch viel vor sich. Und sie wollen es noch einmal wissen. Diese Frauen möchten mit 50 im Job durchstarten.

Sie hat - typisch für eine Frau ihrer Generation - Geisteswissenschaften studiert. Sie ist - schon nicht mehr so typisch - ausgebildet im professionellen Umgang mit elektronischen Datenbanken und Expertensystemen. Und hat - eher untypisch - als Quereinsteigerin in einem Automobilkonzern Karriere gemacht. Marion Diehr ist 55, in einem Alter also, das für viele gleichbedeutend ist mit "bald in Rente". Für Marion Diehr ist der Ruhestand noch weit weg. "Frauen meines Alters sind heute in der Mitte des Lebens, auch beruflich", sagt sie. Gut ausgebildet, manche mit zwei oder mehr Abschlüssen, einige - wenige - haben in Betrieben und Konzernen Führungspositionen erreicht. Dort könnten sie sich in den kommenden zehn, zwölf Jahren etablieren, vielleicht in der Hierarchie noch höher steigen.

Durchstarten: Wann, wenn nicht jetzt?

Doch das geschieht nur in wenigen Fällen. Das europaweit tätige Managerinnen-Netzwerk EWMD - die Abkürzung steht für "European Women's Management Development International Network" -, dem Marion Diehr angehört, hat festgestellt: Ausgerechnet wenn sie die Ernte ihres bisherigen Arbeitslebens einfahren könnten, verlassen hoch qualifizierte, erfahrene und engagierte Frauen die Unternehmen, machen sich selbständig, womöglich in einer Branche, in der sie noch einmal ganz von vorn anfangen müssen, oder ziehen sich ganz zurück - etwa in ein Ehrenamt oder ins Privatleben.

Warum ist das so? Was muss sich ändern in den Unternehmen, damit die Fach- und Führungsfrauen gern dort bleiben? Um das herauszufinden, hat das EWMD 30 Führungs- und Fachfrauen der Jahrgänge 1955 bis 1965 ausführlich befragen lassen. "Das ist die erste Frauengeneration, die ohne lange Unterbrechungen im Beruf erfolgreich war", sagt die Soziologin Christiane Funken, die alle Tiefeninterviews geführt hat. Ähnlich wie ihre Gesprächspartnerinnen ist auch sie hoch qualifiziert und hat vielfältige Erfahrungen im Beruf: Christiane Funken hat Soziologie, Erziehungswissenschaften, Politologie und Psychologie studiert, dann kamen Promotion und Habilitation. Heute lehrt die 58-Jährige als Professorin am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin. Die sogenannte Midlife-Crisis gebe es nicht nur im Privaten, sondern auch im Beruf, hat sie festgestellt. Heute könne es innerhalb eines Arbeitslebens mehrere solche kritischen Phasen geben, so die Erkenntnis der Expertin. Im Alter zwischen 45 und 55 ziehen viele ihre Zwischenbilanz. Sie gehören dann schon zu den Älteren und Erfahrenen, haben im Beruf mehrere Stationen durchlaufen, zum Teil Karriere gemacht. Zwar haben sie noch eine lange Strecke vor sich, aber das Ende des Berufslebens rückt ab 50 näher. Und wenn noch wichtige Wünsche offen sind, ist jetzt der Zeitpunkt, sie sich zu erfüllen.

Neue Aufgaben am Arbeitsplatz, vielleicht eine andere Position, mehr Verantwortung - das könnte für viele eine Lösung sein. In vielen Betrieben gehen die Verantwortlichen aber immer noch davon aus, dass Menschen zwischen 30 und 40 den Höhepunkt ihrer Kreativität und ihres Leistungs vermögens erreichen und dann wieder nachlassen oder sich zumindest nicht mehr weiterentwickeln. "Mit 50 wird keine mehr befördert - es sei denn in den Vorstand", sagt Christiane Funken. Sie sagt "fuffzich" und lacht dabei. Diese Frau steht mit fast 60 ganz offensichtlich mitten im Leben, doch in der Arbeitswelt wird sie zu den Älteren gezählt. Zu denen also, die schon in wenigen Jahren nicht mehr dabei sein werden. Andererseits ist die Überalterung der Gesellschaft längst in den Betrieben angekommen: Der Altersdurchschnitt der Beschäftigten steigt stetig an, es kommen immer weniger Junge nach - und neuerdings wird diskutiert, die gesetzlich festgelegte Lebensarbeitszeit bis 69 zu verlängern. Wäre das nicht ein Grund mehr, sich um die Älteren zu kümmern? "Das tun die Unternehmen durchaus", sagt Marion Diehr. "Es gibt Age-Diversity-Programme, rückenfreundliche Arbeitsplätze in der Produktion, Computerkurse für die Älteren. Leider gehen die meisten dieser Maßnahmen am eigentlichen Thema vorbei."

Oft werde mit den über 50-Jährigen, vor allem mit den Frauen, geradezu herablassend umgegangen, findet sie. Die zierliche Frau mit der sanften, klaren Stimme redet sich richtig in Rage bei diesem Thema: "Das sind vielfach hochkompetente Leistungsträgerinnen - und die Unternehmen interessieren sich einfach nicht für sie, geben ihnen keine Chancen." Das passiert natürlich auch Männern. Sie allerdings reagieren anders, so die Erfahrung von Marion Diehr: Position und Gehalt müssen stimmen, mit allem anderen kann man sich arrangieren. Wer als Hauptverdiener die Verantwortung für eine Familie trägt, hat womöglich auch keine andere Wahl. Das gilt für Frauen genauso. Diejenigen, die vor allem für sich selbst zu sorgen haben, sind weit weniger bereit zu Kompromissen. Wenn sie sich an ihrem Arbeitsplatz unterschätzt, unterfordert oder gar missachtet fühlen, nehmen sie das nicht lange hin. Lässt sich ein Konflikt nicht lösen, findet sich innerhalb des Unternehmens keine Alternative, planen sie den Ausstieg. Die meisten Frauen, mit denen Christiane Funken für die EWMD-Studie gesprochen hat, waren gerade in dieser kritischen Phase, in der es vor allem darauf ankommt, dass ihr Vorhaben, sich neu zu orientieren, nicht zu früh bekannt wird. Deshalb wollten sie unter allen Umständen anonym bleiben - auch gegenüber BRIGITTE WOMAN.

Manche "Aussteigerinnen", wie Christiane Funken diese Frauen nennt, verlassen nicht nur ihr Unternehmen, sondern auch die Branche und machen sich in einem ganz anderen Bereich selbständig. Sie leben eine Leidenschaft aus, die sie sich bisher lediglich im Privaten zugestanden haben: Die Marketingleiterin eröffnet ein Feinschmecker-Bistro, die Werbetexterin kauft sich Bienenvölker und schleudert Honig. In BRIGITTE WOMAN werden gelegentlich solche Frauen vorgestellt. Frauen, die sich einen Lebenstraum erfüllen, ohne Traumtänzerinnen zu sein. Frauen, die abwägen, nachrechnen - und dann einen mutigen Schritt machen.Andere engagieren sich neben ihrer gewohnten Arbeit im Betriebsrat oder in einem Ehrenamt außerhalb des Unternehmens. Sie übernehmen Aufgaben in ihrer Familie, kümmern sich um ihre Eltern, wenn sie Hilfe brauchen. Sie stehen ihren erwachsenen Töchtern zur Seite, wenn das erste Enkelkind auf die Welt kommt.

In vielen Fällen sind das einschneidende Veränderungen. Entscheidungen, die es ebenso sorgfältig abzuwägen gilt wie eine Existenzgründung. Wie es den Frauen zwei, drei Jahre später geht, hat Christiane Funken bisher zwar nicht untersucht. "Aus Gesprächen mit Frauen, die einen solchen Schritt getan haben, weiß ich aber: Sie haben sich die Entscheidung in der Regel gut überlegt - und sind später dann auch zufrieden mit ihrem neuen Leben."

Seit einigen Jahren warnen Wissenschaftler vor dem Braindrain des Arbeitsmarktes in Deutschland. Mit dem englischen Begriff ist gemeint, dass zunehmend junge, hier ausgebildete Fachleute ins Ausland abwandern, so dass ihr Wissen und ihre Fähigkeiten den deutschen Betrieben und Hochschulen verloren gehen. Das Phänomen der "Abwanderung" von gut ausgebildeten, erfahrenen Frauen über 50 in andere Branchen, ins Ehrenamt und in die Familie wird bisher wenig beachtet. Doch das ändert sich. Auftraggeber und Sponsor der Studie des Managerinnen-Netzwerks EWMD ist das Bundesfamilienministerium, das derzeit von einer 33-Jährigen geführt wird. Frauen und Männer jeden Alters sitzen im Saal, als Christiane Funken und Marion Diehr in Berlin die Ergebnisse vorstellen. Beim "kleinen Imbiss" im Anschluss wird bis zum späten Abend lebhaft diskutiert. Über Ausbildungswege und Werdegänge, vor allem von Frauen, über das Vereinbaren von Familien- und Berufsleben, über das Angestelltendasein und die Selbständigkeit. Über die Wünsche, Pläne und Ziele im Beruf und wie sie sich im Lauf des Arbeitslebens ändern. Viele, die an den runden Stehtischen Visitenkarten und E-Mail-Adressen austauschen, sind bereits über 50. Von Altwerden oder Ruhestand spricht allerdings niemand. Das hat ja auch noch Zeit.

Text: Christine Tsolodimos Foto: Corbis BRIGITTE WOMAN, Heft 08/11

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