Die Ersten ihrer Art

Sie wissen, was sie wollen, sind modern, gleichberechtigt, Frauen des 20. Jahrhunderts. Und dazu sind sie die Ersten ihrer Art.

Unter Jazzmusikern auf der Bühne

Karolina Strassmayer, 36, Saxofonistin bei der WDR Big Band, Köln Die einzige Frau in der Band – für ihre Kollegen war das nie ein Thema. Für das Publikum manchmal schon: eine Frau am Saxofon? "Ich bin kein Alien. Ich mache Musik wie die anderen auch", sagt Karolina Strassmayer heute gelassen. Doch in ihren ersten Jahren empfand sie es oft geradezu "als Behinderung", eine Frau zu sein, hat ihre Haare abgeschnitten und Busen, Bauch und Po unter Lederjacke und weiten Jeans versteckt. Das ist Vergangenheit, längst geht die Musikerin in eleganten weiblichen Outfits auf die Bühne. Dort, wo Karolina Strassmayer aufgewachsen ist, in Bad Mitterndorf in der Steiermark, wird häufig Volksmusik gespielt. Sie selbst hat als Kind auf dem Kla-vier und auf der Querflöte Klassik gelernt. Jazz, das war eine fremde Welt für sie. Bis sie mit 17 das legendäre Album "Kind of Blue" von Miles Davis geschenkt bekam und zum ersten Mal ein Solo des Alt-Saxofonisten Cannonball Adderley hörte: "Noch nie hatte mich etwas so angesprochen wie diese Musik." Ein Schlüsselerlebnis.

"Jazzmusik? Das willst du jetzt machen?", fragten die Eltern zweifelnd. Karolina Strassmayer wollte – und hatte bald die Gelegenheit. Bereits ihr erster Saxofonlehrer erkannte ihr großes Talent und ließ sie bei Auftritten mitspielen.

Ich tue das, was ich immer wollte: Jazz spielen.

Karolina Strassmayer hat an der Jazz-Abteilung der renommierten Musikhochschule Graz studiert, ein Stipendium für New York gewonnen – und sich bald in der dortigen Jazzszene durchgesetzt. Jetzt ist sie Mitglied der Big Band des WDR, einer der führenden in Europa. Und hat außerdem Erfolg mit ihrem eigenen Quartett. "Was für eine tolle Frau am Saxofon", heißt es heute, wenn sie spielt.

Als Rentnerin im Model-Business

Elke Görsch, 64, Dove-Model, Berlin "Ich und Werbung?", hat sie gesagt, als ihre Friseurin sie auf eine neue Kampagne des Kosmetikherstellers Dove ansprach: "Die suchen ältere attraktive Frauen. Wäre das nichts für Sie?" Zu Hause hat Elke Görsch mit ihrem Mann darüber gesprochen und wollte mit ihm zusammen lachen über die Vorstellung, eine späte Model-Karriere zu starten. Doch er schlug vor: "Ruf da doch einfach mal an!" Sechs Wochen später flog Elke Görsch nach New York zum Fotoshooting mit der Starfotografin Annie Leibovitz. Sie hatte sich gegen alle deutschen Mitbewerberinnen durchgesetzt. "Zeigen, dass Alter auch schön ist – dieses Ziel der Kampagne gefiel mir", sagt die Berlinerin – und schwärmt von der Arbeit mit Annie Leibovitz: "Sie ist so einfühlsam und mitreißend, dass sogar die Nacktfotos, von denen anfangs nie die Rede war, für mich völlig in Ordnung waren."

Dagegen hatten einige deutsche Zeitungsredakteure Probleme mit den Fotos der großen, schlanken 64-Jährigen, die auf ihren Körper achtet, Sport treibt und sich gesund ernährt – aber nicht geliftet ist. Zu Hause empfingen Elke Görsch Schlagzeilen wie "Darf man Nacktwerbung machen in dem Alter?". "Wie eine Ohrfeige" sei das gewesen, sagt Elke Görsch – doch sie bereut die Fotos nicht: "Bewirkt haben sie offenbar etwas, sonst hätte es nicht so viele Reaktionen auf die Kampagne gegeben", sagt sie. "Wir sollten mit dem Thema Älterwerden endlich gelassener, positiver umgehen. Länger leben zu dürfen ist doch vor allem ein Geschenk. Ich jedenfalls bin sehr dankbar dafür."

Ich will zeigen, dass Alter auch schön ist.

Tut es ihr manchmal leid, dass sie nicht schon viel früher mit dem Modeln angefangen hat? Elke Görsch winkt ab: Während ihres Studiums in der DDR hatte sie mehrere Angebote, und sie hätte das Geld damals gut brauchen können. Aber zu der Zeit fand sie Werbung oberflächlich und hat abgelehnt. Es hat eben alles seine Zeit im Leben.

Im ICE-Cockpit

Daniela Lubinski, 30, Lokführerin, Hamburg Ihr Beruf ist Stoff für Partygespräche. Lokführerin? Ach was. Und manche Fahrgäste schauen zweimal hin, wenn sie in den Führerstand des ICE 2 steigt. Warum sie sich gerade für diesen Beruf entschieden hat? "Ich reise gern, und ich liebe die Geschwindigkeit", sagt Daniela Lubinski. Deshalb hat sie spontan zugegriffen, als sie nach der Höheren Handelsschule bei der Ausbildungsberatung der Bahn erfuhr: "Bei uns können Sie auch Lokführerin werden." Bisher machen das nur wenige Frauen. Bloß etwa 300 gibt es unter den 20 000 Lokführern der Deutschen Bahn. In ihrer Ausbildungsgruppe war Daniela Lubinski die einzige. Meist habe sie es gut gehabt, sagt sie, als "Henne im Korb".

Und bis heute hat sie ihre Entscheidung für den Beruf nie bereut. Trotz manchmal anstrengender, langer Arbeitstage und auch wenn sie Fragen wie "Warum kommen die Züge so oft zu spät?" nicht mehr hören kann. Ihre schönsten Stunden sind frühmorgens oder am späten Abend, wenn die Welt gerade aufwacht oder langsam zur Ruhe kommt. Dann genießt Daniela Lubinski es besonders, den Koloss aus dem Bahnhof zu lenken, langsam zu beschleunigen auf 100, 120, 250 Stundenkilometer. Wiesen, Wälder, Dörfer fliegen vorbei, wie in Zeitlupe kriechen die Autos in der Ferne über den Asphalt. Wer weiß schon, dass man vorn die Geschwindigkeit viel intensiver spürt. Bekommt sie keine Angst bei der Vorstellung, dass etwas passieren könnte – mit hunderten Menschen an Bord? "Nein", sagt Daniela Lubinski. An die Nacht vor ihrer ersten ICE-Fahrt erinnert sie sich bis heute.

400 Tonnen Stahl zu bewegen, das ist gigantisch.

Wie sie sich schlaflos im Bett gewälzt hat – vor Aufregung und Vorfreude. "400 Tonnen Stahl und Glas und Kunststoff zu bewegen, das ist gigantisch", schwärmt sie. Die Faszination ist ungebrochen. Vor einem Jahr hat sie ihr zweites Kind bekommen und ist jetzt in Elternzeit. Aber danach will sie wieder auf die Gleise. Dann vielleicht auch mit einem ICE 3. Die schaffen bis zu 300 Stundenkilometer

Mit der Pfeife auf dem Fußballplatz

Elke Günthner, 43, Schiedsrichterin, Bamberg Warum wird ein Mädchen mit 14 Fußballschiedsrichterin? Für Elke Günthner war das die einzige Möglichkeit, ihre Liebe zum Fußball auszuleben. Denn in ihrer Heimatstadt Bamberg gab es damals keine Mädchenmannschaft. Und auf Dauer reichte es ihr nicht, nur ab und zu mal mit dem Vater und den Brüdern zu kicken. Was nach der Prüfung auf sie zukommen würde, ahnte sie nicht. Schiedsrichter sind ohnehin unbeliebt. Und dann so einer: viel zu jung und ein Mädchen. "Was will die hier" oder "Frauen an den Herd" pöbelten Spieler und Fans. Ohne den Beistand ihres Vaters hätte Elke Günthner vielleicht aufgegeben. "Aber wieso eigentlich?", hat sie sich gefragt. "Ich liebe den Fußball, ich verstehe was davon. Ich habe was zu sagen auf dem Platz." Nach der Devise "jetzt erst recht" leitete sie so viele Spiele wie nur möglich, überprüfte später ihre eigenen Entscheidungen. Bei Fußballspielen im Fernsehen achtete sie vor allem auf die Schiedsrichter.

Ihre ganze Freizeit gehörte dem Fußball. Im Hauptberuf ist Elke Günthner heute Personalchefin am Bochumer Schauspielhaus. Eine Position, in der ihr die Erfahrung als "Unparteiische" häufig nützt. Karrieren im Fußball sind oft auf wenige Jahre komprimiert. Elke Günthner gehört zu den ersten Frauen überhaupt mit Schiedsrichterlizenz des Internationalen Fußballverbandes Fifa. Sie hat große Spiele gepfiffen, etwa bei Europa- und Weltmeisterschaften der Frauen, und war 2005 "Schiedsrichterin des Jahres". "Mir macht keiner mehr was vor", sagt sie. Die männlichen Kollegen und Spieler sehen das heute genauso. Elke Günthner ist eine Respektsperson auf dem Platz – und hat andere Frauen nachgezogen. Es hat sich herumgesprochen, dass es dem Spiel zugute kommt, wenn eine Frau über die Fairness wacht. Die Spieler reißen sich zusammen, es gibt weniger Verletzungen. "Der eine oder andere wünscht sich sogar eine Schiri-Frau bei den Männern in der Bundesliga", sagt Elke Günthner.

Das allerdings wird sie als Schiedsrichterin nicht mehr erleben. Demnächst hört sie auf, vergleichsweise spät. Die meisten ihrer Kolleginnen legen die schwarze Uniform bereits mit Mitte 30 für immer in den Schrank. Jedes Wochenende auf dem Platz stehen, mindestens dreimal in der Woche Laufen und Muskeltraining, um mit den Spielern mithalten zu können, dazu der Hauptberuf – das ist nicht nur anstrengend. Es lässt sich auch mit dem Privatleben kaum vereinbaren. Deshalb ist Elke Günthner nicht traurig, dass ihre aktive Zeit dem Ende zugeht. Demnächst fährt sie mit ihrem Partner in Urlaub – zum ersten Mal mitten in der Fußballsaison.

Als Rabbinerin in der Synagoge

Eveline Goodman-Thau, 73, Rabbinerin und Universitätsprofessorin, Jerusalem Eveline Goodman-Thau ist gewohnt, zu irritieren: als berufstätige Mutter von fünf Kindern. Als Professorin für jüdische Religionsund Geistesgeschichte, die sich zugleich für Frauenrechte einsetzt, mit Lehraufträgen in Wien, Heidelberg, Kassel, Harvard. Als Gründerin und Direktorin der Hermann- Cohen-Akademie für jüdische Religion, Wissenschaft und Kunst in Buchen im Odenwald. Auch privat ständig unterwegs. "Ich bin eine revolutionäre Zigeunerin", sagt sie.

So eine Frau hat keine Angst vor Herausforderungen. Deshalb hat Eveline Goodman- Thau zugesagt, als die Wiener Reformgemeinde Or Chadasch ihr das Amt der Rabbinerin antrug. Bisher gibt es nur wenige Rabbinerinnen im orthodoxen, an den strengen Regeln des jüdischen Gesetzes orientierten Judentum. Eveline Goodman- Thau rechnete mit Widerstand. Aber sie sah auch die Chance, Zeichen zu setzen, etwa für die Rechte der Frau. "Rechte werden nicht gegeben, sondern genommen", sagt sie. Eveline Goodman-Thau "nahm sich" auch das Rabbineramt. Im Judentum ist das möglich: für Männer wie Frauen, die von einem Rabbiner ausgebildet wurden. Eveline Goodman- Thau hat einen Rabbi gefunden, der dazu bereit war. Nach sechs Monaten "Lehrzeit" ordinierte er sie in Jerusalem, ihrer Wahlheimat seit 50 Jahren. Ihr Bruder, der ebenfalls Rabbiner ist, hätte vielleicht abgelehnt. Denn er ist – bei aller Liebe zu seiner Schwester – gegen Frauen im Rabbineramt.

Was sie erreichen will? Für diese Frau geht es immer um Fundamentales. Nur aufgrund glücklicher Umstände hat sie den Holocaust überlebt. Erst 1981 hat Eveline Goodman-Thau Deutschland wieder betreten. "Wir müssen die ungelebten Leben weiterleben", sagt sie. Und: "Gott hat den Menschen die Freiheit zu Auschwitz gegeben. Wir haben die Freiheit, anders zu handeln. Hier und heute." Eveline Goodman-Thau setzt sich für Versöhnung ein – auch in Israel. Ihr Herzenswunsch ist, dass dort nach 60 Jahren endlich der Frieden kommt.

Bei der Feuerwehr

Monique Hoffmann, 31, Feuerwehrfrau, Hamburg Menschen aus Gefahren retten – das ist es, was Monique Hoffmann an ihrem Job liebt. Aber kann so ein Job liebenswert sein? Feuer, Hitze, Lärm und Brandgeruch, die ständige Alarmbereitschaft, die Anstrengung? "Natürlich", sagt die Feuerwehrfrau. "Ich würde mich immer wieder dafür entscheiden." Angefangen hat Monique Hoffmann in einem klassischen Frauenberuf: Arzthelferin. Doch dort war die sportliche junge Frau bald unzufrieden: "Ich wollte eine Arbeit, die mich fordert, auch körperlich. Wo ich in Bewegung bin, schnell reagieren muss." Sie ging als Zeitsoldatin zur Bundeswehr – und bewarb sich nach einem Lehrgang in einer Feuerwache um einen Ausbildungsplatz.

Allein unter Männern zu sein, in einem harten Beruf, das kannte sie ja inzwischen. Heute sind viele Einsätze Routine für die Feuerwehrfrau. Notruf aus einem Mietshaus: Eine alte Dame ist in ihrer Küche gestürzt. Monique Hoffmann und ihr Kollege René Höber rasen im Krankenwagen der Feuerwehrwache zum Unglücksort. Innerhalb von Minuten haben sie die Situation unter Kontrolle, die alte Dame ist beruhigt und wird ins Krankenhaus gebracht.

Auch wenn die Feuerwehr gezielt weiblichen Nachwuchs anwirbt, hatte Monique Hoffmann mit manchen Kollegen anfangs Probleme – bis hin zu Kommentaren wie "Die schläft sich hoch", wenn sie gelobt wurde. Heute ist sie in ihrem Team beliebt. Der Umgangston ist freundlicher geworden, seit sie da ist, und das tut gut, sagen die Männer. Manchmal, wenn sie einem Selbstmörder oder Verunglückten nicht mehr helfen konnten, müssen alle einander Halt geben. Monique Hoffmann schöpft trotz dieser erschütternden Erfahrungen Kraft aus dem Wissen, dass sie häufig Schlimmeres verhindern kann. Oder ihr Wundervolles gelingt. Wie vor vier Jahren, als sie mit ihrem Kollegen eine Geburt managte. "Extreme Situationen gehören für mich zum Alltag. Ich habe vielleicht schon mehr erlebt als mancher mit 60 oder 70 Jahren", sagt Monique Hoffmann. Dass Feuerwehrleute im Einsatz körperlich und seelisch bis an ihre Grenzen gefordert sind, hat seinen Preis. Kaum einer wird älter als 65. Gibt Monique Hoffmann das nicht zu denken? "Manchmal schon. In gewisser Weise riskiere ich mein Leben. Aber das gehört hier dazu."

Unter Stahlforschern

Anke Rita Pyzalla, 41, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Eisenforschung, Düsseldorf Kunstgeschichte. Germanistik. Literaturwissenschaft vielleicht. Als Anke Rita Pyzalla das Abitur machte, wählten die Mädchen in ihrer Klasse vor allem solche Studienfächer. Sie entschied sich für Maschinenbau – Frauenquote damals: vier Prozent –, und eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere begann. Bereits mit 37 war Anke Rita Pyzalla Professorin an der Technischen Universität Wien und lehrte Fächer mit sperrigen Namen: Werkstoffeinsatz, Fügetechnik und Bauteilprüfung.

Heute, als Leiterin des Düsseldorfer Max- Planck-Instituts für Eisenforschung, kann die Wissenschaftlerin sich wieder intensiver um die Forschung kümmern. Ihr aktuelles Thema: Unter hoher Belastung, etwa durch starke Hitze oder übermäßigen Druck, dehnt Metall sich aus.

Dann entstehen Löcher, und irgendwann kommt es zum Bruch. Anke Rita Pyzalla arbeitet daran, diese Veränderungen so früh wie möglich sichtbar zu machen – mit extrem intensiven Synchrotron-Strahlen, die sie als eine der Ersten in Deutschland dafür eingesetzt hat. Wie kommt eine Frau in den Naturwissenschaften so schnell so weit? Anke Rita Pyzalla hat darüber nicht nachgedacht. "Ich habe mich nie als Frau unter Männern gefühlt", sagt sie. "Ich wollte forschen, das ist alles." Neugierig und wissensdurstig ist sie geblieben. Auch über ihr Fach hinaus. Ein Foto auf ihrem Rechner zeigt den Oberschenkelknochen eines Dinosauriers im Querschnitt. "Wie konnten so grazile Knochen solche riesigen Tiere tragen? Das will ich wissen", sagt Anke Rita Pyzalla.

Texte: Anja Dilk und Heike Littger Fotos: Manuel Krug

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