So viel Trash muss sein

Wer sagt eigentlich, dass Kitsch immer schlecht ist? Dass wir stets nach Hochkultur streben? Die Wahrheit ist: Manchmal sehnen wir uns nach etwas schrecklich Banalem. Sieben Frauen outen ihre leicht skurrilen Vorlieben.

Happy End mit Lotusblüte

Silke Kienecker kann einfach nicht von Asienkitsch lassen.

Seit ein Designer in mein Leben gerauscht ist und wir im Schnelldurchlauf geheiratet haben, muss ich meine Leidenschaft zügeln. In meinem Zimmer hängen bestickte Borten aus einem balinesischen Tempelshop und ein chinesisches Plakat mit einer Schönen hinter Blütenzweigen, den Nachttisch schmücken thailändische Opferschalen und ein bunt bemalter Garuda - das Gros meiner Schätze aber lagert in der Abstellkammer. Denn mein Wohnungsgenosse ist nicht nur Designer, sondern auch Purist, und wir haben uns geeinigt, die gemeinsamen Räume frei von Dekoration zu halten. Als mir neulich in meinem Lieblings-Kitschladen eine riesige rosa Lotusblüte ins Auge sprang, in der eine mehrarmige, von Wasserfontänen berieselte indische Göttin saß, schlug mein Herz schneller vor Begehrlichkeit.

Bei diesem Kitsch schlug mein Herz schneller.

Aber ich wusste, der Designer zu Hause würde nur knapp einem Infarkt entgehen. Trotzdem ging mir der Zimmerspringbrunnen nicht aus dem Sinn. Und eines Abends beim Spaziergang standen wir vor dem Schaufenster. "Ist der nicht schön?", flüsterte ich. "Aber keine Sorge, es reicht mir, wenn ich ihn hier ansehen kann." Er schwieg weise, nur sein Seufzen sprach Bände. Kurz darauf, an unserem zweiten Jahrestag, schleppte mein Mann ein Paket an: der Springbrunnen! Der Schatten, über den er gesprungen ist, muss gigantisch gewesen sein. Und als in diesem Moment die Abendsonne goldorange ins Zimmer schien, wurde mir klar: Manchmal ist das echte Leben noch kitschiger als jede asiatische Zimmerfontäne.

Monströse Monster spät um Mitternacht

Bei uralten Gruselfilmen vergisst Karin Weber-Duve Zeit und Raum.

Das Grauen kündigt sich an. Erst nur ein leises Summen, das wird lauter und lauter und mündet schließlich in ein merkwürdiges Zischen. Ein Ton, nicht von dieser Welt. Ein Ton, der den stolzen, hoch aufgerichteten Kakteen in der Wüste von Nevada so sehr ins stachelige Mark fährt, dass sie plötzlich ganz klein zu werden scheinen. Ich weiß genau, was jetzt kommt, ich habe den Film des Regisseurs Gordon Douglas schon x-mal gesehen, und trotzdem pocht mein Herz. Ameisenbeine, riesige, spindeldürre Ameisenbeine, die an fetten Kugelkörpern hängen, an denen wiederum schreckliche Köpfe mit Stilaugen kleben, steigen über die Kakteen, buddeln ein Loch in den heißen Sand und legen Eier ab. Aus denen schließlich neue "Forniculas" schlüpfen: Ameisen, die nach einem Atomtest zu gigantischen Wesen mutiert sind und verschlingen, was sich ihnen in den Weg stellt. Mein Herz klopft, es ist spät - oder besser frühmorgens, denn der Science- Fiction-Schrott läuft jenseits gefälliger Sendezeiten. Einschaltquote: eine Person.

Ich muss die Filme klappern hören.

Diese Person bin ich. Ich versäume, wenn möglich, keinen einzigen der uralten Horrorfilme, in denen haarige, monströse Mutanten ihr Unwesen treiben, egal ob es sich um Ameisen, Spinnen ("Tarantula" von Jack Arnold), Fliegen ("Die Fliege" von Kurt Neumann) oder Gorillas ("King Kong und die weiße Frau" von Ernest B. Schoedsack und Merian C. Cooper) handelt. Mögliche Remakes dieser Filme und Viecher, lebensecht mittels modernster Tricktechnik, interessieren mich null. Ich muss die Maschinen mit all den Schrauben, Scharnieren undDrähten spüren können,die unterm 50er-Jahre-Fell klappern. Und wenn mein Mann sich wundert, was ich mir da eigentlich ansehe, sage ich nur unwirsch: "Lass mich!"

Darf es mal so richtig fettig sein?

Ulrike Hilgenberg kennt den Weg zur Brutzelbude.

Normalerweise ess ich gesund: Vitamine, Ballaststoffe, fünf kleine Mahlzeiten am Tag. Und das nicht, weil ich geschulte Ernährungsberaterin bin, sondern weil ich mich damit gut fühle. Doch es gibt so einen Moment, da kann ich gedämpfte Zucchini und gedünsteten Tofu nicht mehr sehen. Da langweilt mich der ganze gesunde Kram dermaßen, dass ich schleunigst ein Kontrastprogramm einleite.

Interessanterweise fällt dieser Moment stets auf einen Sonntag - sowieso mein Lieblingstag, weil ich da nicht arbeiten muss. Morgens im Bett genieße ich gemütlich Kaffee mit viel geschäumter Milch und Marmeladencroissants, ernährungstechnisch eine Todsünde, weil es den Blutzucker von null auf hundert jagt und ihn ebenso brutal wieder abfallen lässt. Es gilt deshalb, sich zu beeilen, um die Fett- und Eiweißzufuhr sicherzustellen. Ich mache mich also auf den Weg. Unterwegs gönne ich mir eine Eiswaffel mit drei Kugeln, Sorte Nuss-Sahne. Das verkürzt mental die Entfernung zum Ziel: Ganz idyllisch am Waldrand liegt die Brutzelbude, die hat die beste Bratwurst der Stadt. Kräftig in der Farbe, knackig gegrillt und ordentlich mit Geschmacksverstärker bestreut. Wie das schon von ferne duftet, der Pappteller ist in Sekunden von Fett durchtränkt. Herrlich! Ich esse sie jedes Mal mit reichlich Curryketchup. Meistens ist mir danach ein bisschen schlecht, und auf dem Heimweg denke ich: "So bald esse ich das nicht mehr." Aber bis zum nächsten Sonntag hab ich das wieder vergessen.

Promis, Models, Royals

Gut, es gibt wichtigeres im Leben. Aber Katrin Püttmann liebt ihre heimliche Lesestunde.

Als ich einsah, dass ich anfällig für Promi- Magazine geworden war, überrumpelte mich ein unangenehmes Gefühl: Ich schämte mich. Denn auf dem Zeitschriftenstapel landeten seit einiger Zeit die auf Hochglanz polierten Normverstöße. Die Geschichten über Prinz Harrys Eskapaden, die Dauerkrise der Beckhams, bunte Fotostorys mit Hollywood- Starlets gehörten inzwischen tatsächlich zu meiner Lieblingslektüre an einem gemütlichen Sonntagmorgen im Bett.

Ich begann mich zu sorgen, nun in eine gewisse Niveaulosigkeit abzurutschen. Und ich hatte Angst, eines Tages von meinen Freunden im Nachbarhaus bei einem meiner krampfhaften Vertuschungsmanöver am Altpapiercontainer ertappt zu werden. Der Tiefpunkt meiner Karriere als heimlicher "Gala"- und "Bunte"-Leserin aber kam, als ich beschloss, meine Leidenschaft zu unterbinden. Ich ignorierte das Lächeln von Brad Pitt am Kiosk, griff zielstrebig zum aktuellen "Spiegel" - und fühlte mich elend. Meine Entspannungseinheit war dahin. Inzwischen verbringe ich meine Sonntage wieder sorgenfrei. Meinen Freunden von nebenan schwärme ich jetzt regelmäßig von meiner Lesestunde mit den schönen Glitzerheften vor. Die Wirkung ist fantastisch. Seitdem ich mein beschämtes Schweigen in offensives Plaudern verwandelt habe, darf ich die sorgfältig geblätterten Zeitschriften sogar anschließend in ihren Briefkästen versenken. Der Sonntagmorgen im Bett ist ein Fest.

Hurra, ein Ein-Euro-Laden!

Nichts geht über einen Bummel im Schnäppchen-Paradies, meint Uta van Steen.

Manchmal liege ich nach einem Anfall mit meinen Schätzchen auf dem Bett und fühle mich gut. Wie ein Kind unterm Tannenbaum nach der Bescherung. Sparsam. Erfolgreich. Zufrieden. Durch eine Nagelschere für nur einen Euro - im Drogeriemarkt würde sie glatt sieben kosten -, drei Tennisbälle, eine Kaffeedose, ein Küchensieb, ein Lidschatten-Set mit Glitter, eine CD mit Jazzklassikern, einen Sechserpack Socken usw. Und das Beste: Für die ganze große Plastiktüte voll mit Zeugs musste ich nur 34 Euro ausgeben. Sobald ich einen Ein-Euro-Laden sehe, ist es mit meiner Contenance vorbei, und ich stürme hinein. Hinaus trotte ich nie ohne mindestens 30 neue Besitztümer. Warum? Mama ist schuld. Sie ist eine Spielernatur, mag Roulette, Blackjack und Poker. Ich aber hasse Glücksspiele. Ein-Euro-Läden bieten hingegen die Sicherheit, nicht verlieren zu können - das, was ich kaufe, ist garantiert mehr wert, als ich ausgebe. Und: Die Läden sparen Zeit.

Ist ja nervig genug, dass das Leben einen zwingt, einen Staubsaugerbeutel Typ VL-29/hg4 zu benötigen und dafür in Kaufhaus-Safaris kostbare Stunden verschwenden zu müssen. Im Ein-Euro-Laden dagegen: Jeansflicken. Die neue Toilettenbürste. Eine Butterdose . . . Ein Horror, sich vorzustellen, wie lange es dauert, allein diese drei Objekte bei Karstadt zu erstehen! Und 30 Euro ist man da im Nu los. In meinem Lieblingsladen bekomme ich für den gleichen Betrag noch einen Dänisch-Sprachkurs, Rasierwasser, Weichspüler, Gummiknochen, Zahnpflegekaugummis, einen tanzenden Nikolaus, der "Hohoho" sagen kann . . . Höre ich da etwa was von Feng Shui und "Simplify your life"? Ach, sollen doch andere ihrem Kaschmirschal in Eierschalenbeige hinterherrennen, sich Blasen laufen, 200 Euro ausgeben und dafür Überstunden dranhängen! Ich streichele in der Zeit lieber meine Schätzchen. Und fühle mich gut.

Kleine Wadlbeisser an die Leine!

Mit der "Tier-Nanny" entdeckt Frauke Döhring ihr Herz für Hunde.

Eines Sonntagabends kam ich auf den Hund. Nein, nicht real, im Fernsehen, als ich in Erwartung des "Tatorts" herumzappte und hängen blieb: bei Schlappohren, vier Beinen und Katja Geb-Mann. Sie ist die "Tier-Nanny" auf Vox. Seitdem bin ich dabei, und ist eine Sendestaffel zu Ende, ersehne ich neue Folgen. Ach, die quirligen Wesen, die sich treuäugig in unsere Herzen winseln, am liebsten würde ich sie alle aus dem Kasten heraus auf mein Sofa heben. Und die Tier-Nanny dazu. Denn wie sie es schafft, Wadlbeißer in Schoßhündchen zu verwandeln, macht mich fast süchtig nach dieser Art TV-Therapie. Klar ahne ich, dass viel inszeniert ist; selbstredend habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich voyeuristische Triebe befriedige. Aber wo sonst hat man so intime Einblicke in private Desaster, erlebt quasi live Heulen und Zähneblecken? Drei Fälle löst Frau Geb-Mann pro Folge. Doch eigentlich ist es stets derselbe Fall, nur Personal und Kulisse wechseln.

Also: Hundi fühlt sich als Chef im Haus und tyrannisiert das restliche Rudel, sprich Herrchen, Frauchen, Gäste. Die Tier- Nanny soll die Hierarchie wiederherstellen, und sie tut das auf gnadenlos entschlossene Art, mit richtig fiesen Hilfsmitteln. Etwa einem Halsband, das einen dicken Wasserstrahl verspritzt, wenn Hundi knurrt. Der erschrickt, kläfft, beißt sich verwirrt in den eigenen Schwanz - und beugt sich schließlich der Übermacht. Ende gut, alles gut. Und ich? Schaue zu und denke: Hätte man doch für alle Probleme im Leben seine Nanny! Wunderbar pragmatisch vermittelt sie uns: Auch für hoffnungslose Fälle findet sich eine Lösung. Jaja, ich weiß, eine Illusion - und trotzdem Balsam für meine Seele.

Einmal Las Vegas hin und zurück

Bei US-TV-Serien und Fußbad kann Susanne Kohl herrlich entspannen.

Meine Mutter sagt, ich hätte als kleines Mädchen die Namen der Wochentage noch nicht gekannt, dafür aber schon gewusst: Heute ist der Tag, an dem "Daktari" läuft, morgen kommt "Bonanza", übermorgen "Bezaubernde Jeannie". Mitte der Sechziger war Fernsehen noch schwarzweiß und pädagogisch unverdächtig, und ich durfte in der Stunde vorm Abendbrot sehen, was ich wollte. Anfang der Achtziger begann ich zu studieren, und meine Wohngemeinschaft rekrutierte sich aus vier tapferen Göttinger Studenten, die sich offen zu ihrer Liebe zu "Dallas" bekannten - in Zeiten von Ronald Reagan und Wettrüsten ein gewagtes Outing. Seitdem hat sich manches geändert, meine Vorliebe für Serien aber ist geblieben: Sie sind die Fixpunkte in meinem Wochenablauf. Montags freu ich mich auf "Criminal Intent", dienstags auf den zynischen "Dr. House", und wenn "The Closer" läuft, muss Mittwoch sein. Bin ich an einem Donnerstag zu Hause, schalte ich garantiert "CSI: Las Vegas" ein, kein Freitag ohne die Ermittler von "Cold Case". War es ein besonders harter Arbeitstag, kann ich die Entspannung durch ein heißes Fußbad beschleunigen: mit einem Pflegesalz aus dem Drogeriemarkt, das wie Waschpulver riecht (und es vermutlich auch ist). Nach einer Stunde sind meine Füße weich, die Mörder gefasst, die Kranken geheilt - und mein Kopf ist wieder frei. Warum das nur mit USSerien funktioniert? Produktionen aus Las Vegas haben nun mal mehr Glamour als die deutschen, denen man ansieht, dass sie in Hürth-Kalscheuren gedreht wurden. Und auch dass die US-Stars sexy sind, schadet nicht: Wer je gesehen hat, was Ermittler Gil Grissom von "CSI: Las Vegas" mit dem bloßen Anheben einer Augenbraue ausdrücken kann, wird mich verstehen.

Interview: "Nur echter Trash ist absolut humorlos"

Unser Kopf, unsere Seele, unser Magen verlangen ab und zu nach simplem Fastfood. Gert Scobel, prominenter Anchorman von 3sat, meint: Solange wir über uns selbst lachen können, ist alles okay!

Gert Scobel, 47, Philosoph, Theologe, Familienvater, gilt als einer der klügsten Köpfe im deutschen Fernsehen. Er ist Moderator und Redaktionsleiter des philosophisch-wissenschaftlichen Magazins "delta" sowie einer von vier Moderatoren der Sendung "Kulturzeit"

BRIGITTE WOMAN: Manchmal muss es eben Trash sein. Kennen Sie so etwas auch?

Gert Scobel: Ich glaube, jeder kennt das. Ich lese zum Beispiel gern Thriller, manchmal auch welche, die nicht so gut sind. Oder im TV habe ich fast alle Folgen von "Ally McBeal" gesehen.Und "Akte X", da war ich echter Fan: Ist das schon Trash? Hmh, wahrscheinlich... Ach ja, und Ende der Siebziger habe ich mir jeden Hongkong-Western im Kino angeguckt.

BRIGITTE WOMAN: Was ist das überhaupt - Trash?

Scobel: Trash erkennt man im Unterschied zu Kunst daran, dass man null Erkenntnis gewinnt. Ich muss nicht selbst denken. Außerdem gibt einem Trash die Möglichkeit, sich der Gegenwart zu entziehen.

BRIGITTE WOMAN: Und was passiert da mit uns?

Scobel: Der erste Weg ist die Regression: Ich flüchte zurück in die Kindheit, etwa mit Plüschtieren oder Puppen. Der zweite Weg ist die Projektion, wie sie in den Promi-Magazinen läuft: Endlich lerne ich Nicole Kidman und Co. kennen, bin bei Events dabei, alle Stars sind meine Freunde. Das Dritte ist die Fixierung: Ich bin starr auf etwas Bestimmtes ausgerichtet und blende dadurch alles andere aus. Von einer TV-Serie erwarte ich etwa, dass sie immer wieder das gleiche Gefühl in mir hervorbringt. Nun könnte man einwenden, gut, willst du denn immer alles ernst, schwer, nachdenklich haben ...

BRIGITTE WOMAN: Was halten Sie denn von der Unterscheidung E- und U-Kultur, ernste und unterhaltende Kultur?

Scobel: Es ist völliger Quatsch zu glauben, es gebe Ernsthaftigkeit ohne Unterhaltung und umgekehrt: Wenn ich mich bei etwas unterhalte oder amüsiere, gibt es immer auch ein "ernstes" Moment der Erkenntnis. Ob nun Theater, Kunst, Fernsehen - gut gemachte Unterhaltung fördert die Vielfalt an Gefühlen und Gedanken, bringt mich in Bewegung.

BRIGITTE WOMAN: Aber möchte ich das denn immer? Vielleicht brauche ich ja auch mal was Banales, will "abhängen" mit "meinen" Serienhelden, die vertraut sind wie echte Freunde. Und: Wir Frauen mit der Trash-Vorliebe schmunzeln über uns selbst. Was ist schlimm daran?

Scobel: Über richtigen Trash oder Kitsch können Sie gerade nicht lachen. Echter Trash ist absolut lachfeindlich und humorlos! Wenn jemand sich berieseln lässt und darüber lachen kann, dann hat der eine größere Freiheit als jemand, der verbissen seine Porzellankatzensammlung pflegt - und wehe, ein anderer macht sich darüber lustig! Ich finde, Humor ist der Gradmesser. Solange ich über mich selbst in meiner Trash-Ecke lachen kann, gibt es keinen Grund, sich zu verstecken, im Gegenteil: alles okay!

BRIGITTE WOMAN: Andererseits wollen wir uns aber fordern lassen von Kultur. Wie geht das zusammen?

Scobel: Vielleicht wollen Sie bewusst ein Signal setzen: weg vom Image der Intellektuellen. Das ist das, was der Soziologe Pierre Bourdieu beschrieben hat in seinem Klassiker "Die feinen Unterschiede": Wenn ich zum etablierten Bildungsbürgertum gehöre, wie unterscheide ich mich dann vom Bildungsbürger in der Villa nebenan? Indem ich Punk oder Trash gut finde - Picasso sammeln wir ja beide. Die andere Variante: dass ich eben Momente der Schwäche habe. Ich kann nicht immer arbeiten oder mich mit den Problemen der Welt beschäftigen. Die Frage ist nur, ob ich wirklich diese banale Art der Entspannung brauche.

BRIGITTE WOMAN: Was wäre die Alternative?

Scobel: Ich kann einfach nur dösen. Yoga machen, meditieren. Mich mit Leuten unterhalten. Schlafen - auch entspannend. Kochen. Es gibt so viel. Ich habe volles Verständnis dafür, dass jemand, der acht Stunden gearbeitet hat, keine Lust hat, sich abends noch mit was Anstrengendem zu beschäftigen. Nur wird uns kein Mut gemacht, dann nach etwas zu suchen, das auch Spaß machen könnte. Klingt vielleicht blöd, aber ich geh abends oft 'ne Stunde mit dem Hund in den Wald. Ist uncool, klar, cooler ist, "Big Brother" zu sehen und sich am nächsten Tag im Büro drüber zu unterhalten. Was kann ich erzählen vom Wald? Da habe ich ein Käuzchen schreien hören. Die Abwertung solcher Dinge ist von einer gigantischen Medienindustrie gesteuert, eine fatale Entwicklung. Möglicherweise wären wir anders drauf, wenn wir dem einen gewissen Wert beimessen würden, abends einen Kauz zu hören.

Fotos: Miriam Yousif-Kabot Interview: Frauke Döhring
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