Antonia Rados: "Ich bin im Krieg das dritte Geschlecht"

Antonia Rados berichtet seit 30 Jahren aus Krisenregionen, doch die Selbstverständlichkeit, mit der Männer eine Waffe ziehen, wird ihr immer fremd bleiben.

Sie wohnt über den Dächern von Paris. Der Ausblick ist herrlich, Krieg scheint ein ferner Albtraum. "Dabei ist mein idealer Wohnort eigentlich ein Hotelzimmer. Ich habe allerbeste Erinnerungen auch an die allerschlechtesten Hotels", sagt Antonia Rados, als würde sie sich selbst über ihre schöne Wohnung voller Bücher und Bilder wundern, und verteilt ruck, zuck Kaffee, Tee und Kekse auf dem Tisch. Sie wirkt echt, lebensfroh - wie jemand, der genau das Leben führt, von dem er immer geträumt hat.

BRIGITTE WOMAN: Wie reagieren Menschen, wenn sie hören, dass Sie Kriegsreporterin sind?

Antonia Rados: Das ist unterschiedlich, je nach Geschlecht. Frauen fragen oft detailliert nach. Die wollen dann wissen, wie es im Kosovo war oder wie der Alltag von Frauen in Afrika aussieht.

BRIGITTE WOMAN: Und Männer?

Antonia Rados: Die sind weniger neugierig. Die erzählen eher von ihrem Tramperurlaub, der sie mal fast in ein Kriegsgebiet geführt hat. Männer trauen sich im Prinzip erst mal jeden Job zu - also auch meinen. Und sie glauben, dass sie ihn besser könnten als ich.

BRIGITTE WOMAN: Ist Krieg, die Arbeit im Krieg, für Frauen schwieriger als für Männer?

Antonia Rados: Es ist nicht nur der Krieg, es ist die Gewalt. Sie ist etwas, was ich als Frau überhaupt nicht beherrsche. Und ich bin wirklich nicht sehr sanftmütig und wahrlich kein Friedensengel.

BRIGITTE WOMAN: Viele Experten sagen, dass Gewalt für Frauen ein völlig anderes Thema ist als für Männer.

Antonia Rados: Für Männer scheint sie auf eine gewisse Art und Weise normal zu sein. Ich erlebe das immer wieder: Stellen Sie sich vor, Sie fahren durch eine gefährliche Gegend und werden von bewaffneten Kämpfern gestoppt. Ihr Chauffeur hält den Wagen an und reagiert wütend. Ein Wort gibt das andere, die Kämpfer ziehen die Waffen, und schon müssen Sie damit rechnen, dass der Dritte Weltkrieg beginnt.

BRIGITTE WOMAN: Reagieren Frauen in so einer Situation anders?

Antonia Rados: Ich kann nur für mich sprechen. Ich vermeide auf jeden Fall die Eskalation. Ich sage zu den Typen, die uns stoppen: Was möchten Sie? Was sollen wir tun? Ich inszeniere keinen Machtkampf und realisiere automatisch die Grenze zu körperlicher Auseinandersetzung, weil ich wie jede Frau Angst davor habe.

BRIGITTE WOMAN: Wie kommen Sie mit der ständigen Präsenz von Gewalt klar?

Antonia Rados: Ich plane meine Reisen sehr genau und überlasse nichts dem Zufall. Wenn Gewalt droht, ist es zu spät zum Nachdenken. Dann funktioniere ich einfach. Trotzdem bedeutet die ständige Präsenz von Gewalt permanenten Stress. Das ist extrem anstrengend, ich bin nach einer Reise körperlich total erschöpft, und das kommt nicht nur vom dauernden Kofferschleppen.

BRIGITTE WOMAN: Trotzdem sagen Sie von sich, dass Sie ein Macho sind.

Antonia Rados: Eigentlich sind Reporterinnen im Krieg eine Art drittes Geschlecht, Frauen, die nicht einzuordnen sind. Männer fragen sich insgeheim: Was will die denn hier? Die ist doch kein Mann. Und zu den Frauen, die vor Ort leben, gehöre ich auch nicht. Diese Stellung ist für einen selbst verwirrend: Wenn ich nach einer Reportage wieder in Paris lande, trage ich manchmal erst mal Röcke oder gehe shoppen, um mich wieder "als Frau" zu fühlen.

BRIGITTE WOMAN: Was ist für Sie die Essenz des Krieges?

Antonia Rados: Ich finde es immer wieder erschütternd, wie einfach und brutal das Ganze abläuft. Es ist oft wie im Sandkasten. Der eine macht die Sandburg des anderen kaputt, und dann geht's los. Krieg ist in diesem Sinne eine total primitive Angelegenheit. Allerdings ist das nicht neu.

BRIGITTE WOMAN: Der Krieg hat viele Menschen zu Kriegsgegnern werden lassen.

Antonia Rados: Kriegsgegner zu sein ist ein anderer Beruf. Reporter fahren in den Krieg, um zu berichten, und nicht, um zu protestieren.

BRIGITTE WOMAN: Träumen Sie nicht davon, das Leben der Kriegsopfer zu verbessern?

Antonia Rados: Ich bin keine Mutter Teresa. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass allein die Tatsache, dass Reporter auftauchen, manchen Leuten eine Art Trost ist. Sie können sich nicht vorstellen, was es für Menschen in einem Kriegsgebiet bedeutet, dass jemand sich für ihr Schicksal interessiert.

BRIGITTE WOMAN: Das klingt distanziert und rational. Dabei erwarten doch viele, dass Frauen besonders emotional über Krieg berichten.

Antonia Rados: Teil meiner Arbeit ist der ständige Kampf gegen das Klischee der gefühligen Frau. Denn das ist Unsinn. Ich beobachte oft, dass Kolleginnen objektiver und differenzierter berichten, weil sie ihre persönliche Meinung weniger exponieren als viele Männer und nicht mit dem Anspruch der alleinigen Wahrheit verkünden.

Die Wahrheit zeigt sich vor Ort, nicht in Hotelzimmern.

BRIGITTE WOMAN: Aber Emotionen sind auch etwas Positives.

Antonia Rados: Natürlich, aber Emotionalität kann irren. Ist oft genug passiert. Auch ich bin ihr schon auf den Leim gegangen. Die einfache Gleichung "Emotionalität ist gut und warmherzig, Rationalität ist kalt und herzlos", die stimmt eben leider nicht.

BRIGITTE WOMAN: Trotzdem stellt sich doch beim Anblick von Elend Mitgefühl ein.

Antonia Rados: Natürlich! Als ich meine Reportage "Feuertod" gedreht habe, hat mich der Leidensweg der 20-jährigen Gololai tief berührt, die sich aus Angst vor einer Zwangsehe selbst verbrennt. Als ich für den Film einen Preis bekam, habe ich noch bei der Verleihung die Tränen nicht zurückhalten können.

BRIGITTE WOMAN: Was ist die wichtigste Eigenschaft für Ihren Beruf?

Antonia Rados: Ich würde sagen: Vorsicht und nie vergessen, dass man sterblich ist.

BRIGITTE WOMAN: Und das wichtigste Handwerkszeug?

Antonia Rados: Schusssichere Weste, Telefon, Taschenlampen. Verstand.

BRIGITTE WOMAN: Was muss man vermeiden?

Antonia Rados: Geschichten vom Hotelzimmer aus zu machen. Die Wahrheit zeigt sich erst vor Ort. In einem Fall in Afghanistan hieß es einmal, dass es bei einem US-Bombardement fünf zivile Tote gegeben hätte. Im Dorf fanden wir schließlich 35 Gräber. Die Amerikaner schienen die Schuldigen - bis eine Stunde später Taliban auftauchten. Und plötzlich war nichts mehr eindeutig. Hatten die Dörfler die Verbrechen der Taliban gedeckt? Waren die Toten wirklich Zivilisten? Ich weiß es bis heute nicht, aber zumindest waren wir vor Ort, haben gesehen, dass es ein komplizierter Guerillakrieg ist, ohne Fronten.

BRIGITTE WOMAN: Hört sich gefährlich an. Sind Sie mutig?

Antonia Rados: Ich halte mich eher für einen durchschnittlichen Feigling.

BRIGITTE WOMAN: Allerdings ist der Tod Ihr ständiger Begleiter.

Antonia Rados: Der Tod lässt sich nicht komplett verdrängen, wenn Sie häufig Leute sterben sehen.

BRIGITTE WOMAN: Die Angst um das eigene Leben gehört anscheinend zum Beruf.

Ich finde zwischen Gut und Böse gibt es keinen Grat.

Antonia Rados: Die größte Angst kommt ja, wenn die Gefahr vorbei ist. Im Auto oder im Hotel läuft dann alles wie ein Film im Kopf ab, und mir wird klar, was hätte passieren können. Dann gerate ich mit Zeitverzögerung in totale Panik, schmiede Fluchtpläne und überlege genau, welche Treppen ich benutzen werde, an welchem Ausgang ich mein Auto parken lasse, oder schwöre, dass es definitiv mein letzter Kriegsjob gewesen ist...

BRIGITTE WOMAN: ...und kehren doch immer wieder zurück. Sie waren sogar in Bagdad, als das Regime von Saddam Hussein fiel und die Stadt bombardiert wurde.

Antonia Rados: Aus der Ferne scheint so eine Situation ja rationalisierbar. Aber dann saß ich im "Hotel Palestine" und erlebte Verzweiflung, die Angst vor Geiselnahme und die Schergen des Hussein-Regimes, denen man nicht trauen konnte. Das war unglaublich, die Tür zu meinem Zimmer war nicht mehr abzuschließen, der Lift kaputt, an Schlaf ist in so einer Situation kaum zu denken, weil man tagsüber arbeitet und nachts Bomben fallen. In so einem Moment soll man sich aber nicht bemitleiden, sondern an die Menschen draußen in der Stadt denken, die tausendmal Schlimmeres ertragen. Ich kann ja irgendwann zurück nach Paris, in ein anderes Leben. Das relativiert die eigene Lage dann doch sehr.

BRIGITTE WOMAN: Schärft ein Krieg das Empfinden für Richtig und Falsch?

Antonia Rados: Nein, er lehrt einen den Frieden schätzen. Er lehrt einen auch, dass man vieles doch besser ohne Gewalt lösen sollte, dass kleine Unstimmigkeiten zu großen Konflikten führen können. Nehmen wir das Thema Kopftuch: Im Iran trage ich es gezwungenermaßen und erzähle jedem, dass ich es ablehne. Aber in Europa sehe ich es mittlerweile anders. Da finde ich Frauen, die das Kopftuch tragen, okay, nicht weil ich es tragen will, sondern weil wir mit unserer Geschichte ein Kontinent der Toleranz sein sollten.

BRIGITTE WOMAN: Ihr Beruf scheint eine permanente Gratwanderung zwischen Gut und Böse zu sein.

Antonia Rados: Ich finde, ehrlich gesagt, zwischen Gut und Böse gibt es keinen Grat. Im meinem Job muss man seinen moralischen Kompass richtig eingestellt haben. Wenn sich eine junge Frau aus Angst vor Zwangsverheiratung selbst verbrennt, kann das in keiner Gesellschaft Recht sein.

BRIGITTE WOMAN: Sie thematisieren in vielen Reportagen die Rechte der Frauen.

Antonia Rados: Das Thema liegt mir am Herzen. Ich hatte zu Anfang meiner Laufbahn drei Interessen: Außenpolitik, Reportagen und mich durchsetzen. Das Problem war, dass die väterlichen Platzhirsche in den TV-Sendern einer Frau damals nur selten gestatteten, eine spannende Story zu machen. Insofern ist das Thema Frau auch ein persönliches Anliegen.

BRIGITTE WOMAN: Das änderte sich, nachdem Sie Anfang 1980 Jassir Arafat interviewt hatten.

Antonia Rados: Das Gespräch führte mich in mein erstes Kriegsgebiet, in den Libanon, denn ich traf Arafat in Beirut. Ich setzte mich vor ihn, aber er war erst mal damit beschäftigt, aus dem Tuch auf seinem Kopf die Silhouette von Palästina zu formen. Das war ja sein Markenzeichen, funktionierte aber nicht so richtig. Irgendwann saß das Gebilde dann endlich, und auf meine zweite Frage sagte er: Sie reden wie ein zionistischer Agent. Das hat mich ziemlich aus dem Konzept gebracht. Also, es war nicht mein bestes Interview.

BRIGITTE WOMAN: Trotzdem war es der Beginn Ihrer Karriere.

Antonia Rados: Ich hatte die Lücke im System entdeckt, nämlich die riskanten Reportagen, die auch viele Männer nicht machen wollten. Wieder zurück in Wien habe ich alle Botschaften von Ländern kontaktet, die irgendwie problematisch oder Diktaturen waren. Das waren die Islamische Republik Iran, Kuba, Gaddafis Libyen, aber auch El Salvador.

BRIGITTE WOMAN: Das hört sich an, als ob Sie Schwierigkeiten eher mögen als meiden. . .

Antonia Rados: Ja, man sollte immer das Schwierige suchen. Wenn ich eine Idee umsetzen will, akzeptiere ich ungern ein Nein. Im Gegenteil: Es stachelt mich eher an, angeblich unlösbare Aufgaben finde ich hochinteressant. Dann versuche ich trotzdem, einen Weg zu finden. Oft geht es schief. Von zehn Projekten werden nur einige wenige verwirklicht.

BRIGITTE WOMAN: Hat Ihr Lebensgefährte nicht pausenlos Sorge, dass Ihnen etwas passiert?

Antonia Rados: Er ist selbst Journalist, er kann meinen Job einschätzen. Es ist extrem wichtig für mich, dass da in der Normalität jemand auf mich wartet. Das erdet mich.

BRIGITTE WOMAN: Sie haben also auch ein ganz alltägliches Leben mit Hobbys, Freizeit und Familie.

Antonia Rados: Ich koche sogar, am liebsten kalorienreiche Gerichte aus meiner Heimat Österreich. Und da ich immer mit Heißhunger von den Reportagen zurückkomme, kommt mir das sehr entgegen. Und ich zeichne, auch wenn ich unterwegs bin. Im Irak habe ich Saddam-Hussein-Bilder gemalt, die waren sehr begehrt.

BRIGITTE WOMAN: Was lehrt die Begegnung mit Armut und Gewalt?

Antonia Rados: Sie lehrt: Bescheidenheit und Lebenslust! Man hat oft ein schlechtes Gewissen, weil man "überlebt" hat und andere nicht. Andererseits genießt man dieses Privileg wie kein anderer: Das Leben hat gesiegt, zumindest bei einem selbst. Man glaubt also, es ist stärker als der Krieg, auch wenn das jetzt pathetisch klingt und beim nächsten Krieg wieder infrage gestellt wird.

BRIGITTE WOMAN: Trotzdem könnten Sie sich doch jetzt mit Mitte 50 nach einem gemütlichen Bürojob umsehen.

Antonia Rados: Komisch, das überlege ich eigentlich nie. Ich frage mich eher: Warum fahren andere Leute nicht auch raus in die Welt? Europa ist nicht das Einzige, was im Universum zählt. Ich finde, ich habe einen Traumjob, und möchte ihn auch noch mit 60 machen.

BRIGITTE WOMAN: So begeistert reden nicht alle Frauen nach 30 Arbeitsjahren.

Antonia Rados: Ich schon. Der Grund ist einfach: Ich habe den Eindruck, oft im Mittelpunkt der Weltgeschichte zu arbeiten, ich begegne unglaublich beeindruckenden Menschen. In Afghanistan habe ich nach einem Dreh einmal eine Wäscherin gefragt, ob wir noch was für sie tun können. Und was sagt die Frau, die wirklich ein extrem hartes Leben führte? Sie sagt nicht: Rette mich, oder: Nimm mich mit; sondern: Kauf mir ein Handy. Dann können mich die Leute anrufen, und ich muss nicht erst zu ihnen laufen und nach Arbeit fragen. Dann spare ich Zeit und verdiene mehr.

BRIGITTE WOMAN: Verdiene mehr. Muss man nicht trotzdem ein bisschen verrückt sein, um Kriegsreporterin zu werden?

Antonia Rados: Kann schon sein, aber ich habe mal eine Reportage über Mode gemacht. Das war für mich eine unfassbare Welt. Ein Planet voller Egozentrik und Eitelkeit, aber alle tun so, als sei Mode das echte Leben. Wenn Leute wissen wollen, was wirklich verrückt ist, dann sollten sie eine Haute-Couture-Schau in Paris besuchen. So sehe ich das jedenfalls...

Antonia Rados

Antonia Rados, 56, wurde in Klagenfurt, Österreich, geboren. Die promovierte Politologin begann ihre Karriere beim ORF und ist seit Januar 2009 Chefreporterin der RTL-Gruppe. Für ihre Reportagen aus Kosovo, Afrika, Südamerika und dem Nahen Osten wurde sie unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichnet. Antonia Rados hat keine Kinder und lebt seit 1990 wie ihr Lebensgefährte in Paris. Die Bücher mit ihren außergewöhnlichen Reportagen, etwa "Live aus Bagdad. Das Tagebuch einer Kriegs-Reporterin" (285 S., 8,95 Euro, Heyne) oder "Zwei Atombomben dankend erhalten" (240 S., 18,90 Euro, Heyne) über den Alltag im Iran wurden Bestseller.

Interview: Christa Thelen Fotos: Andreas Licht
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