Diva mit Gossenbiss

Evelyn Holst besuchte Leonore Gottschalk-Solger, die berühmteste deutsche Strafverteidigerin. Kann eine Frau ruhig schlafen, die seit 40 Jahren Mörder und Triebtäter verteidigt?

Mann, muss die tough sein, denke ich, denn ihre kriminalistische Bugwelle ist geradezu furchteinflößend. Die berühmtesten des Who's who der deutschen Schwerverbrecher hat sie verteidigt: den Säuremörder Lutz R., der seine nach harten S&M-Spielen verstorbenen Opfer in ein Säurefass legte; Werner R., den "Vampir", der einen Zechkumpanen erst zusammenschlug und dann sein Blut aus der Schüssel trank; und schließlich die legendäre Hamburger Rotlichtgestalt Karl-Heinz Schwensen. Wie lebt eine Frau, die Morddrohungen bekommt, oft unter Polizeischutz steht? Der einmal sogar ein Mandant unter der Nase weg im Gerichtssaal totgeschossen wurde?

Ich gehe mal stark davon aus, dass sie einen Waffenschein hat. Hat sie. Eine Waffe auch. Und sie hat eine sehr eigenwillige Interpretation ihres Berufs. "Strafrecht ist wie eine Bühne", sagt sie in ihrem hellen, modern eingerichteten Büro an der Hamburger Alster, während sie an einem Wasser nippt, die Zeiten härterer Getränke sind vorbei. "Das Milieu ist immer spannend, Richter und Anwälte tragen dunkle Roben, es geht um Leben und Tod."

Täglicher Adrenalinschub also. Großes Drama. Dem sie sogar mit ihrem Kleidungsstil Rechnung trägt. "Für meine Mandanten ist der Prozess ein Schicksalstag. Deshalb zeige ich Respekt und bin immer elegant gekleidet."

Ich kann sie mir in Jeans und T-Shirt auch nicht vorstellen. Sehr jung, sehr schick sieht sie aus in einem engen schwarzen Rock und einem lila Kaschmirpullover, unter dem ein weißes T-Shirt hervorblitzt, eine Frau, für die ihr Alter - sie ist 72 - kein Thema ist. Dazu passt, dass sie Porsche fährt. Und ihr dritter Ehemann, der Tunesier Laid Frej, 19 Jahre jünger ist. "Ein ganz Lieber", sagt sie. Es klingt sehr zärtlich. Während sie erzählt, schießt es mir durch den Kopf, dass ich vielleicht doch aufs falsche Pferd gesetzt habe: falsches Studium, falscher Beruf, in dem das Altersfallbeil das erste Mal mit 40 auf mich herabsauste ("Jetzt wollen wir mal die Jüngeren ranlassen", sagte mein damaliger Chefredakteur). Keiner würde zu Leonore Gottschalk-Solger sagen: Zu alt, meine Liebe.

Ihr Tag beginnt um acht Uhr morgens und dauert mindestens zwölf Stunden, meist laufen, oft in verschiedenen Städten, zwei Prozesse gleichzeitig. "Zu Hause fange ich dann an zu arbeiten", sagt sie. Arbeit ist die Droge ihrer Wahl. Ihr Aktenstudium ist akribisch, bei ihren Plädoyers schreiben selbst altgediente Richter mit. Für ihre Mandanten treibt sie Raubbau, vergisst zu essen und zu trinken, wenn Laid sie nicht daran erinnert. Als sie vor ein paar Jahren an Krebs erkrankte, ließ sie trotz Bestrahlung keinen Prozesstermin ausfallen.

Was treibt sie um? Warum ruht sie sich nicht ganz gemütlich auf ihren Lorbeeren aus? Sie versteht die Frage nicht. "Viele Menschen wollen helfen", sagt sie, "ich kann es. Ich bestimme Zukunft, ich bin lebenswichtig. Das treibt mich an." Was mir an ihr imponiert: Leonore Gottschalk-Solger war schon emanzipiert, als die Frauen meiner Generation dieses Wort noch gar nicht kannten, ein Wort übrigens, das sie selbst lächerlich findet: "Ich war doch immer viel besser als die meisten Männer." Auch so ein Satz, der mir gut gefällt.

Dass sie als Frau eine Männerkarriere hingelegt hat, ging natürlich nur, weil ihr Sohn Ilja und ihre Tochter Katharina, die aus ihren beiden Ehen mit Berufskollegen stammen, von der Großmutter großgezogen wurden.

Als Gottschalk-Solger vor 40 Jahren anfing zu praktizieren, hatte Strafrecht noch das, was man damals einen Hautgout nannte, den üblen Beigeschmack von Unterwelt und Kloake. Doch gerade das hat sie, die "Diva mit dem Gossenbiss", wie ein Journalist sie einmal treffend nannte, ganz besonders gereizt. Dem Leben ins Gesicht zu springen, hat sie in ihrer Kindheit in Oberschlesien gelernt. Leonore Gottschalk-Solger hat Krieg und Flucht sehr bewusst miterlebt. "Wer es nicht schaffte, wurde einfach erschossen. Die grauenhaften Bilder von damals trage ich noch immer mit mir herum."

Daher vermutlich ihre Furchtlosigkeit vor dem Bösen: Sie hat keine Angst vor menschlichen Abgründen, auch vor ihren eigenen nicht. In feinen Salons ist sie genauso zu Hause wie im Puff, trifft immer den richtigen Ton. Eine Eigenschaft, die sie bei der jungen Generation der Richter und Staatsanwälte vermisst: "Die haben kein Gefühl für andere Lebenswelten. Keine Ahnung, wie es auf der anderen Seite der Sonne aussieht."

Keine weiß besser als sie, wie blind, blauäugig und manchmal richtig böse die Göttin Justitia sein kann. Wie oft Mandanten, die von Frauen angezeigt werden, Unrecht geschieht, einfach nur, weil das kriminelle Potenzial von Männern überund das von Frauen unterschätzt wird. "Jedes Mal, wenn ich einen Sexualstraftäter verteidige, sitzen die Frauenhäuser in der ersten Reihe und beschimpfen mich", seufzt sie. "Wissen diese Frauen denn nicht, dass die Unschuldsvermutung auch für Männer gilt?" Erst kürzlich fand sie nur durch Zufall heraus, dass der Mann, den seine Hausangestellte der Vergewaltigung bezichtigte, an Diabetes leidet. "50 Prozent aller Diabetiker sind erektionsunfähig", plädierte sie vor Gericht. Freispruch!

Vertritt sie jeden? Nein, sagt sie, das Milieu sei ihr egal, aber wen sie nicht mag, den vertritt sie nicht. Zum Beispiel Sexualstraftäter, die sich trotz erdrückender Beweislast ihrer Schuld nicht stellen. Oder arrogante Warenterminbetrüger, die kleine Leute übers Ohr gehauen haben. Und was ist mit Ex-Mandant Jürgen Harksen, dem Hochstapler und Wirtschaftskrimininellen? "Seine Opfer waren nicht reich, nur gierig", erwidert sie. Auch bei Neonazis winkt sie ab. "Ich habe im Zweiten Weltkrieg erlebt, was wir den Juden angetan haben." Und der Säuremörder? Dass sie jemanden wie ihn verteidigt, wirkt auf manche empörend. "Ich verteidige Menschen wie ihn, weil ich Verteidigerin bin und keine Richterin. Ich kann das Urteil ja nicht vorwegnehmen", sagt Gottschalk-Solger knapp.

Wenn sie einen Mandanten akzeptiert, gibt es drei Möglichkeiten. "Er kann mir die Wahrheit sagen, er kann schweigen oder mich anlügen." Sie coacht ihre Mandanten, jeder Prozess ist schließlich ein Drama mit ungewissem Ausgang, bei dem die Choreografie möglichst perfekt sein muss. "Ich stelle deshalb nur Fragen, deren Antwort ich vorher kenne", sagt Gottschalk-Solger. "Manchen Mandanten verbiete ich, zu viel zu reden. Die Profis schweigen oft sowieso."

Seit ihrer Krankheit versucht sie, ein bisschen kürzer zu treten. Früher hat sie gezecht, gefeiert und "nichts anbrennen lassen". Als es ihr sehr schlecht ging, hat ihr Mann nachts im Bett ihre und seine Hände zusammengebunden. "Damit ich merke, wenn du dich bewegst", sagte er. Bei ihm kann sie ganz sanft und friedlich sein. Leonore Gottschalk-Solger ist stark, sie ist kontrovers, aber direkt nach dem Interview speichere ich ihre Nummer in meinem Handy. Man weiß ja nie.

Buchtipp: Leonore Gottschalk-Solger mit Anke Gebert: "Die Strafverteidigerin. Erinnerungen" (253 S., 19,90 Euro, Kindler)

Text: Eveyn Holst
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