VG-Wort Pixel

Mehrere Jobs "Wer mehr als einen Job hat, muss lernen, Arbeit abzugeben"


Ausgleich oder Stress – die Psychologin Nele Köhler weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, mehr als einen Beruf zu haben.

BRIGITTE-woman.de: Frau Köhler, Sie hatten zeitweise gleich drei Berufe auf einmal: Psychotherapeutin, Pferdewirtin und Korrespondentin in unserem Leserservice. Haben Sie da nicht manchmal den Überblick verloren?

Nele Köhler: Den Überblick verloren wäre zu viel gesagt. Es kam aber durchaus vor, dass ich in Situationen, wo ich mit den Pferden zu hatte, plötzlich an meine therapeutische Praxis dachte. Oder in der Redaktion fielen mir Dinge ein, die mit der Versorgung der Pferde und den Ablauf des Stallbetriebes zu tun hatten. Manchmal hat mich dieses Doppel-Denken angestrengt und abgelenkt, aber es war auch sehr inspirierend. Häufig stellte ich fest, dass ich das Wissen aus einem Bereich auf die anderen beiden Bereiche übertragen konnte und so wieder zu Lösungen fand.

image

BRIGITTE-woman.de: Wie kommt eine Psychotherapeutin dazu, sich beruflich mit Pferden zu beschäftigen?

Nele Köhler: Bei mir war es umgekehrt, zuerst waren die Pferde dran, viel später dann der Wunsch, Psychologie zu studieren und therapeutisch zu arbeiten. Seit meiner Jugend bin ich mit Pferden verbunden und habe sie in der für mich schwierigen Zeit des Erwachsenwerdens als große Stütze, als Freunde, als Tröster und als Muttertiere erlebt. Pferde waren für mich auch Lebewesen, die genommen haben, was ich zu geben hatte und die es ausgehalten konnten, wenn ich einen anderen Willen hatte. In meiner Wartezeit aufs Studium arbeitete ich fast zwei Jahre lang auf einem Islandpferdegestüt und lernte, junge Pferde auszubilden. Dabei wurde mir deutlich, wie fein und sensibel diese großen Tiere auf meine Stimmungen, meine Körperhaltungen und den Körperausdruck reagierten. Es kam vor, dass ein Pferd meine emotionale Befindlichkeit spiegelte, die mir zuvor gar nicht bewusst gewesen war. Eines Tages ist mir sogar ein Pferd, das ich sehr mochte, durchgegangen – es hatte auf meine panische Stimmung reagiert. Das war mein Schlüsselerlebnis. Trotz des Schreckens war diese Erfahrung sehr hilfreich für mich und es entstand der Wunsch, mit Pferden auch therapeutisch zu arbeiten, sie einzusetzen als Helfer für Menschen, die seelisch verletzt sind.

BRIGITTE-woman.de: Sie haben also ein Hobby zum Beruf gemacht. Ist das vielleicht ein Weg für Frauen, die in ihrem eigentlichen Beruf nicht mehr zufrieden sind und nach neuen Perspektiven suchen?

Nele Köhler: Ich würde sagen, dass ich meinen Beruf mit meinem Hobby verbunden habe. Für mich ist Leidenschaft wichtig, weil sie bedeutet, dass ich etwas gut und gerne mache und vor allem mit dem Herzen dabei bin. Frauen, die im Job nicht mehr zufrieden sind, lege ich ans Herz, einmal nachzuspüren, welche Dinge sie gerne tun oder ob es etwas gibt, wo ihre Lust am Tun und Handeln richtig aufblüht. Verbunden mit einem soliden Hintergrund oder einer Ausbildung, die dann noch absolviert wird, ist dieser Weg vom Hobby zum Beruf durchaus möglich ...

BRIGITTE-woman.de: ... aber das Hobby macht dann vielleicht nicht mehr so viel Spaß.

Nele Köhler: Anstrengend wird es, wenn das Hobby wirklich nur noch Arbeit ist und die Lust verloren geht. Ein Hobby hat Freizeitqualität, die der Beruf aus dem Hobby nicht mehr hat. Daher ist es sinnvoll, vorher genau zu überlegen, ob man diesen Weg gehen möchte oder nicht einfach das Hobby als Hobby behält und direkt im Job etwas verändert.

BRIGITTE-woman.de: Wenn Sie sich heute noch einmal für einen Zweitjob zu entscheiden hätten, welchen würden Sie nehmen?

Nele Köhler: Ich finde es reizvoll, zwei Jobs zu haben, die sehr unterschiedlich sind und mit möglichst vielen Fähigkeiten gefordert zu sein. Und jeder Job sollte dem anderen noch genug Raum lassen. Den Job der Pferdewirtin beispielsweise würde ich so nicht mehr annehmen, der braucht soviel Raum und beinhaltet einen Betrieb in sich, dass schon bald dieser Beruf Vollzeit ist.

image

BRIGITTE-woman.de: Sie haben ja noch einen dritten Job – haben Sie den gezielt gesucht?

Nele Köhler: Es war eher so, dass ich von ihm gefunden wurde. Ich habe bereits als Studentin die Briefe der jungen Leserinnen an den „Kummerkasten“ der BRIGITTE young miss beantwortet. Jahre später fragte mich die damalige Chefredakteurin, ob ich nicht die gesamte Leserinnen-Korrespondenz erledigen wolle. Für mich eine wunderbare Aufgabe, ich konnte mein therapeutisches Wissen anwenden und glaube, dass ich vielen jungen Frauen, die sich vertrauensvoll an die Zeitschrift wendeten auch helfen konnte. Und ich war wohl eine der ersten, die per E-Mail und in einem Online-Forum beraten hat. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, und ich habe durch das Internet eine neue Art der Kommunikation kennen gelernt. Ganz anders als im Gespräch in der Praxis oder bei der Arbeit mit den Pferden. So hat eine andere meiner Fähigkeiten, das Schreiben und der Umgang mit Sprache, fast von selbst ihren Platz in meinem Berufsleben gefunden.

BRIGITTE-woman.de: Das klingt nach einer glücklichen Fügung. Was können Frauen tun, um ihrem Glück ein bisschen nachzuhelfen?

Nele Köhler: Offenheit und Flexibilität helfen dabei, also ruhig einmal über den Tellerrand hinausschauen, sich mit andern Frauen vernetzen, fantasieren und mal verrückte Ideen spinnen. Für mich ist es sehr wichtig, neugierig zu sein, meine Vorstellungen aufzuschreiben und dabei auf mein Bauchgefühl zu hören. Auch im Alltag immer wieder Platz zu schaffen für das Vertrauen ins Leben, in die wunderbaren „Zufälle“. In manchen Situationen ist auch offensives Vorgehen gefragt, also beharrlich bleiben, immer wieder bei Kontaktpersonen anfragen, sich in Erinnerung bringen, vielleicht auch mal eine Zeitlang „Klinken putzen“.

BRIGITTE-woman.de: Hatten Sie schon mal das Gefühl, an Ihre Grenzen zu geraten?

Nele Köhler: Ja. Und das kam vor allem daher, dass ich in allen Bereichen meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden, alles perfekt machen wollte.

BRIGITTE-woman.de: Eine typische Einzelkämpferin also ...

Nele Köhler: Mit allem, was dazu gehört: viel Selbstbestimmung, hohe Ansprüche an sich selbst und ein gut ausgeprägter Perfektionismus. Wer da nicht für Ausgleich sorgt, gerät leicht in die Erschöpfung bis hin in ein Burnout.

BRIGITTE-woman.de: Was tun Sie, um dem vorzubeugen?

Nele Köhler: Ich bin aus Erfahrung klug geworden und setze Prioritäten. Das ist „oberste Pflicht“, ebenso wie das Achten und Einhalten von Pausen, Urlaub und Freizeit. Frauen mit mehreren Jobs haben sicherlich auch ein gutes Organisationstalent, und das sollten sie nutzen, um eigene Strukturen zu entwickeln, mit festgelegten Arbeits- und Ruhezeiten. Familie und Freunde können sie dabei unterstützen, indem sie zum Beispiel ein arbeitsfreies, gemeinsames Wochenende einfordern. Und sie müssen das Delegieren lernen. Aufgaben abgeben statt alles selber zu machen.

BRIGITTE-woman.de: Das kostet aber Geld.

Nele Köhler: Natürlich muss jede überlegen, was sie sich leisten kann und dabei auch die Wirtschaftlichkeit im Blick haben. Und vielleicht kommt sie zu dem Schluss, dass zum Beispiel, wie in meinem Fall, drei Jobs auf Dauer zu aufwendig sind. Dann muss sie eben wieder zurückstecken.

BRIGITTE-woman.de: Oder sich vielleicht in einem Job einfach nicht mehr so engagieren, ihn vor allem als Broterwerb sehen?

Nele Köhler: Das ist keine gute Lösung, sondern ein Vermeiden von Entscheidungen oder auch der Erkenntnis, dass die eigenen Grenzen erreicht sind. Ich glaube schon, dass es Frauen in mehreren Jobs wichtig ist, dass diese ihnen auch einen gewissen Sinn vermitteln. Wenn sich jemand dann am Angestellten-Schreibtisch ausruht, nicht mehr tut als unbedingt nötig, fällt das schnell auf, beim Chef und bei den Kunden. Es gibt natürlich Frauen, die dazu neigen, sich überall im Übermaß zu engagieren, immer viel mehr zu tun als gefordert und angemessen ist. Sie sollten prüfen, wie viel von ihrer Überlastung vielleicht auf ihren übergroßen Einsatz zurückgeht und wie viel davon sie abbauen können.

BRIGITTE-woman.de: Braucht man noch ein Hobby, wenn man mehr als einen Job hat?

Nele Köhler: Ja. Jeder Mensch braucht etwas, das ihm hilft, bei sich selbst anzukommen, aufzutanken und sich zu erholen. Egal, wie viele Jobs er hat.

BRIGITTE-woman.de: Was machen Sie, um aufzutanken?

Nele Köhler: Ich erhole mich in der Natur, beim Spazierengehen im Wald, ohne Pferde. Yoga und Bücher begleiten mich im Alltag, aber mir tut es auch gut, mich bei ein, zwei Songs so richtig auszutoben. Ab und an gehe ich auf ein Meditations-Retreat, wo es Tage in Stille gibt und Austausch mit Gleichgesinnten. In großen Pausen reise ich liebend gerne.

Nebenjobs: Was ist erlaubt?

Was Sie in Ihrer Freizeit tun, geht Ihren Chef im Prinzip nichts an. Ob Sie sich ausruhen und für die Familie da sind oder zusätzlich Geld verdienen, ist Ihre Sache. Doch es gibt Einschränkungen – hier die wichtigsten:

  • wenn die Nebentätigkeit gegen Gesetze verstößt (Beispiel: Schwarzarbeit),
  • wenn Sie in Ihrem Nebenjob so viel arbeiten, dass Sie in Ihrem Hauptberuf nicht mehr die volle Leistung bringen können,
  • wenn Sie in der Freizeit für einen Konkurrenten Ihres Arbeitgebers tätig sind,
  • wenn Sie im Urlaub so viel in Ihrem Nebenjob arbeiten, dass Sie nicht dazu kommen, sich zu erholen,
  • wenn Sie in Ihrem Nebenjob arbeiten, während Sie krank geschrieben sind ...

... dann kann Ihr Haupt-Arbeitgeber verlangen, dass Sie die Nebentätigkeit aufgeben. Bei schweren Verstößen gegen den Arbeitsvertrag (etwa, wenn jemand seinem „Neben-Arbeitgeber“ Betriebgeheimnisse des Hauptarbeitgebers weitergibt) kann sogar fristlos gekündigt werden.

Manche Arbeitsverträge verbieten Nebentätigkeiten jeder Art oder legen fest, dass die Erlaubnis des oder der Vorgesetzten eingeholt werden muss. Juristisch sind solche Bestimmungen ungültig. In der Praxis wird aber kaum jemand, der an seinem Arbeitsplatz insgesamt zufrieden ist, wegen dieser Bestimmung eine Auseinandersetzung anfangen.

Interview: Christine Tsolodimos Foto: Theresa Rundel

Mehr zum Thema