Das Elend der Welt - wie gehe ich damit um?

Fast immer gelingt es uns, das Elend der Welt auszublenden. Das fühlt sich herzlos an. Doch was wäre die Alternative?

Als ich das erste Foto eines zerstörten Frauenkörpers sah - die Beine weggerissen vom Tsunami, die Haare in Schlamm ertränkt -, wurde mir schwindlig. Ich fing an zu zittern und starrte wie ferngesteuert auf den Bildschirm. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich durch und durch porös. Ich war nicht mehr ich. Ich war die Frau im Schlamm, das Kind, das nach ihr schrie, der Mann, der verzweifelt nach ihr suchte, die Welle, die mit rasender Wucht alles mit sich riss.

Für den Bruchteil einer Sekunde gab es keine Trennung zwischen mir und der Frau im fernen Japan. Dann kehrte ich zurück in meinen Körper, klickte das Bild weg, putzte mir die Nase und setzte mich wieder zusammen. Reiß dich am Riemen. Das Leben geht weiter, sagte eine strenge Stimme in mir. Du hast Arbeit auf dem Tisch. Die Welt ist voller Katastrophen, Katastrophen sind der Normalzustand, und du änderst überhaupt nichts daran, wenn du jetzt vor Betroffenheit zerfließt.

Plötzlich war der Haarschnitt wichtiger als das Elend der Welt

Ein paar Tage fühlte ich mich wackelig, schutzlos, verunsichert. Nah am Wasser gebaut und ganz dicht dran an den existenziellen Fragen. Was, wenn auch mein Leben von einer Sekunde auf die andere vorbei wäre? Was hätte ich versäumt? Was könnte ich mir nicht verzeihen? Was ist mir wirklich wichtig? Welche Konsequenzen ziehe ich aus dem Erdbeben und der Reaktorkatastrophe? Was hat mein Lebensstil damit zu tun? Was kann ich tun, um zu helfen? Ein Feuerwerk von Fragen machte mich hellwach, für einen Moment war ich bereit, alles auf den Prüfstand zu stellen, nicht nur meinen Stromanbieter.

Dann merkte ich, dass die großen Fragen in mir langsam verklangen und von dringenderen Problemen verdrängt wurden: Was tun mit der verzottelten Mähne auf meinem Kopf? Ich musste mir eingestehen, dass mir ein neuer Haarschnitt doch wichtiger war als eine neue Lebenshaltung. Verwundert sah ich mir dabei zu, wie ich mich ruckzuck zurückverwandelte in die routinierte und abgestumpfte Medienkonsumentin, zu der ich mich durch jahrelanges Training entwickelt habe. Ich fand es beruhigend und erschreckend zugleich.

"Ich sitze im Sessel, zappe das Elend weg, und mich graust es vor mir."

Im Radio hörte ich einen Satz, der mich entlastete. "Zum Glück stumpfen wir ab", sagte der Schweizer Psychologe Hansjörg Znoj in einem Interview mit dem Schweizer Radio. "Dieser Mechanismus verhindert, dass wir ständig erschüttert werden und in einen permanenten Alarmzustand geraten." Habituation ist der psychologische Fachbegriff für diese unbewusste Form des Lernens. Wenn wir wiederholt einem Reiz ausgesetzt sind, der sich als unbedeutend erweist, schwächt sich unsere Reaktion darauf ab und bleibt schließlich ganz aus. Anders ausgedrückt: Beim wiederholten Anblick von Katastrophenbildern stuft unser Gehirn die Information irgendwann als "nicht relevant" ein, weil die Bedrohung weit weg ist.

Wir lernen, Angst und Schmerz zu unterdrücken. In dieser Verdrängung sieht Hansjörg Znoj einen gesunden Schutzmechanismus, der uns davor bewahrt, ständig Stresshormone auszuschütten und mit Herzrasen und Schweißausbrüchen zu reagieren. Ähnlich sei es mit dem Gedanken an unsere Vergänglichkeit. "Wir wissen, dass wir mit hundertprozentiger Sicherheit sterben werden, doch wir sind so konstruiert, dass wir den antizipativen Schreck unterdrücken und uns höchstens ein bisschen Sorgen machen, sonst wären wir nicht lebensfähig."

Es entsteht eine Taubheit beim Zuschauer

Es gibt also in uns eine eingebaute Lizenz zum Verdrängen. "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist", heißt es in der Operette "Die Fledermaus", die meine Eltern gern hörten und die ich immer schon gehasst habe. Würde ich alles an mich heranlassen, wäre ich wohl handlungsunfähig, das leuchtet mir ein. Gleichzeitig bleibt ein Unbehagen über den Zombie in mir. Etwas daran fühlt sich nicht richtig an. Ich sitze im bequemen Sessel in relativer Sicherheit und halte mir das Elend der anderen vom Leib, zappe die rauchenden Reaktorblöcke von Fukushima, die Toten in Tunesien, die Hurrikan-Opfer in den USA weg und bin in meiner Verdrängungskunst so effizient, dass es mich vor mir selbst graust.

Auch dafür gibt es eine gute Erklärung. Nach Ansicht des Sozialforschers Jörg Bergmann erzeugen die Fernseh- und Internetbilder durch die ständige Wiederholung eine Taubheit beim Zuschauer. Damit verliere man die Chronologie aus dem Blick, starre fasziniert auf die Bilder und fühle sich ähnlich blockiert wie die Opfer selbst. "Wir werden überschüttet mit Nachrichten, auf die wir nicht unmittelbar reagieren können", sagt Barbara von Meibom, Professorin für Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und Leiterin des Communio- Instituts für Führungskunst.

"Wenn ein Kind sich verletzt, eine Freundin betrübt ist oder der Partner eine dramatische Situation im Büro erlebt, können wir uns spontan einfühlen und auf ihren Schmerz reagieren mit einem liebevollen Blick, einer Umarmung, Gesprächen oder konkreten Hilfsangeboten. Diese unmittelbare Reaktion ist bei weit entfernten Katastrophen nicht möglich." Doch zwischen cooler Abgestumpftheit und völliger Lähmung durch mediale Überflutung muss es doch noch etwas geben. Einen Zustand, in dem ich durchlässig bin und mich berühren lasse vom Leid der anderen.

Eine Offenheit, die es mir erlaubt, aus der Alltagstrance aufzuwachen, über meinen kleinen Tellerrand zu schauen und mitzufühlen mit Menschen, die mit mir auf diesem Planeten sind und gerade ihre Häuser, ihre Kinder und ihre Zukunft verlieren. Vielleicht ist es mein christliches Erbe, das mich daran glauben lässt, die Welt sei ein besserer Ort, wenn ich der Verlockung, das Elend der anderen auszublenden, widerstehe. "Mitgefühl ist der Schlüssel", glaubt Barbara von Meibom. Sie unterscheidet drei Ebenen: Mitgefühl denken, Mitgefühl fühlen und Mitgefühl sein. "Wenn ich Mitgefühl bin und mein Herz wirklich öffne, ist es unerheblich, ob das, was mich berührt, in Japan passiert oder vor meiner Haustür. Doch von diesem Zustand sind wir meist sehr weit entfernt. Wir verfolgen unsere eigenen Interessen, trennen uns von anderen, wollen uns nicht in ihnen erkennen, schotten uns ab und bauen dadurch Sicherheit auf."

"Nur aus einer Haltung des Mitgefühls können wir unsere Ohnmacht überwinden."

Obwohl ich ahne, dass Mitgefühl mein Leben bereichern könnte, bin ich ständig mit Abwehr beschäftigt. Ich registriere, was ich alles zu tun habe, woran ich denken muss, wie kompliziert mein Leben ist, wie überlastet ich bin mit meinen kleinen Problemen. Da kann ich mich beim besten Willen nicht auch noch um die der anderen kümmern, so rede ich mich vor mir selbst heraus. "Sich auf den Weg der Herzöffnung zu machen kostet Mut", sagt Barbara von Meibom. Mitgefühl zu denken oder nicht zu denken mache einen großen Unterschied. Gott sei Dank hat uns der Tsunami nicht getroffen. Die radioaktive Wolke kommt nicht bis nach Deutschland, also kann es mir egal sein. Die Japaner müssen sehen, wie sie klarkommen, sie hätten ihre Kraftwerke besser absichern sollen.

Solche Gedanken, meint Meibom, seien Ausdruck der Weigerung, Mitgefühl überhaupt als Gedanken in Betracht zu ziehen. "Wenn ich jedoch kurz gedanklich in die Schuhe eines anderen schlüpfe, ahne ich, wie es ihm geht. Das verändert meine Perspektive, erweitert mein Bewusstsein und macht mich in letzter Konsequenz gelassener und freudiger. Zwar ist es zunächst schmerzvoll, das Leid der anderen zu fühlen, aber wenn ich im Zustand des Mitgefühls ankomme, fühle ich mich verbunden. Und dieses Gefühl stärkt mich."

Einerseits haben wir die Gabe, nachzuvollziehen, was in anderen vorgeht. Andererseits checken wir in Bruchteilen von Sekunden, ob uns der andere fremd oder vertraut ist, nah oder fern, und regulieren den Grad unseres Mitgefühls. Der Marburger Psychotherapeut Wolfgang Rust spricht von einer Hierarchie des Mitleids: erst Kinder und Frauen, dann männliche Zivilisten, dann Soldaten. Wen wir als schuldig und stark einstufen, dem verweigern wir unser Mitgefühl. Auch ethnische oder politische Zugehörigkeit spielt eine Rolle.

Je fremder eine Kultur, desto geringer die Möglichkeit mitzuschwingen. Das klingt einleuchtend, und doch erscheint es mir absurd. Können wir es uns in unserer globalisierten Welt überhaupt noch leisten, so zu tun, als ginge uns das, was in Libyen passiert, nichts an? Als sei die Strahlung von Fukushima nicht bedrohlich, weil wir weit genug weg sind? Als sei der Straßenverkäufer, der in der U-Bahn bettelt, ein Loser, der selbst schuld ist? Selbst die Quantenphysik bestätigt mittlerweile, dass alles mit allem verbunden ist und sich gegenseitig beeinflusst, dass kein Ereignis isoliert stattfindet. Was den anderen geschieht, geschieht auch uns selbst, sagen alle spirituellen Traditionen. Doch dieses Wissen ist offenbar für die meisten zu abstrakt.

Die Ohnmacht überwinden

Um die Brücke zum einfühlsamen Handeln zu schlagen, führt der amerikanische Zen-Lehrer Bernie Glassman mit seinen Seminarteilnehmern für ein paar Tage das Leben von Obdachlosen. Ohne Geld und nur mit der Kleidung, die sie am Leib tragen, liefern sie sich der Situation der völligen Unsicherheit aus, schlafen im Park oder unter der Brücke. Aus dieser Erfahrung erwachsen laut Glassman Mitgefühl und liebevolles Handeln. Wer am eigenen Leib Kälte, Hunger und Heimatlosigkeit erlebt hat, kann nicht mehr gleichgültig an obdachlosen Menschen vorbeigehen, bestätigen seine Schüler.

Zu solch einem radikalen Schritt fehlt mir definitiv der Mut. "Es gibt auch sanftere Wege", meint Barbara von Meibom. Sie ist überzeugt davon, dass aus einer Haltung des Mitgefühls ganz natürlich heilsames Handeln entsteht. "Ich kann spenden, ich kann auf nachhaltige Energie setzen, mich in meinem Stadtteil engagieren, ein Ehrenamt übernehmen und einfach das tun, was dort, wo ich bin, in meinen Möglichkeiten steht. Ich kann global denken und lokal handeln. Dadurch überwinde ich meine Ohnmacht und verbessere die Welt."

Text: Birgit Schönberger Fotos: iStockphoto BRIGITTE WOMAN, Heft 08/11
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