Vergangen ist, wenn es nicht mehr weh tut

Ein Umzug kann das ganze Leben verändern. Bei Barbara Voigt hat es nach dem Tod ihres Mannes nur noch auf der Hälfte Platz. Und etwas Neues kam auch dazu.

Es ist wie ein Schnitt in die Fingerspitze. Zuerst spürst du gar nichts, nach einer Weile fängt es an zu bluten. Dann tut es weh — und es will und will nicht heilen ... Aber jetzt ist der Mietvertrag unterschrieben. Unsere schöne Wohnung, die wir so geliebt haben — ich muss sie aufgeben. Für mich allein sind 140 Quadratmeter auf Dauer einfach zu viel. Die neue Wohnung ist nur halb so groß. Aber wie soll das eigentlich gehen: 100 Bibliothek-Meter, unsere vielen Elefanten, die wir in 23 Jahren zusammen gesammelt haben, all die Bilder, die du so gern an jedes freie Stück Wand genagelt hast?

31. März: Sechs Wochen bis Umzug. Höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme. Bett, Esstisch, Ledersofa und -sessel, Kleider und Badezimmerschrank, Küchentisch, Bücherregale - alles zu groß für die neue Wohnung. Aber wo bekomm ich mein neues Leben her? Ich wälze Wohnzeitschriften und Möbelkataloge, laufe ergebnislos durch die Stadt... Ich will hier doch gar nicht weg, und dabei rennt mir die Zeit davon. Also seien wir realistisch... Morgen rufe ich eine Innenarchitektin an: Regina Eusemann, der Tipp einer Kollegin.

4. April: Anders soll es aussehen in meinem neuen Leben, aber einige Gedanken-Anker müssen unbedingt mit. Elefantenschrank, Schreibtisch mit Containern, zumindest ein paar unserer Bücherregale, Lampen, Acryltische, Küchen-Reling... Die Innenarchitektin versteht. Hoffnung kommt auf.

Ein neues Leben entsteht aus dem alten

26. April: Mit Regina Eusemann Stoffproben für Vorhänge und Rollos ausgesucht, auf ein knallrotes Sofa (mein uralter Traum) geeinigt und auf ihren Entwurf für einen Kleiderschrank, damit ich den Platz in meinem kleinen, aber sehr hohen Schlafzimmer optimal nutzen kann. Wird dann ein Tischler nach Maß anfertigen. Ich mache Kassensturz und beschließe: Darauf kommt's jetzt auch nicht mehr an. Unsere Freunde rufen an: "Sag mir, wann ich zum Einpacken kommen soll." Wenn es nur nicht so verdammt schwer wäre, unser gemeinsames Leben auseinander zu sortieren...

7. Mai: Unsere allerliebsten Bücher in Umzugskartons verpackt. Alle anderen bleiben in den Regalen. Morgen kommt ein Buchhändler und will entscheiden, welche er mir abkaufen kann. Jedes Buch, das ich nicht einpacke, kommt mir vor wie ein kleiner Verrat. Verzeihst du mir?

17. Mai: In jeder Ecke eine Baustelle. Küchenschubladen nicht leer geräumt, mein Arbeitszimmer das reinste Chaos, und jetzt bloß nicht an den Keller denken ... Last exit, kurz vor Mitternacht: große blaue Plastiksäcke, in denen kurzerhand alles unsortiert landet, was morgen unbedingt noch mit in den Umzugswagen muss. Ich sitze mit Rotwein und Pullover auf unserer Terrasse, träume mich in unsere vielen schönen Sommer zurück. Die erste Nacht vom Rest meines Lebens hat begonnen.

Nicht alles darf mit in ein neues Leben.

24. Mai: Das Kartongebirge, das das Wohnzimmer nach dem Umzug fast unbegehbar machte, ist abgetragen. "Wozu hat man denn Freunde?", haben die nur gesagt, Elefanten in ihren Schrank, Bücher in Regale geordnet, Spargel gekocht, mich ohne Worte in den Arm genommen, wenn ich doch mal wieder traurig wurde. "Meine " Wohnung— nicht mehr "unsere ". Deine Nähe — verloren gegangen auf dem Umzug drei Straßen weiter. Ich stehe zwischen weißen Wänden, stelle mir vor, wohin du welches Bild hängen würdest. Aber ich schaff das einfach nicht.

26. Mai: Gerade ist der Dekorateur gegangen. Aus Stoffproben sind wunderschöne Vorhänge geworden. Regina Eusemann hat wirklich geahnt, was ich wollte. Alles ganz leicht und luftig. Bei offenem Fenster bauschen sich die Wohnzimmergardinen in der Abendsonne, geben den Blick frei in einen Traumgarten hinterm Haus. Ich verabschiede mich von meiner Enttäuschung, dass ich keinen Balkon mehr habe.

16. Juli:. Geschafft. Es herrscht wieder etwas Ordnung in meinem Leben. Jetzt steht der Kleiderschrank. Und ich stehe fast am Rande des finanziellen Ruins. Aber es ist ein schöner Rand. Ich freue mich über die Halogen-Spots, für die um immer der passende Flur fehlte, über den Stehtisch in der Küche bisher völlig unbrauchbar, denn wie hätten wir da abends stundenlang sitzen und die Welt aus den Angeln diskutieren können.

26. Oktober: Immer noch auf der Suche nach irgendwelchen Wichtigkeiten, die vermutlich in einem nicht näher definierten Koffer auf dem Dachboden liegen. Wie lange wird es dauern, bis ich wirklich angekommen bin? Mein Lieblingskalender in der Redaktion hat mir einen Spruch geschenkt: "Vergangenheit ist, wenn es nicht mehr weh tut." Vergangenheit ist noch lange nicht. Aber schau doch mal: Heute habe ich das erste Bild aufgehängt.

  • Wenn Sie sich dort wohl gefühlt haben, bleiben Sie nach Möglichkeit im gleichen Viertel.
  • Holen Sie sich professionelle Hilfe, vor allem, wenn Ihnen nicht allzu viel Zeit bleibt.
  • Schreiben Sie rechtzeitig auf, was Ihnen wichtig ist. Dann fällt das Aussortieren leichter.
  • Nehmen Sie Gedanken-Anker mit - so kommt Ihnen die neue Wohnung gleich viel vertrauter vor.
  • Geben Sie möglichst alles, was Sie nicht mitnehmen können, an Freunde oder Verwandte.
  • Eventuell mit der Option, es später wieder zurückzuholen.
  • Erfüllen Sie sich lang gehegte Wünsche. Damit Sie wissen, dass Sie für sich da sind.
  • Wenn Sie es sich finanziell leisten können: Sparen Sie nicht an der falschen Stelle.
  • Alles, was Sie sich jetzt anschaffen, wird Sie die nächsten Jahre begleiten.
  • Nehmen Sie Familie und Freunde beim Wort. Wer Ihnen Hilfe anbietet, meint es ehrlich.
  • Sorgen Sie dafür, dass Sie sich beim Nach-Hause-Kommen immer auf Ihre Wohnung freuen können.
  • Geben Sie sich Zeit. Es dauert, bis Sie im neuen Leben angekommen sind.
Text: Barbara Voigt Fotos: Konstantin Eulenburg, Kristina Jentzsch, privat
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