Der lebende Lügendetektor

Paul Ekman weiß, wann sein Gesprächspartner schwindelt, wann ein Lächeln falsch ist. Franziska Wolffheim hat sich getraut und saß dem berühmten Mimikforscher eine Stunde lang gegenüber.

"Schön, Sie kennen zu lernen." Ein banaler Satz. Begleitet von einem Lächeln, meinem Lächeln. Im selben Moment denke ich, dass es zig Arten von Lächeln gibt. Freudig. Höflich. Selbstgefällig. Angespannt. Verkniffen. Paul Ekman kennt sie alle. Und mein Lächeln hat er sowieso längst einsortiert. Also, Mr. Ekman, was sehen Sie gerade, wenn Sie mich sehen? "Sie sind aufmerksam, sehr wach. Selbst wenn Sie sich heute Morgen mit Ihrem Mann gestritten haben, zeigt Ihr Gesicht keine Spuren davon." Gut so. Im Übrigen habe ich mich nicht gestritten. Nichts zu verbergen. Aber wer weiß?

Wie erkennt er, frage ich Paul Ekman, ob mein Lächeln echt oder aufgesetzt ist? "Bei einem echten Lächeln gehen nicht nur die Mundwinkel nach oben, auch die Ringmuskeln, die das Auge umgeben, sind aktiviert, und die Augen wirken kleiner. Wer nur mit dem Mund lächelt, lächelt nicht von Herzen." Und was ist nun mit meinem Lächeln? "Echt."

Wer nur mit dem Mund lächelt, lächelt nicht von Herzen.

Paul Ekman, der lebende Lügendetektor. Der seit Jahrzehnten die menschliche Mimik studiert, Bücher darüber geschrieben hat. Der als Professor an der Uni in San Francisco Psychologie lehrte und in diesem Jahr vom "Time Magazine" zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gezählt wurde. Der mit seinem Wissen sogar die amerikanische Regierung bei der Terroristenfahndung unterstützt hat. In den sechziger Jahren ist er in die Urwälder von Papua-Neuguinea aufgebrochen, um die Gesichter der Einheimischen zu studieren. Er stellte fest, dass Gemütsbewegungen wie Angst oder Ärger universell sind und nicht kulturell geprägt. Gesichtsausdrücke - mehr als 10000 hat Ekman gefunden - sind sozusagen Archetypen.

Er hat Wissen, das ich nicht habe.

Wer den Forscher aus San Francisco trifft, lässt sich auf ein Spiel mit doppeltem Boden ein. Da ist zum einen das kultivierte Gespräch. Und dann ist da immer diese zweite Ebene: Ich sehe was, was du nicht weißt. Er hat Wissen, das ich nicht habe. Das Erstaunliche ist jedoch, dass mein Unbehagen schnell verfliegt. Mr. Ekman, Jahrgang 1934, ist so entspannt, als habe er gerade eine Yoga- Session hinter sich. Keine Wissenschaftler-Arroganz, keine Besserwisserei. Wir sitzen im Innenhof eines Berliner Hotels, trinken Cappuccino, und er gibt mir das Gefühl, dass wir schon viele Cappuccinos an diversen Orten der Welt miteinander getrunken haben. Er trägt eine Sweatshirt-Jacke, graues T-Shirt, glänzende weiß-silberne Turnschuhe. Aus dem Augenwinkel betrachte ich sein opulentes silbernes Armband, denke "ziemlich hässlich" und hoffe, dass mein Gesicht in dem Moment keine Regung zeigt. Ekman beobachtet, wie ich ihn beobachte, und lacht laut: "Meine Frau mag mein Armband nicht besonders, sie findet es für einen Mann sehr ungewöhnlich." Ich muss ebenfalls lachen und frage mich, ob Ekman weiß, warum.

Der Mann mit den schrillen Turnschuhen ist einer dieser akribischen Wissenschaftler, die besessen sind vom Detail. Er hat das Zusammenspiel der insgesamt 43 Gesichtsmuskeln untersucht, er hat unzählige Fotos und Videos gemacht, jede noch so subtile Muskelbewegung festgehalten. Wenn das Gesicht eine Landkarte ist, hat er Hügel, Täler und Pfade gefunden, die andere noch nie gesehen haben. Gemeinsam mit einem Kollegen hat er das Facial Action Coding System (FACS) entwickelt, das die Gesichtsausdrücke klassifiziert. Allein für den Ärger hat Ekman mehr als 100 Ausdrücke ausgemacht.

Manchmal sind es nur "Mikroexpressionen", wenn Gefühle für den Bruchteil einer Sekunde über ein Gesicht irrlichtern: verzweifelte, schadenfrohe Impulse etwa. Ein "Mikro-Zornausdruck" ist kürzer als ein Wimpernschlag. Ekman kann ihn sehen. Warum jemand aber wütend ist, ob er auf sein Gegenüber oder jemand anderen zornig ist, bleibt ihm verborgen.

Ekman ist nicht Gott. Er kann Gefühle auf einem Gesicht lesen, nicht aber Gedanken. "Ich musste 20, 30 Jahre trainieren, um diese Art von Menschenkenntnis zu lernen", sagt er. Ich frage ihn nach der Lüge. Wie er es fertigbringt, Lügen zu erkennen. Es gibt keine einfache Antwort. Mikroexpressionen, die nicht zum Gesagten passen, können jemanden verraten. Auch das Gesamtbild ist wichtig: Möglicherweise passt die Stimme nicht zum Inhalt, oder Gesten und Inhalt vertragen sich nicht. "Wenn Sie mich jetzt über Ihren Geburtsort anlügen würden, würde ich es wahrscheinlich nicht merken, denn es ist nicht von Belang. Ginge es aber um etwas, was Ihnen wichtig ist, bei dem Ihre Beziehung, Ihr Ruf, Ihr Geld auf dem Spiel steht, würde ich die Lüge erkennen." Höfliches Lügen, Schwindeln aus Rücksicht ist erlaubt, findet Ekman. Natürlich sagt er seiner Frau, ihr neues Kleid sei großartig, auch wenn er es daneben findet. Ekman strahlt. Oh nein, Lüge muss nicht automatisch Sünde sein.

Der Hass auf seinen Vater hat ihn lange begleitet.

Dass sich Ekman derart besessen in die Welt der Emotionen gestürzt hat, hänge mit seiner Kindheit zusammen, sagt er. Sein Vater war gewalttätig, die Mutter beging Selbstmord, als Paul 14 Jahre alt war. Der Hass auf seinen Vater hat den Wissenschaftler viele Jahre begleitet. "Hass vergiftete meine gesamte Persönlichkeit", schreibt er in seinem neuen Buch "Gefühl und Mitgefühl", das er gemeinsam mit dem Dalai Lama verfasst hat: ausführliche Dialoge über Gefühle, Achtsamkeit, Seelenfrieden - auf der Basis von zwei völlig unterschiedlichen geistigen Traditionen. Seit fast zehn Jahren ist der Wissenschaftler mit dem buddhistischen Mönch befreundet. Auch über den Hass haben sie gesprochen. Die Gespräche mit dem Dalai Lama hätten ihm geholfen, den Hass auf seinen Vater zu überwinden, meint Ekman. "Meine Frau hat zu mir gesagt: Du bist nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe, du bist verträglicher geworden."

Ich sage ihm, dass ich mich wundere über die zwei Seiten des Mr. Ekman, die des emsigen Wissenschaftlers und die des spirituellen Philosophen. Ekman antwortet, auch er wundere sich darüber. Die Begegnung mit dem Dalai Lama sei für ihn ein "Mysterium".

Findet er den Dalai Lama eigentlich so charismatisch, wie immer mal wieder behauptet wird? Ekman grinst. "Ich mag ihn sehr, aber finde ihn absolut nicht charismatisch!" Ist das die Wahrheit? Oder will Ekman meine Fähigkeit als Gesichterleserin prüfen? Bestimmt ist mir gerade eine entscheidende Mikroexpression entgangen. Mr. Ekman, bitte übernehmen Sie!

Buchtipp: Dalai Lama und Paul Ekman: "Gefühl und Mitgefühl", 354 S., 24,95 Euro, Spektrum Akademischer Verlag

Text: Franziska Wolffheim Illustration: Lisa Schweizer

Wer hier schreibt:

Franziska Wolffheim
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