Die Beziehung zwischen Mensch und Tier

Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist etwas ganz Besonderes. Innig, fröhlich und manchmal lebensrettend.

Julius & Anna

Julius lief mir auf einem ungarischen Reiterhof zu. Um keinen Ärger am Zoll zu kriegen, ließ ich ihn schon in Ungarn impfen. Zu Hause mussten die Impfungen aufgefrischt werden, ich suchte eine Ärztin in meiner Nähe aus. Zufällig war sie auf Rassekatzen spezialisiert, überall hingen Tierfotos, versehen mit Namen wie Daphne vom Fürstenwald. Ich legte die ungarischen Papiere vor, in denen außer meinem Namen, Gräfin zu Stolberg, und "Julius" nichts Begreifliches stand. Die Ärztin beugte sich über meinen Kater und sagte: "Du bist also die kleine Gräfin zu Stolberg! Und Sie...", fuhr sie an mich gewandt fort, "sind ... äh... Julius?" Momente, in denen ich Tränen lache, gibt es mit Julius oft. Es ist, als würde man mit einem guten Freund in einer Wohngemeinschaft leben. Man kann nicht tun, was man will - ich muss zum Beispiel meinen Hardrock leise stellen, wenn er kommt, und sofort eine Dose öffnen, er lässt gefälligst seine Pfoten aus dem Aquarium und die Krallen vom Sofa - aber dafür fühlen wir uns wohl miteinander. Single-Einsamkeit? Kenne ich nicht.

Albino-Tigerpython & Marlies

Hier umschlingt mich eine Seltenheit: eine fünf Jahre alte Albino-Tigerpython. Sie gehört zu meinem Zoo auf dem Drachenfels in Königswinter. Übrigens ist sie ungiftig, beißt aber trotzdem. Der Sage nach soll Siegfried hier den Drachen erschlagen haben. Mein Vater fand deshalb, dies sei ein passender Ort für einen Reptilienzoo, den er 1958 gründete. Nebenan befinden sich die Nibelungenhalle und die Drachenhöhle, gebaut zu Ehren Richard Wagners, des Komponisten der "Siegfried"-Oper. Ich bin mit Schlangen, Krokodilen - und Wagnerbegeisterung aufgewachsen. Später habe ich den Zoo (und die Wagner- Verehrung) übernommen. Wir besitzen rund 90 Reptilien. Das sind keine Schmusetiere, sie dulden uns bloß. Doch für mich ist die Arbeit mit Tieren beglückend, sie ist mein Leben.

Emil & Ingrid

Ich wollte immer einen Wallach haben. Die sind nicht so zickig wie Stuten. Und nicht so auf Krawall gebürstet wie Hengste. Emil habe ich vor neun Jahren durch eine Anzeige entdeckt. Er war ein dreijähriger Westfale. Bei einem Pferd schaue ich, wie es sich beim Putzen, Satteln und Vorreiten verhält, und höre auf meinen Bauch. Der Bauch sagte: Der ist lieb, nimm den! Emil ist wirklich sanft, schmust gern, und sogar die Stallkatze legt sich zu ihm, und er leckt sie ab. Emil ist aber eine Mimose. Er hasst Veränderungen. Der Tagesablauf hat immer gleich zu sein, sonst frisst er nicht mehr. Und wenn er mal mit Brennnesseln in Berührung kommt, macht er ein Drama und muss getröstet werden. Wie Männer eben sind. Allerdings ist Emil leichter einzuschätzen, treuer und mit Sicherheit ehrlicher als ein Mann. Ich würde ihn nie aufgeben. Auch nicht für einen Partner mit Pferdehaarallergie.

Jackie, Bubi & Maria Jolenta

Ohne meine Nymphensittiche hätte ich den Tod meines Mannes nicht verkraftet. Vor einem Jahr ist er gestorben, wir waren 60 Jahre glücklich verheiratet. Ich bin in ein Loch gefallen, und beinahe hätte ich mich vor Trauer aufgegeben. Doch da waren meine Vögelchen, die seit 21 Jahren wie Kinder für mich sind, wir reden miteinander, wir singen morgens und abends, wir gehen gleichzeitig schlafen und schauen, ja wirklich, gemeinsam Tiersendungen an. Jackie und Bubi haben auch getrauert, sie fraßen nicht und waren ganz still. Ich konnte sie nicht im Stich lassen. Also musste ich aufstehen, essen, einkaufen. Um die Tiere zu trösten, habe ich sie verwöhnt, ließ sie oft baden, danach unter meine Trockenhaube, die Wärme tut ihnen gut. Wenn ich jemanden umsorgen darf, bin auch ich getröstet.

Hilde, Suki & Marie-Lou

Ich machte Urlaub in Marokko, plötzlich saß Hilde unter meiner Strandliege. Sie war noch ein Welpe, krank, kaum Fell und mit kaputter Hüfte. Ich reiste ohne sie ab, aber zu Hause hielt ich es nicht aus, flog zurück, suchte sie überall und fand sie nicht. Verzweifelt kehrte ich zu meinem Auto zurück, und da saß sie! Die Rückreise war ein Abenteuer. In Deutschland angekommen, war es zuerst sehr anstrengend mit einem wilden Hund. Heute ist Hilde einigermaßen erzogen, aber eigenwillig. Suki ist uns auf Sardinien zugelaufen. Sie war ausgesetzt und angeschossen worden. Hilde und Suki mochten sich gleich. Streuner scheinen einander zu erkennen. Die Hunde sind für unsere Tochter ein Glücksfall: Sie trösten und unterhalten sie und bringen ihr bei, was Verantwortung ist. Auch wir haben gelernt: Wer mit Hunden leben will, muss klare Ansagen machen!

Sam & Meike

Ich habe mir schon als Kind einen Collie gewünscht. Immer. Lassie-Krankheit. Und als mein Leben endlich so war, dass ich einen Hund halten konnte, war Lassie aus der Mode. Die Collies heute sehen anders aus; der amerikanische Typ ist nicht so verbreitet. Ich habe zwei Jahre gesucht, bis ich eine Züchterin fand, die verstand, was ich suchte. Freundinnen sagten, ich sollte doch lieber einen Hund aus dem Tierheim retten, aber als Sam auf der Welt war, gab’s für mich kein Zurück: Er war der Frechste im Wurf - und der Lustigste.

Ressortleiterin Meike Dinklage über das Leben mit Tieren

Neulich ging ich mit dem Hund in den Feldern spazieren. Der Hund schnüffelte an Blättern und Halmen, lief voraus, kam mit einem Stöckchen zurück, das ich werfen sollte, und als ich es nicht warf, schleuderte er es selbst in die Luft und fing es auf. Dann jagte er mit einem anderen Hund durchs Gebüsch, ich ging weiter, setzte mich auf eine Wiese, der Hund kam und legte sich neben mich. Ich kraulte sein Fell, er streckte sich aus, rieb die Schnauze im Gras und grunzte zufrieden. Die Sonne schien, ein Vogel flog, Käfer auf einem Halm, wir sahen die Welt mit den gleichen Augen, ich dachte an nichts und war auf eine unfassbar einfache Weise voller Frieden.

Es ist leicht, mit einem Hund glücklich zu sein, Hunde kennen sich gut aus mit den Bedürfnissen der Menschen. Wahrscheinlich ist das Leben mit einem Sittich, einem Hamster oder Fisch weniger kuschelig, ganz sicher aber für die Menschen, die sich diese Tiere aussuchen, aus ähnlichen Gründen beseelend. Mensch und Tier finden sich. Ich glaube, sein Tier gefunden zu haben ist so ziemlich das unspektakulärste Glückskonzept, das man verfolgen kann.

Weil ein Tier uns meint. Nicht abwägt. Vielleicht mal schlechte Laune hat, aber nie zynisch wird oder uns hintergeht. Tiere bringen uns zurück in ein wohltuend einfaches System aus Gut und Schlecht. Gut: Futter, warmer Schlafplatz, sauberer Stall, artgerechte Unterhaltung, sich kümmern. Schlecht: Hunger, Langeweile, Dreck, Vernachlässigung, Gewalt. So schlicht sind die Regeln. Dazwischen: nichts. Keine Untertöne, keine Manipulation.

Tiere sind geradeheraus, vorausgesetzt, wir verstehen ihre Sprache. Denken reicht da nicht, wir müssen auch fühlen, ahnen, genau hinsehen, ausprobieren, die Fantasie benutzen, lernen - also all das, was wir im Alltag eher selten tun. Wir lernen auch über uns, denn das Ich, das mit dem Tier redet, mit Händen und Füßen, ist ein ziemlich Unverstelltes. Dabei geht es nicht um Liebe. Tierhaltern, die sagen, ihr Tier würde sie lieben, glaube ich nicht.

Tiere können das nicht, nicht in einem menschlichen Sinn, Tier und Mensch, das ist eine völlig andere Kategorie. Tiere sind nicht die besseren Partner, sie sind andere Partner. Ich bin mir sicher, dass mein Collie mich nicht liebt, er erfreut sich einfach der Vorteile, die ein Leben an meiner Seite für ihn mit sich bringt, auch der Sicherheit, die sich daraus ergibt, dass ich die Regeln mache: Achte auf mich. Achte mich. Das gilt gegenseitig. Es ist das Fundament. Großartig wird es, wenn man sich von da aus aufeinander zu bewegt. Wenn ich merke, er ist ganz bei mir, da passt nichts dazwischen: Er spürt, was jetzt richtig ist; es gibt ein inneres Band zwischen uns, dass schon ein Gedanke von mir ihn lenken kann.

Nicht immer natürlich, manchmal jagt er Eichhörnchen auf Bäume oder verbellt die Rüden-Konkurrenz aus der Straße, dann hilft keine intuitive Führung, sondern nur ein donnerndes Nein. Aber wenn mein Hund mir abends entgegenläuft, Kopf und Rute in der Waagerechten, der ganze Hund eine gerade, wedelnde Linie, eine Welle der Begeisterung, bin ich vollkommen selig. Sam bringt mich zum Lachen, einfach so, wenn er alle Tricks anbietet, die er in vier Jahren gelernt hat, weil er ein Stück Käse will. Wenn wir uns auf dem Rasen wälzen oder Frisbee spielen, bin ich auf eine elementare Weise glücklich. Oder wenn er müde ist und sich auf den Rücken dreht, alle viere in die Luft streckt, der ganze Hund nur noch Fell, und sich kraulen lässt. Wenn ich heulend auf dem Sofa sitze und er kommt, mich anschaut und dann an meinem Ärmel knabbert. Nicht, weil er weiß, was Trost ist, sondern weil er merkt, dass ein bisschen Kontakt nicht schaden kann.

Ich habe immer gemerkt, dass mir ein Tier fehlt, jetzt kommt es mir so vor, als wäre ich komplett. Auch das ist nicht im menschlichen Sinne Liebe. Aber es ist das Gefühl, dass da was Warmes an meiner Seite ist. Ich finde es großartig, mit vielen Hunden unterwegs zu sein. Ich mag es, ich bin draußen, es ist erholsam, ein Luxus-Kontakt zum Leben. Das Glück mit Menschen braucht immer einen Rahmen: den Ausflug ans Meer, den Moment bei einem Abendessen, wenn alle satt und zufrieden durcheinanderreden, das Gespräch, in dem man merkt, der andere versteht hundertprozentig, und jeder weitere Satz ist Erkenntnis pur. Intellektuelles Glück, das eingeordnet, gewertet wird. Ein Tier aber sagt nicht: Das war schön, es vergleicht nicht, es rollt sich zu Hause auf seine Decke und wartet einfach ab, bis die nächste tolle Sache kommt.

Tiere waren immer meine Zuflucht

Früher hatte ich Katzen. Die habe ich gefüttert und gestreichelt und ihnen einen Pappkarton ausgepolstert, wenn sie Junge bekamen. Davor hatte ich Hühner, ich komme vom Land, wir hatten einen Hof. Die Hühner hatten Namen, auf die sie hörten, und durften an Altersschwäche sterben. Sie haben, wenn ich aus der Schule kam, an der Hofzufahrt auf mich gewartet. Ich werde immer für meine Überzeugung streiten, dass Hühner kluge Tiere sind. Davor hatte ich Schweine. Zwei Ferkel, dem Schlachtrhythmus entsprechend jedes Jahr zwei neue. Aber solange sie lebten, habe ich sie gefüttert und ihnen Tricks beigebracht, ein Ferkel stellte auf Kommando die Vorderhufe auf den Rücken des anderen.

Tiere waren immer meine Zuflucht. Meine Katzen haben mir durch die Pubertät geholfen, ich habe mich mit ihnen im Stall verkrochen und ihnen meine wirren Gedanken ins Fell geflüstert, ich brauchte kein Tagebuch. Mein Hund, heute, bringt seine eigenen Lebensthemen mit, Sam ist - man sagt wesensfest, wenn wir miteinander unterwegs sind, dann verhandeln wir auch immer. Und er ist fröhlich und gutmütig, er mag Menschen; mein Mann geht regelmäßig mit ihm in ein Pflegeheim, die Bewohner sind dement, sie fragen alle 30 Sekunden, wie der Hund heißt, wie alt er ist. Aber wenn sie sein Fell streicheln, sieht man ihre Freude, und die, die früher selbst einen Hund hatten, erinnern sich wieder.

Seit ich den Hund habe, kommt es mir vor, als wären die Menschen freundlicher zu mir. Ich kenne inzwischen die halbe Straße, die anderen Hundebesitzer sowieso, ich sage viel mehr Leuten Hallo, man ist öffentlich mit Hund, und es gibt immer ein Thema.

Eigentlich habe ich fast alle neuen Freundschaften, die ich in den letzten Jahren eingegangen bin, über den Hund gefunden. Einmal lief ich an der Elbe entlang, es war kalt, und es regnete, ich war vollkommen vermummt und traf eine Frau, auch mit einem Collie. Wir liefen gemeinsam weiter, Kapuze tief ins Gesicht, wir sahen uns nicht an, aber erzählten uns unser Leben, das unheimlich viele Parallelen aufwies, nicht nur, weil die Collies vom selben Typ sind. Wir haben uns angefreundet, und es ist eine der tollsten neuen Bekanntschaften der letzten Jahre. So einfach ist das.

Produktion: Bettina Lambrecht Fotos: Kathryn Baingo Text: Meike Dinklage Protokolle: Katja Jührend
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