Reiki für Brummibären

Die Reiki-Lehrerin Renate Holzförster steht mit ihrer "Energietankstelle" an der Autobahn und legt Hände auf verspannte Trucker-Rücken.

Rasthof Lichtendorf bei Dortmund, 20 Meter entfernt rauscht der Verkehr der A1 vorbei. Renate Holzförster geht mit festem Schritt. Die Sechs-Zentimeter-Absätze ihrer Stiefeletten klackern über den Asphalt. Energisch klopft sie an die Tür eines Lkw, ein Fahrer kurbelt das Fenster herunter. "Möchten Sie Energie tanken?", ruft sie hinauf. Der Fernfahrer blickt sie ungläubig an, dann kurbelt er sein Fenster wortlos hoch. "Die haben ja auch so wenig Zeit", sagt Renate Holzförster und geht weiter zum nächsten Lastwagen.

Zwölf Jahre lang saß sie selbst am Steuer eines Lasters. Dann, vor zehn Jahren, verletzte sie sich am Knie. Es folgten fünf verschiedene Diagnosen und zwei Operationen. Die Schmerzen blieben. Eine Freundin, die Reiki-Lehrerin war, sagte: "Probier's doch mal damit." Tatsächlich, es ging ihr besser. Und Renate Holzförster war so begeistert, dass sie mehr über Reiki wissen wollte.

Reiki, das ist eine alternative Heilmethode, die Ende des 19. Jahrhunderts in Japan entwickelt wurde. Rei steht für Kosmos, Ki für Lebensenergie, die durch Handauflegen weitergegeben wird. Es gibt mehrere Reiki-Grade, bis hin zum Meistergrad. Renate Holzförster ging bei einer Freundin in die Lehre, nach zwei Jahren hatte sie den Meistergrad und begann, selbst an der Volkshochschule zu unterrichten. Sie baute ein kleines Reiki-Zentrum in Stemwede auf, aber sie konnte es auf Dauer nicht finanzieren. Danach stieg sie kurz wieder hinters Lenkrad, gab das Fahren aber schließlich endgültig auf. Sie wollte nur noch Reiki machen.

"Das ist jetzt mein Weg", sagt sie. In ihrer kleinen Wohnung in Lembruch, einer 1000-Seelen-Gemeinde am Dümmer See in Niedersachsen, hat sie ein Reiki-Zimmer eingerichtet, voll mit Kissen, Kerzen, Engelsfiguren und Räucherstäbchen. Hier gibt Renate Holzförster Reiki-Kurse, so verdient sie ihr Geld. Viel ist es nicht. Aber Reiki ist für sie auch mehr: nämlich ein Auftrag, hinauszugehen und die Heilkunst kostenlos denen anzubieten, die schwieriger dafür zu gewinnen sind als die Teilnehmer ihrer Kurse in Lembruch - die Fernfahrer zum Beispiel. "Männer denken ja, sie sind Weicheier, wenn sie so was machen."

Doch Renate Holzförster gibt nicht auf. Sie klappert Fahrerhaus um Fahrerhaus ab. Sie hat sich schick gemacht für ihre Mission: Hose und Blazer aus schwarzem Leder, die schulterlangen Haare mit vielen kleinen Spangen hochgesteckt. "Ich bin auch gefahren", ruft sie dem nächsten Trucker zu und reicht einen Flyer ins Fahrerhaus, auf dem sie mit einem Mercedes Actros zu sehen ist. Den 40-Tonner hat sie quer durch Deutschland gelenkt. Das Bild macht Eindruck. Der Fernfahrer zieht anerkennend die Augenbraue hoch. Da unten steht keine Verrückte, diese Frau ist eine von ihnen.

"Man kann Reiki nicht erklären", sagt Renate Holzförster, "man muss es erleben." Da steigt der Lkw-Fahrer aus, ein großer, stämmiger Mann mit tätowierten Unterarmen. Er stellt sich vor seinen Truck, die Hände nimmt er nicht aus den Taschen. Ralf Noruschat sieht aus, als ob er sich nach Feierabend lieber mit einem Bier als mit Energieübertragung aus Fernost entspannt. Sie legt die Hände auf seine Schultern, dann auf den Rücken, schließlich auf die Brust. Nun kann die Energie fließen. Als sie fragt, ob es unter ihren Händen warm wird, hat der Trucker zwar die richtige Antwort parat, aber den falschen Grund: "Na klar: Ich hab ja auch 'ne Thermo-Weste an." Renate Holzförster überhört die Bemerkung und erklärt ihm zum Abschluss noch, wie er seine Atmung verbessern könne. Der Nächste ist Thomas Schorn, er hat vorher noch nie von Reiki gehört. "Ich dachte, das ist ein Kochrezept", brummt er. Schorn wirkt wie Balu der Bär: ruhig und unbekümmert. Sie legt beide Hände auf. "Wird es warm?" - "Och ja. Ich merk schon was", sagt er. Holzförsters Hände wandern auf den Rücken. "Hier auch?" - "Ja, angenehm." Holzförster lächelt. "Die Energie ist geflossen", sagt sie. - "Hmmm", brummt der Bär.

Die Reiki-Lehrerin gilt im Dorf als Provinz-Rebellin

Kurze Pause. Renate Holzförster läuft hinüber zum Pkw-Parkplatz, zu ihrer Reiki-Clique: Ihre Freundinnen Angelika Schäfer, Erika Heuermann und deren Tochter Anna-Lena sind mit ihr gekommen und warten am Auto auf sie. Sie haben bei ihr Reiki gelernt und finden ihre Rasthof-Aktion klasse, "weil man richtig merkt, wie gern sie das macht", sagt Angelika.

Die Frauen entladen Thermoskanne, Kaffeetassen und eine Kühltasche mit belegten Brötchen. Daheim in Lembruch kommt die Clique regelmäßig zu Reiki-Treffen zusammen. "Das Miteinander ist wichtig", sagt Holzförster. "Reiki weiterzugeben gibt mir ein gutes Gefühl, weil ich weiß, dass es Menschen hilft." Zu Hause im Dorf tuschelt man, Renate Holzförster sei eine Hexe. "Ich kriege schon mit, was so geredet wird", sagt sie. Ein Stemweder Pastor holte vor ein paar Jahren sogar den Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche, weil ihm Renate Holzförster und ihre Kurse nicht geheuer waren. Er lud zu einem Informationsabend ins Gemeindehaus ein, um über Reiki "aufzuklären". "Ich war nicht eingeladen", sagt Holzförster. "Aber da wurde wohl richtig auf den Putz gehauen. Es hieß, Reiki sei Humbug und gegen Gott."

Unangenehm ist ihr die Rolle der Provinz-Rebellin nicht. "Darüber kann ich nur lachen", sagt sie, bald Mitte 50, "Reiki hat mein Leben verändert, ich bin selbstbewusster geworden. Aktiver, ausgeglichener."

Reiki war wie der Bruch mit ihrem alten Leben. Sie hat zwei Hochzeiten gefeiert, zwei Scheidungen hinter sich und ihre beiden Töchter allein großgezogen. Sie musste in eine kleinere Wohnung ziehen, weil das Geld nicht mehr reichte, als sie mit dem Fahren aufhörte. Eine enge Freundin hinterging sie, die Freundschaft zerbrach. Renate Holzförster hat viele Enttäuschungen hinter sich. "Ich fand das Leben immer schwer", sagt sie. Immer habe sie viel gearbeitet, sich beweisen müssen. Dann fand sie Reiki. Und hatte auf einmal etwas, was sie anderen geben konnte - ein gutes Gefühl. "Mit Reiki habe ich gelernt, dass ich auch was wert bin und was kann." Reiki vertraut sie, und sie traut Reiki viel zu. Sogar "beim Verkehrsstau", sagt sie. Einmal ist sie in einen Stau gefahren, hat ihre Hände vor die Windschutzscheibe gehalten und sich vorgestellt, wie sie die Energie in den Stau schickt, um den Verkehr wieder zum Fließen zu bringen. Und, Zufall oder Reiki - "es hat geklappt", sagt sie.

Die Aktion "Reiki für Lkw-Fahrer" macht sie zum vierten Mal. Nach fünf Stunden an der Autobahn haben nur vier Lkw-Fahrer mitgemacht. Dennoch hat Renate Holzförster große Ziele. "Ich plane ein Reiki-Zentrum an der A1", sagt sie. "Damit die Lkw-Fahrer eine Anlaufstelle haben." Das passende Grundstück hat sie schon entdeckt. Und in einem DIN-A4-Notizbuch ihre Vision aufgemalt: einen Reiki-Tempel, mehrere Stockwerke hoch, mit zwei Dutzend Zimmern und einem Wellness-Bereich. Wer das bezahlen soll, ist unklar, aber das ist auch der Weg, den eine Energieübertragung nimmt. "Da findet sich eine Lösung", sagt sie.

Am Ende des Tages weiß dann doch noch ein Fernfahrer ihre Mühe zu schätzen. Gerhard Düpjohann lässt sich nicht lange bitten. Er ist schon 30 Jahre lang Lkw-Fahrer. Drei Bandscheibenvorfälle hat er hinter sich, sein verspannter Nacken macht ihm Probleme. Mit zunehmender Begeisterung hört er Renate Holzförsters Erklärungen über Reiki zu, fachsimpelt mit ihr über Chakren und findet die Aktion großartig.

Das einzige Problem: Es wird nicht warm auf dem Rücken. Trotzdem ist er danach zufrieden, minutenlang unterhalten sich die beiden weiter.

Dass die Behandlung nicht gewirkt hat, ist vergessen. Holzförster schwärmt. "Diese Lebensfreude, die wir gespürt haben", sagt sie und strahlt Gerhard Düpjohann an. Der strahlt zurück. Auch Renate Holzförster ist zufrieden. Sie will sich bald wieder an die Autobahn stellen. Sie will die Fahrer überzeugen. "Das wird ankommen, ich weiß das."

Auf der Rückfahrt: In der Dämmerung gehen Warnblinklichter an. Stau. Renate Holzförster schaut konzentriert durch die Frontscheibe. Minuten später fließt der Verkehr wieder. Warum, darüber kann man streiten.

Reiki: Weitere Informationen

Unter www.reiki-land.de können sich Reiki-Praktizierende miteinander austauschen, außerdem finden Interessierte eine umfassende Anbieterliste zu Reiki-Kursen, Seminaren, Ausbildungen und Behandlungen.

Text: Nicola Meier Fotos: Andreas Endemann
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