Zurück in die Heimat

Sehnsucht und Freude, Angst, Vertrautheit und Fremdheit - so widersprüchliche Gefühle kann die Rückkehr in die Heimat auslösen, wenn man lange fort war.

Nirgendwo sonst sind mit Häusern, Gärten oder Kirchen, mit Bäumen, Feldern, Bächen oder Flüssen so viele Erinnerungen verbunden. Nirgendwo sonst fühlen wir uns so unvermittelt zu Hause. "Hier bin ich in den Kindergarten gegangen", sagen wir an einem unbedeutenden grauweißen Gebäude. "Hier habe ich meinen ersten Kuss bekommen", sinnieren wir vor einer abgeblätterten Bank im Park. Doch wenn wir die Stadt unserer Kindheit verlassen, weil sie zu eng wird für uns, für unsere Träume vom Leben - dann holt uns manchmal die Sehnsucht ein.

Sehnsucht nach einer Zeit, in der wir noch alles vor uns hatten. In der die Zukunft endlos schien. Sehnsucht nach alten Freunden, Hoffnungen, Idealen. Nach der verrauchten Stammkneipe, in der wir nächtelang diskutiert haben. Nach Geräuschen und Gerüchen, die uns vertraut sind. Die es nur hier gibt. Zu Hause. Manchmal wird diese Sehnsucht in uns so stark, dass wir tatsächlich zurückgehen. Versuchen anzuknüpfen an diese Vergangenheit. Um sie in die Gegenwart zu holen.

Ute Freudenberg, 51, kann sich genau erinnern. An diesen Abend, als sie zurückwollte. Zurück nach Weimar. In ihre Heimatstadt. Zurück zu den Gerüchen ihrer Kindheit. Zu den Kirschplantagen am Stadtrand. Zum Mahnmal des Konzentrationslagers Buchenwald, in dem ihr Vater während der Nazizeit mehr als acht Jahre lang ums Überleben gekämpft hatte. Zurück vor allem zu "ihrem" Publikum im Osten. Das sie nach so langer Zeit wieder aufnahm, obwohl sie es verlassen hatte. Damals, 1984, als sie, die erfolgreiche Sängerin, zitternd vor Angst, nach einem Auftritt in Hamburg ihre Band verlässt.

Und im Westen bleibt. "Republikflucht" hieß das damals. Zu ehrlich war sie gewesen, zu direkt hatte sie ihre Meinung gesagt. Und war nicht auf Linie zu trimmen - trotz Produktionsverbot für ihre Platten. Trotz Erlassen an die Radiosender, ihre Lieder nicht mehr zu spielen. Im Osten war sie jemand, ihr Lied "Jugendliebe" der Hit der DDR - im Westen war sie niemand. Musste ganz von vorn anfangen. Wie auch ihr Mann, der sechs Monate später nachkam, hohläugig, mit Angina Pectoris. Weil sie ihn "drüben" jeden Tag beschattet hatten, verhört, nachdem sie weg war.

Er bekam keine Auftrittserlaubnis mehr für seine Stuntshows, auch Mutter und Schwester verloren ihre Jobs. In den Westen hatte sie ihn nur mit einer Drohung bekommen: Sie werde auspacken über den Staat und all das, was ihr passiert war, hatte sie in einem Telefongespräch mit ihm gesagt - natürlich wusste sie, dass ihre Gespräche abgehört wurden. Kurz darauf war er bei ihr.

Und da stand sie nun unten auf der Straße, an jenem Abend im Jahr 1995. In jeder Hand eine Salatschüssel, die sie für sich und ihren Mann vom Italiener an der Ecke abgeholt hat. In Düsseldorf. Der Stadt, die sie aufgenommen hatte, damals. Wo sie gerade anfing, erfolgreich zu sein. Da traf sie die Erkenntnis wie der Blitz: "Plötzlich dachte ich: Wo bist du hier eigentlich?", sagt die quirlige Sängerin heute. "Es war mir auf einmal ganz klar: Ich will zurück!" Ute Freudenberg ist nicht allein mit ihrer Sehnsucht.

Mehr als 43 500 deutsche Frauen sind allein im vergangenen Jahr aus dem Ausland in die Bundesrepublik zurückgekehrt. Die amtliche Statistik erfasst nur diese Zahl. Keine Hintergründe. Keine Gefühle. Niemand weiß, was die Frauen zu diesem Schritt bewegt hat. Niemand weiß, wie viele von ihnen vielleicht in die Städte ihrer Kindheit zurückgingen. Weil der Beruf nicht die erwünschte Erfüllung gebracht hat. Weil die Ehe gescheitert ist. Weil die Kinder aus dem Haus sind. Oder schlicht und einfach, weil sie Sehnsucht hatten.

Die Rückkehr in die Heimatstadt ist eine besondere Form der Heimkehr, die auch Schriftsteller und Filmemacher immer wieder beschäftigt. Die Autorin Judith Kuckart hat sie in ihrem Roman "Lenas Liebe" beschrieben, Karen Robards in "Vergangene Schatten". In dem Film "Eine zweite Chance" spielt Sandra Bullock eine Frau, die nach dem Scheitern ihrer Ehe mit ihrer Tochter zurück zu ihrer Mutter zieht. Und in der Fernsehserie "Solo für Schwarz" stellte Barbara Rudnik eine Polizeipsychologin dar, die in ihre Heimatstadt Schwerin zurückkommt - und gleich in einen Kriminalfall um die DDR-Vergangenheit ihres Vaters verstrickt wird.

Frauen in der zweiten Lebenshälfte scheinen diese Sehnsucht nach den Wurzeln stärker zu spüren. "Wahrscheinlich wird dann das Gefühl deutlicher, dass das Leben sich runden soll", vermutet die Leipziger Psychologieprofessorin Beate Mitzscherlich, 43, die ihre Doktorarbeit über den "Individuellen Prozess der Beheimatung" geschrieben hat.

"Wenn sie jung sind, lösen sich Frauen erst einmal schneller und leichter aus der Heimat als Männer - das ist statistisch nachgewiesen", sagt Beate Mitzscherlich. Sie folgen einem Partner, der anderswo einen guten Job bekommt. Oder gehen selbst auf Arbeitssuche, im In- oder Ausland. Dennoch bleibt oft ein Stück Distanz, Fremdheit. Selbst wenn sie sich in der neuen Heimat gut einleben. "Dieses Gefühl der Fremdheit, das spielt eine erhebliche Rolle, wenn Menschen plötzlich zurückwollen in ihre alte Heimat", sagt die Berliner Psychoanalytikerin Irmhild Kohte-Meyer, die in ihrer Praxis vor allem mit Migrantinnen zu tun hat.

Mit Frauen also, die nicht mehr in ihrer Heimat leben. "Sich zugehörig fühlen, das ist ein menschliches Grundbedürfnis - und es könnte sein, dass Frauen dieses Bedürfnis stärker spüren."

Anne von Bestenbostel hat sich fern von zu Hause eigentlich überhaupt nicht fremd gefühlt - im Gegenteil. Zu klein, zu eng kam ihr ihre niedersächsische Vaterstadt Nordenham vor, als sie mit 20 wegging. "Man kann in fünf Minuten von einem Ende der Stadt zum anderen laufen", sagt sie. "Jeder kennt da jeden - ich wollte einfach raus." Gleich nach dem Abitur packt sie die Koffer.

Zieht in die Großstadt, nach Hannover. Macht eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Zieht wieder um, diesmal nach Lüneburg, verliebt sich, heiratet. Sieben Jahre lang genießt sie dieses Leben. Dann winkt die große Chance: den Buchladen ihres Vaters zu übernehmen, den schon die Großmutter gegründet hatte.

Die Entscheidung ließ sie nächtelang nicht schlafen: "Ich war Wochen vorher nervös, hatte einen richtigen Kloß im Hals", sagt die 33-Jährige mit dem wachen Blick. Denn sich jetzt schon festlegen, lebenslang - das wollte sie eigentlich nicht. Vor allem nicht in dieser Stadt. "Auf den Laden habe ich mich schon gefreut", sagt sie und streicht sich durch die kurzen Haare, "aber vor Nordenham hat es mich ziemlich gegruselt." Heute hat sie sich mit der Rückkehr halbwegs versöhnt. Und kann der fehlenden Anonymität inzwischen sogar Vorteile abgewinnen: "Der Bäcker kennt mich seit meiner Geburt. Und ich kann ohne Geld einkaufen gehen", sagt sie lachend. Aber auch das ist Alltag: "Wenn man in meinem Alter nicht als Mutter in einer Krabbelgruppe ist oder sportlich aktiv, dann gibt es kaum Kontaktmöglichkeiten." Im Chor und im Unternehmerinnenclub ist sie eine der Jüngsten. Mal eben abends mit Freunden grillen oder spontan ins Kino gehen, das ist hier nicht drin.

Heimat. Vertrautheit und Fremdheit zugleich. Die kindliche Idylle, die wir oft mit der Stadt unserer Kindheit verbinden, die gibt es in Wirklichkeit nicht. "Diese Heimatvorstellung lebt in der Erinnerung und beschreibt oft ein Paradies, das nur in unserer Fantasie existiert", sagte Beate Mitzscherlich. Die schlechten Schulnoten, die Eifersüchteleien unter Mitschülern, die Schamgefühle der Pubertät und die Auseinandersetzungen mit den Eltern blenden wir aus.

"Heimgekehrt und fremd geblieben" nennt dies die österreichische Autorin Susanne Bock in einem Buch mit dem gleichnamigen Titel, in dem sie die Rückkehr in ihre Vaterstadt Wien beschreibt. Manchmal braucht man lange, um diese Fremdheit zu überwinden. Vor allem, wenn man anderswo eine neue Heimat gefunden hat. Und dann wieder zurückkehren muss.

Wie Jutta Hunker-Kraut, die mit ihrem Mann nach Taiwan ging. Die fernöstliche Insel wurde ihre große Liebe. Sieben Jahre hat sie dort verbracht, ihre beiden Söhne dort geboren. Und obwohl die 42-Jährige schon seit über vier Jahren wieder in Deutschland lebt, wird sie ihr Fernweh nicht los: "Jedes Mal, wenn ich in einem alten Bettlaken noch das Waschmittel aus Taiwan rieche, dann stecke ich die Nase hinein und fantasiere mich nach Taipeh."

Für ihre beiden Söhne ist Deutschland "exotisch", als die Familie im Jahr 2003 zurückkehrt: Sie kennen keinen Schnee, vermissen ihre Heimat. "Weihnachten haben wir sonst bei 25, 30 Grad gefeiert", sagt Jutta Hunker-Kraut. Jetzt müssen die Kinder im Winter zum ersten Mal Handschuhe und Daunenjacken tragen - widerwillig. Sie finden das Heimatland der Eltern anfangs nur nass und kalt. Inzwischen ist das anders: Jutta Hunker-Kraut lebt heute in einer kleinen Siedlung mit anderen aus dem Ausland zurückgekehrten "Expatriates", entwirft Deko-Artikel mit Stoffen aus Taiwan, und die Kinder haben sich eingewöhnt. Auch wenn der Älteste kürzlich auf einem Bild über seine Heimat "Mein Zuhause in Taipeh" malte.

Ist also das Heimweh<, die Sehnsucht nach dem Ort der Kindheit, nur eine Illusion? Gibt es sie nur in unseren Träumen? In unserer Fantasie? Sollten wir uns von dieser Vorstellung verabschieden und - es ist schließlich das Zeitalter der Globalisierung - einfach überall zu Hause sein? "Warum sollte ich mich nicht an verschiedenen Orten zu Hause fühlen, mich nicht mit verschiedenen Menschen, Lebensbedingungen, regionalen Gegebenheiten eng verbunden fühlen können?", meint dazu eine der Frauen, die Beate Mitzscherlich für ihre Doktorarbeit zu dem Thema befragt hat. Eine andere hat in sich selbst "parallel alte und neue Heimaten" entdeckt. Und eine dritte meinte gar: "Heimat, das ist die Welt, die Erde." Nicht ganz. Denn offenbar gibt es etwas in uns, das bleibt - auch wenn wir heute unser Leben in mehreren Heimaten verbringen. Mühelos umziehen von Berlin nach Boston. Von Neu-Wulmstorf nach Nairobi. Etwas, das wir nur erfahren, wenn wir wieder "zu Hause" sind.

Annemarie Lüdicke, 69, hat es erlebt, dieses Gefühl. Als sie nach ihrer Pensionierung als Lehrerin in Hamburg wieder in Zerbst in Sachsen-Anhalt ankam - nach beinahe 50 Jahren. Jedes Haus kennt die Pädagogin mit dem silbrigen Bubikopf hier, in "ihrem" Viertel. Läuft glücklich zwischen den alten Gebäuden hin und her und zeigt stolz auf eine alte Hausinschrift, wo immer noch zu lesen ist: PAUL LÜDICKE, KOLONIALWAREN. Paul Lüdicke, das war ihr Großvater.

Mit ihm fuhr die damals neunjährige Annemarie in einem klapprigen Lieferwagen über die Dörfer und überbrachte Lebensmittel. Und geheime Nachrichten. Von Gefangenen oder von Männern, die ums Leben gekommen waren - in den Lagern, die die russischen Besatzungstruppen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eingerichtet hatten. In denen wahrscheinlich auch ihr Vater verschwunden war. Und ihr Onkel.

Schicksale, die Annemarie Lüdicke nicht mehr losgelassen haben. Auch nicht in den vielen Jahren in Westdeutschland, nachdem sie als 17-Jährige aus der kommunistisch gewordenen DDR nach Hamburg floh. Seit ihrer Pensionierung knüpft sie nahtlos an ihre Kindheit an: In ihrem liebevoll renovierten Altbau unweit des ehemaligen Familienhauses hat sie ein umfangreiches Archiv eingerichtet. Hier spürt sie Menschen nach, die wie ihr Vater in der Nachkriegszeit spurlos verschwunden sind. Unzählige Telefonate hat sie dafür geführt, interessiert und mit kritischem Blick Familiengeschichten studiert. Und sogar ein Buch über ihre Spurensuche geschrieben. Zerbst ist so ihre alte und ihre neue Heimat geworden. "Die Türen hier hat mir der Enkel eines Tischlers gemacht, den schon mein Großvater kannte, und die Baisers sind aus einer Bäckerei, die schon meine Mutter sehr schätzte." Auch die Sängerin Ute Freudenberg genießt heute das Besondere, das sie mit ihrer Heimatstadt verbindet. Oft spürt die temperamentvolle Frau "eine echte Seligkeit".

Wenn sie mit ihrer Mutter im Garten in der Erde wühlt. Wenn sie Besuchern zeigen kann, wo sie ihr Diplomkonzert gesungen hat. Wenn sie wieder vor "ihrem" Publikum singen kann - wie bei ihrem ersten großen Open-Air-Konzert in Weimar. Da standen viele Zuhörer weinend und mit Rosen in der Hand vor der Bühne. "Diese irrsinnige Liebe, die da von den Menschen auch heute noch zu mir hochkommt", sagt Ute Freudenberg leise, "das ist das, was mich trägt, das ist Zuhause."

Tipps: So meistern Sie die Rückkehr

Abschied mag schwer sein, aber die Rückkehr ist manchmal noch härter. Es gilt, Tiefschläge zu meistern und Fallen zu umschiffen. Tipps von BRIGITTE-WOMAN-Mitarbeiterin Sabine Reichel, die 1975 mit nur einem Koffer nach New York zog und nun, kinderlos und Single, in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist

Enttäuschungen: Wer nichts erwartet, findet großes Glück, las ich einmal auf einem billigen Kalenderblatt. Es ist die reine Wahrheit. Wer ein Begrüßungskommando erwartet wie bei einem Staatsbesuch, der wird herbe Enttäuschungen erleben. Man muss für ein eher gedämpftes Interesse präpariert sein, und es kann passieren, dass lediglich ein nonchalantes "Ach, du bist zurück?" bemerkt wird. Man hat sie verlassen, weil die Welt da draußen aufregender und wichtiger schien. Punkt. Und nicht alle alten Freunde schließen sofort die Heimkehrerin in die Arme. Nicht vergessen: Man hat auch einen kleinen Verrat begangen. Und Strafe muss sein, wenn man sich zu lange aus der warmen Kuschelatmosphäre von Freundschaft entfernt. <

Vergangenheitsbewältigung: Die Frage, wo die guten alten Zeiten geblieben sind, in denen man sorglos und gemütlich herumsaß und Tage und Nächte durchplauderte, kann einfach beantwortet werden. Wir waren jung und hatten viel Zeit. Das Schwerste ist, Lücken zu schließen und Veränderungen zu akzeptieren. Und das heißt, nicht zu erwarten, wieder dort anzuknüpfen, wo man vor 30 Jahren aufgehört hat. Das Leben ist überall weitergegangen, bei einem selbst und eben auch bei den Freunden. Lieben, Ehen, Geburten, Scheidungen und Tod sind passiert und haben ihre Spuren hinterlassen - ohne unsere Anwesenheit.

Keine Anschuldigungen: Wir leben in einer Zeit, in der jeder ein schlechtes Gewissen wegen irgendetwas hat. Bestimmte Sätze mit Mahnungscharakter wie "Warum rufst du nie an?", "Du könntest mich gern mal mit ins Kino nehmen, wenn du so oft gehst", "Nie hast du Zeit!" werden schnell als nervig empfunden. Sätze übrigens, mit denen Frauen normaler- weise Männer zum Wahnsinn bringen. Wer auf alte Freundinnen und Freunde zu viel Druck ausübt, muss damit rechnen, dass die entweder explodieren oder sich zurückziehen. Oder beides.

Neue Männer: Keine aufregenden Tipps oder Verkupplungen von lange verheirateten Freunden erwarten. Auf die Frage, ob sie einen tollen, interessanten, nicht schwulen und vor allem noch nicht vergebenen Mann kennen, gibt es immer nur Lacher und bedauerndes Kopfschütteln. Die meisten Paare haben ihr ehemaliges Singledasein und die damit verbundenen Gefühle komplett vergessen.

Anleitung zum "Daten": Hat man dann aber einen Mann getroffen, muss man aufpassen, dass man ihn nicht verschreckt. Es ist sehr verführerisch, die souveräne Kosmopolitin zu spielen. Aber allzu viele Erfahrungen in fremden Ländern, die man vor sich herträgt wie eine extravagante Handtasche, verunsichern Männer sehr stark, da ihr natürliches Dominanzgebaren nicht richtig zum Zuge kommt. Für den Anfang klappt am besten: neugierig sein, Fragen stellen, nicht Geschichten erzählen. Und wenn Zweifel an der Attraktivität (der eigenen) auftreten oder Falten im ungünstigen Licht auf unser Alter hinweisen, immer an Helen Mirren und Meryl Streep denken, die ihre lässige Erotik so hinreißend vorleben, dass sie auf uns alle ein wenig abfärbt.

Schlussstriche sind wichtig!: Als Illusionsjägerin hat man keine Chance, und abhaken zu können ist mit das wichtigste Talent der Heimkehrerin. Allerdings sehr schwer durchzuführen, weil der Mensch gern romantisiert und sich an Träume klammert. Jemand wie ich, der nach so langer Zeit ausgerechnet in seine Heimatstadt zurückkehrt, neigt natürlich dazu, nach den Plätzen seiner Vergangenheit zu suchen. So ein Nostalgieprogramm als Touristin in der eigenen Stadt kann sehr schön sein, also unbedingt machen. Allein! Und dann Schwamm drüber! Schmeichelei: Lob der Stadt und ihrer Menschen ist der sicherste Weg zu den leicht angeknufften Herzen der Freunde - und zu denjenigen, die es werden sollen. Und da kann man gern ein wenig übertreiben, wie bei allen Komplimenten. Die Daheimgebliebenen wollen auch den Triumph ihrer Bodenständigkeit auskosten, und das äußert sich in großer Anhänglichkeit an die Stadt, in der sie leben.

Keine Vergleiche!: Man funkt schnell mal mit seinen Erfahrungen dazwischen, wenn einem etwas nicht gefällt. Aber hier ist besondere Vorsicht geboten. "Also, in New York sind die Leute so viel höflicher/witziger/positiver als hier!" - was ja auch stimmt - kann man zur Not einmal fallen lassen (natürlich fordert man geradezu die Entgegnung "Wir sind hier aber in Deutschland!" heraus). Aber spätestens beim zehnten Vergleich wird es missmutige Blicke geben und den berechtigten Ratschlag: "Du bist jetzt hier! Komm endlich an!"

Das Neue suchen: Wenn alte Freunde nicht für einen da sind, Generationswechsel vornehmen! Es gibt spannende junge Leute, mit denen man sich sehr gut austauschen kann. Und man hat ja anfangs in einer neuen Stadt eigentlich einen ganz guten Status. Man ist der neue Passagier, "the New Kid on the Block", und das ist für einen Moment interessant für einen selbst und alle neuen Menschen, die man trifft. Nicht vergessen, dass der Grund für das Verlassen der Heimat einmal das prickelnde Gefühl der eigenen Neuerfindung in einem fremden Umfeld war, wo dich keiner von früher kennt. Dieses Gefühl sollte man versuchen wiederzubeleben, indem man als Fast-Fremde für alles offen ist. Und das kann man überall machen. Auf Lesungen, in Museen und Galerien, in Rockkonzerten und in Cafés.

Text: Maria Speck und Evelyn Horsch
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