Wieso eigentlich immer später?

Eine Schiffsreise um die Welt, eine Windmühle in Holland, ein eigener Laden mit Perlen aus dem Sehnsuchtsland: Einen Traum haben viele - leben tun ihn diese drei Frauen.

Es muss ja nicht gleich eine Strandvilla in der Karibik sein: Aber sein kleines Traumparadies im Kopf zu haben ist gerade in stressigen Zeiten tröstlich, oft sogar lebenswichtig. Denn Träume sind der Motor, der uns antreibt. Sie zeigen uns, dass es Ziele oder Wünsche gibt, für die es sich zu leben lohnt, seien sie spektakulär oder bescheiden: Wenn das Haus im Süden einfach zu teuer ist, reicht das Geld vielleicht für die Datscha am Stadtrand. Richtig schlimm wird es nur, wenn wir aufhören zu träumen. Weil wir dann ohne Hoffnung leben.

Träume spiegeln unsere Seele, daher sollten wir sie nie vorschnell als Spinnerei abtun. Manchmal dauert es nur etwas länger, bis sie wahr werden. Wichtig ist, dass wir sie nicht aus den Augen verlieren, dass wir sie verwahren wie einen wertvollen Schatz, hegen und pflegen - gerade in Zeiten, in denen sie unerreichbar scheinen.

Es ist nie zu spät, den eigenen Traum zu leben

"Working on a dream", singt Bruce Springsteen auf seiner neuen Platte. Da geht es um Liebe. Die hat ja bekanntlich auch viel mit der Fähigkeit zu tun, Träume wahr werden zu lassen, sie zu leben. Aber das bedeutet immer auch ein Stück Arbeit. Es bedeutet Abschied zu nehmen von Konventionen und Gewohnheiten, vom bisher gelebten Leben. Wichtig ist dabei vor allem eines: ein langer Atem. Oft führen nur viele kleine Schritte ans Ziel. Der Zufall. Oder beides. Es ist nie zu spät, nach den Sternen zu greifen.

Eva-Maria Gräfin Wachtmeister, 56, folgte ihrem Fernweh - als Hostess auf einem Kreuzfahrtschiff Ihre große Liebe ist ein Schiff. Ein Luxus-Kreuzfahrtschiff, das mindestens einmal jährlich den Globus umrundet. Eva-Maria Gräfin Wachtmeister fand auf der "Europa" ihren Traumjob. Sie ist Hostess, "Grande Dame der Kommunikation" und, neben dem Ersten Offizier, die rechte Hand des Kapitäns. Jahrelang hatte Eva-Maria mit der "Europa" gefl irtet. Doch wie so oft bei großen Lieben war die Zeit noch nicht reif. Ihre Töchter Alexandra, Victoria und Sophia (heute 29, 27, 21) waren zu klein, der Ehemann, ein Hotelier, selten daheim. "Ich war 20 Jahre ausschließlich Hausfrau und Mutter. Eine schöne Zeit", sagt die gelernte Hotelkauffrau im Rückblick. Aber Eva-Maria, die ihre eigene Kindheit in Südwestafrika, dem heutigen Namibia, verbrachte, spürte Fernweh. Und obwohl sie mit Mann und Kindern in den Schulferien viele Reisen unternahm, wurde ihr Fernweh stärker. Als ob die Eltern ihre Sehnsucht erahnten, luden sie die junge Mutter fast immer in solchen Phasen ein, sie auf einer Kreuzfahrt zu begleiten.

Eva-Maria fährt jedes Mal mit. Lässt sich den Wind um die Nase wehen, schaut den Wellen hinterher - und der Besatzung auf die Finger. "Könnte ich das nicht auch machen?", fragt sie sich. Nach den Reisen stellt sich die Seelenruhe wieder ein, aber die Idee, selbst Hostess zu werden, hat sich in ihr festgesetzt. Als sie ihrem Mann davon erzählt, ist der nicht grade begeistert. Er kann sich nicht vorstellen, wie der Alltag funktionieren soll, wenn seine Frau wochenlang zur See fährt.

Jetzt oder nie.

Eva-Maria ist zu diesem Zeitpunkt 47. Sie hat sich informiert, was auf sie zukäme. Sie weiß, dass eine neue Crew für die "Europa" zusammengestellt wird. Sie denkt: "Jetzt oder nie." Die Familie hat eine Haushaltshilfe, die jüngste Tochter könnte von den älteren Mädchen betreut werden. Ihre weiteren Pläne bespricht Eva-Maria mit niemandem mehr.

Inzwischen ist die Gräfin, wie sie auf dem Luxusliner genannt wird, seit knapp zehn Jahren Hostess. Sie plant Empfänge, kümmert sich um Gäste, hört zu, berät, vermittelt Kontakte und Bekanntschaften - und ist in ihrem Element.

"Ich bin absolut glücklich", sagt sie. "Nicht nur über meine Arbeit, sondern auch darüber, dass ich mich für meinen Traum entschieden habe." Häufig wird Eva-Maria von den Gästen angesprochen, dass sie so strahle. "Ich habe allen Grund dazu", sagt sie dann. Auch das enorme Tagespensum von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr abends schmälert ihre Freude nicht. Abwechselnd ist sie zwei Monate auf See, zwei Monate zu Hause. Die Familie hat sich daran gewöhnt und genießt es umso mehr, wenn die Mutter Heimaturlaub hat. "Ich habe zwei Leben, ein privates, ein offizielles", sagt Eva-Maria. Und: "Ich liebe beide."

Doris Embacher, 53, kaufte sich ein kleines Haus in den Niederlanden und wurde Müllerin Am liebsten hört sie, wie es im Gebälk der Windmühle ächzt, wie die Mühlsteine knarzen beim Mahlen des Getreides. Und wenn Doris Embacher dann abends ihre Hände in weiches weißes Mehl tauchen kann, ist sie zwar müde, aber glücklich. Dann weiß sie, dass es sich gelohnt hat, sich aus ihrem früheren Leben zu lösen, die Konventionen über Bord zu werfen und zu tun, worauf sie Lust hat. "Es ist erstaunlich, wie viel Kraft man bekommt, wenn man mit dem eigenen Energiestrom statt gegen ihn schwimmt", sagt die Mutter von drei Kindern, die heute im holländischen Lemmer wohnt und mit immerhin 51 Jahren noch eine Ausbildung zur Müllerin gemacht hat.

Früher, als sie noch in Schleswig-Holstein lebte und ihre Kinder Katja, Julia und Hendrik (heute 33, 29, 25) betreute, als sie im Elternbeirat saß und sich in der Gemeinde engagierte - da fühlte sie sich oft leer und ausgebrannt. Ihr Mann war beruflich ständig unterwegs, und sie fragte sich, ob dies das Leben war, von dem sie geträumt hatte. Eigentlich hatte sie Pastorin werden wollen, heiratete aber nach dem Abitur und wurde Hausfrau und Mutter.

Mit 38 verlässt sie ihren Mann und zieht mit den Kindern in den Nachbarort. "Das war ein großer Schritt nach vorn", erinnert sie sich, "und endlich die Chance, mein Leben zu überdenken und noch mal von vorn anzufangen."

Jetzt könnte ich überall neu anfangen.

Als die Kinder aus dem Haus sind, zieht sie nach Hamburg. Bald darauf besucht sie Freunde, die in Holland leben. Die friesische Landschaft begeistert sie so sehr, dass sie sich spontan ein kleines Häuschen an einer Gracht kauft. Zuerst nutzt sie es nur als Feriendomizil, dann dehnt sie ihre Besuche immer weiter aus. Die Mentalität der Friesen gefällt Doris Embacher: "Sie sind so entspannt und bodenständig. In meinem Heimatdorf wurde ich als geschiedene Frau auf keine Party mehr eingeladen. Hier interessiert es niemanden, ob ich allein in meinem Haus wohne oder nicht", erzählt sie lachend. Manchmal besuchen sie die Enten vom nahe gelegenen Teich. Sie spazieren durch Doris' Wohnzimmer und erinnern sie daran, wie gut es ist, seinen Träumen zu folgen: "Ich wollte immer ein ausgefülltes Leben, mit den Händen arbeiten, nützlich sein." Ein unabhängiges Leben führen. Vor fünf Jahren ist Doris Embacher endgültig nach Holland gezogen. Sie habe die Gewissheit gewonnen, überall neu anfangen zu können, sagt sie.

Niederländisch spricht sie heute fließend, sie geht ins Theater, zu Lesungen, trifft sich mit Freunden. Vor einiger Zeit pachtete sie einen Tjasker - eine Weidemühle zur Bewässerung des nahen Vogelschutzgebietes. "Ich bin fasziniert von Mühlen", sagt sie mit glänzenden Augen. Dass sie die Ausbildung bei einem Müller anfing, war dann nur noch eine Frage der Gelegenheit. Am liebsten würde sie selbst eine Mühle betreiben. Träume hat Doris Embacher noch immer genug.

Ihre Sehnsucht nach Afrika inspirierte Miriam Hebner, 42, ein Perlengeschäft zu eröffnen Perlenschnüre aus Glas gleiten durch ihre Finger, schimmern in allen Farben des Regenbogens und klackern leise, wenn sie sich berühren. Das Geräusch erinnert Miriam Hebner an Afrika: an heiße, staubige Märkte, auf denen sich die Rufe der Perlenhändler mit den Stimmen der Käufer mischen. Wie bunte Schlangen liegen die Perlenstränge dort bündelweise auf den Tischen. "Als ich das gesehen habe, war ich völlig verzaubert", erzählt die Schmuckdesignerin.

Schon als junge Frau reiste Miriam, die 20 Jahre als Reiseverkehrsfrau arbeitete, wann immer es ging, nach Simbabwe, Kenia und Tansania. Sie liebt die Mentalität der Einwohner, die Aufmerksamkeit, die sie den kleinen Dingen des Lebens widmen. Sie liebt die Landschaft, die erdigen Farben, die Stille in der Wüste, das quirlige Leben in den Dörfern: "Ich habe oft stundenlang im Schatten gesessen und das Leben dort beobachtet." Zurück von ihren Reisen, fällt es ihr von Mal zu Mal schwerer, sich an die Agentur zu gewöhnen, an Telefonate, Statistiken, Computerabstürze.

Sie ist nicht unglücklich - aber etwas fehlt. Was genau, findet sie auf einer Reise ins westafrikani sche Togo heraus. Die liegt jetzt sieben Jahre zurück, und was da passierte, klingt ein bisschen wie ein Märchen. Miriam fliegt nach Lomé, in die Hauptstadt von Togo. Sie möchte Binos besuchen, einen Togolesen, den sie kurz zuvor in Deutschland kennen gelernt hat. Und weil es nun heftig funkt, lassen sich die beiden wenig später im Rathaus von Lomé trauen. Dass Binos ihr auf der Hochzeitsreise sein Land näherbringen möchte, ist ihr nur recht. Irgendwann führt er sie auf einen Perlenmarkt - ein unvergesslicher Moment: "Als ich die warmen, staubigen Perlen anfasste, wusste ich, dass sie es sind, die ich zum Glücklichsein brauche."

Afrika ist jetzt immer bei mir.

Zurück in Deutschland beginnt Miriam, ihrem Traum eine Basis zu geben. Sie besucht Schmuckdesign- und Buchhaltungs-Kurse. Bald entwirft sie eigenen Schmuck, den sie an ihre Freundinnen verkauft. Dann kündigt sie ihren Job und mietet einen kleinen Laden in Hamburg-Eppendorf. "Obwohl ich wusste, dass es mein Weg ist, hat mich oft die Angst gepackt, es nicht zu schaffen", erinnert sie sich. Anfang 2006 eröffnet ihr Laden: "Viele Arbeitsabläufe sind zwar die gleichen wie früher, aber ich bin nicht mehr genervt davon: weil ich sie für mich mache", sagt sie stolz. Und: "Afrika ist jetzt immer bei mir."

Denn wenn die Perlen knapp werden, fährt sie nach Togo und kauft Nachschub. In dem Land leben ganze Händler-Dynastien von den Perlen; viele stammen aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, als reisende Kaufleute die Perlen aus dem fernen Europa in das kleine westafrikanische Land brachten, um damit Gewürze und andere Ware zu bezahlen. Diese alten Perlen gelten heute als besonders kostbar. Wenn Miriam auf die Märkte geht, kommt Missio mit, ihre Schwiegermama. Missio verhandelt mit den Verkäufern, da Miriam die Dialekte nicht beherrscht. Von ihr weiß Miriam um die magischen Kräfte der Perlen und dass alle Frauen von Missios Familie Perlenhändlerinnen waren . . . Der Zauber wirkt. Miriam möchte nie mehr tauschen.

Text: Ulrike Hilgenberg Fotos: Dominik Asbach
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