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Eine Patenschaft in Thailand


Mit einer Patenschaft konnte BRIGITTE WOMAN-Redakteurin Christine Tsolodimos einem Mädchen in Thailand den Schulabschluss ermöglichen.

Es war eine Art Geschäft auf Gegenseitigkeit: Der Kollege freute sich schon auf den Ruhestand und ich hoffte darauf, seine Nachfolgerin zu werden. Er suchte noch einen Spender, der bereit wäre, mit 25 Mark im Monat ein Schulkind in Thailand zu unterstützen. Sein Schwager war dort verheiratet und kümmerte sich mit seiner Frau um vier Schwestern, die vor kurzem ihren Vater verloren hatten. Die Mutter der Mädchen hatte Arbeit im Steinbruch angenommen, um die Familie durchzubringen. Doch ihr Lohn würde nicht reichen, um die Mädchen eine weiterführende Schule besuchen zu lassen. Der Kollege, selbst Vater von vier Kindern, unterstützte bereits eine der Schwestern, für zwei weitere schickten seine Schwiegermutter und eine Kollegin Geld. Fehlte noch eine. "Wenn ich den Job kriege, übernehme ich sie", versprach ich.

Bildung ist der beste Schutz.

So wurde ich Mitglied im "Kinder-Bezahlclub", wie der Kollege uns respektlos nannte. Ich richtete einen Dauerauftrag auf sein Konto ein. Mehrmals im Jahr schickte er jeweils eine größere Summe an seinen Schwager, der das Geld für die Mädchen verwaltete. Nach ein paar Monaten kam die erste Post aus einem Ort bei Chiang Mai in Nordthailand. Eine handgeschriebene Abrechnung über jeden Baht (die Landeswährung), den der Schwager an die Mädchen ausgezahlt hatte: für Schuluniformen und -bücher, Hefte, Kugelschreiber und Bleistifte, Busfahrkarten. Und ein Brief meines Patenkindes Et: "Dear Mother Tsolo", schrieb sie mir – der Kollege hatte bei seinem letzten Besuch offenbar meinen redaktionsinternen Spitznamen verraten. Sie würde fleißig lernen, um später "etwas mit Computern" anzufangen. Die herzlichen Dankesworte der 13-Jährigen beschämten mich. Was waren schon 25 Mark im Monat? Für das Mädchen vielleicht die Rettung vor sexueller Ausbeutung schon in der Kindheit und einem Leben als Zwangsprostituierte. Der beste Schutz vor diesem Schicksal ist Schulbildung, Ausbildung und ein Beruf. Ein regelmäßiges Einkommen. Als sie 16 war, schrieb mir Et, dass sie kein Geld mehr von mir brauche. Sie sei jetzt lange genug zur Schule gegangen und es sei an der Zeit für sie, Geld zu verdienen. Sie wollte Schneiderin werden.

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Von der verstorbenen Schwiegermutter meines Kollegen "erbte" ich die Patenschaft für die jüngste Schwester, blieb also im "Kinder-Bezahlclub". Der hatte inzwischen im Dorf den Ruf einer unermüdlich sprudelnden Geldquelle. Vielleicht auch, weil die Koffer des Kollegen und seiner Frau bei jedem Besuch schwerer waren von unseren Geschenken. Die beiden mussten lernen, auch mal Nein zu sagen – und dabei dem Fragenden das Gefühl zu geben, er habe keine Sekunde lang sein Gesicht verloren, sich in die Rolle des Bittstellers begeben. Für Europäer eine hohe Kunst, für Thailänder eine übliche Form des Umgangs miteinander. Als auch der Schwager starb und seine Frau mit dem gemeinsamen Sohn das Dorf verließ, verlor der "Kinder-Bezahlclub" nach mehr als zehn Jahren seine Basis vor Ort. Alle vier Schwestern haben eine weiterführende Schule abgeschlossen – die jüngste mit so guten Noten, dass die Lehrer empfahlen, sie auf ein College und später auf die Universität zu schicken. Das allerdings hätte Studiengebühren in horrender Höhe gekostet. Mein Kollege, inzwischen ein Meister der Diplomatie, verhandelte mit dem Verwandten, der sich anstelle des verstorbenen Schwagers jetzt um die Mädchen kümmerte. Es fand sich eine Lösung: Die exzellente Schülerin bewarb sich um ein Begabtenstipendium – und hat es bekommen. Vielleicht sehen wir sie irgendwann als international bekannte Wissenschaftlerin im Fernsehen wieder.

P.S.: Ich bin nur sehr kurze Zeit, nicht mal einen Monat, ohne Patenkind geblieben. Über einen Freund habe ich die pensionierte Lehrerin Hedwig Reiser kennen gelernt. Sie hat zusammen mit ihrem Mann und einigen Freunden den Verein "Paten indischer Kinder e.V." gegründet, der mehrere Internate in Zentralindien unterstützt. Dort bekommen die Kinder der indischen Ureinwohner (Tribals) eine Ausbildung. Die Tribals stehen in der sozialen Rangordnung noch unterhalb aller Kasten und sind bitter arm. Ihre einzige Chance auf ein menschenwürdiges Leben ist eine qualifizierte Arbeit.

Weitere Informationen unter www.paten-indischer-Kinder.de

Text: Christine Tsolodimos Foto: iStockphoto

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