Wer bin ich? Und wenn ja, warum?

Sie hatte einen tollen Job, einen Partner, Freunde. Aber etwas fehlte. Warum sich eine Frau mit Anfang 40 auf die Suche nach dem Sinn des Lebens machte.

Angelika Flierl hat einen Schnitt gemacht. Sich zurückgezogen in die Schweizer Berge.

Sie könnte heute ganz weit oben sein. Als Führungskraft in einer erfolgreichen Werbeagentur zum Beispiel. Sie könnte sich eine schöne Wohnung und ein gutes Auto leisten, ausgehen, reisen, Geld ausgeben, ohne sich um ihre Zukunft Sorgen zu machen. Das alles hat Angelika Flierl gehabt. Und auch im Privaten schien sie gut aufgehoben: hatte eine feste Partnerschaft, zuverlässige Freunde. "Im Grunde war es ein Traumleben", sagt die 45-Jährige heute. "Aber es war nicht mehr meins." Vor zwei Jahren hat Angelika Flierl einen Schnitt gemacht. Ihren Job als Werbegrafikerin gekündigt, einen Rucksack gepackt und sich für drei Monate in die Schweizer Berge zurückgezogen. Mit dem Gedanken gespielt hatte sie schon länger. Aber es fehlte immer noch der letzte Anstoß . Den gab ihr ohne es zu wollen ein Freund, der ihr riet, eine zusätzliche private Rentenversicherung abzuschließen. "Das war für mich wie eine Wegkreuzung: Versicherung abschließen und dann unbedingt den Job behalten, damit ich die Beiträge auch bezahlen kann. Oder mir meine Sehnsucht, eine Auszeit in den Bergen, zu erfüllen."

Marie-Luise Langenbach, Psychotherapeutin in Hamburg, hat oft mit Frauen zu tun, die sich in der Lebensmitte noch einmal neu orientieren. Ab 40 sind wir im Beruf angekommen, brauchen nicht mehr zu kämpfen für die Karriere, Kinder werden unabhängig. "Dann wird in unserem Inneren Platz frei." Und im Kopf wird Platz frei für Fragen, über die wir lange nicht nachgedacht haben: Wo stehe ich? Wo will ich hin? Bei vielen fällt diese Zwischenbilanz gut aus. Weil sie in den ersten Erwachsenenjahren in Ruhe ihren Weg suchen konnten. Und weil ihre wichtigsten Träume sich erfüllt haben. Aber was ist, wenn noch zu viele Wünsche offen sind? Wenn wir das Gefühl haben, unser Leben nicht zu leben, am falschen Platz zu stehen?

So ist es Angelika Flierl gegangen. Und sie wird krank davon. Ganz plötzlich, scheinbar ohne Grund. Erschöpfungszustände, unerklärliche Schmerzen, Schwindelanfälle. Mehrere Ärzte forschen nach den Ursachen, vermuten Burn-out, empfehlen eine Auszeit vom Job, eine Kur vielleicht. Aber Angelika spürt, das würde nicht reichen – und entscheidet spontan: Neustart. Sie verbringt den Sommer in den Bergen. Seit langem interessiert sie sich für Gebirgsblumen und Heilpflanzen. Auf Wanderungen lernt sie, wo welche Pflanzen wachsen und wo auch seltene Arten zu finden sind. Die Großstadt, die Agentur, die tägliche Hektik sind weit weg. Angelika kommt zur Ruhe, denkt nach, findet "ihre Mitte" wieder.

Eine Auszeit vom Alltag, um den Sinn des Lebens (wieder-)zu finden

Sie trifft Menschen, die sich auch eine Auszeit vom Alltag genommen haben. Manchmal sitzen alle zusammen, erzählen sich ihr Leben, philosophieren. Aber Angelika ist oft auch allein, schaut in die Landschaft, lässt die Stunden vorbeiziehen, einfach so. Aber dann kommen sie doch, die Gedanken über die Zukunft. Der Sommer wird in ein paar Wochen vorbei sein, und ihr Erspartes reicht nicht ewig. Wie soll es weitergehen?

Angelika weiß, wie es ist, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Schon einmal, mit Ende 20, hat sie eine sichere Existenz aufgegeben – weil sie das Gefühl hatte, dass das noch nicht alles sein könnte. Dabei schien alles gut. Der Beruf machte ihr Spaß, ihre Arbeit wurde geschätzt. Und sie hatte einen Verlobten, der ihr die Welt zu Füßen legen wollte. Das alles hat sie aufgegeben, ist für ein halbes Jahr nach Tibet gereist, hat als freiwillige Helferin in den Slums von Kalkutta gearbeitet. Ist dann nach Hause zurückgekehrt, hat schnell wieder in ihrem Beruf Arbeit gefunden.

Nach sechs Monaten in einer anderen Welt war ihr altes Leben, die vertrauten Orte, die geregelte Arbeit, wieder richtig für sie. Solche Erfahrungen haben viele von uns gemacht. Es gibt immer wieder Schnittstellen im Leben, an denen wir Zwischenbilanz ziehen, unseren Standort überprüfen. Oft kommen dann, wie aus dem Nichts, die Sinnfragen: Was tue ich eigentlich hier, für wen, wozu? Und war das schon alles in meinem Leben, hatte ich mir nicht noch so viel vorgenommen? Mag sein, denken manche, aber so, wie es gekommen ist, ist es auch gut, ich möchte es gar nicht mehr anders haben.

Angelika Flierl hätte das nicht gereicht. "Wenn sich mir die Frage nach dem Lebenssinn stellt, will ich auch eine Antwort." Und dann muss sie wieder aufbrechen, auch wenn sie sich gerade gut eingerichtet hat, alles in ruhigen Bahnen läuft. Sie weiß, wer in der Lebensmitte noch einmal die Richtung wechseln will, zahlt unter Umständen einen hohen Preis. Man hat jetzt viel zu verlieren. Den Job zum Beispiel. "Mit über 40 noch gehen? Freiwillig? Bist du wahnsinnig?", bekam Angelika von Freunden zu hören. Als sie in den Zug in die Schweiz stieg, fühlte sie sich frei wie lange nicht mehr. Später kamen die dunklen Momente. Das Nachdenken über die verpassten Chancen in ihrem Leben. Eigene Kinder zum Beispiel. Die Selbstvorwürfe, weil sie anderen weh getan hat mit ihren Fluchten. Die Zukunftsangst. Sinnsuche ist schmerzhaft. Warum tun Menschen sich das an? Ist es nicht ein Luxusproblem, wenn jemand, dem eigentlich nichts fehlt, sich monate- oder gar jahrelang vor allem mit sich selbst und seinem Platz im Leben beschäftigt?

Nachdenken über sich selbst? Viele haben andere Sorgen. "In gewisser Weise ja", sagt die Psychotherapeutin Marie-Luise Langenbach. "Sinnsuche setzt voraus, dass unsere grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind, dass wir Zeit haben, über uns selbst nachzudenken." In Kriegs- und Krisengebieten sind die Menschen mit Überleben, nicht mit Sinnsuche beschäftigt. Und auch in unserem vergleichsweise friedlichen, komfortablen Umfeld haben längst nicht alle Zeit dafür. Wer im Beruf gerade erst anfängt, wer um seinen Arbeitsplatz fürchtet, wer für Kinder sorgt, der hat anderes im Kopf. "Für eine Mutter ist Sinnsuche jahrelang kein Thema – nicht, solange die Kinder klein sind", sagt Marie-Luise Langenbach. Sinnsuche können sich die ganz Jungen leisten, die noch von den Eltern versorgt werden. Danach kommen die meisten erst wieder dazu, wenn die Existenz gesichert ist. Viele genießen dann das ruhigere Leben. Sie besinnen sich auf sich selbst, spüren aber nicht den Wunsch, etwas zu ändern. Bei anderen tauchen die jahrelang verdrängten Sinnfragen auf.

Dr. Gabriele Ziegler hört sie oft von Frauen der Generation 40plus. Die 46-jährige Theologin mit psychoanalytischer Zusatzausbildung bietet an der Benediktinerabtei Beuron im Donautal Kurse nicht nur für Sinnsucherinnen an. Christen, Gläubige anderer Konfessionen, aber auch Atheisten kommen hierher. Manche möchten sich einfach für ein paar Tage zurückziehen von der Welt, einmal nichts als Stille um sich haben, in ihr Inneres schauen. Andere üben Meditation oder Atemschulung, es gibt Seminare über Mystikerinnen und christliches Zen, Kurse für Paare, Gesprächsangebote speziell für Frauen. Immer wieder geht es um den Lebenssinn. Auch in den Einzelgesprächen, die Gabriele Ziegler auf Wunsch mit Frauen führt. "Eine tiefe Sehnsucht nach Spiritualität" hat sie festgestellt. Viele zweifeln an einer Welt, in der scheinbar alles möglich ist, wir billig um den Globus fliegen, jederzeit per Handy und E-Mail mit unseren Freunden in Kontakt bleiben können, überall Vertrautes wiederentdecken, vom Milchkaffee bis zum Schuhgeschäft – und uns doch oft verloren fühlen. "Menschen gehen auf die Suche, nicht nur nach sich selbst, sondern auch nach der Instanz, die dem Leben seinen Sinn verleiht", so die Theologin. Manchmal genügt es, ein paar Kleinigkeiten zu verändern.

Wenn plötzlich die Suche nach dem Sinn des Lebens ansteht

Eine Reise, bei der nur eines sicher ist: dass wir sie antreten müssen, wenn der Wunsch danach erst einmal wach geworden ist. Dass wir etwas verändern müssen in unserem Leben. Manche schieben das vorerst auf, weil zur Zeit anderes im Vordergrund steht, weil sie vielleicht in der Familie gebraucht werden. "Und das ist dann auch richtig so", sagt Gabriele Ziegler. "Wir sind nicht allein auf der Welt. Wir müssen immer abwägen, welchen Bedürfnissen wir den Vorrang geben." Damit meint sie aber nicht, dass wir auf Dauer zusehen sollen, wie der Alltag uns lebt, statt unser Leben zu leben. Sich selbst einen Kurswechsel auf Dauer zu verbieten hält Gabriele Ziegler für gefährlich. "Wenn Veränderungen anstehen und wir sie auch gefühlsmäßig wollen, wird irgendwann etwas passieren – so oder so."

Ist der Zeitpunkt ungünstig für einen Kurswechsel, können wir entscheiden, eine begrenzte Zeit abzuwarten. Und wir können es so lange mit kleinen Schritten versuchen. Uns erst einmal darüber klar werden, was eigentlich los ist: Läuft grundsätzlich etwas falsch in unserem Leben, brauchen wir eine radikale Veränderung? Oder fühlen wir uns ausgelaugt, weil wir überall mehr geben, als wir zurückbekommen? "Manche tragen Unzufriedenheit und Enttäuschungen jahrelang mit sich herum, haben aber nie versucht, ein klärendes Gespräch zu führen", sagt Gabriele Ziegler. "Oder mal darüber nachgedacht, was sie an ihrem Verhalten ändern können, damit ihnen nicht mehr so viel zugemutet wird. In bestimmten Situationen konsequent Nein sagen zum Beispiel."

Andere brauchen einfach mal wieder etwas Zeit für sich. Haben jahrelang "funktioniert" und sich selbst dabei aus den Augen verloren. Irgendwann werden sie unzufrieden. Erfinden sich neu, ändern die Frisur, machen endlich wieder Sport, achten auf die Figur, suchen neue Freunde. Probieren Unbekanntes aus, nehmen Klavierstunden, fahren zum Yoga-Kurs nach Südfrankreich. Vor allem aber: hören endlich auf die innere Stimme. Das lässt sich durchaus unterbringen im gewohnten Leben. Es muss nicht immer der ganz große Schnitt sein. Wenn in mindestens einem Lebensbereich – Partnerschaft/Familie, Beruf, Freundeskreis – die Basis stimmt, genügen oft kleine Schritte, um den Wunsch nach "mehr Sinn" zu erfüllen. Darin sind sich Gabriele Ziegler, die Theologin, und Marie-Luise Langenbach, die Therapeutin, einig.

Für den Jugendtraum, Schauspielerin, Tänzerin oder Leichtathletik-Olympiasiegerin zu werden, ist es mit Mitte 40 natürlich zu spät. Aber es gibt viele Möglichkeiten, solche Begabungen noch auszuleben – jederzeit. Das wissen alle, die in ihrer Freizeit in Chören oder Theatergruppen mitmachen, Qigong oder Jazzdance lernen, Marathon laufen, fotografieren. Viele Frauen haben erst in ihren mittleren Jahren so eine Leidenschaft entdeckt. Und manche sagen, dass das ihr Leben verändert hat. Andere finden ihren Lebenssinn, indem sie etwas für andere tun. Bei amnesty international mitmachen, die örtliche Obdachlosenzeitung unterstützen, Mahlzeiten für Bedürftige organisieren, als ehrenamtliche Betreuerin an einer Schule arbeiten.

Angelika Flierl will künftig einen Teil des Jahres in den Schweizer und in Südtiroler Bergen leben und arbeiten. Dort, wo sie ihre innere Heimat gefunden hat, wie sie sagt. Sie fotografiert, schreibt Texte über die Pflanzen der Region, führt Urlauber auf alten Wanderwegen. Noch bringt das zu wenig ein, um davon leben zu können. Deshalb hat Angelika eine Zeit lang als Haushaltshilfe gearbeitet und nimmt nach wie vor Aufträge als freie Grafikerin und Texterin an. Am Ziel ist sie noch nicht, sagt sie. "Aber jetzt spüre ich, wie sich das Leben anfühlt, wenn es zu einem passt."

Text: Christine Tsolodimos Fotos: Ulrike Frömel, iStockphoto

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