Mein Mann ist in Afghanistan

Für viele sind deutsche Soldaten in Afghanistan wahrscheinlich nur ein Thema aus den Nachrichten. Doch wie ist es, wenn der eigene Mann dort stationiert ist? Ein Paar berichtet.

Wenn Henning* zur Arbeit fährt, ist das für Kathrin* keine bloße Routine. Zumindest nicht, wenn er nach Afghanistan aufbricht. Dort ist Henning circa zwei Mal im Jahr stationiert. Der Soldat arbeitet als Flight Engineer, also als Techniker an Bord, in der Hubschrauberbesatzung der Bundeswehr. Kein leichter Job, denn seit dem Start des Einsatzes 2002 sind mehr als 40 deutsche Soldaten ums Leben gekommen. Wenn Henning im Auslandseinsatz ist, kümmert sich Kathrin, die als Tierärztin arbeitet, um die gemeinsame zweijährige Tochter allein.

(*Namen von der Redaktion geändert)

BRIGITTE-woman.de: Kathrin, als Sie Henning kennen gelernt haben, war er bereits Soldat. Haben Sie zu Beginn schon über seine Auslandseinsätze nachgedacht?

Kathrin: Nein, die Dimension war mir nicht bewusst. Ich war frisch verliebt und das stand für mich im Vordergrund. Natürlich war ich unsicher, wie es sein wird, wenn er weg ist. Kann man wohl jeden Tag telefonieren? Hält die Beziehung überhaupt? Das war damals wichtig. Heute ist es ganz anders, weil wir eine Familie sind.

BRIGITTE-woman.de: Wäre es Ihnen jetzt lieber, er hätte einen anderen Beruf?

Kathrin: Die eigentliche Arbeit macht Henning ja sehr viel Spaß. Also nicht zwingend die Tatsache, in Krisengebiete geschickt zu werden, aber die Arbeit an sich. Insofern akzeptiere ich das und hoffe, dass nichts passiert.

BRIGITTE-woman.de: Wäre es etwas anderes gewesen, wenn er sich erst in der Beziehung für den Beruf entschieden hätte?

Kathrin: Ich glaube, da wäre ich dagegen gewesen. Ich hätte alle Argumente gesammelt und in die Waagschale geworfen.

Henning: Weil du es nicht gekannt hättest. Du hättest wahrscheinlich ganz viele Klischees im Kopf gehabt.

Kathrin: Ja, das stimmt. Seine Kollegen habe ich direkt kennen gelernt. Ich habe ihn ja öfter abgeholt. Das sind normale Menschen - wie du und ich. Viele haben auch Familie und sind sehr herzlich. Die gehen auf mich zu und fragen mich, wie es mir geht.

BRIGITTE-woman.de: Als Henning das letzte Mal in Afghanistan stationiert war, gab es zwei Anschläge auf deutsche Soldaten. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon gehört haben?

Kathrin: Beim ersten Mal fragte mich jemand aus dem Bekanntenkreis, ob es Henning gut gehen würde. Da habe ich schon gemerkt, dass irgendetwas passiert sein müsste. Aber mir war klar, dass ich nicht an weitere Informationen kommen würde. Deshalb habe ich alles erst verdrängt. Erst am nächsten Tag habe ich eine SMS von Henning bekommen, dass alles in Ordnung ist. Aber der zweite Anschlag war direkt in den Nachrichten und ich war sehr besorgt. Über die Medien habe ich versucht, mehr zu erfahren: Wo ist es passiert? Was ist passiert? Und dann beginnt im Kopf das Ausschlussverfahren. Kann er es sein? Zum Glück rief er bald an.

Man muss erst einmal funktionieren.

BRIGITTE-woman.de: Gibt es für Familienangehörige nicht die Möglichkeit, bei offiziellen Stellen der Bundeswehr in Deutschland oder Afghanistan anzurufen?

Kathrin: Doch, die gibt es. Aber ich könnte es nicht ertragen, von einem Fremden zu hören, dass mein Mann betroffen ist. Da recherchiere ich lieber erst selber und schreibe eine SMS an Henning.

BRIGITTE-woman.de: Henning, wie kann man sich das vor Ort vorstellen? Bleibt Zeit, an die eigene Familie zu denken?

Henning: Wir sind meistens die, die reagieren. Bislang wurden vor allem Konvois oder Patrouillen angegriffen. Die Kameraden müssen wir dann mit dem Hubschrauber rausholen. In dem Moment muss man erst einmal funktionieren und professionell seine Arbeit machen. Da habe ich keine Zeit, um nachzudenken. Man darf auch gar nicht nachdenken. Das fängt erst an, wenn ich gelandet bin. Dann rede ich mit Kameraden vor Ort und denke natürlich an meine Familie. Es geht ja jetzt nicht nur um die Beziehung, mit dem Kind habe ich auch mehr Verantwortung entdeckt.

BRIGITTE-woman.de: Da haben Sie bestimmt auch die Sorgen von Kathrin im Kopf.

Henning: Na klar. Ich versuche mich immer erst zu melden, via SMS oder Telefon, dass ich nicht betroffen bin. Ich kann aber natürlich auch keine Details rausgeben.

BRIGITTE-woman.de: Ist das nicht erlaubt?

Henning: Nein, das dürfen wir nicht. Es besteht die Gefahr, dass die Gespräche abgehört werden. Außerdem würde es Kathrin auch nur aufregen.

Er macht viel mit sich aus.

BRIGITTE-woman.de: Bei Ihnen, Kathrin, habe ich rausgehört, dass Sie erst einmal verdrängen.

Kathrin: Das muss ich auch. Ich kann mir nicht 24 Stunden am Tag sagen, dass mein Mann in einem Krisengebiet ist und vielleicht etwas passieren könnte. Das würde ich nicht aushalten. Trotzdem bin ich dann erleichtert, wenn er sich meldet.

BRIGITTE-woman.de: Finden Sie es sogar besser, nicht alle Details zu kennen?

Kathrin: Erst möchte man viel wissen. Aber dann merke ich, dass nicht jedes Detail wichtig ist und er auch nicht mehr sagen will. Er macht viel mit sich und seinen Kameraden aus. Mit mir jede Einzelheit zu besprechen, wäre wohl der falsche Weg.

BRIGITTE-woman.de: Henning, haben Sie die Erfahrungen nicht auch verändert?

Henning: Schwierig zu sagen. Ich kannte die Verstorbenen ja nicht persönlich. Es waren nicht meine Kumpels, auch nicht Kameraden aus dem gleichen Camp. Es ist wahrscheinlich so, als wenn man LKW-Fahrer fragt, ob er betroffen ist, dass ein anderer LKW-Fahrer verunglückt ist.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie beide darüber nachgedacht, dass Henning nicht mehr ins Ausland geht?

Kathrin: Ich merke an Henning, dass noch keine großen Veränderungen eingesetzt haben. Aber natürlich nehme ich mir vor, genau hinzugucken. Und auch noch Wochen später: Wie reagiert er in bestimmten Situationen? Kann er nachts gut schlafen? Aber er wird auch weiterhin seine Einsätze machen. Es ist für Henning keine Option zu sagen: "Ich habe jetzt Familie, ich mach das nicht mehr.".

Henning: Ich sage mir schon, dass ich nicht mehr wie früher auf vier Einsätze im Jahr gehe. Zwei Einsätze im Jahr von fünf bis sechs Wochen werden vorausgesetzt. Die mache ich. Wenn noch ein anderes Krisengebiet in der Welt dazukommen würde, würde ich da auch hingehen.

BRIGITTE-woman.de: Wie ist das, wenn Sie wieder zu Hause sind? Hat sich da etwas geändert?

Henning: Das empfinde ich nicht so. Es ist am Anfang immer schwer, wenn man nach mehreren Wochen zurückkommt, weil sich hier alles eingespielt hat. Ich denke aber, dass das normal ist.

Kathrin: Ich und die Kleine freuen uns schon sehr, dass der Papa und Partner wieder da ist. Gerade, wenn der Einsatz schwierig war, ist man besonders froh. Dann haben wir als Familie auch wieder Zeit.

Henning: Wir hatten ja auch vorher lange eine Fernbeziehung. Dadurch wussten wir immer, wie wir unsere Zeit nutzen müssen. Wir haben nie Sonntage auf dem Sofa verbracht, sondern das Beste rausgeholt. Das ist jetzt ähnlich.

BRIGITTE-woman.de: Sind die politischen Hintergründe für Sie beide wichtig?

Kathrin: Natürlich fragt man sich, ob es Sinn macht, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt werden soll. Gerade, wenn man persönlich betroffen ist. Gibt es irgendwann eine friedliche Lösung für die Menschen dort im Land? Andererseits ist es so, egal, was die Politik sagt, es ist halt Hennings Job. Und das wird es auch immer bleiben.

Henning: Ich gehe da hin, weil es mein Beruf ist.

Foto: iStockphoto

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