Die Macht der zweiten Reihe

Ihr Job ist in der zweiten Reihe, und dort fühlen sie sich wohl. Die Position als Stellvertreterin gibt ihnen Macht und Einfluss. Sie selbst müssen nicht im Rampenlicht stehen.

Sie kommt mir im Gang des Drogeriemarkts entgegen, und ich weiß sofort: Das ist sie. Evelyn Jamke, die stellvertretende Filialleiterin, mit der ich verabredet bin. Auch ohne Dienstkleidung und Namensschild würde ich sie erkennen. An ihrer Art, durch das Geschäft zu gehen, den Blick wie zufällig immer in den Regalreihen. Dann sieht sie mir ins Gesicht - und scannt gleichzeitig das Warenangebot, rückt hier ein Preisschild gerade, stellt dort ein Fläschchen an seinem Platz zurecht.

Für mich sehen die Regale absolut perfekt aus, aber Evelyn Jamke entdeckt und korrigiert selbst die kleinste Unregelmäßigkeit. Sie ist eine Hausherrin, die den ganzen Tag Gäste erwartet. Sie sorgt dafür, dass das Personal immer alles bereithält - und bleibt dabei stets gelassen und freundlich, zu den Kunden wie zu ihren Kolleginnen. Oft packt sie selbst mit an. Wie gerade eben, als sie Waren annahm, während Filialleiter Andreas Langhinrichs an der Kasse einsprang. Eine Kollegin krank, zwei im Urlaub: Auch in solchen Zeiten halten der Chef und seine Stellvertreterin den Betrieb am Laufen, ohne dass Stress entsteht. Und es gibt sogar Tage, an denen Evelyn Jamke die Filiale ganz allein führt.

Stellvertreterin bleiben trotz Aufstiegs-Chance

Ich will genau die Position, die ich jetzt habe.

Als die gelernte Hotel- und Restaurantkauffrau aus St. Michaelisdonn vor 15 Jahren mit ihrem Mann nach Hamburg zog, wurden im Drogeriemarkt in ihrer Nachbarschaft gerade Aushilfen gesucht. Evelyn Jamke fing dort an und arbeitete sich innerhalb weniger Jahre hoch zur stellvertretenden Filialleiterin. Längst könnte sie ihre eigene Filiale führen, Angebote gab es genug. Doch die 45-Jährige hat immer wieder Nein gesagt: "Ich will genau die Position, die ich jetzt habe." Denn die hat Vorteile: dasselbe können und tun wie der Chef, aber nicht ständig im Mittelpunkt stehen, unter Beobachtung sein.

"Viele Vize-Chefs, ob Männer oder Frauen, sind zwar fachlich hochkompetent, aber ungern auf der Bühne. Deshalb bleiben sie lieber in der zweiten Reihe, als weiter Karriere zu machen", sagt die Management- Beraterin Doris Hartmann. Bei manchen kommt dazu, dass sie sich Freiräume erhalten wollen für das Leben außerhalb der Arbeit. So wie Evelyn Jamke, die mit Mann und Eltern in einer "tollen Hausgemeinschaft" auf einem ehemaligen Bauernhof lebt und drei Pferde hat. Für all das will sie auch Zeit haben, bei allem Engagement für den Beruf.

, stellvertretende Abteilungsleiterin bei einer Krankenkasse, könnte sich dagegen vorstellen, weiter aufzusteigen. Zwar gefällt ihr die Position der Nummer zwei, und sie hat gern noch jemanden über sich, von dem sie lernen kann, aber Vize-Chefinnen gibt es ja auch auf höherer Ebene. Zielstrebig war Gabriele Stahmer von Anfang an: Neben ihrem früheren Job als Sachbearbeiterin bei einem Rentenversicherungsträger hat sie ein Abendstudium der Wirtschaftsinformatik absolviert und dann bei ihrem heutigen Arbeitgeber im IT-Controlling angefangen. Das ist die Abteilung, die EDV-Geräte und Software einkauft und auf dem aktuellen Stand hält - bei möglichst geringen Kosten.

Das Team führen - zusammen mit dem Vorgesetzten

Gabriele Stahmers Arbeitgeber hat vor zwei Jahren ein Förderprogramm für junge und zukünftige Führungskräfte eingerichtet. Wer dafür geeignet erscheint, wird angesprochen und zum Bewerbungsverfahren eingeladen. Bei Gabriele Stahmer übernahm das ihr neuer Abteilungsleiter, der eine Stellvertreterin suchte. Diese Position hat die 44-Jährige seit Anfang 2008. Zusammen mit ihrem Chef, und wenn er nicht da ist, auch allein, leitet sie ein Team von 25 EDV-Fachleuten - fast ausschließlich Männer, die zum Teil älter und länger im Betrieb sind als sie selbst. Für manche war es anfangs ungewohnt, von ihr Anweisungen zu bekommen.

Und auch Gabriele Stahmer musste in ihre neue Rolle hineinwachsen. Dabei unterstützte sie ihr Coach, mit dem sie einmal im Monat einen ganzen Tag arbeitete. Der Unternehmensberater mit psychologischer Zusatzausbildung war selbst jahrelang Führungskraft in einem Betrieb. In schwierigen Situationen könnte sie sich auch heute jederzeit an den Coach wenden. "Das ist bisher aber nicht vorgekommen", sagt sie. Die Stimmung im Team ist gut - trotz der Umstrukturierungen im Betrieb, die Unruhe in die Abteilungen bringen. Das hat vielleicht auch mit den Ritualen zu tun, auf die Gabriele Stahmer achtet. Etwa, dass jeder morgens kurz durch die Büros geht und die anderen begrüßt. Oder dass es zum Geburtstag ein kleines Geschenk von der Abteilung gibt und alle wenigstens einmal zusammenkommen, um der Kollegin oder dem Kollegen Glück zu wünschen.

Rechte und linke Hand zugleich sein

"Beziehungsarbeit" nennt das die Management-Beraterin Doris Hartmann. Nach ihrer Erfahrung ist es in vielen Betrieben die Vize-Chefin, die sich dafür zuständig fühlt. Evelyn Jamke zum Beispiel: Sie wurde von der Belegschaft in ihrer Drogeriefiliale sogar zur "Vertrauensperson" gewählt. Damit ist sie Absprechpartnerin bei Konflikten unter Kolleginnen oder mit Vorgesetzten - und manchmal sogar auch bei privaten Sorgen und Nöten.

Die Arbeitsplatzbeschreibung von Susanne Witthöft: Anlaufstelle für alle, engste Mitarbeiterin des Chefs und zugleich zuständig für alles Organisatorische im Betrieb. Vor 20 Jahren hat ihr Chef die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin als Sekretärin eingestellt. Der Optikermeister hatte gerade sein sechstes Geschäft eröffnet und brauchte eine Mitarbeiterin für sein Büro. Inzwischen ist der Betrieb auf elf Filialen angewachsen, zum Führungsteam gehören neben dem Inhaber ein Marketingleiter, eine Buchhalterin - und Susanne Witthöft.

Eine Art Co-Pilotin sein? Mir ist das Karriere genug.

Ähnlich wie die legendäre Miss Moneypenny aus den James-Bond- Filmen ist sie die Frau, ohne die nichts geht in der Kommandozentrale. Eine Art Co-Pilotin. "Meine linke und meine rechte Hand" nennt sie der Chef. "Mir ist das Karriere genug", sagt Susanne Witthöft. Neben ihrer Sekretariatsarbeit verhandelt die 50-Jährige mit Zulieferern und entscheidet mit, wenn Mitarbeiter eingestellt werden. Wer die Firma betritt, geht direkt auf eine Art Pförtnerloge zu. Dort, mit freier Sicht nach allen Seiten, hat sich Susanne Witthöft ihren Arbeitsplatz eingerichtet. Ihr Cockpit ist Anlaufstelle für alle. Auch bei Sorgen und Problemen.

Wir sind wie ein altes Ehepaar - wir streiten und vertragen uns.

Genau wie Evelyn Jamke im Drogeriemarkt und Gabriele Stahmer bei der Krankenkasse fühlt sich Susanne Witthöft für "das Zwischenmenschliche" im Betrieb zuständig. Bei ihr kommt hinzu, dass sie nach all den Jahren ihren Chef so gut kennt wie sonst kaum ein anderer. Gibt es schlechte Nachrichten aus einer Filiale, überbringt Susanne Witthöft sie manchmal lieber selbst, als den Filialleiter hineinzuschicken. Den unvermeidlichen Unmut nimmt sie gelassen. Sie weiß schließlich, dass die Entschuldigung gleich hinterherkommt: "Wir sind wie ein altes Ehepaar - streiten und vertragen uns."

Langjährige Erfahrung für den jungen Chef

Natürlich hat Susanne Witthöft schon mal mit dem Gedanken gespielt, den Betrieb oder gleich die Branche zu wechseln. Aber so begeistert, wie sie von "unseren Brillen und Kontaktlinsen" schwärmt, der Präzisionsarbeit in den Werkstätten und dem Service in den Filialen, wird das wohl kaum passieren. Sie weiß, dass sie in einer großen Firma wahrscheinlich mehr verdienen könnte. Und vielleicht wäre sie dort weiter aufgestiegen. Aber sie würde sich nicht wohl fühlen in der Chefetage eines Konzerns. Das Familiäre würde ihr fehlen.

"Da drüben habe ich für meine Tochter mal eine Decke mit ihren Spielsachen ausgebreitet, als sie noch klein war", erinnert sie sich. Da hatte das Kind die Masern, im Büro türmte sich die Arbeit, und Susanne Witthöft fand keine Vertretung, die sofort hätte einspringen können. "Wenn es ihr schon wieder besser geht, bring sie doch einfach mit", schlug der Chef vor. Und gab der jungen Mutter gleich noch ein paar gute Tipps - seine eigenen Söhne hatten die Masern gerade hinter sich. Einer von ihnen ist inzwischen ebenfalls Augenoptiker und wird wahrscheinlich den Betrieb übernehmen, wenn sein Vater in den Ruhestand geht. Susanne Witthöft hat schon nachgerechnet. Ihr bleiben dann noch in paar Jahre bis zur Rente - dem neuen Chef wird sie also auch zur Seite stehen.

Text: Christine Tsolodimos Fotos: Andreas Bock Produktion: Bettina Lambrecht

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Christine Tsolodimos
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