Es ist Zeit für berufliche Veränderungen

Was sind Signale für berufliche Veränderungen? Keine Lust mehr auf den Job. Das Gefühl, etwas anderes zu wollen. Berufscoach Doris Hartmann gibt Tipps.

Doris Harmann ist seit über 20 Jahren Berufscoach in Hamburg und gibt im Interview mit BRIGITTE WOMAN Tipps für berufliche Veränderungen.

BRIGITTE-woman.de: Stellen Sie sich vor, ich komme zu Ihnen und sage: . . .

Doris Hartmann: . . . Ich habe meinen Beruf verfehlt, eigentlich hatte ich immer den Wunsch, Schauspielerin zu werden. Wie kann ich das jetzt noch nachholen?"

BRIGITTE-woman.de: Wie kommen Sie denn darauf?

Doris Hartmann: So etwas höre ich hier häufiger.

BRIGITTE-woman.de: Und wie reagieren Sie dann?

Berufliche Veränderungen: Oft kommt der Anstoß von außen

Doris Hartmann: Ich versuche erst einmal herauszufinden, was bei dieser Frau gerade los ist im Beruf. Warum sie ausgerechnet jetzt noch einmal ganz von vorn anfangen will.

BRIGITTE-woman.de: Was könnte der Grund sein für so einen Wunsch?

Doris Hartmann: Oft kommt der Anstoß von außen: Der Job ist weg. Oder die Kündigung droht, weil die Firma Personal abbaut. Es hat nicht geklappt mit einer Beförderung. Oder es gibt Probleme mit einem neuen Chef.

BRIGITTE-woman.de: Aber deshalb gleich den Beruf wechseln?

Doris Hartmann: Natürlich nicht, aber solche Erfahrungen können ein Anlass sein, Zwischenbilanz zu ziehen, zu überlegen, was eigentlich aus den Träumen von früher geworden ist. Viele sind auch deshalb unzufrieden, weil der Beruf Routine geworden ist, zu wenig Neues passiert.

BRIGITTE-woman.de: Das klingt nach einem Luxusproblem.

Doris Hartmann: Solche Phasen sind normal - aber wir sollten sie dennoch ernst nehmen. Wenn jemand sich in seinem Beruf nicht mehr zu Hause fühlt, kann das ein Anzeichen dafür sein, dass ein Wendepunkt erreicht ist.

BRIGITTE-woman.de: Passiert das oft im Leben?

Doris Hartmann: Es heißt ja manchmal: Alle sieben Jahre, und nach meiner Erfahrung trifft das sogar ungefähr zu. Im Alter zwischen Ende 30 und 45 erreichen sehr viele Menschen so einen Wendepunkt, auch im Beruf. Dann kennen sie das Arbeitsleben mit seinen Höhen und Tiefen - und sie haben eine unklare Vorstellung, dass da noch etwas kommen müsste.

BRIGITTE-woman.de: Und manchen wird dann bewusst, dass sie eigentlich im falschen Beruf arbeiten.

Doris Hartmann: Das glauben sie jedenfalls.

BRIGITTE-woman.de: Aber oft ist es doch auch so. Viele Frauen haben in ihrer Jugend von den Erwachsenen zu hören bekommen: "Lerne schnell etwas Vernünftiges und sieh zu, dass du immer auf eigenen Beinen stehst."

Doris Hartmann: Wem sagen Sie das - ich musste eine Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin machen, weil meine Eltern fanden, das gehöre sich so für eine Frau. Der ganz und gar falsche Beruf war es dennoch nicht. Und auch wenn wir das als junge Menschen natürlich ganz anders sehen, im Nachhinein stellt sich oft heraus: Selbst in einem ungeliebten Beruf können wir Fähigkeiten an uns entdecken, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie hatten.

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BRIGITTE-woman.de: Hauswirtschaftslehrerin bleiben wollten Sie aber nicht . . .

Doris Hartmann: . . .weil mir das auf Dauer zu langweilig war. Ich wollte dazulernen, mich weiterentwickeln.

BRIGITTE-woman.de: Dann müssten Sie ja Verständnis haben für die Frauen, die zu Ihnen kommen mit dem Wunsch nach einer grundlegenden Veränderung im Beruf.

Doris Hartmann: Ich verstehe diese Frauen nur zu gut, und ich bin auch unbedingt dafür, sich den Wunsch nach Veränderung zu erfüllen. Ich warne lediglich vor einem radikalen Schnitt . . .

BRIGITTE-woman.de: . . . den Job als Versicherungskauffrau kündigen und Fotografin werden zum Beispiel. Warum soll eine Frau das nicht tun, wenn die Fotografie schon immer ihr Traum war, wenn sie dafür begabt ist, vielleicht auch schon Erfahrungen hat?

Doris Hartmann: Ich rate der Versicherungskauffrau nicht von vornherein davon ab, sich zur Fotografin ausbilden zu lassen. Ich frage sie allerdings als Erstes: Was meinen Sie, wie lange Sie ohne Einkommen überleben können? Wer Vermögen hat oder vielleicht von seinem Arbeitgeber bei der Kündigung eine hohe Abfindung bekommen hat, der kann sich auch leisten, seinen Neigungen nachzugehen - ohne den Anspruch, in absehbarer Zeit wieder Geld zu verdienen.

Berufliche Veränderungen: Bloß nicht die Reset-Taste drücken

BRIGITTE-woman.de: Und die anderen riskieren lieber nichts, halten ihren Job fest - und wenn sie bereits über 50 sind, fangen sie schon mal an, die Tage bis zum Ruhestand zu zählen?

Doris Hartmann: Wie bitte? Mit 55 haben Sie heute noch mehr als zehn Jahre Zeit bis zur Rente, da können Sie lange zählen. Wer sich in seinem Job fehl am Platz fühlt, egal in welchem Alter, muss etwas tun. Allein deshalb, weil er es irgendwann nicht mehr verbergen kann, dass er nicht bei der Sache ist.

BRIGITTE-woman.de: Aber man kann doch auch in einem ungeliebten Job seine Arbeit gut machen.

Doris Hartmann: Gut ja, aber nicht mit Leib und Seele. Das spüren die Kollegen, die Kunden und auch die Vorgesetzten. Und irgendwann beginnt ein schleichender Abstieg. Die Angebote, interessante Aufgaben zu übernehmen, bleiben aus, wichtige Informationen kommen nicht an. Manchmal dauert es dann nicht mehr lange bis zu der Aufforderung, sich schon mal um einen anderen Job zu bemühen.

BRIGITTE-woman.de: Dann doch lieber rechtzeitig gehen und ganz neu starten.

Doris Hartmann: Aber bloß nicht die Reset-Taste drücken, bitte, bloß nicht alles einreißen.

BRIGITTE-woman.de: Das haben Sie doch auch gemacht: den Job als Hauswirtschaftslehrerin gekündigt und Soziologie studiert. Wenn das kein Neustart ist.

Doris Hartmann: Moment mal. Da war ich 25. Wir reden hier von Frauen Ende 30, Anfang 40, die sich womöglich in einen ganz neuen Beruf begeben. Stellen Sie sich vor, eine 40-Jährige kommt zu Ihnen in die Redaktion und sagt: Ich wollte immer schon Journalistin werden, jetzt möchte ich mal bei Ihnen mitarbeiten. Wie würden Sie das finden?

BRIGITTE-woman.de: Ehrlich gesagt...

Doris Hartmann: Sie wären nicht begeistert. Wenn Sie eine Berufsanfängerin wollen, nehmen Sie doch lieber eine junge Frau. Und dieses Problem wird die 40-Jährige überall haben, in jedem Beruf, den sie neu anfängt, in jeder Firma, in der sie sich bewirbt. Sie muss sich mit 25-Jährigen messen, die womöglich schon mehr können als sie. Da kann sie nur verlieren.

BRIGITTE-woman.de: Aber es fangen doch viele noch mit über 40 eine ganz andere Ausbildung an und sind später hervorragend in ihrem neuen Beruf.

Doris Hartmann: Das stimmt. Ich habe zum Beispiel einmal eine Reiseverkehrskauffrau beraten, die sich ihren Traum erfüllt hat, Psychologie zu studieren. Sie hat einen glänzenden Abschluss gemacht - aber von den Betrieben, bei denen sie sich beworben hat, wollte sie trotzdem keine.

BRIGITTE-woman.de: Weil sie zu alt war?

Doris Hartmann: Das hat ihr natürlich keiner gesagt, aber so war es. Sie ist heute als Selbständige tätig, aber das ist nicht das, was sie sich vorgestellt hatte. Sie hat jahrelang sehr hart für ihr Studium gearbeitet - und ihr Ziel dann doch nicht erreicht.

BRIGITTE-woman.de: Aber würde sie es nicht irgendwann bereuen, es nicht wenigstens versucht zu haben?

Doris Hartmann: Sicher. Aber sie hätte sich manche Enttäuschung ersparen können.

BRIGITTE-woman.de: Wie denn?

Doris Hartmann: Beruflich noch einmal bei null anzufangen, alles Vorangegangene zu löschen, so wie meine Klientin es getan hat, dafür ist es mit 40 zu spät. Besser wäre gewesen, sie hätte nach dem roten Faden in ihrem beruflichen Werdegang gesucht.

BRIGITTE-woman.de: Was könnte das sein?

Doris Hartmann: Der rote Faden in einem Berufsleben kann eine besondere Eigenschaft oder eine Begabung sein, die im alten wie im neuen Beruf gefragt ist.

BRIGITTE-woman.de: Was ist es denn bei Ihnen? Hauswirtschaft und Soziologie haben ja auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun.

Doris Hartmann: Mein roter Faden ist das Lehren und Beraten. Das tue ich mit Leidenschaft und bin offenbar auch begabt dafür. In Pädagogik hatte ich immer die besten Noten, in der einen wie in der anderen Ausbildung. Und ich konnte das, was ich in der Hauswirtschaftslehre gelernt hatte, in meinem späteren Beruf anwenden.

BRIGITTE-woman.de: Sie mussten dort also nicht bei null anfangen.

Berufliche Veränderungen haben ihren Preis

Doris Hartmann: Ich konnte sehr viel mitnehmen, und das hat mir geholfen. Wer eine berufliche Veränderung plant, sollte überlegen: Was von meinen Fähigkeiten, Kenntnissen und meiner Lebenserfahrung will ich mitnehmen - und wo kann ich es einsetzen? Hier hat sich einmal ein Finanzkaufmann gemeldet, der sich neu orientieren wollte. Er hatte großes Interesse für Ökologie und wollte in dem Bereich arbeiten. Sein roter Faden im Beruf ist das Kaufmännische, und solche Kenntnisse sind natürlich überall wertvoll.

BRIGITTE-woman.de: Hat der Mann den Wechsel geschafft?

Doris Hartmann: Er arbeitet heute in einem Betrieb, der Windkraftanlagen vertreibt. Auch er war bereits über 40 Jahre alt und plötzlich wieder Berufsanfänger. Leicht hatte er es nicht, eine neue Stelle zu finden. Seinen heutigen Arbeitgeber hat er damit überzeugt, dass er einerseits Kenntnisse mitbrachte und andererseits bereit war, sich in einen bisher unbekannten Bereich einzuarbeiten...

BRIGITTE-woman.de: ...und wahrscheinlich Abstriche beim Gehalt zu machen.

Doris Hartmann: Das gehört in den meisten Fällen dazu. Deshalb frage ich ja auch als Erstes nach der finanziellen Situation, wenn jemand mit solchen Wünschen zu mir kommt. Eine Neuorientierung im Beruf hat ihren Preis.

BRIGITTE-woman.de: Viele Frauen sind aber durchaus bereit, diesen Preis zu zahlen.

Doris Hartmann: Vorausgesetzt, sie können es sich leisten. Auch Männer gehen Risiken ein, wenn sie zum Beispiel keine Familie zu versorgen haben. Oder wenn sie sicher sein können, dass sie ohne Weiteres wieder eine feste Stelle in ihrem alten Beruf finden würden.

BRIGITTE-woman.de: Also alles eine Frage der Finanzen und der Absicherung.

Doris Hartmann: Nicht nur. Ich finde es in jedem Fall wichtig, dass der Neuanfang gelingt. Wer sich unüberlegt hineinstürzt, riskiert, dass er immer wieder zurückgewiesen wird, keine Chance bekommt.

BRIGITTE-woman.de: Was natürlich schmerzhaft ist.

Doris Hartmann: Es ist geradezu katastrophal, wenn man keine Alternativen hat, wenn man weiß, es gibt kein Zurück mehr.

BRIGITTE-woman.de: Und vor solchen Katastrophen wollen Sie die Menschen bewahren, die zu Ihnen kommen.

Doris Hartmann: Natürlich, ich fühle mich doch verantwortlich für sie. Deshalb hole ich sie immer wieder auf die Erde, frage kritisch nach. Wenn zum Beispiel eine Frau vor mir sitzt, die von einem Leben als Schriftstellerin träumt, will ich wissen, was sie denn bisher geschrieben hat. Ob sie zumindest mal Tagebuch geführt hat. Dass Menschen sehr spät aus dem Nichts heraus ein großes Talent entdecken, ist sehr selten.

BRIGITTE-woman.de: Aber man muss doch mal ein bisschen träumen dürfen.

Doris Hartmann: Selbstverständlich, das ist sogar sehr wichtig, um herauszufinden, welche Fähigkeiten, welche Begabungen bisher nicht ausgelebt wurden. Es gibt eine schöne Übung, mit der ich oft arbeite. Da werden Traumberufe gesammelt und aufgeschrieben, ohne Rücksicht darauf, wie realistisch sie sind, von der Hubschrauberpilotin bis zur Krimi-Autorin.

BRIGITTE-woman.de: Und dann?

Doris Hartmann: Dann wird geschaut, welche Anteile dieser Träume sich verwirklichen lassen, vielleicht sogar im aktuellen Beruf.

BRIGITTE-woman.de: Wie bitte? Den wollen die Frauen doch gerade hinter sich lassen, wenn sie zu Ihnen kommen.

Doris Hartmann: Es gibt Fälle, in denen es das einzig Richtige ist, den Job zu kündigen. Oft erlebe ich aber auch, dass jemand das, was er möchte, auch durch eine Zusatzausbildung oder Versetzung innerhalb der Firma erreichen könnte. Und dass er nur mal an der richtigen Stelle fragen müsste.

BRIGITTE-woman.de: Wie lange brauchen Sie denn, um herauszufinden, was genau das Problem einer Ratsuchenden ist? Ob sie einen neuen Beruf braucht oder vielleicht nur neue Aufgaben?

Doris Hartmann: Das klärt sich meist schon beim ersten Treffen. Ich kenne inzwischen tausende von Berufsbiografien. Und ich schlüpfe mit Begeisterung in solche Biografien hinein, erforsche, woher jemand kommt und wie die Reise weitergehen könnte.

BRIGITTE-woman.de: Womöglich sind ja auch Sie im falschen Beruf. Hätten Sie vielleicht lieber Schauspielerin werden sollen?

Doris Hartmann: Mein Beruf ist genau der Richtige für mich, da können Sie beruhigt sein. Aber Sie werden lachen: Aus einem Interview mit der Schauspielerin Meryl Streep habe ich mir mal eine Passage herausgeschnitten, in der sie davon spricht, dass sie mit Leidenschaft in das Wesen anderer Menschen schlüpft. Genau das ist ja auch mein Lebensthema. Und wer sein Lebensthema kennt, der kann für sich den richtigen Platz finden. In fast jedem Beruf.

Wir sprachen mit Doris Hartmann über berufliche Veränderungen

Doris Hartmann hat sich auf das Thema Veränderung und Neuanfang im Beruf spezialisiert - auch aus eigener Erfahrung. Sie ist Ökotrophologin und Soziologin, hat als Lehrerin gearbeitet und in einer Unternehmensberatung Führungskräfte geschult. Heute ist sie freiberuflich in Hamburg tätig.

Interview: Christine Tsolodimos Foto: iStockphoto

Wer hier schreibt:

Christine Tsolodimos
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