Das Unsagbare sagen

Über den Tod zu reden fällt den meisten Menschen schwer - Heidrun Baginski nicht. Die Hamburger Trauerrednerin findet klare Worte für den Tod.

Der Tod kennt viele Worte. Da wird das Zeitliche gesegnet, verschieden, über den Jordan gegangen, in Hessen wird das "Schirmschä zugeklappt", und der Österreicher "streckt die Patschen". Bei Heidrun Baginski wird gestorben. Nichts anderes. "Ihr Mann ist tot. Das müssen Sie akzeptieren." Das klingt recht grausam, aber wenn sie es sagt, ist es ruhig und ganz klar. Heidrun Baginski ist Trauerrednerin. Sie kommt, wenn kein Pastor gewünscht wird.

Wir sind auf dem Ohlsdorfer Friedhof verabredet. "Wenn Sie mich direkt bei der Arbeit sehen wollen, dann kommen Sie doch einfach um zwölf Uhr zur Kapelle drei, da habe ich ein Sozialbegräbnis." Ich erwarte eine ernste Person, schwer tragend an der Last des ihr Anvertrauten. Stattdessen treffe ich auf eine Dame mit blondem Haar, wachen, hellblauen Augen und dezent rheinländischem Akzent. Ihr Kölscher Singsang klingt wie eine tröstliche Melodie: "Kopf hoch, es ist nicht hoffnungslos! Bald sieht's wieder besser aus!" Wie bei einem Parfüm - die Kopfnote ist klar und hell, die Herznote darunter jedoch blumig und sehr warm.

Worte für den Tod zu finden ist Königsklasse.

Die Trauergemeinde kommt eine halbe Stunde später als anberaumt. Sie besteht aus zwei Frauen, gebeugt vom Leben, das es die meiste Zeit nicht gut mit ihnen gemeint hat. Ich drücke mich um die Kapelle herum, schließlich wäre es vermessen, so zu tun, als sei ich ein Drittel der anwesenden Trauergemeinde. Ein patenter Bestatter weist mir durch den Hintereingang ein Plätzchen neben dem Harmonium zu. Das bleibt heute still. Doch - dezent hinter dem Vorhang - steht ein Ghettoblaster, in den eine CD mit Trauermusik eingelegt wird.

Frau Baginski raunt mir noch kurz zu, dass sie überhaupt nichts über den Verstorbenen wisse, das müsse sie sich jetzt vorher noch aus einem Gespräch mit der Familie erlauschen. Wird schon, hat ja bisher auch immer funktioniert. Sie bleibt völlig gelassen. Für mich hingegen wäre unvorbereitet zu sein der Super-Gau. Glücklicherweise ist das hier auch bei ihr die Ausnahme. Alles ist exakt an ihr, exakt und angemessen. Die Worte, die Kleidung, die Gesten. Sie hat die meditative Ruhe eines Bogenschützen - sammeln, spannen, konzentrieren. Auf den Punkt. Worte für den Tod zu finden ist Königsklasse. Der Tod ist groß, unsagbar und sehr dunkel. Bei Frau Baginski allerdings ist er taghell. Diese Frau ist klare Form, angefüllt mit wärmster Menschlichkeit. Heidrun Baginski muss nicht einmal lächeln - sie leuchtet und strahlt inmitten von allgegenwärtigem Schwarz.

Wir sind danach bei ihr zu Hause zum Kaffee verabredet, sitzen im Wintergarten in hellen Korbstühlen. Draußen auf der Terrasse wälzen sich fröhliche Terrakotta- Schweine, ein bunter Frühlingsstrauß steht auf dem Tisch, die Lyrik im Regal. Frau Baginski wurschtelt in der Küche, es klappert und scheppert, und währenddessen befeuert sie mich lebhaft mit Fragen: "Was für Hunde haben Sie denn? Was mögen Sie so an St. Pauli? Wie lebt man da mit Kind?" Halt! Stopp. Ich bin doch die, die fragt! Normalerweise. Aber hier müssen wir beide plötzlich lachen. Nein. Sie ist es, die fragt. Normalerweise. Ich bin die, die Worte findet und von Menschen erzählt, sie ist es ebenso. Wir sitzen am Kaffeetisch und lachen. Jetzt haben wir uns gefunden.

Frau Baginski erzählt von blutleeren Trauerfeiern in ihrer Familie, die sie schließlich dazu bewogen haben, es besser zu machen. "Das klingt immer so, als würden nur die Übermenschen sterben, und der Schrott bleibt hier!" Der Tod scheint selbst den ärgsten Stinkstiefel posthum zum liebenden Gatten und fürsorglichen Vater zu vergolden. "Über Verstorbene darf man nicht schlecht reden", sagt der Volksmund. Nicht schlecht - aber ehrlich. Und genau darum geht es Heidrun Baginski. Diese Lobreden auf Verstorbene waren das, was sie am meisten störte. "Er wird uns fehlen", "Wir werden sie nie vergessen" - das hört man auf jeder Trauerfeier, aber es ist die Kunst, diese Sätze so zu arrangieren, dass sie nicht klingen wie Fertigelemente aus dem Modellbaukasten. Frau Baginski will den Verstorbenen begreifen, scheut sich nicht, auch seine weniger angenehmen Seiten zu benennen.

Was sagen, wenn es nichts Positives gibt?

"Was sagen Sie über jemanden, über den es partout nichts Gutes zu sagen gibt?" - "Wenn einer geizig war und seine Frau sein ganzes Leben lang kurzgehalten hat, dann sage ich so was wie 'Er wusste den Wert des Geldes zu schätzen'." Klingt schwer nach Arbeitszeugnis - aber es funktioniert. Überhaupt ist sie virtuos wie eine Pianistin. Sie trifft die Töne, egal wie schwierig das Stück auch sein mag. Hat sie schon einmal völlig danebengelegen? Nein. Und das glaube ich ihr. Ein Bestatter gab ihr die Chance, ihre erste Trauerrede zu halten. Das war vor 15 Jahren. Heidrun Baginski hatte eine sehr klare Vorstellung davon, wie sie es nicht machen wollte, das verlieh ihr Sicherheit. Sie war ganz ruhig, weil sie intuitiv wusste: Ich kann es. Jedes Wort ist wohl überlegt. Sie setzt es bedachtsam ein, wie ein fragiles Objekt in einen Setzkasten.

Die Trauerrednerin am Rand der Sprachlosigkeit

Aber ein Todesfall vor ein paar Jahren brachte sogar Heidrun Baginski an den Rand der Sprachlosigkeit. Ein kleines Mädchen, das tödlich verunglückt war, sollte beerdigt werden. Heidrun Baginski hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, weil es dafür einfach keine Worte gab. Bei der Trauerfeier setzte sich die Zwillingsschwester des Kindes zu ihr aufs Pult und sagte: "Im Sarg sind nur Spielsachen, meine Schwester ist da gar nicht drin, die ist im Himmel. Und guck mal, ich lasse grade meine Haare wachsen. Dafür habe ich schon ganz tolle neue Haarspangen." Das war die Trauerfeier - jenseits des Unsagbaren. Heidrun Baginski arbeitet wie eine Artistin ohne Netz, hat keine Standardformulierungen, lässt sich immer ganz auf die Menschen und die Situation ein. Das ist ihr wichtig.

Kiezbeerdigungen sind eine ihrer Spezialitäten. Einmal traf sie sich mit einer Horde Zuhälter in einer Kneipe auf St. Pauli. Ein Freund sollte bestattet werden, einen Pastor wollte man nicht. Und Frau Baginski, das hatte sich herumgesprochen, hat immer die richtigen Worte parat, fischt sie treffsicher aus einem geheimen Fundus. "Die blonde Alte soll wieder kommen!" Die Kneipe war verqualmt, sie bat die Jungs, kurz mit dem Rauchen aufzuhören, denn ihre Stimme sei ihr Arbeitsmaterial und ohne dieses gebe es auch keine Trauerrede. Das Rauchen wurde eingestellt mit den Worten "Wir nehmen selbstverständlich immer Rücksicht auf die Arbeitsmaterialien von Frauen!". Sie lacht.

Frau Baginski wirkt, als könne man sie in jede Situation katapultieren. Sie käme sicher gut damit zurecht. Der Tod ist zwar der Grund, warum sie da vorn spricht, aber nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist der Mensch, wie er mitten im Leben steht, mit all seinen Schwächen und seinen Stärken. Sie weist dem Tod seinen Platz zu, einen klar umgrenzten Raum. Nicht mehr und nicht weniger.

Text: Tania Kibermanis Illustration: Lisa Schweizer
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