Du oder Sie?

Die Umgangsformen haben sich geändert. Aber die Chefin mit "Hallo, Claudia" begrüßen und den alten Hausarzt einfach Peter nennen? Wen soll man heute eigentlich noch siezen?

Du oder Sie? Früher eine schlichte Formfrage, die nach klaren Regeln beantwortet wurde wie: Unbekannte duzt man nicht. Oder: Ein Du muss angeboten werden. Der Ranghöhere darf das, der Rangniedrigere nicht. Aber wer ist ranghöher, im Job zum Beispiel? Die Hierarchien sind flacher geworden, immer mehr Leute arbeiten gleichberechtigt nebeneinander. Oft ist Lockerheit geradezu erwünscht. Da wirkt "Guten Tag, Herr Schmidt" unter Umständen sogar unhöflich im Vergleich zu "Hallo, Klaus". Schon wird es schwierig mit den Regeln: Wen duzen wir, und wer darf uns duzen? Die Entscheidung fällt heute meist intuitiv, aus dem Bauch heraus.

Eine Besprechung mit Kolleginnen, drei der Anwesenden duze ich seit Jahren, die vierte ist mir neu, den anderen aber nicht. Sie duzen sich. Ich bin unsicher. Die ganze Zeit verschwinden winzige Teile meiner Aufmerksamkeit in dem Problem: Wie rede ich sie an, wenn ich sie überhaupt anrede? Ich will mich nicht anbiedern mit dem lockeren Du, ich will sie nicht vor den Kopf stoßen mit dem förmlichen Sie. Duzen schafft ja auch Nähe. Nähe deutet Vertrauen an. Vertrauen schafft eine gute Atmosphäre. Und wir alle machen unsere Arbeit besser, wenn wir dabei fröhlich sind. Ich entscheide mich fürs offensive Du. Bingo, die Unbekannte lächelt und duzt zurück. Eine Ausnahme? Nicht mehr. Auch die Nadelstreifen-Fraktion ist heute schneller beim Du. Selbst dem Aufsichtsratschef der Morgan Stanley Bank in Deutschland soll es nicht mehr wichtig sein, sich mit allen Mitarbeitern zu siezen.

Die neuen Umgangsformen sollen Jungsein signalisieren

Schon seit 68 ist das Du in Deutschland auf dem Vormarsch. Die Studenten demonstrierten mit dem wahllosen Duzen: "Ich bin revolutionär, links, unbürgerlich." Heute signalisieren Menschen fast jeden Alters damit: "Ich bin cool, jung, jedenfalls im Kopf." Im Internet wird geduzt, in der Werbung wird geduzt, auf Partys wird geduzt. In Berlin-Prenzlauer Berg wird konsequent alles geduzt, was noch keine Gehhilfe braucht.

Der In-Friseur hat sich längst entschieden, Kundinnen grundsätzlich zu duzen - was sollte er auch sonst tun? Sagt er zu allen Sie, verschreckt er die Jungen, Schicken. Siezt er ab 50 aufwärts, gibt er den Älteren zu verstehen: "Ich sehe, dass du schon längst nicht mehr in meiner Krabbelgruppe bist." Wäre nicht nett. "Also, ich möchte nicht von meinem Friseur geduzt werden", sagt dazu eine Hamburgerin. Es gibt eben auch regionale Unterschiede: Berlin duzt schneller, Hamburg siezt länger.

Ich war früher empört, wenn mich ein Unbekannter einfach duzte. Nahm man mich vielleicht nicht für voll? Das ist jetzt nicht mehr mein Problem. Heute mag ich das Du. Es sagt mir: Hier bist du zu Hause. Mit Ausnahmen. Neulich beim Heilpraktiker war ich doch genervt, als er fragte: "Hast du gelegentlich Blasenprobleme?" Es ist schwer genug, mit einem 15 Jahre jüngeren Mann, der eine Base-Cap auf der Mode-Glatze trägt, über Blasenprobleme zu sprechen. Per Du ist es eine Tortur.

Und auch im Job ist ein spontanes Du manchmal eindeutig fehl am Platz. Eine Bekannte, im Job Bereichsleiterin, fühlte sich schlicht unwohl, als eine 20-jährige Praktikantin sie auf dem Flur ansprach: "Du, wo iss'n hier der Kopierer?" Die Praktikantin hatte vermutlich etwas missverstanden: Hier duzen sich alle, also muss ich auch. Duzen-Müssen gilt aber höchstens bei Ikea oder H&M. Es gibt sogar ein Gerichtsurteil, wonach ein deutscher Chef mit schwedischem Arbeitgeber sich von seinen Mitarbeitern duzen lassen muss. Und auch in deutschen Firmen gilt: Wer als Einziger auf der Etage oder im Großraumbüro gesiezt wird, sollte in sich gehen. Wenn die Kollegen so deutlich Abstand halten, ist das schlecht fürs Image.

Ich fühlte mich einmal regelrecht befördert, als eine Sekretärin - man muss dazu sagen: das Bild von einer Sekretärin! - mir nach Jahren der Zusammenarbeit das Du anbot. Nachdem sie alle anderen Kolleginnen schon längst duzte. Manchmal hatte ich mich im Stillen schon gefragt: "Was hat sie eigentlich gegen mich?" Nachdem ich in ihren Duz- Zirkel aufgestiegen war, war ich bei allen deutlich besser angesehen. Auch der Chef erschien gleich netter. Nicht ganz logisch, aber wahr.

Duzen bedeutet Nähe, die man nicht immer möchte

Wer geduzt wird, gehört dazu, auch im Job. Ich will aber mit meinem Chef gar nicht per Du sein, sagen viele. Mit Recht. Gehaltsverhandlungen, Kritik und Rechtfertigung - das alles geht klarer und fairer per Sie. Wo das Du nicht mit Vertrauen und wenigstens einem Hauch Sympathie unterfüttert ist, wirkt es falsch. Dann doch lieber beim Sie bleiben. Und wenn der Wunsch nach Distanz nicht respektiert wird? Wenn man sich verpflichtet fühlt, jemanden zu duzen, mit dem man lieber keinerlei Nähe hätte? Jahrelang haben wir uns über "die Müller" ereifert, jetzt sollen wir sie "Birgit" nennen. "Ich wüsste nicht, dass wir schon zusammen Schweine gehütet haben": Dieser steinalte Spruch hilft heute nur noch, den eigenen Ruf als Zicke zu zementieren.

Manchmal hilft es, penetrant beim Sie zu bleiben. Wenn "die Müller" dann aber lächelnd fragt: "Meine Liebe, waren wir nicht schon beim Du?", müssen wir wohl zurückduzen. Lieb haben müssen wir "die Müller" deshalb nicht. Bundeskanzlerin Angela Merkel duzt sich, heißt es, mit Roland Koch und Edmund Stoiber. Aus Neigung?

Manche Unternehmen haben das gepflegte Sie plus Vorname eingeführt - anfangs ungewohnt, aber vielleicht ein guter Kompromiss zwischen lockerem und distanziertem Umgang. Damit Du-Sagen seine eigentliche Bedeutung behält, brauchen wir nämlich weiterhin das distanzierte Sie. Es fühlt sich überall da besser an, wo Neigung keine Rolle spielt, Lässigkeit ein Fehler wäre. Mein neuer Telefonanbieter sagt selbstverständlich Sie, wenn er mich berät. Ich brauche nicht seine Sympathie, sondern seine Korrektheit. Und er will nur meine Unterschrift unter den Vertrag. Wo der öffentliche Kuschel-Ton unproblematisch ist, genieße ich ihn auch. Den Popcorn-Verkäufer im Kino oder die junge Kellnerin, die den Latte macchiato bringt, duze ich in letzter Zeit manchmal - probehalber. Meine Tochter ist deutlich mutiger mit dem spontanen Du. Neulich hat sie es bei unserem alten Hausarzt ausprobiert, dem Sanitätsrat Dr. Fichtner. Fast wäre ich vom Stuhl gefallen. "Er hat mich doch auch geduzt", sagte Lilly hinterher. Ja, aber er hat sie schon im Kinderwagen liegen sehen! Und da war er 50! "Egal", gab sie zur Antwort, "das ist doch alles unwichtiger Spießerkram."

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Text: Vera Sandberg Foto: Photocase.de
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