Was ist eigentlich dieses Web 2.0?

Alle reden vom "Web 2.0", aber kaum jemand weiß, was sich hinter dem Begriff verbirgt - nämlich Anwendungen, die wir regelmäßig nutzen. Und weit weniger Revolutionäres als wir denken.

Ob dem amerikanischen Verleger Tim O'Reilly bei der Namensgebung seiner "Web 2.0 Conference" im Oktober 2004 klar war, was er mit seiner Wortkreation auslöst? Der Begriff, Ergebnis eines Brainstormings mit einem Kollegen, wurde das Internet-Schlagwort der kommenden Jahre und der Inbegriff einer angeblichen Revolution im World Wide Web.

Was ist das Neue am Web 2.0?

Das Web 2.0 ist das sogenannte "Mitmachnetz": Es lebt davon, dass Internet-Nutzer die Inhalte produzieren, also Videos und Fotos einstellen oder Texte schreiben. Das Lesen dieses Artikels ist die Nutzungsform des angeblichen Web 1.0, laut O'Reilly die Vorläuferform des Web 2.0, die von Anfang der 1990er bis 2004 dominant gewesen sei. Im Web 1.0 habe es vor allem Konsumenten, fast keine Produzenten gegeben, sagt seine These. Kommentieren Sie beispielsweise diesen Artikel, stellen Sie Tipps bei unserem Das Beste ein, sind Sie ein aktiver Nutzer, ein Produzent, auf den die Anwendungen des Web 2.0 angewiesen sind.

Und was ist eine typische Web 2.0-Anwendung?

Zu diesen Angeboten zählen Wikipedia, Social Networks wie die BRIGITTE-woman.de-Comunity Bfriends, meinVZ, Xing oder Facebook, Videoportale wie Youtube oder Weblogs. Sie alle basieren darauf, dass Internetnutzer von ihnen erstellte Dinge hochladen.

Wer macht denn das?

Es sind vor allem Jugendliche, die bereit sind, Inhalte für das Mitmachnetz zu erstellen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Mehr als die Hälfte der jugendlichen Internetnutzer in Deutschland zählen laut der wissenschaftlich anerkannten ARD/ZDF-Onlinestudie zum Kreis der Lieferanten von Nutzer-Inhalten (user-generated Content). Das gilt vor allem für Social Networks, in denen Teenager besonders aktiv sind. Es gilt: Je älter der Nutzer, desto geringer die Bereitschaft, sich aktiv im Netz zu beteiligen. Generell ist die Zahl der User, die das Internet mit eigenen Inhalten füllen, sehr gering. Videoportale werden zwar von über 50 Prozent der Onlinenutzer ab 14 Jahre zumindest selten genutzt, aber nur drei Prozent haben dort ein Video hochgeladen oder kommentiert. Ähnlich sind die Verhältnisse bei Fotocommunitys wie Flickr oder der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Die Ausnahme bilden Communitys wie Facebook und Bfriends, in denen fast alle User aktiv sind.

Das Web 2.0 ist gar nicht so ein Riesenerfolg?

Die Web 2.0-Angebote sind sehr populär und erfolgreich – wenn man die passive Nutzung betrachtet. Am meisten beschäftigt die deutschen Internetnutzer aber die Kommunikation per E-Mail, eine Anwendung, die es seit den 70er Jahren gibt – und damit schon vor dem Web 1.0: 82 Prozent der Internetnutzer senden und empfangen mindestens einmal in der Woche elektronische Nachrichten. Die Vision eines von allen Nutzern gestalteten Mediums und die Realität klaffen auseinander. Das Web 2.0 wird nicht als das demokratische Mitmachmedium genutzt wie es von einigen propagiert wird. Die meisten interessiert nicht der Partizipationsgedanke, sondern sie möchten sich informieren oder unterhalten werden. Die Idee eines Mediums, bei dem jeder Produzent sein soll, hat übrigens eine lange Tradition: Schon die Einführung vom Radio und später dem Fernsehen ging mit Vorstellungen eines demokratischen Massenmediums einher, bei dem jeder Konsument auch Produzent der gesendeten Inhalte ist.

Also ist nicht einmal die Grundidee des Web 2.0 neu?

Der für die Allgemeinheit bekannteste Vertreter dieser Idee ist Bertolt Brecht. Er entwickelte schon um 1930 die Radiotheorie, auf die sich noch heute einige Medienwissenschaftler berufen. Jede Neueinführung eines Massenmediums – sprich Zeitung, Radio, Fernsehen, Internet – wurde von einem Hype begleitet. Aber auch von apokalyptischen Vorstellungen, die das Ende der "alten" Medien verkündeten. Die Geschichte zeigt: Etablierte Medien werden nicht einfach abgelöst. Und nur weil sich einige Leute eine Vision teilen, wird sie noch lange nicht Realität. Die tatsächliche passive Nutzung des Internets ist dafür ein Beispiel.

Text: Roxana Wellbrock Foto: iStockphoto
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