Die Wende an der B 248

Mit der Wiedervereinigung kam auch an der B 248 die Wende: Die zur DDR führende, kaum genutzte Sackgasse wurde zur stark befahrenen Schnellstraße - und änderte damit das Leben der Familie Rathje.

Regina Rathje erinnert sich gern an die Sommer ihrer Kindheit: Damals spielte sie mit ihren Geschwistern Fangen, sie bauten einen improvisierten Kaufmannsladen neben der Milchbank, die sich vor der Hofpforte ihres Elternhauses befindet. Außer den tobenden Kindern und plaudernden Erwachsenen war nichts zu hören. Es herrschte Stille in Jameln, einem kleinen Dorf im Osten Niedersachsens unweit der Grenze zur damaligen DDR.

Rund 45 Jahre später sitzt Regina Rathje, 54, mit ihrem Mann Günter und ihrem jüngsten Sohn Henning an einem massiven Holztisch in ihrem Wohnzimmer. Im Hintergrund hört man gedämpft den Lärm schnell fahrender Autos von draußen. Sie erinnern sich an alte Familiengeschichten, die sich hier im Haus abspielten. Es ist das Gebäude, in dem Regina Rathje geboren wurde, in dem sie hochschwanger ihren Mann heiratete und in dem sie ihre drei Kinder großzog. Sie hat praktisch ihr ganzes Leben hier verbracht.

Die Bundesstraße führte ins Nirgendwo

Das Haus der Familie im Jahr 1955: Natur pur, von Autos keine Spur.

Erbaut wurde der 120 Quadratmeter große Rotklinker in Jahr 1954. Reginas Vater Paul wollte damals ein Eigenheim für seine Familie schaffen: seine Frau und seine sechs Kinder. Etwa ein Jahr dauerte es, bis der gelernte Zimmerer das Haus gemeinsam mit zwei befreundeten Handwerkern fertig stellte. Direkt an der B 248. Die Schnellstraße führte damals ins Nirgendwo: Ihr Ende bildete die Elbe - eine Sackgasse. Eine Brücke zum anderen Ufer gab es nicht, man hatte sie abgerissen, denn hinter ihr lag die DDR. Dementsprechend selten kamen hier Autos vorbei.

Regina Rathje berichtet von Radtouren, die in ihrer Kindheit an der Grenze endeten: "Man konnte rüber gucken, aber da war nichts zu sehen. Es gab keine Dörfer, sondern nur Wald. Schnell kamen auch die Vopos, also die Volkspolizisten, die uns freundlich wegschickten." Auch in den Erinnerungen ihres Sohnes Henning, inzwischen 33 Jahre alt, spielen Fahrräder eine Rolle: "Wenn wir früher im Dorf gespielt haben, sind wir immer einfach mit den Mountainbikes über die Straße, ohne zu gucken. Da kam vielleicht alle 20 Minuten mal ein Trecker." Heute warte man gefühlte zehn, in Echtzeit bis zu vier Minuten, bis man die Schnellstraße überqueren könne, ergänzt Günter.

Der einstige Hausherr Paul mit Frau und Enkel im Garten (1972): Mit dem Mauerfall kam auch für die Familie die Wende.

Mit dem Mauerfall kam auch für die Familie auf der Westseite an der B 248 die Wende – schleichend, aber stetig. Im November vor einundzwanzig Jahren, als sie gemeinsam das Ereignis im Fernsehen verfolgten, dachte noch keiner aus der Familie daran, dass auch sie auf dem Westen der Mauer davon betroffen sein werden. In Gegenteil: Sie waren wie die meisten euphorisch, fuhren drei Tage nach der Grenzöffnung mit ihrem weißen Kadett in die ehemalige DDR. Ihr Ziel: die Stadt Salzwedel in Sachsen-Anhalt. "Das war damals für mich ziemlich unheimlich", sagt Regina Rathje lächelnd. "Man wusste ja gar nicht, was da drüben ist. Als Kinder wurden wir immer weggeschickt."

Die Veränderungen machten sich binnen weniger Monate auch im direkten alltäglichen Umfeld bemerkbar. Mittwochs, wenn es die Sonderangebote gab, war ein Besuch bei ALDI unmöglich: "In drei Reihen standen die Ostdeutschen vor der Tür. Morgens um sieben gab es schon keine Einkaufswagen mehr", erzählt Günter.

"Stinkbomben" verpesteten auf einmal die Luft

Der Rotklinker heute: Geschätzte 200 bis 300 Lastwagen brettern täglich am Haus vorbei.

Auch der Verkehr auf der B 248 wurde immer dichter. Vor allem Trabbis, "die Stinkbomben", wie Regina sie nennt, flitzten nun häufig am Haus vorbei. Auch LKW-Fahrer entdeckten die Strecke vom Norden Niedersachsens in Richtung Salzwedel, Magdeburg und Berlin für sich - besonders nach Einführung der Maut. Geschätzte 200 bis 300 Lastwagen brettern täglich am Haus vorbei. Weil das nur 15 Meter hinter dem Ortsschild liegt, rasen die meisten mit 70 km/h auf dem Tacho vorbei. Dann wackelt der ganze Rotklinker von den Vibrationen der Laster. Im einst ruhigen Garten zu sitzen und sich zu unterhalten ist fast nicht möglich.

Wegziehen wollen Regina und Günter trotzdem nicht. In den letzten Jahrzehnten haben sie sich hier ein schönes Heim eingerichtet. Auch den Autolärm hören die beiden kaum noch. Und: Langsam nähert das Ehepaar sich einem Alter, in dem das Gehör nachlässt. Dann ist es auch an der Bundesstraße 248 irgendwann wieder ruhig.

Text: Roxana Wellbrock Fotos: Roxana Wellbrock; privat
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