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Beginenhof: Ein Haus für viele Frauen

Kreuzberg
© yotily / Shutterstock
Aufeinander achten, da sein für den anderen - im Beginenhof in Berlin- Kreuzberg hat jede Frau viel Platz zum Leben und ist trotzdem nicht allein.

Ein sonniger Nachmittag im April, mitten in Berlin. Astrid Osterland pflanzt im Vorgarten des Beginenhofs Sonnenblumen und spielt zwischendurch mit Kater Hieronymus. Nachbarinnen kommen vorbei, bleiben stehen, plaudern. Die 60-Jährige hat die Wohnung mit der Terrasse im Parterre links - ideal für spontane gemeinsame Kaffeepausen in der Sonne.

Die Frauen, die hier wohnen, sind von Anfang 40 bis 75 Jahre alt. Was sie verbindet: Sie wollten nicht länger ganz allein leben - in Berlin, wo rund 600 000 Frauen als Singles gezählt werden. Sie wollten eine eigene Wohnung, innerhalb einer lebendigen Hausgemeinschaft. Die sollte aus Frauen bestehen, in ähnlicher Lebenssituation wie sie selbst und mit Lust auf neue Kontakte und Freundschaften.

Im Beginenhof am Erkelenzdamm 51-57 in Kreuzberg haben die Bewohnerinnen das alles. Schon beim Einzug hat Astrid Osterland gespürt, dass hier keine allein gelassen wird: "Als ich mich bei meiner Nachbarin entschuldigte, weil ich schon wieder ihren Zollstock ausleihen musste, sagte sie nur: 'Aber ich bitte dich, dafür sind wir doch da.'" Als Soziologin in Göttingen hat sie lange zum Thema Gemeinschaftswohnen geforscht und konnte sich für sich selbst keine andere Wohnform vorstellen.

Der Beginenhof ist wie ein warmes Nest

Das Gebäude der Leipziger Architektin Barbara Brakenhoff fällt gleich ins Auge. Licht und elegant wirkt der 53-Parteien-Bau mit den geschwungenen Kurven. Zwischen hohen Fenstern und großzügigen Balkonen blitzen schmale bunte Glasstreifen in der Sonne. Auf dem Platz vor dem Haus stehen alte Bäume, der Landwehrkanal ist nicht weit.

Sich gegenseitig helfen, aufeinander achten, da sein für den anderen - das Haus ist wie ein warmes Nest, in dem jede Frau viel Platz für sich selbst findet und trotzdem nie einsam ist. Jeweils vier Frauen teilen sich den begrünten "Laubengang" auf einem Stockwerk und bilden so eine Gemeinschaft. Eine Nachbarin hat immer einen Zweitschlüssel. Und jede Wohnungstür kann im Notfall auch von außen geöffnet werden, selbst wenn innen ein Schlüssel steckt. Die bewusst gewählte räumliche Nähe schafft Netzwerke. Aus Nachbarinnen werden Freundinnen, Wahlverwandtschaften entstehen. Und wenn Astrid Osterland mal verreist, braucht sie sich um Hieronymus' Betreuung keine Sorgen zu machen.

Die Idee zu der ungewöhnlichen Wohngemeinschaft hatte Jutta Kämper, die im fünften Stock ihre Wohnung hat. In den 80er Jahren betreute die ausgebildete Sozialpädagogin als Stadtplanerin Frauen- und Nachbarschaftsprojekte in Berlin. Nach dem Tod ihres Mannes zog die heute 75-Jährige ihre vier Kinder allein groß. Sie kannte viele geschiedene oder verwitwete Frauen, wusste also: Unabhängig davon, wie Frauen ihr Leben einmal geplant haben - die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann allein zurückbleiben, ist hoch. Immer wieder lernte sie Frauen kennen, die sich sehr gut vorstellen konnten, mit anderen in einer Hausgemeinschaft zu leben. Mit einigen dieser Frauen gründete Jutta Kämper 1992 den Verein Beginenwerk. Er sollte an die Tradition der holländischen Beginenhöfe anknüpfen, wo bereits im 12. Jahrhundert unverheiratete oder verwitwete Frauen in Gemeinschaft lebten. Das Ziel: ein Haus für viele Frauen. Mit der Planung beauftragten die Gründerinnen die Architektin Barbara Brakenhoff, deren Bauten für ihre "schwungvollen Farbkonzepte" bekannt sind. Ihr Credo: "Architektur soll das Lebensgefühl der Nutzer bereichern, ihrem Lebensbedürfnis ein Kleid geben." Das Grundstück in Kreuzberg wurde gewählt, weil es mittenmang liegt, wie die Berliner sagen - zentral und urban, aber doch mit viel Grün drum herum. Barbara Brakenhoff entwarf einen Komplex aus modernen Eigentumswohnungen und integrierten Gemeinschaftsbereichen: einem großen Veranstaltungsraum, einem Garten, einem Gäste-Apartment und, das i-Tüpfelchen, einer Sonnenterrasse mit einer Reihe von Hängematten auf dem Dach.

Mehr als 2000 Frauen wollten eine Wohnung im Beginenhof kaufen

Da wären Jutta Kämper und ihre Mitstreiterinnen am liebsten gleich morgen eingezogen. Doch bis dahin sollten 15 Jahre vergehen. Die Finanzierung des neun Millionen Euro teuren Baus bereitete Sorgen. Zunächst zugesagte öffentliche Zuschüsse wurden gestrichen, ein Investor nach dem anderen zog sich zurück. Jutta Kämper war kurz davor aufzugeben, da schaltete sich ihre älteste Tochter ein, Stadtplanerin in Dortmund. Durch ihre Vermittlung fand sich ein Bauträger - passenderweise aus Holland, wo es noch einige gut erhaltene Beginenhöfe gibt.

Mehr als 2000 Frauen wollten eine Wohnung im Beginenhof kaufen. Mit allen hat Jutta Kämper gesprochen und dann die Bewerberinnen herausgesucht, von denen sie überzeugt war: Die passen zu uns. Im Herbst 2007 zogen die ersten ein. "Heute läuft es fantastisch", sagt Jutta Kämper beim Tee in ihrem Wohnzimmer, nun doch ein wenig stolz. Ja sicher, 2300 Euro Kaufpreis pro Quadratmeter seien viel Geld. Am Anfang habe es auch manchmal Streit gegeben: "Einige dachten wohl, dass alle, die hier wohnen, genau so leben wollen wie sie selbst." Das stimmt natürlich nicht: Eine trocknet ihre Wäsche gern auf dem Laubengang, die Nachbarin findet das unmöglich.

Die Soziologin Astrid Osterland hatte mit solchen Schwierigkeiten gerechnet, weil sie aus ihrer beruflichen Erfahrung weiß: "Anfangs konnte fast jedes Gemeinschafts-Wohnprojekt eine Konfliktmanagerin brauchen." Auch im Beginenwerk wurden eine kurze Zeit lang zwischen einigen Streithennen nur noch anklagende E-Mails ausgetauscht. Bis die Schreiberinnen merkten, dass sie damit auch das Scheitern des Projekts riskierten. Seitdem reden sie wieder miteinander - und zwar so lange, bis endlich ein Kompromiss gefunden ist. Wie sagt Astrid Osterland so schön? "Wir müssen uns ja nicht alle lieben, wir müssen nur kooperieren können."

Das können sie jetzt, das Zusammenleben hat sich eingespielt, und die Frauen genießen es: Wer einen Tag frei hat, wird bestimmt irgendwo zum Mittagessen eingeladen. Jutta Kämper zum Beispiel hat für den Nachmittag eine Verabredung zum Kaffee bei Gabriele Garms, einer ehemaligen Lehrerin aus Fulda. Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie allein mit ihrer Tochter. Irgendwann - die Tochter war schon lange aus dem Haus - stellte sie sich die Frage: Will ich hier wirklich alt werden? Durch Zufall lernte sie auf einer Veranstaltung Astrid Osterland kennen. Sie erzählte von der neuen Frauen-Wohnanlage in Berlin, in die sie bald ziehen würde. Die beiden Frauen freundeten sich an, und für Gabriele Garms war bald klar: "Ich ziehe auch nach Berlin."

Allein ist sie seitdem nur noch, wenn sie es will. Im Gemeinschaftsraum, den die Bewohnerinnen auch "unseren Salon" nennen, ist immer etwas los: dienstags Tanzkurs, mittwochs Qi-Gong, demnächst wieder ein Treffen des Literaturkreises - und der Jour fixe, an dem alle Bewohnerinnen Fragen diskutieren, die das Zusammenleben betreffen. Hier finden auch die Diskussionsabende statt, an denen jede der Gemeinschaft Vorschläge machen und auch sagen kann, was ihr nicht passt. Manchmal sitzen die Frauen bis spät in die Nacht zusammen. Über das Thema "Hausordnung" haben sie sich gleich mehrmals die Köpfe heißgeredet: Brauchen wir das überhaupt? Was muss geregelt werden? Was ist selbstverständlich? Die meisten waren ja gerade stolz darauf, dass im Beginenhof jede nach ihrer Fasson leben kann. Man muss auch nicht alleinstehend sein. Zwei Frauen wohnen mit ihren Ehemännern hier, eine mit ihrem 18-jährigen Sohn. Bedingung ist nur, dass die Wohnung einer Frau gehört.

Im Beginenhof steht eine für die andere ein

"Ich finde toll, dass es hier so ganz ohne Dogmen abläuft", sagt Hilde Heringer, die im gleichen Stockwerk wie Jutta Kämper wohnt. Sie war Anfang 2000 nach Berlin zurückgekehrt: Nach der Trennung von ihrer Lebensgefährtin, mit der sie ein Frauen-Freizeitheim in der bayrischen Provinz geführt hat, wollte sie unbedingt wieder in die Stadt. Beim ersten Kennlerntreffen mit den potenziellen Mitbewohnerinnen fand Hilde Heringer die anderen noch etwas bürgerlich. Doch längst hat die 60-Jährige sich mit vielen angefreundet. Und als sie vor eineinhalb Jahren die Diagnose Brustkrebs bekam, "da merkte ich erst, wie gut wir hier alle vernetzt sind". Sie spürte die Anteilnahme und die Bereitschaft, füreinander da zu sein - auch in schlechten Zeiten. Wenn zum Beispiel eine der als "aktiv" geltenden Hausbewohnerinnen mehr als einmal nicht beim Jour fixe auftaucht, wird sofort der "Hausfunk" aktiv: "Ist die Esther eigentlich noch im Urlaub? Oder hat sie erzählt, dass sie heute was anderes vorhat?"

Carola Brückner gehört mit 46 zu den Jüngsten im Beginenhof. Die promovierte Historikerin ist Single und wollte eigentlich zusammen mit Freunden ein Haus kaufen. Doch als ständig etwas dazwischenkam, zog sie kurzerhand am Erkelenzdamm ein - und hat es bis heute nicht bereut. Zur Zeit schreibt sie mit anderen "Beginen" an einem Hauskrimi. Und man spürt schon, wenn sie davon erzählt, wie sehr sie das Leben hier mag. Mit das Schönste war für sie, dass sie den Grundriss ihrer Eigentumswohnung mitbestimmen konnte. Deren Herzstück ist die offene, ganz in Weiß eingerichtete Küche. Ihr Lieblingsplatz. Mit einigen Freundinnen aus dem Haus trifft sich Carola Brückner zweimal in der Woche zum Kochen, Essen und Reden - immer reihum. "Das wäre mir früher in meinem Workaholic-Alltag garantiert zu viel gewesen." Aber wenn man für eine Einladung nur zwei Stockwerke höher laufen muss, geht man hin. "Und bei diesen tollen Nachbarinnen muss ich fast aufpassen, dass ich noch genügend Zeit für meine alten Freunde draußen finde."

Jutta Kämper könnte sich eigentlich zufrieden zurücklehnen. Ihre Vision ist Wirklichkeit geworden. Doch das reicht ihr nicht. Im vergangenen Jahr war sie wieder auf Grundstückssuche, auf ihrem Fahrrad. Im Stadtteil Friedrichshain wurde sie fündig. Dort wird bald ein zweiter Beginen-Komplex entstehen. Denn Jutta Kämper ist überzeugt: So wollen noch ganz viele Frauen leben.

Adresse Beginenhof

Beginenwerk Jutta Kämper Erkelenzdamm 51, 10999 Berlin Telefon 030/615 91 77 info@beginenwerk.de Offizielle Website

Text: Lisa Stocker

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