Darum sind Berührungen so wichtig

Wie oft hast du heute das Display deines Handys berührt? Und wie oft einen Menschen? Nie hatten wir weniger Körperkontakt als heute. Dabei sind Berührungen so wichtig wie Nahrung, Wasser oder Schlaf. Wir können nicht ohne sie. 

Manchmal muss es ein Stück Torte sein. Andere brauchen Pommes mit Majo. In jedem Fall: Wir spüren, wenn wir hungrig auf etwas sind, was unserer Seele kurzzeitig guttut. Und wir verleugnen diesen Hunger nicht, wir stillen ihn ebenso wie den auf knackiges Gemüse. Wir trinken, wenn wir durstig sind, wenn wir müde sind, schlafen wir, und wenn wir darauf achten, merken wir auch, wenn unser Körper Bewegung braucht.

Skin Hunger

Einem anderen Verlangen jedoch gehen wir aus dem Weg, schlimmer noch: Wir spüren meist nicht einmal, dass es existiert. Dabei ist all das, was wir Umarmen, Kuscheln, Herzen und Streicheln nennen, ein ebenso körperliches Bedürfnis wie Essen, Trinken und Schlafen. Unsere Haut hungert nach Berührung. "Skin Hunger" nennen Experten unsere Sehnsucht nach Körperkontakt mit anderen Menschen – fern von Sex oder Erotik. "Unsere Kultur will das oft nicht wahrhaben", sagt Psychologe Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungs­labors der Universität Leipzig. "Aber Berührungen haben für Lebewesen einen Stellenwert wie die Luft zum Atmen. Der Mensch kann ohne Geschmackssinn leben, ohne Gehör, sogar ohne Augenlicht. Aber er bleibt nicht gesund, wenn ihm der Körperkontakt genommen wird."

Unsere Haut enthält Millionen von Berührungsrezeptoren. Von ihnen aus senden Nervenbahnen Signale ans Gehirn. Bei sanftem, wohltuendem Körperkontakt produziert unser Gehirn Oxytocin. Dieses Glücks- und Bindungshormon verringert den Blutdruck, verlangsamt Herzschlag und Atemfrequenz und baut Stresshormone ab. Deshalb fühlen wir uns nach einer Streicheleinheit oder einer Umarmung beruhigt, zufrieden, zuversichtlich. Bei stillenden Müttern wirkt Oxytocin als emotionales Bindungsmittel zum Neugeborenen. Und auch das verbindende Gefühl zum Partner nach dem Sex wird durch einen Oxycotinschub ausgelöst.

Schon eine kurze, zugewandte Berührung lässt uns uns wohler fühlen. Eine der ältesten Versuchsanordnungen zu dem Thema ließ eine Kellnerin ihre Gäste vor dem Bezahlen kurz freundlich an den Arm fassen – ihr Trinkgeld war stets höher als das ohne Berührung. "Körperkontakt", sagt Haptikforscher Grunwald, "ist ein Lebensmittel." Nur Neugeborene, die regelmäßig liebevoll berührt werden, entwickeln sich optimal. Angenehme Hautreize lassen ihr Gehirn reifen und Wachstumshormone ausschütten. Auch größere Kinder brauchen die körperliche Nähe ihrer Eltern, um sich angenommen zu fühlen und zu selbstbewussten Persönlichkeiten zu entwickeln.

Jeder möchte mal in den Arm genommen werden

Ich sitze in einem Café. Draußen vor dem Fenster stehen zwei junge Männer mit ihren Töchtern im Grundschulalter. Die Väter plaudern, die Mädchen schmiegen sich an sie. Als eins der beiden unruhig wird, legt ihr Vater ihr beruhigend die Hand in den Nacken und krault sie. Eine tiefe Sehnsucht in mir hebt den Kopf. Hat mein Vater mich jemals gestreichelt? Ich kann mich nicht erinnern.

Das haben viele Kinder von Kriegskindern erlebt: Sie sind in Frieden und Wohlstand aufgewachsen, aber sie wurden kaum in den Arm genommen. Ihre Väter haben häufig weitergegeben, was sie selbst als Tugend erlernt haben: zäh und hart zu sein. Zärtlichkeit galt und gilt vielen von ihnen als Schwäche. Ihre Kinder, wir Kriegsenkel, sind oft bedürftiger nach körperlicher Zuneigung, als wir uns eingestehen.

Doch der Hunger nach Berührung trifft alle Generationen. Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität Dresden haben in einer Berührungsstudie gerade erstmals präzise Zahlen für Deutschland ermittelt: Über 72 Prozent der Studienteilnehmer*innen zwischen 18 und 56 Jahren sehnen sich nach mehr Umarmungen, Streicheln, Küssen, aber auch zufälligem Berühren und Händeschütteln, als sie in der Woche zuvor tatsächlich erhalten haben.

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Social-Media macht uns einsamer

Das passt zu den Ergebnissen der aktuellen Einsamkeitsstudie des Instituts der Deutschen Wirtschaft: Etwa jeder zehnte Deutsche leidet unter zu wenig sozialem Kontakt. Am stärksten sind Menschen um das 35. und ab dem 60. Lebensjahr betroffen. Die Forscher sind unsicher, welche Rolle das Internet dabei spielt. Amerikanische Kollegen dagegen sehen in ihren Studien einen klaren Zusammenhang: Je mehr Zeit wir auf Social-Media-Kanälen verbringen, umso einsamer fühlen wir uns.

Das Internet macht es leicht, die Sehnsucht nach physischem Kontakt zu verlagern. Virtuell können wir täglich unbekannten Menschen näherkommen – in Foren, Gruppen oder Chats. Wir können uns aufgehoben fühlen in einer weltweiten Gemeinschaft. Nur anfassen können wir einander dabei nicht. Laut einem US-Marktforschungsinstitut berührt der durchschnittliche Smart­phone-Nutzer sein Handy rund 2600-mal am Tag. Fragt sich nur: Wie oft berühren wir einen anderen Menschen?

Sind wir zu faul geworden, um zu berühren?

Wenn man bedenkt, dass in Deutschland über 40 Prozent der Einwohner allein leben, in Großstädten sogar knapp über 50 Prozent, möchte man die Zahl lieber nicht wissen. Selbst in festen Beziehungen nimmt liebevoller Körperkontakt mit der Dauer ab: Jungverliebte streicheln sich viermal so oft den Kopf wie ältere Paare. Sind wir zu faul geworden, um zu berühren? Strengen wir uns zu wenig an, um berührt zu werden? Ein Grund könnte darin liegen, dass wir Körperkontakt mit Zuneigung verbinden – und die einzufordern, scheuen wir uns.

Eine Vernissage in einer kleinen Galerie. Viele junge Menschen und ein alter Mann. Ich kenne ihn flüchtig, er wohnt allein in der Nachbarschaft und freut sich oft über die Kunst und das Getümmel hier. Wir sprechen über die Bilder, dann wird er abgelenkt. Neben uns nehmen sich zwei junge Frauen innig in die Arme. Er lächelt versonnen. "Ach, wie schön", sagt er. "Sich einfach so halten. Das möchte ich auch mal." Ich zögere kurz, dann umarme ich ihn. Ich überstehe den Moment, indem ich mich eigenartig dabei fühle, und lasse die Umarmung dauern. "Danke", sagt er anschließend. "Das habe ich lange nicht gehabt."

Oft fällt es uns leichter, mit Worten zu berühren. Wenn wir ratlos oder traurig sind, suchen wir etwas, was unseren Gepflogenheiten entspricht: einen Menschen, der zuhört und zuspricht. "Gespräch ist gegenseitige distanzierte Berührung", brachte Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach es auf den Punkt. Doch erst dann, wenn unser Gegenüber unsere Hand hält oder den Rücken streichelt, fühlen wir uns wahrhaftig gewärmt, gelöst und beruhigt. Unsere kulturellen Spielregeln machen genau das leider nicht gerade einfach. Körperliche Nähe scheint uns riskant. Aus Angst, übergriffig sein, verzichten wir lieber auf spontane Umarmungen oder ein mitfühlendes Streicheln – und das nicht erst seit der "me too"-Debatte, die zumindest Männern neue Grenzen aufgezeigt hat.

Professionelles Kuscheln

Nicht ohne Grund explodiert der Markt für Wellnessmassagen. Sie sind ein akzeptiertes Mittel, sich gegen Bezahlung Berührung zu sichern. Dass therapeutische Massagen selbst gegen Depressionen helfen, ist längst belegt. Dennoch können professionelle Hände nicht jede Sehnsucht stillen. "Kuscheln. Sich aus einem Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit an jemanden schmiegen", definiert der Duden. Kuscheln jedoch fehlt in vielen Partnerschaften, stellten der New Yorker Sexualtherapeut Reid Mihalko und die Paarberaterin Marcia Baczynski bereits 2004 fest. Um Paaren zu helfen, sich wieder zwanglos zu berühren, luden die beiden sie zum therapeutischen Gruppenkuscheln ein. Die "Kuschelpartys" verbreiteten sich schnell in den USA.

Auch in Deutschland ist organisiertes, professionelles Kuscheln mit Fremden keine Seltenheit mehr. In fast jeder größeren Stadt gibt es Kuscheltherapeuten, die durch regelmäßigen Körperkontakt helfen wollen, sich wieder selbst wahrzunehmen, zu vertrauen und die Angst vor Nähe zu überwinden. "Eigene Grenzen spüren und ausdrücken, spielerisch mit Nähe und Distanz umgehen", wirbt die Hamburger "Kuschelzeit" für ihre Partys. "Liebevolle und herzliche Berührungen ohne Hintergedanken fördern ein Gefühl von Geborgenheit und Angenommensein." Solche Veranstaltungen sind moderierte Zusammenkünfte mit Übungen zur behutsamen Annäherung – um Raum zu geben fürs Haarekraulen, Rückenmassieren, Einanderhalten oder -streicheln.

Absurd? Überhaupt nicht, findet Experte Grunwald: "Man öffnet eine hauseigene Apotheke, wenn man sich gegenseitig Berührung spendet", sagt er. "Bei wohlmeinendem Körperkontakt, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort stattfindet, ist es fast egal, wer uns berührt. Wir müssen den anderen nicht kennen. Nur die Grundbedingungen, die Schutzbedingungen müssen stimmen."

Berührungen können versöhnen

Ein Familientreffen. Ich fürchte mich etwas davor, es liegen einige ungeklärte Konflikte in der Luft. Wir umarmen uns zur Begrüßung, drücken uns, geben Wangenküsse. Kleine, große Gesten, wir geben uns Wärme, trotz der unterschwelligen Spannungen. Den ganzen Nachmittag lang berühren wir uns spielerisch: hier ein Schulterklopfen, da ein kurzes Rückenstreicheln. Ich fühle mich friedlich und aufgehoben, die Harmonie ist spürbar und versöhnt uns.

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Rebecca Böhme sieht professionelle Kuschelangebote kritisch. "Ein wirklich grundlegender Effekt zeigt sich nur, wenn Berührung und Nähe Teil unseres Alltags sind." Böhme forscht seit Jahren über soziale Interaktion. "Der Sinn von Oxytocin ist, dass wir uns an jemanden gebunden fühlen. Mit Personen, die ich fürs Kuscheln bezahle oder organisiert treffe, geht das nicht. Berührungen von Menschen, die einem nahestehen, werden immer mehr Bedeutung haben als Kuscheleinheiten mit Fremden." Sie plädiert dafür, das liebevolle und herzliche Berühren unserer Mitmenschen ganz bewusst einzuüben. "Aber nicht bloß als Punkt auf unserer Wellnessliste, nach dem Motto ‚Yoga, Smoothie, Achtsamkeitstraining und einen Freund streicheln: erledigt, nun bin ich glücklich und erfüllt.‘"

Den ersten Schritt machen

Mit der Gemüsefrau auf dem Wochenmarkt plaudere ich seit Jahren während des Einkaufs über das Auf und Ab des Lebens. Nach einer längeren Krankheit schleppe ich mich zum ersten Mal wieder zu ihrem Stand. Als sie mich kommen sieht, eilt sie hinter ihrer Auslage hervor und fasst meine Hand. "Ach!", sagt sie, "Ich war in Sorge um Sie. Wie geht es Ihnen?" Sie hört zu, fragt nach, und streicht dabei über meine Hand – bis ich federleicht bin.

"Wir müssen es wieder lernen", sagt Böhme, "mit kleinen Schritten: jemandem beim Bedanken die Hand auf den Arm legen, sich ein wenig länger oder fester umarmen als gewöhnlich." Wir brauchen nicht gleich im Galopp die ganze Welt umarmen. Aber wir können andere und uns ein wenig glücklicher machen, wenn wir beginnen, den Hunger nach Berührung behutsam zu stillen.

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BRIGITTE WOMAN 03/2020

Wer hier schreibt:

Sylvia Heinlein
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