Moralische Werte: Was ist uns heute wichtig?

Gibt es das noch: Moralische Werte, die wir alle teilen? Familie, Freundschaft, Respekt, Gerechtigkeit. Oder gelten heute ganz andere Maßstäbe?

Wir können einmal, dreimal, fünfmal heiraten - oder gar nicht. Wir können mit Männern schlafen oder mit Frauen - oder mal so, mal so. Wenn wir ins Theater gehen, können wir das im Abendkleid tun oder in Jeans. In unserer Gesellschaft ist fast alles erlaubt. Sind wir deshalb frei? Es gibt sie nicht mehr, diese Kommandos aus dem gesellschaftlichen Irgendwo, zu dessen Sprachrohr sich die eigenen Eltern einst machten mit ihrem nervtötenden "Das tut man nicht". Und nun? Es gibt nicht mehr viel, zu dem wir Nein sagen müssen. Das ist gut. Aber es zwingt uns, herauszufinden, wozu wir Ja sagen wollen. Was ist uns etwas wert? Wir leben rasant, und wer die eigene Leistungsfähigkeit nicht ebenso schnell erweitern kann wie die Computerhersteller die Speicherkapazitäten ihrer Chips, der kommt nicht mehr mit. Wir sind in Konkurrenz. Jeder mit jedem. Mit den Kollegen um Jobs. Und mit der Welt: Viele Millionen sind uns auf den Fersen oder schon an uns vorbei. Wegen unserer Arbeitsplätze müssen wir Städte wechseln, Länder. Wir bleiben nicht lange. Freundschaften? Beziehungen? Funktionieren oder eben nicht. Werte? Wertvoll scheint nur, was sich in Geld ausdrücken lässt. In Euro oder Dollar, das ist egal.

Auf der anderen Seite schaffen es Benimm-Ratgeber auf Bestseller-Listen, und junge Paare heiraten wieder - am liebsten in Weiß. Sind wir auf dem Weg zurück in die 50er? Oder ist das Ausdruck einer Sehnsucht nach Halt und Form in einer Gesellschaft, deren moralische Werte verfallen? Einer Gesellschaft, in der Unternehmen ihre Mitarbeiter entlassen, obwohl sie Milliardengewinne einfahren. In der Jugendliche per Handy filmen, wie sie Mitschüler quälen. In der das Wort "Gutmensch" ein Schimpfwort ist und "Ich sag das mal ganz wertfrei" Ausdruck einer angebrachten Distanz zu allem und jedem. Wenn da nur diese Sehnsucht nicht wäre. Diese Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe, nach echten Gefühlen und Menschen, die anständig miteinander umgehen. Nach Familie und Zeit für sich und andere. Sehnsucht nach der Freiheit, Dinge zu tun, auch wenn sie kein Geld bringen. Und dieses Bedürfnis, darauf vertrauen zu können, dass die anderen es gut mit uns meinen. Vertrauen. Dass unser Auto wirklich so kaputt ist, wie der Mann von der Werkstatt es behauptet. Dass das Pflegeheim, in das wir unsere Mutter schweren Herzens geben, so gut ist, wie die Leiterin es uns verspricht. Wir wollen vertrauen. Denn es strengt unendlich an, immer und überall Angst davor zu haben, übers Ohr gehauen zu werden.

Viele Menschen spüren erst mit zunehmendem Alter, dass ihnen moralische Werte wie diese etwas bedeuten. In jungen Jahren sind wir oft zu beschäftigt mit Karriere und Geldverdienen, um uns nach dem tieferen Sinn der Dinge zu fragen. Manchmal lehrt uns das Leben auf schmerzhafte Weise, was wichtig ist. Indem es uns krank werden lässt oder uns einen lieben Menschen nimmt und so alles infrage stellt. Diese Einschnitte können Anlass sein, mehr nach den eigenen Gefühlen zu leben und den Mut zum eigenen Wertesystem zu finden.

Aber auch weniger dramatische Wendepunkte können das auslösen. Nicht mehr arbeiten zu müssen ist so ein Zeitpunkt, sich zu fragen: Was will ich wirklich? Was ist mir etwas wert? Und wer Kinder hat, ist immer wieder mit der Frage konfrontiert: Welche Werte wollen wir weitergeben? Sohn oder Tochter sollen schließlich bestehen in dieser Welt. Sollen wir sie lehren, ihre Ellenbogen einzusetzen oder an die Schwächeren zu denken? Sollen wir auf die politisch aktive Tochter stolz sein oder ihr alles verbieten, was den Studienabschluss verzögern könnte?

Fragt man Wissenschaftler, so machen sie uns Mut, zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens Werte zu pflegen. Sie zeichnen von unserer Gesellschaft ein übrigens ganz annehmbares Bild. Der Kulturwissenschaftler Professor Nico Stehr beispielsweise erkennt eine "Moralisierung der Märkte". Weil unsere Grundbedürfnisse wie Essen und Bildung weitgehend erfüllt sind, stellen wir uns so luxuriöse Fragen wie "Ist mein Kaffee fair gehandelt?". Und so sehen die meisten seriösen Wissenschaftler unsere Gesellschaft auf einem guten Weg. Der Soziologe Professor Helmut Klages sieht uns Deutsche so: als Menschen, die Freiheit und Selbstbestimmung schätzen, sich nicht mehr alles diktieren lassen, dabei aber durchaus uneigennützig denken und stärker als früher den eigenen Vorstellungen vom Glücklichsein folgen. Dabei gehen sie ganz undogmatisch mit Werten um. Es zählt, was dem individuellen Glück hilft. Bei jungen Menschen stehen beispielsweise Disziplin und Pfl ichtbewusstsein hoch im Kurs. Die Shell-Jugendstudie beschreibt diese Generation als ehrgeizig und pragmatisch. Die jungen Frauen wollen Beruf und Familie. Das ist schwierig? "Dann muss ich mich eben noch etwas mehr anstrengen", sagen sie.

Auch Sylvia Schenk, Deutschland-Chefin der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, beobachtet, dass die Ansprüche der Gesellschaft an Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft steigen. Die ehemalige Leistungssportlerin und langjährige Stadträtin von Frankfurt findet es ermutigend, dass Manager sich heute viel stärker für ihr hohes Einkommen rechtfertigen müssen und dass auf Korruption öffentlicher Druck folgt. Sylvia Schenk: "Die Menschen fragen sich, was eigentlich wirklich zählt." Denn sie haben gemerkt: Geld allein ist es nicht.

Zum Weiterlesen Frank Ochmann: "Die gefühlte Moral: Warum wir Gut und Böse unterscheiden können" (316 Seiten, 19,90 Euro, Ullstein) Liz Mohn u. a. (Hrsg.): "Werte: Was die Gesellschaft zusammenhält" (256 S., 20 Euro, Bertelsmann Stiftung) Johannes Eckert: "Lebe, was du bist" (120 Seiten, 12,95 Euro, Kösel)

Zwei Frauen über moralische Werte: "Ich helfe gern"

Die Schülerin Julia Kathrin Koch, 19, engagiert sich ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz "Vor sieben Jahren suchte das Rote Kreuz Schülersanitäter. Das fand ich gleich toll. Wir wurden in Erster Hilfe ausgebildet, und wenn irgendwo an der Schule etwas los war, wurden wir gerufen. Daraus ist inzwischen viel mehr geworden: Ich leite eine Gruppe beim Jugendrotkreuz und bin in der Bereitschaft des Deutschen Roten Kreuzes. Wenn in Hamburg große Veranstaltungen stattfinden, dann sind wir dabei - falls etwas passiert. In meiner Klasse finden viele es toll, wie ich mich engagiere. Aber es gibt auch welche, die können nicht verstehen, dass ich mich so viel für andere einsetze, ohne Geld damit zu verdienen. Aber wir bekommen schließlich die Ausbildungen und die Uniform vom Kreisverband bezahlt. Und mir macht die Arbeit Spaß. Außerdem helfe ich gern. Schon früher kamen oft Freunde zu mir, die Probleme hatten. Ich war dann einfach für sie da. Dieses Helfen ist mir ein sehr wichtiger Wert. Daneben bedeuten mir Freundschaften und meine Familie extrem viel. Ich habe Freunde vom Handball, vom Roten Kreuz, aus der Schule und einige aus meiner Kindheit. Ich möchte in diesem Jahr mein Fachabitur schaffen, und dann mache ich erst mal ein Freiwilliges Soziales Jahr im Betriebskindergarten eines Krankenhauses. Da will ich einerseits helfen, andererseits aber auch schon mal das Arbeitsleben kennen lernen. Ich möchte später gern Gesundheits und Krankenpflegerin werden."

"Ich versuche, offen und unvoreingenommen auf andere zuzugehen"

Meike Slaby-Sandte, 37, ist Etikette-Beraterin. Sie gibt Kurse in Unternehmen, für Erwachsene, Kinder und Jugendliche "Dass so viele Menschen Etikette-Kurse besuchen und Benimm-Ratgeber lesen, hat meines Erachtens nichts mit einem Wertewandel, sondern eher mit Pragmatismus zu tun. Die Leute kommen zu mir, weil sie die Spielregeln des Umgangs kennen lernen wollen. Viele von ihnen sind beispielsweise im Job gerade aufgestiegen oder bereiten sich darauf vor. Sich auszukennen gibt einfach eine Souveränität, die es einem bei offiziellen Anlässen leichter macht. Und natürlich ist es auf dem heutigen Arbeitsmarkt gut, den anderen eine Nasenlänge voraus zu sein. Auch die Eltern, die ihre Kinder bei mir anmelden, wollen keineswegs zurück zu Knicks und Matrosenanzug. Sie möchten, dass ihre Kinder lernen, sich sicher und selbstbewusst zu verhalten. Mein wichtigster Wert ist übrigens, offen und unvoreingenommen auf andere zuzugehen. Das versuche ich auch zu vermitteln. Ich selbst muss mich dabei hin und wieder noch zur Ordnung rufen. Beispielsweise bin ich ungeduldig mit Hundebesitzern, die die Hinterlassenschaften ihrer Tiere auf Spielplätzen liegen lassen. Ich muss mich dann zwingen, freundlich und dennoch bestimmt auf sie zuzugehen. Aber ich spreche umgekehrt auch Leute an, die den Hundekot einsammeln, und sage ihnen, wie gut ich das finde. Die sind dann ganz positiv überrascht."

Text: Sandra Wilsdorf Fotos: iStockphoto, Eva Häberle
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