Die Heidi-Connection

Sie ist schwer krank. Sie kann nicht mehr sprechen, ihr Bett nicht mehr verlassen. Aber sie hat viele Menschen, deren helfende Hände sich liebevoll um sie kümmern. Freunde fürs Leben - und fürs Sterben.

Es ist einer dieser Tage, an denen das Leben nur aus Leichtigkeit zu bestehen scheint. Aus Sonne, Lachen und Erdbeerbowle. Die Stimmung in der alten Hildesheimer Villa könnte nicht besser sein. 16 Menschen reden munter durcheinander, erzählen von Kindern und Enkeln und tauschen Erdbeer-Rezepte aus. Die Gastgeberin ist zufrieden. Genau so hatte sie sich dieses Erdbeerfest gewünscht. Als Dankeschön für ihre Freunde. Aufrecht sitzt sie mit sorgfältig nach hinten geföhnten schulterlangen Haaren in ihrem Rollstuhl und strahlt in die fröhliche Runde. Wie schön, dass sich alle so gut verstehen. Alle, denen sie so viel zu verdanken hat.

Zweieinhalb Jahre funktioniert sie jetzt schon, die "Heidi-Connection", wie alle dieses Netzwerk scherzhaft nennen. Ein Netzwerk aus lieben Menschen, die eines verbindet: die Sorge um die Frau im Rollstuhl, um Heidi. Ihren Nachnamen möchte Heidi nicht genannt haben, aus Angst, jemand könnte ihre Situation ausnutzen. Die 67-Jährige leidet an amyotropher Lateralsklerose, ALS, einer Nervenkrankheit, bei der die für die Motorik zuständigen Zellen in Gehirn und Rückenmark nach und nach absterben. Die Muskeln verkümmern, Lähmung breitet sich aus, irgendwann versagt die At mung. Dass die frühere Buchhändlerin trotzdem zu Hause leben kann, verdankt sie allein ihren Freunden.

"Ich hätte kein gutes Gewissen, wenn ich nicht helfen würde", sagt Renate, 75. Seit über 40 Jahren ist die ehemalige Krankenschwester mit Heidi befreundet. Noch heute erinnert sie sich gut an den Eindruck, den sie von ihr hatte, als sie das erste Mal ein Buch bei ihr kaufte: Groß war sie, elegant und unheimlich belesen. Früher wohnten die beiden Frauen im gleichen Stadtteil, gingen gemeinsam mit ihren Kinderwagen spazieren. Später feierten sie regelmäßig mit anderen Paaren ihre Geburtstage, trafen sich zum Doppelkopf-Spielen und fuhren zusammen in den Urlaub. "Wir waren eine tolle Truppe", sagt Renate in leicht sächsischem Tonfall. Bis heute hat diese Verbindung gehalten. Als sie von der schweren Krankheit erfuhren, war für die Freunde klar: Wir sind für Heidi da.

"Im ersten Jahr war es ihr engster Freundeskreis, der sich um sie kümmerte", sagt Renate. Je mehr Heidi auf Hilfe angewiesen war, desto mehr Helfer kamen dazu. Jeder trägt sich selbst in einen Plan ein, den Tochter Sandra kontrolliert. Fällt jemand aus, organisiert sie Ersatz oder springt selbst ein. Vier bis fünf Helfer pro Tag kochen für Heidi, helfen ihr beim Essen, lesen ihr vor oder sind einfach nur da, leisten ihr Gesellschaft. Freunde, Bekannte, Nachbarinnen, ehemalige Kolleginnen, frühere Kundinnen. Zusammen mit den beiden Töchtern, dem Schwiegersohn und Heidis Lebensgefährten sorgen sie dafür, dass die Kranke gut betreut ist. Nahezu rund um die Uhr, Tag für Tag. Und beweisen ihr so, dass ihre Freundschaft der Krankheit standhält.

Knapp zwei Jahre sind seit dem Erdbeerfest vergangen. Viel hat sich seitdem verändert. Schon seit Monaten liegt Heidi fast nur noch im Bett. Allein aufrichten kann sie sich nicht mehr oder sich an der Nase kratzen. Die Lähmung der Zunge lässt ihre Worte verschwimmen, zum Sprechen braucht sie inzwischen einen Sprachcomputer. An der Hilfe ihrer Freunde hat das nichts geändert. Nach wie vor sind sie gern bereit, Heidi jederzeit beizustehen, ihr Mitgefühl entgegenzubringen und ihr dabei zu helfen, ihre schwere Krankheit zu ertragen. Selbstlose Freundschaftsbeweise in einer Zeit, in der oft Gleichgültigkeit, Kälte und Egoismus vorherrschen.

Warum tun diese Menschen das? Ist es wirklich noch eine Selbstverständlichkeit, andere zu unterstützen, wie Barbara sagt, die Nachbarin, die jedes Wochenende mit Heidi frühstückt? Ist es eine Sünde, in seiner freien Zeit nicht zu helfen, wie Ingrid es formuliert, die sie an fünf Tagen in der Woche besucht? "Bei einem so schweren Schicksal spielt es auch eine Rolle, wie man vorher gelebt hat", meint Heidis Lebensgefährte Klaus, 73. Wer nie etwas für andere getan hätte, bekäme auch nichts zurück. Ihrem warmen, herzlichen Wesen hätte seine Partnerin es zu verdanken, dass sie in ihren letzten Monaten nicht allein sei.

Freundschaften waren Heidi schon immer sehr wichtig. Gern umgab sie sich mit Menschen, hatte stets ein offenes Ohr für deren Sorgen. Selbst heute nimmt sie noch am Leben anderer Anteil. "Wenn ich Heidi besuche, schreibt sie immer als Erstes 'erzähl' in ihren Computer", sagt Lina. Dann berichtet die 63-Jährige ihrer Freundin, was sich in der letzten Woche ereignet hat. "Ich vertraue ihr heute sogar intimere Dinge an als früher", gesteht die schlanke Frau mit den rötlichen Haaren. "Unsere Nachmittage tun auch mir gut. Heidi hat eine Aura, die bewirkt, dass ihr jeder gern hilft."

Sabine sieht das genauso. Vor ein paar Jahren war Heidi ihre große Stütze gewesen. "Sie war immer für mich da, als es mir sehr schlecht ging", sagt die 49-Jährige. Das möchte sie ihrer ehemaligen Kollegin zurückgeben. Jeden Donnerstag verwöhnt sie sie mit einem Schönheitsprogramm aus Gesichtsmaske, Peeling und Feuchtigkeitscreme oder schaut mit ihr zusammen einen Film an. Wenn Heidi die Augen zufallen, macht Sabine sich ihr Nachtlager auf der Wohnzimmercouch. "Das hat sich irgendwann so eingespielt", lacht die zierliche Frau in Jeans und Turnschuhen. Morgens schlüpft sie noch für ein halbes Stündchen, bis der Pflegedienst kommt, unter Heidis Bettdecke, dann macht sie ihr Frühstück. "Wenn ich zur Arbeit gehe, und sie liegt so alleine da, bin ich richtig traurig."

Momente des Abschiednehmens. Eine Belastung auch für die anderen Helfer. Das mulmige Gefühl, wenn sie nach einem Besuch bei Heidi in ihr eigenes Leben zurückkehren. Der Gedanke an die hilfl ose Freundin, der sie nicht loslässt und ihnen oft die Freude an schönen Dingen nimmt. Barbara, die im gleichen Haus wohnt, fällt es besonders schwer abzuschalten. Manchmal zieht sich ihr Herz zusammen, wenn sie von ihrer Arbeit an einer Sonderschule nach Hause kommt. Dann verharrt die 63-Jährige einen Moment vor der Tür und lauscht, ob sie Geräusche aus Heidis Wohnung hört. Wer wohl gerade bei ihr ist? Ob die Freundin gut versorgt ist? Regelrecht zwingen muss sie sich dann, zwei Stockwerke höher zu ihrer eigenen Wohnung hinaufzugehen. Und ihre Gedanken sind dann noch lange bei der Freundin. "Manchmal wache ich sogar nachts auf und denke: Jetzt liegt sie da unten", sagt sie und blickt traurig unter ihren rotbraunen Locken hervor.

Über die Literatur hat sie Heidi kennen gelernt, wie viele der anderen Helfer auch, als Kundin in der Buchhandlung und über einen Kulturkreis, den beide besuchten. Als vor acht Jahren bei ihr im Haus eine Wohnung frei wurde, zog Heidi, die gerade geschieden worden war, kurz entschlossen ein. Seitdem trafen sich die Frauen regelmäßig zum Frühstück, fuhren zum Einkaufen nach Hannover, saßen abends bei einem Glas Wein und führten lange Gespräche. "Wir waren beide allein. Da konnten wir uns gut austauschen", sagt Barbara. Das gemeinsame Frühstück am Wochenende haben sie beibehalten. Die Vertraute verliert sie Stück für Stück.

Auch Brigitte ringt um Fassung, wenn sie von früher spricht: von den Abenden, an denen die beiden Freundinnen zusammen Sekt tranken und durch die Wohnung tanzten, von den lustigen Situationen, in die sie durch Heidis Schusseligkeit gerieten, von den vielen guten Gesprächen. Über 30 Jahre ist die burschikose 70-Jährige nun schon mit Heidi befreundet. Ob über die Kinder oder ihre Ehe - mit ihr konnte sie über alles reden.

Heute verlaufen die Gespräche eher einseitig. Das Tippen der einzelnen Buchstaben in den Sprachcomputer ist mühsam für Heidi und dauert viel zu lange. Oft lässt sich das nur schwer ertragen. Und manchmal fragt sich Brigitte dann, wie lange sie noch durchhalten kann. Ob die übernommene Verpfl ichtung ihr nicht doch zu viel wird.

Zweifel an der eigenen Belastbarkeit. Fast alle Freunde haben solche Momente schon erlebt. Meist hilft dann der Austausch untereinander. Die gemeinsame Erfahrung lässt sie enger zusammenrücken.

"Irgendwann dachte ich, ich könnte einfach nicht mehr", sagt auch Ingrid. "Da hat mir Brigitte sehr geholfen." Die kannte dieses Gefühl aus eigener Erfahrung, nahm der 71-Jährigen mit dem weißen Rundschnitt den Druck, immer funktionieren zu müssen. Und gab ihr den Rat, in Ruhe zu überlegen, ob sie die Pflege weiterhin leisten könne. Es sei völlig in Ordnung, sich für eine Weile zurückzuziehen. "Letztendlich bin ich dann zu dem Schluss gekommen, dass meine Belastung in keinem Vergleich zu Heidis Leiden steht“, sagt Ingrid. Ans Aufhören hat sie danach nicht mehr gedacht.

Andere haben irgendwann aufgegeben. Sie konnten nicht länger mit ansehen, wie die Krankheit Heidi veränderte. Der Freundeskreis fängt auch das auf. Wenn einer nicht mehr weiterkann, kommt ein neuer Helfer dazu. Viele Schultern, die die Last gemeinsam tragen. "Der Einsatz ist überschaubar. Niemand muss sein eigenes Leben ganz aufgeben - anders als bei vielen Ehepaaren, wenn ein Partner pfl egebedürftig ist", sagt Lebensgefährte Klaus.

Auf einer Gartenparty vor acht Jahren stellten Freunde die beiden einander vor. Eine gemeinsame Wohnung kam für sie nie infrage. Beide hatten eine gescheiterte Ehe hinter sich und wollten lieber für sich bleiben. Jeden Abend ab 20 Uhr ist der Dozent für Kunst- und Kulturgeschichte nun bei Heidi. "Dann ist der Tag beendet, und ich kann mich ganz einbringen." Tagsüber steht für ihn sein eigenes Leben im Vordergrund. "Wenn ich nach fünf Stunden bei Heidi nach Hause komme, muss ich erst wieder auftanken, um am nächsten Tag voll da sein zu können", sagt er.

Trotzdem, so empfindet er es, ist ihre Beziehung durch die Krankheit intensiver geworden. Die Herausforderung, die sie an ihn stellt, nimmt Klaus an: "Ich habe wieder das Gefühl, dass mein Leben noch einen Sinn hat. Und natürlich setze ich mich mit der Ars Moriendi, der Kunst zu sterben, wie man es im Mittelalter nannte, auseinander." Ebenfalls ein Gewinn für ihn.

Worte wie diese sind von allen Freunden zu hören. Sie alle schätzen die Offenheit, mit der in Heidis Zimmer gesprochen wird - auch über den Tod. Von einem Bewusstseinssprung durch den unverkrampften Umgang mit dem Sterben ist die Rede, von Vorbereitung auf das eigene Ende, von innerer Reifung. Und alle sind sich einig: "Wir bekommen viel mehr zurück, als wir geben."

Bald ist wieder Erdbeerzeit. In diesem Jahr wird es kein Fest geben. Heidi hatte es sich fest vorgenommen, aber ihr fehlt inzwischen die Kraft dazu. In den Genuss von Erdbeeren käme sie ohnehin nicht mehr. Seit Monaten schon fällt ihr das Schlu cken so schwer, dass sie durch eine Magensonde ernährt wird. Doch für ihre Freunde ist klar: Sie wollen durchhalten, auch in der wohl schwersten Zeit, die jetzt vor ihnen liegt. Weiterhin einfach da sein.

Nachsatz: Heidi ist am 24. April 2009 im Kreise ihrer Familie gestorben.

Text: Kristina Gärtner Fotos: Silke Schulze-Gattermann, privat
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