Engagierte Frauen rütteln auf und verändern!

Engagierte Frauen gegen gewissenslose Konzerne, kinderfeindliche Städte, und eine Kultur, die sich kaputt spart: Diese fünf Frauen engagieren sich, statt nur zuzusehen.

Engagierte Frauen: Sie hilft jungen Künstlern, bekannt zu werden

Sabrina van der Ley, 41, Ausstellungsmacherin und künstlerische Leiterin der Berliner Messe Art Forum

Zu den Eindrücken, die ich wohl nie vergessen werde, gehört der Stand mit Bildern von Janis Avotins auf der Art Forum. Der junge Maler aus Riga kam damals frisch von der Kunstakademie, niemand kannte ihn. Binnen 25 Minuten war alles verkauft - das war sein Durchbruch. In solchen Momenten wird mir klar, was wir mit unserer Arbeit bewirken können: dass eine internationale Öffentlichkeit auf neue große Talente aufmerksam wird.

Als ich im Januar 2000 die künstlerische Leitung der Messe Art Forum in Berlin übernahm, war sie noch ein Geheimtipp für Insider. Keine ernst zu nehmende Konkurrenz für die Art Cologne in Deutschlands "Kunsthauptstadt" Köln. Durch meine Tätigkeit als Kustodin der privaten Kunstsammlung Hoffmann in Berlin wusste ich: Ein Publikum für Gegenwartskunst gibt es hier durchaus. Die gut verdienenden Enddreißiger zum Beispiel, von denen viele lieber in eine Ausstellung als in die Oper gehen. Die wollte ich gewinnen. Ihnen die Arbeiten interessanter Künstler sozusagen vor ihre Haustür bringen und dabei bewusst auch unentdeckte Talente vorstellen.

Von den Kunstmessen und aus den Galerien in Basel, Köln, Madrid, New York und aus den Hauptstädten Osteuropas brachte ich meine Entdeckungen mit nach Berlin. So wurde die Art Forum zur wichtigsten Messe für junge zeitgenössische Kunst in Europa, ein Treffpunkt für Sammler und Museumsleute aus England, Frankreich, Italien, den USA und Asien. Im vergangenen Jahr hatten wir 44 000 Besucher - so viele waren es noch nie.

Sabrina van der Ley ist seit Dezember 2008 Kuratorin für Zeitgenössische Kunst in der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle.

Engagierte Frauen: Sie zeigt anderen, wie sie gemeinsam noch stärker werden

Monika Scheddin, 47, Inhaberin einer Karriereberatungsfirma und Buchautorin*

Nicht jammern, machen, das war das Lebensmotto meiner Eltern. Mein Vater war Handwerker, meine Mutter zog uns fünf Kinder groß. Geklagt haben sie nie. Ich dagegen war bereits mit 33 Topmanagerin eines amerikanischen Softwareunternehmens mit 60 Angestellten. Ein Traumjob mit viel Verantwortung, abwechslungsreichen Arbeitstagen, einem guten Gehalt. Was mich aber mehr und mehr störte: Egal, ob ich mich mit Kunden zum Geschäftsessen traf oder mit einer Firma über Kooperationen verhandelte - ich hatte ausschließlich mit Männern zu tun. Andererseits kannte ich so viele gut ausgebildete, fähige Frauen. Aber die schafften es höchstens bis ins mittlere Management.

Zwar konnte ich in meiner unmittelbaren Umgebung gute Frauen fördern. Doch meine Vision war, möglichst viele fit zu machen für Spitzenpositionen. Ihnen die Hilfestellung zu geben, die ich früher selbst gern gehabt hätte. Und ich wollte für Frauen im Management ein Forum schaffen, in dem sie Erfahrungen austauschen und sich auch mal spielerisch mit ihrer Arbeit auseinandersetzen können.

Das allerdings war neben meiner jetzigen Position nicht zu schaffen. Und um Frauen so unterstützen zu können, wie ich mir vorstellte, musste ich noch viel lernen. Das habe ich getan - in Coaching- und Rhetorikseminaren sowie Schauspiel- und Moderationskursen. Meinen Job habe ich dafür aufgegeben. Als ich mich stark genug fühlte, bot ich Firmen ein Karrieretraining für Frauen an. Dabei kam mir zugute, dass sich viele Arbeitgeber heute mehr Frauen in Führungspositionen wünschen. Parallel zum Start meiner eigenen Firma gründete ich in München und Frankfurt Business-Clubs für Unternehmerinnen, leitende Angestellte und Freiberuflerinnen.

Anfangs habe ich kaum Gewinn gemacht. Plötzlich, im siebten Jahr, lief das Geschäft. Heute biete ich mit 15 Mitarbeiterinnen Firmenseminare und Einzelberatungen an. Das Schönste aber ist für mich, dass mein Netzwerk funktioniert. Als eine Unternehmerin aus dem Business-Club kürzlich mit ihrer Softwarefi rma pleite ging, boten eine Unternehmensberaterin und eine Anwältin sofort Hilfe an - kostenlos.

Treffen des Woman's Business Club: alle zwei Monate in München und in Frankfurt. Aufnahmegebühr für den Club: 500 Euro, Jahresbeitrag: 200 Euro. www.womans-business-club.de* "Erfolgsstrategie Networking", 275 Seiten, 16,80 Euro, Bw Verlag, aktualisierte Neuauflage 2005

Engagierte Frauen: Sie bringt Manager auf Ideen - für eine bessere Gesellschaft

Renate Krol, 56, Programmleiterin in Frankfurt für die gemeinnützige Initiative Common Purpose

Ein Fortbildungsprogramm für Führungskräfte - was denn daran gemeinnützig sei, fragen manche, wenn sie zum ersten Mal von Common Purpose hören. Es stimmt, wir sind keine soziale Organisation im klassischen Sinn. Wir leisten keine direkte praktische Hilfe, sondern setzen bei denen an, die genügend Macht und Mittel haben, um langfristig etwas zu bewirken. In unseren Programmen bringen wir Führungskräfte aus der Wirtschaft, aus Behörden und aus sozialen Einrichtungen dazu, sich gemeinsam mit gesellschaftlichen Anliegen zu befassen. Dieses Zusammentreffen von Menschen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären, ist die Basis des Erfolgs von Common Purpose. An insgesamt zehn Veranstaltungstagen lernen die Teilnehmer ihre Stadt aus einer anderen Perspektive kennen. Sie besuchen zum Beispiel Betriebe, lassen sich von Obdachlosen durch die Innenstadt führen oder gehen in eine Drogenberatungsstelle. Wenn die Manager erfahren, welche Schicksale sich oft in unmittelbarer Nähe ihrer hellen, sauberen Bürowelt abspielen, überlegen sie sofort: "Was können wir da tun?" Und da alle mit Unterstützung ihrer Firmen kommen, wird meist schnell ein Weg gefunden, an einer Stelle konkret zu helfen. Die Führungskräfte aus sozialen Einrichtungen wiederum bekommen im Gedankenaustausch mit den Wirtschaftsleuten Anregungen, das "Management" ihrer Einrichtung auch einmal anders anzugehen. Der Kontakt zwischen den Teilnehmern bleibt erhalten, nicht nur auf unseren Absolvententreffen, sondern auch unabhängig von uns.

Seit fünf Jahren bin ich bei Common Purpose - mein Traumjob. Vorher habe ich lange in den USA gelebt, bei großen Banken Karriere gemacht, dann für die US-Entwicklungsbehörde gearbeitet. Diese Zeit will ich nicht missen, aber eins hat mir immer gefehlt: Ich wollte die Welt ein bisschen besser machen. Veränderungen anstoßen, die über meine Generation hinauswirken. Das geht - man muss nur anfangen.

Common Purpose wurde 1989 in Großbritannien gegründet und ist heute weltweit an über 50 Standorten (darunter bisher fünf deutsche Städte) in 13 Ländern tätig. Die Initiative finanziert sich aus Spenden und aus den Teilnahmegebühren, die von den Arbeitgebern der Führungskräfte gezahlt werden. www.commonpurpose.de

Engagierte Frauen: Sie schafft für 160 Menschen Jobs in einer Zukunftsbranche

Dagmar Vogt, 42, Unternehmerin und führend in der Planung von Solarfabriken

Es kommt immer wieder vor, dass ich mein Glück kaum fassen kann. Vor anderthalb Jahren zum Beispiel, als ich den Preis "Mutmacherin der Nation" bekam. Ich saß sprachlos da unter 400 Festgästen, die Kameras projizierten mein Bild auf die große Leinwand, und mir schossen Bilder durch den Kopf: von meinen Anfängen in den frühen Neunzigern, meinem winzigen Büro, dem ersten Auftrag.

Damals hatte ich mich als Chemie-Ingenieurin in Berlin selbständig gemacht. Mit zehn freien Mitarbeitern entwickelte ich Abwasseraufbereitungsanlagen und Tanklager für Flüssiggas. 1998 bestellte ein Kunde eine Machbarkeitsstudie für eine Fabrik, die Solarzellen für Hausdächer produzieren sollte. Ich stamme aus Ostfriesland und bin mit der Bewegung gegen Atomkraftwerke aufgewachsen. Der Auftrag war genau das Richtige für mich!

Zwei Jahre später plötzlich der Rückschlag: Nach dem Börsencrash 2000 brachen uns die Aufträge weg, fast ein Jahr lang hatten wir kaum zu tun. Um die Krise zu überbrücken, habe ich die Gehälter meiner Angestellten aus privaten Ersparnissen bezahlt.

Heute weiß ich: Es war gut, dass ich durchgehalten habe. Ab Mitte 2002 ging es für uns wieder bergauf. Inzwischen habe ich mit meiner Firma 160 Arbeitsplätze geschaffen, in den USA und Spanien sind bereits Tochtergesellschaften entstanden, außerdem laufen Projekte in Südeuropa und Asien.

Der Preis "Mutmacher der Nation" (20 000 Euro) wird seit 2004 an kleine und mittelständische Unternehmer/innen vergeben. www.mutmacher-der-nation.de

Engagierte Frauen: Sie sorgt dafür, dass ein Wohnort zur Heimat wird

Cornelia Cremer, 53, Quartiersmanagerin im Berliner Stadtteil Marzahn Nord

Viel Asphalt und Beton, ungepflegte Grünflächen: So habe ich Marzahn Nord im Sommer 1999 kennen gelernt, als ich im Rahmen des Programms "Soziale Stadt" als Quartiersmanagerin dort anfing. 7000 der ursprünglich 30 000 Bewohner waren in den neunziger Jahren weggezogen. Der Stadtteil galt als "Problemviertel", weil jetzt vor allem Spätaussiedler aus Russland und Vietnamesen herkamen, die schlecht Deutsch sprachen. Für mich und mein Team waren diese Menschen, darunter viele junge Familien, ein Anreiz. Marzahn Nord sollte ihr neues Zuhause werden.

Unsere To-do-Liste war lang: Parks anlegen und Schulhöfe begrünen. Spielplätze modernisieren. Straßenfeste veranstalten. Kostenlose Sprachkurse an der Volkshochschule einrichten. Außerdem wollten wir erreichen, dass die obersten Etagen der hohen, erdrückenden Plattenbauten abgestockt wurden. Das bedeutete natürlich langwierige Umbauarbeiten mit viel Schmutz und Lärm - und dafür mussten wir die Bewohner erst einmal gewinnen. Immer wieder hatte ich zwischen Behörden und Bürgern zu vermitteln. Die zähen Diskussionen waren kaum zum Aushalten. Manchmal wäre ich am liebsten schreiend rausgerannt.

Gut, dass ich das nie getan habe. Durch das Abstocken sind drei- bis sechsgeschossige, freundliche Wohnhäuser mit Terrassen und Balkonen entstanden. Zwar gibt es immer noch Arbeit genug. Aber wenn ich durch den Stadtteil gehe, höre ich immer häufiger: "Schön ist es hier geworden."

"Soziale Stadt", ein Programm vom Bund und den Ländern, soll an bisher benachteiligten Wohnorten die Lebensbedingungen verbessern. Seit 1999 wurden Projekte in über 300 Städten und Gemeinden gefördert.www.sozialestadt.de

Fotos: Marcus Höhn Protokolle: Sabine Hoffmann (4), Christine Tsolodimos

Wer hier schreibt:

Christine Tsolodimos
Themen in diesem Artikel
Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.