Hütten bauen, in denen Hoffnung wohnt

Hütten bauen im ehemaligen Jugoslawien. Diese Idee entstand durch Männer, die bei "Wetten, dass...?" in 100 Stunden 100 Blockhäuser bauten.

Es war 1992, als Doraja Eberle, aufgewühlt von den Nachrichten, nach Zagreb fuhr und weiter, in brennende Dörfer im ehemaligen Jugoslawien, zu Menschen, die in Ruinen hausten, ohne Wasser, ohne Elektrizität. Tausende. Mitten im Kriegsgebiet. Diese Reise hat ihr Leben aufgerissen. Seither ist diese Frau wie die Quelle eines Flusses, der immer weiter anschwillt, der andere Menschen mitreißt und sie aktiv werden lässt.

"Bauern helfen Bauern" haben Doraja und ihr Mann Alexander Eberle vor gut 15 Jahren ihren Verein genannt, denn die ersten Spenden kamen von Landwirten. Längst sind nicht mehr nur Bauern dabei. Aber alle sind Ehrenamtliche, die ihre Zeit, ihr Geld, ihre Ideen einbringen. 2005 wurde Doraja Eberle, 54, ehemalige Sozialarbeiterin und Mutter von zwei Kindern, für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Weil der Verein "ganz klein, ganz privat, ohne Trara" arbeite, so die Begründung. Ganz anders als die großen Hilfsorganisationen. Deshalb gebühre ihr die Ehre.

"Was braucht ihr?", fragte Doraja Eberle die Menschen auf ihren Reisen. Und sie antworteten: "Ein Dach über dem Kopf." Also gut.

Die Eberles organisierten Bauholz, Helfer, Transporte. Sie hatten im Fernsehen bei "Wetten, dass...?" zufällig gesehen, wie 100 Männer es schafften, in 100 Stunden 100 Häuser zu bauen. In ihrem Garten ließen sie sich von einem der Männer zeigen, wie man so ein Blockhaus konstruiert, und dann bauten sie die Hütten in Pecnik, Zeravac, Odzak, Banja Luka, Mala Daljegosta und Srebrenica. Jedes vier mal sechs Meter, unten Wohnstube, Schlafzimmer unter dem Dach, jedes mit Ofen und mit einer Tür, jedes ein eigenes kleines Reich. Ein Anfang. Für die Ausgebombten, die Obdachlosen, die Vertriebenen. 882 Häuser stehen mittlerweile, und es kommen neue dazu. "Wenn einer sagt, ich will jetzt zurück, können wir innerhalb von Stunden helfen", sagt Doraja Eberle.

Mit ihrer Entwicklungshilfe macht Doraja Eberle den Menschen Mut.

Was an Möbeln fehlt, kommt aus Spenden. "Und schon haben die Menschen ein Zuhause." Dann hilft sie auch mit Samen für das Gemüsebeet aus oder mit einem Bienenstock. "Wir geben die Angel, den Fisch müssen sich die Menschen selbst suchen." Und dann gibt es noch die Kühe. Auch so eine ungewöhnliche Idee von Doraja Eberle: Sie kauft von Salzburger Bauern trächtige Kühe, bringt sie ins ehemalige Jugoslawien und schenkt sie den Menschen in den vom Krieg zerrissenen Dörfern. Als Startkapital, damit sie sich eine neue Existenz aufbauen können. Mit einer Auflage: Wenn ein Kalb geboren ist, muss der Bauer es weitergeben – an einen Nachbarn, der zu einer anderen ethnischen Gruppe gehört. Als Versöhnungsgeste. 15 Jahre geht das jetzt so, und das Büro der Eberles in Salzburg ist noch immer nicht mehr als der Küchentisch in der Kammer. Aber alle paar Monate rollt ein Transport. Jedes Mal sind 30, 40 Leute involviert. Und die Hälfte von ihnen sind zum ersten Mal dabei, Lehrer, Mechaniker, Arbeitslose. "Jeder von denen kennt jemanden", sagt sie, "und es gibt niemanden, der niemanden anspricht." So kommt es, dass der Strom an Spenden nicht abreißt, trotz all der anderen Katastrophen auf der Welt.

Entwicklungshilfe, die zeigt: Du bist gemeint

Alle drei Monate ist sie selbst mit dabei, zieht sich das blaue T-Shirt von "Bauern helfen Bauern" über und besucht die Menschen. Regelmäßig rollen Lkw an, voll beladen mit Bananenkartons. Auf jedem Paket steht ein Name, eine Adresse. Jedes ist gefüllt mit Lebensmitteln, Seifen, Kerzen. Aber auch mit Schuhen in der richtigen Größe für den Sohn, einer Strickjacke für die Mutter, Gummistiefeln für den Vater. Dinge, die zeigen: Du bist gemeint.

Doraja Eberles Schwester in Südtirol bittet Kinder, Samen mit zur Schule zu bringen. Ein Tütchen oder zwei kann auf dem Land fast jede Familie entbehren. Und tausende Kilometer entfernt geht dann die Saat auf: ein Beet mit Möhren, ein paar Köpfe Salat, leuchtend bunte Blumen als Zeichen, dass jemand an sie denkt. Warum Doraja Eberle das alles tut? Immer noch, obwohl ihr eigenes Leben längst schon eine andere Bahn genommen hat? Seit vier Jahren ist sie Landesrätin in Salzburg und macht für die Österreichische Volkspartei (ÖVP) Politik. Sie will den Menschen in Ex-Jugoslawien die Treue halten und bleiben, solange sie gebraucht wird. Nächstenliebe ist ihr wichtig, "weil wir letztlich daran gemessen werden, wie wir mit den Schwächsten umgehen". Ein paar Jahre bevor sie nach Zagreb aufbrach, hatte sie in Indien Mutter Teresa getroffen und sechs Wochen lang begleitet. Sie hat dort zwei Kinder adoptiert – "aus ihrer Hand empfangen", wie sie es nennt. Doraja Eberle bezeichnet sich als Christin auf holperigen Wegen, ein Heiligenschein ist ihr fern. Sie nennt auch weltliche Motive für ihr Handeln. Wut zum Beispiel. Wut darüber, dass noch immer so wenig passiert ist. "Die Menschen, die während des Krieges geflohen sind, werden zurückgeschickt und allein gelassen. Die Hilfsorganisationen stehen sich gegenseitig auf den Füßen – und unglaublich viel Geld versickert." Manchmal fragen die Leute, wie lange sie weitermachen will. "Geht es denn nicht voran?" – "Ja, es geht voran", antwortet sie dann, "da, wo wir etwas bewegen. Aber schon ein Dorf weiter wieder nicht."

Text: Cornelia Gerlach Fotos: Bauern helfen Bauern, Lies Maculan (4)
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