Kanada-Praktikum: Teamarbeit im Dauerfrost

Praktikum in einer Forschungsstation in Kanada: Bianca Bödeker lief mit sieben Freiwilligen aus aller Welt durch den Regem, schleppte Messgeräte, holte Wasser von der Quelle.

Forschen am Polarkreis: Bianca Bödeker entnimmt Frostproben

Einfach nur platt. 100 Meter langen Palsa, eine Bodenerhebung im Dauerfrostboden, auf Gesteinsschichten vermessen. In 400 Schritten. Trotz Polarkreis bei gefühlten 30 Grad plus. Messgeräte ins Feld und zurück geschleppt. Nix geht mehr. Langmachen und dösen. Das Quellwasser aus der Trinkflasche erfrischt. Jane aus England hockt neben mir. Geschafft sind wir – und haben’s wieder mal geschafft. Acht Menschen aus sechs Kulturen – in wenigen Tagen zum Team zusammengewachsen. Mit respektvoller Umsicht füreinander und gegenseitiger Hilfsbereitschaft verfolgen wir ein gemeinsames Ziel: Den Geowissenschaftler Dr. Peter Kershaw von der Universität Alberta bei der Untersuchung seiner auf 20 Jahre angelegten Langzeitstudie „Klimawandel am Polarkreis“ zu unterstützen.

Die Aufgabe in Kürze: An ausgewählten Forschungsstellen nehmen wir Proben, um zu untersuchen: Wie tief ist der arktische Dauerfrostboden hier geschmolzen? Mit Messgeräten untersuchen wir Palsas auf Gesteinslagerungen, messen die Topographie. Weitere Aufgabe: Kernbohrungen an Fichtenstämmen. Die Jahresringe geben später im Labor Aufschluss darüber, wie die globale Erwärmung das Wachstum beeinflusst. Vorweg: Alle Daten aus unseren Proben fließen in die Langzeitstudie ein und werden erst dann im Vergleich mit anderen Proben aussagefähige Ergebnisse bringen.

Eins mit der Natur

Natur pur: Für Bianca Bödeker eine intensive Erfahrung

Warten auf den Van. Und ab „nach Hause“ in die Dechen’La Lodge – unser Quartier für elf Tage. Über Steine, durch Bäche – satte drei Stunden für 15 Kilometer. Dafür rundum Berge, Täler, Natur pur. Für mich einer der intensivsten Tage der Expedition.

Mein Highlight kommt mit dem Regen an einem der nächsten Tage: Auch heute drei Stunden Anfahrt. Endlich mal wieder Bäume in Sicht. „Coring“ steht auf dem Programm. Kernbohrungen in Fichtenstämmen. Ich im Fichtenhain, mitten im nassen Moos. Wie wunderbar die feuchte Erde duftet. Beseelt bohre ich die siebte Fichte an, entziehe die 14. hauchdünne Probe aus den Stämmen. Matilda aus Australien präpariert das Stück fürs Labor. Regen rinnt übers Gesicht. Ich atme tief durch. Bin glücklich und geerdet. Hatte nie zuvor das Gefühl, so eins mit der Natur zu sein. Nasse Haare, feuchte Kleidung, erdige Hände – na und? „I’m singing in the rain“, schmettern wir auf dem Weg zurück zum Van, einem ausgedienten Schulbus.

Rückblick: Ein Tag in Hamburg, Shell Pentahof: Geschäftiges Treiben im Großraumbüro. Telefone klingeln. Mails bearbeiten. Reisen, Interviewtermine und Fotoaufnahmen arrangieren. Seit 17 Jahren verantworte ich das Tankstellenmagazin für Deutschland, seit einiger Zeit auch für Österreich und die Schweiz. Mit Spaß und Motivation. Der Job ist meine Passion. Kommunikation mein Lebenselixier. Das länderübergreifende Aufgabengebiet hat meine Neugier geweckt: auf Fremdsprachen, interkulturellen Gedankenaustausch und Voneinanderlernen. Reizen würde mich, in einer Gruppe aus vielen Nationalitäten für eine Zeit zu arbeiten und zu leben. Ob ich wohl gruppenfähig bin? Bei einem Earthwatch-Praktikum könnte ich’s ausprobieren! Zwei Wochen in der Natur! Je älter ich werde, desto mehr Energie gibt sie mir. Und die Philosophie der nachhaltigen Entwicklung, die bei Shell zu den Unternehmensgrundsätzen gehört, ist mir sehr wichtig.

Erfolgreiche Teamarbeit: Bianca Bödeker (4. v.r.) mit ihrer Gruppe

Deshalb bewerbe ich mich beim internationalen „Project Better World“ meines Arbeitgebers. Jedes Jahr schickt Shell weltweit rund 50 Freiwillige aller Hierarchie-Stufen zu Umwelt-Projekten in die Welt. Sie sollen die Möglichkeit haben, ihre Fähigkeiten Nichtstaatlichen Organisationen, die weltweit aktiv sind, zur Verfügung zu stellen. Die Mitarbeiter/innen, die einen Teil ihres Jahresurlaubs und ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, werden in einem Bewerbungsverfahren ausgewählt. Shell übernimmt die Kosten für Flüge und Unterbringung. Einen Monat später kommt die Zusage: Als Mitglied im team 3, Projekt „Klimawandel am Polarkreis“, fahre ich in die Northwest Territories nach Kanada.

Zurück dahin. Der Regen hat aufgehört. Nach drei Stunden Fahrt mit dem Van und in klammen Klamotten Ankunft bei Barb, Norm und Josh Barichello auf ihrer Dechen’La Lodge. Wir alle haben sie sofort ins Herz geschlossen. Herzlich und humorvoll ist ihre Gastfreundschaft. Heimelig das Ambiente: Essen und studieren in der Holzlodge, schlafen in einfachen Hütten mit Zweierbetten. Ohne Strom und fließendes Wasser. Dafür mit Plumpsklo samt Panoramablick auf die Berge!

Gleich gibt’s Essen. Moose und Caribou – Elch- und Rentierfleisch. Ob ich vorher noch im Badehäuschen dusche? Ich verkneif’s mir. Nass bin ich ja noch. Weiß, wie aufwendig für Norm und Sohn Josh der Weg zur Quelle ist, um Wasser für uns alle zu holen. Sorgsam mit der Ressource umzugehen, ist die erste wichtige Lernerfahrung für mein „Leben danach“.

Leben ohne Internet und Handy

Und die zweite folgt sogleich: Zimmergefährtin Jane und ich feuern den Holzofen an, um die Kleidung zu trocknen. Zum Glück nur einmal in den zwei Wochen. Acht Stunden dauert es nämlich, bis neues Holz geholt, gehackt und in der Hütte ist. Da tut’s hier und da wirklich mal eine Pulloverschicht mehr zum Wärmen.

Abendbrot. Pete Kershaw schließt an mit einem Vortrag zum Klimawandel. Danach gesellige Runde. Ohne Internet, E-Mail, Handy. Kein Online-Netz in den Bergen. Dafür muntere Gespräche im Erdgeschoss, kurzweiliges Kartenspiel im ersten Stock, Beobachtung des Sonnenuntergangs auf der Veranda. Um 22.30 Uhr puste ich die Kerze in der Hütte aus, schlafe wie ein Stein. Nix raubt die Ruhe nach erfüllten Tagen. Fokussiert auf Natur, das Projekt und eine harmonische Gemeinschaft.

Unser letzter Tag. Die Zeit in den Bergen ist zu Ende. Noch ein gemeinsamer Abend in Whitehorse (Yukon), bevor es uns wieder in alle Winde zerstreut. Auf dem Weg aus der einsamen Wildnis zurück in die Zivilisation lasse ich die Zeit Revue passieren. Was nehme ich mit für meine persönliche und berufliche Weiterentwicklung? Ganz klar:

Den sorgsameren Umgang mit den Ressourcen, mir die Umweltverträglichkeit meines Handelns bewusst zu machen.

Die Erkenntnis: Teamarbeit macht Spaß und hilft, sich persönlich weiterzuentwickeln. Wichtig: Sich zurücknehmen können, umsichtig sein, Vorschläge anderer akzeptieren, gewohnte Arbeitsmuster überdenken. Kurzum: Bereit sein, voneinander zu lernen.

Keine E-Mail schreiben, wenn der Kollege gleich um die Ecke sitzt. Ein persönliches Gespräch kostet keine Energie und stärkt die vertrauensvolle Kommunikation.

Die Philosophie der nachhaltigen Entwicklung von Shell weiter aktiv zu unterstützen.

Text und Bilder: Bianca Bödeker
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