Eindruck machen: Was das Erscheinungsbild ausmacht

Äußerlichkeiten werden gern als oberflächlich belächelt. Dabei wird ihre Wirkung enorm unterschätzt. Welchen Einfluss unser Erscheinungsbild auf andere und auf unsere Psyche hat, erfuhr unsere Autorin am eigenen Leib.

Vor langer Zeit tauschte ich Kleider mit einer anderen Frau. Einer reizenden, witzigen, auch modisch mutigen Frau, mit einem Hang zu pinken Petticoats, schulterfreien Corsagen, türkisfarbenen Pumps und, ja, auch Wickelkleidern im Leo-Look. Es war ein Auftrag der BRIGITTE, ich war jung und brauchte das Geld. Zwei Wochen lang bediente ich mich aus dem Kleiderschrank dieser Frau. Ich lebte ihr Leben, rein äußerlich gesehen – und meines änderte sich schlagartig. Morgens in der U-Bahn gab es keine schwarze Trenchcoat-Tarnkappe mehr, unter der ich mich verstecken konnte. In der Kantine grinsten mich plötzlich Kollegen an, statt wie gewohnt ihr Tablett zu hypnotisieren. Manche starrten unverhohlen, andere schüttelten den Kopf. Ich fiel auf, irritierte, wurde nicht mehr erkannt. Ich war eine andere. Dabei trug ich nur die Kleider einer anderen. Nach zwei langen, harten Wochen war ich froh, meine eigenen Kleider wieder zurückzubekommen. Schwarze Hose, schwarzer Rollkragenpullover, schwarze Jacke. Endlich wieder ich.

Kleider verändern nicht nur uns, wir verändern uns auch mit ihnen

Selbstversuche sind bei Journalisten beliebt, weil sie so spüren, worüber sie schreiben. Ich hatte am eigenen Leib erfahren, wie sehr Äußeres dafür verantwortlich ist, wie wir wirken und wie wir uns fühlen. "Kleider verändern nicht nur uns, wir verändern uns auch mit ihnen", sagt die renommierte Modetheoretikerin Barbara Vinken, die sich von Berufs wegen viel mit der Macht des Äußeren beschäftigt. "Wenn wir neue Kleider anhaben, ist das immer wie eine kleine Erneuerung des Selbst." Während sie das sagt, trägt Barbara Vinken einen weit schwingenden Rock mit kräftigem Blaudruck. Verändert der sie? "Zum Positiven!", sagt sie. "Er lässt mich viel heiterer, besser gelaunt durch den Tag gehen." Warum hatte der pinke Petticoat das bei mir nicht geschafft?

Sympathische Frau

Abhängigkeit vom Äußeren 

Natürlich gibt es auch zu diesem Thema psychologische Studien. Sie zeigen: Anzugträger handeln dominanter und erfolgreicher, Probanden in weißen Arztkitteln machen weniger Konzentrationsfehler und Frauen im Bikini lösen Matheaufgaben schlechter, als wenn sie, sagen wir, "formeller" gekleidet sind. Unser Äußeres kann also nachweislich unsere Einstellung, Arbeitshaltung und Leistung beeinflussen. Das ist spannend und erklärt, warum ich als Himbeertörtchen im Büro anders wahrgenommen wurde – und wahrscheinlich auch aufgetreten bin. Es erklärt aber noch nicht, warum ich mich insgesamt so verunsichert fühlte. Diese Abhängigkeit vom Äußeren – geht das nur mir so?

Kleidung kann Identität und Selbstbild positiv beeinflussen 

Der Psychologe Carlo M. Sommer hat Frauen befragt, was sie mit Kleidung verbinden. 77 Prozent fühlten sich in bestimmter Kleidung besonders selbstbewusst, 62 Prozent schrieben ihr gar tröstende Wirkung zu. "Frauen nutzen Kleidung, um ihre Stimmung auszudrücken – und zu regulieren", fasst Sommer zusammen. Wenn ich mich unpassend angezogen fühle, senkt das den Stimmungsquotienten erst mal erheblich, und zwar egal, ob ich vermeintlich under- oder overdressed bin. "In gewisser Weise hat Kleidung sogar einen therapeutischen Effekt", sagt Carlo M. Sommer, "sie kann unsere Identität, unser Selbstbild positiv beeinflussen." Die sogenannte "Fashion-Therapie" macht sich diesen Mechanismus zunutze, geht in die Psychiatrie und hübscht Patienten mit Make-up und neuem Outfit auf, damit sie wieder mehr auf sich achten und zu sich kommen können. Das allein heilt natürlich keine Depression, aber hat durchaus positive Effekte.

Der innere Zustand kann durch Äußerlichkeit verändert werden 

Äußerlichkeiten können also den inneren Zustand eines Menschen verändern, im Idealfall natürlich zum Besseren. Zieh dir das rote Kleid an – und die Welt gehört wieder dir? "So einfach ist das natürlich nicht", sagt Carlo M. Sommer. Schließlich gehe es bei diesem "Mood-Management" mit Kleidung nicht um das Stück Stoff an sich, das quasi magische Kräfte freisetze (auch wenn die Modeindustrie die sicher gern hätte). "Entscheidend ist vielmehr unsere Vorstellung davon, was wir mit diesem Stück Stoff verbinden", sagt Sommer. Und das kann bei jeder und bei jedem anders sein. "Priming" nennen das Psychologen.

Intellektuell, modisch neutral und seriös wirken 

Bei mir hat das mit dem pinken Kleid und dem Priming nicht funktioniert, wird mir jetzt klar. Ich wollte im Job intellektuell, modisch neutral und seriös wirken und auch sonst bloß nicht zu sehr auffallen. Da war der schwarze Rollkragenpullover das bessere Match. Natürlich war nicht alles schlecht an der Kleidung der anderen: Ich fühlte mich weiblicher, präsenter, mutiger, wurde nicht nur aus-, sondern auch viel öfter angelacht. Das Experiment war zudem ein großes "Was wäre, wenn", eine weitere Möglichkeit, ein anderer Entwurf von mir. Facetten davon gefielen mir. Und in den Jahren danach zogen nach und nach andere, hellere Farben in meinen Kleiderschrank ein: ein Blau, ein Grün, sogar Rosa.

Mit Highheels auf Münchens Spielplätzen

Und heute, eine Hochzeit, zwei Kinder, mehrere Jobstationen, eine halbe "Rushhour des Lebens" später? Nun, es sieht da düsterer aus, als ich es mir manchmal wünsche. Praktischer. Pragmatischer. Bügelfreier. Und definitiv flacher. Denn mit Highheels wird man selbst in München Schwabing auf Spielplätzen komisch angeschaut und bleibt im Sand stecken. Dunkelblaue Bluse, dunkelblaue Jeans, Chelseaboots – passt schon. Mehr aber auch nicht. Ich habe es mir bequem gemacht. Zu bequem? "Wir Frauen sind über Kleidung sehr mächtig", sagt Ines Imdahl, Psychologin und Geschäftsführerin des Rheingold Instituts, "aber nur ganz wenige von uns nutzen diese Macht wirklich – um sich zu inszenieren, aber auch für sich selbst, um sich zu helfen." Es gehe nicht darum, sich auszutricksen, so Imdahl, dazu sei unsere Psyche sowieso viel zu clever, sondern darum, sich zuallererst für sich selbst anzuziehen. Sich morgens vor dem Spiegel häufiger zu fragen: Wer will ich sein? Wie will ich mich fühlen? Und zu schauen: Gibt es überhaupt etwas in meinem Schrank, was so ist, wie ich heute gern wäre, und wenn nein, warum nicht?

Selbstkenntnis und Selbsterkenntnis

Im schlimmsten Fall verbringen wir den halben Tag im Dialog mit unserem Kleiderschrank, im besten finden wir ein Outfit, das "etwas für uns tut", wie es der Modedesigner Guido Maria Kretschmer so schön sagt. Und zwar nicht rein äußerlich. Etwas, was uns bestätigt oder herausfordert, wenn uns denn danach ist. All das setzt natürlich Selbstkenntnis und Selbsterkenntnis voraus, sagt Modetheoretikerin Barbara Vinken: "Man muss sich das Bewusstsein, was passt, erspielen." Wie das geht? "Einfach unheimlich viele Kleider anprobieren – und eine Person mitnehmen, die einen gut kennt." Zum Glück hat man jenseits der 40 schon ein paar Umkleidekabinen von innen gesehen und weiß, dass dieser Jemand nicht unbedingt die eigene Mutter ist. Der Vorteil am Alter ist: Wir haben schon einiges an- und ausgezogen, wir wissen genau, was uns gefällt, und wollen nicht mehr um jeden Preis gefallen. Wir kennen uns gut. Der Nachteil ist: zu gut. Ist ja auch bequem, das Gewohnte, das Vertraute. Funktioniert doch. Das mag zwar stimmen, aber vielleicht würde etwas anderes auch funktionieren, besser sogar – und dabei noch viel mehr Spaß machen.

Die Jeans mal gegen einen Rock tauschen 

Damit ist – in meinem Fall – sicher nicht der Leo-Look gemeint, darin wirken andere sexy, ich definitiv nicht. Trotzdem könnte ich mich manchmal durchaus mehr trauen. Weniger monochrom durchs Leben gehen, weil es mehr Schattierungen hat als "drei Farben Dunkelblau". Damit der Lieblingslook nicht irgendwann zur Uniform wird, die einschränkt und bedrückt. Also die Jeans mal gegen einen Rock tauschen, die Chelseas gegen Slingpumps. Vermutlich würde ich heute sogar ein Himbeertörtchen-Petticoatkleid mit einem anderen Selbstbewusstsein tragen als damals. Aber eben nur, wenn ich mich danach fühle und Lust darauf habe.

Lustvoller mit Mode umgehen 

"Es ist wichtig für unser Glück, dass wir uns diese Lust an der Mode zugestehen und uns erlauben, lustvoller mit ihr umzugehen", sagt Barbara Vinken. Keine Angst haben vor vermeintlicher Oberflächlichkeit. Sich keine Denkverbote auferlegen, weder sich selbst noch andere für modische Experimente abstrafen. "Verrücktheit und ein bisschen Selbstironie sind schon mal nicht schlecht", sagt Barbara Vinken. "Wir sollten uns und die Welt weniger ernst nehmen – und lieber von der komischen Seite betrachten."
Meine Tochter Anna, 4, hat das längst verstanden. Sie kombiniert Pink zu Türkis, Orange zu Lila, Einhörner zu Katzen und Karos zu Streifen. Sie trägt Gummistiefel, auch wenn es nicht regnet. Weil sie es will: "Sieht doch lustig aus, Mama!" Und dann lacht sie. Laut.

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BRIGITTE WOMAN 08/2019

Wer hier schreibt:

Sina Teigelkötter
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