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"Eltern und Kinder müssen sich mit der Altersvorsorge beschäftigen"


Birgit Stappen ist Diplompsychologin und Professorin. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Gerontologie - der so genannten Wissenschaft vom Altern.

BRIGITTE-woman.de: Frau Dr. Stappen, was raten Sie Natalia?

Birgit Stappen: Bei einer solchen Entscheidung spielt Bettlägerigkeit eine große Rolle. Denn wenn der Patient an sein Bett gebunden ist, kann die pflegende Person zumindest kurz aus dem Haus ohne Angst haben zu müssen, dass die Schwiegermutter den Herd anmacht oder sich aussperrt. In Natalias Fall weiß man aber nicht, ob die Schwiegermutter nicht vielleicht doch aus dem Bett fallen oder sich selbst verletzen könnte. Die Kräfte dafür sind ja noch da. Daher müsste Nathalia sie tatsächlich rund um die Uhr betreuen. In diesem Fall würde ich keine Aufnahme in den eigenen vier Wänden empfehlen. Die körperliche und vor allen Dingen seelische Belastung, die bei der Pflege auftreten würden, sind einfach viel zu groß.

BRIGITTE-woman.de: Was unterschätzt Natalia?

Birgit Stappen: Neben der Pflege, dem Füttern und dem Baden entsteht eine enorme psychische Belastung. Es fällt Kindern unglaublich schwer, die Veränderung im Wesen ihrer Eltern oder Schwiegereltern nachzuvollziehen und akzeptieren zu können. Natalias Schwiegermutter ist nicht mehr die Person, die sie seit Jahrzehnten kannte. Natalia muss im Grunde von ihrer Schwiegermutter Abschied nehmen und diese Trauerarbeit ist sehr schwer zu bewältigen. Auch der Sohn, Natalias Ehemann, muss sich von seiner Mutter verabschieden, ist aber dennoch mit ihrer gegenwärtigen Verfassung täglich konfrontiert. Die pflegenden Kinder können dann in tiefe Trauer verfallen oder auch Wut. Das kann sich auf die ganze Lebenssituation auswirken und auch die Ehe und das Familienleben gefährden.

BRIGITTE-woman.de: Kann man denn auf seine hilflosen Eltern wütend werden?

Birgit Stappen: Oh ja. Die Demenz treibt die Patienten dazu, sich oft wie kleine Kinder zu benehmen. Sie schreien, sind verständnislos, schlagen um sich und können auch inkontinent werden. Für die pflegenden Söhne und Töchter ist das alles sehr belastend und kann zu Wutanfällen führen oder sogar Schlägen. Studien belegen, dass erwachsene Kinder aus Überforderung zu Gewalt neigen. Einige sperren ihre Eltern ein, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen.

BRIGITTE-woman.de: Das sind ja eher Zustände, die man von unsensiblen Pflegern befürchten würde und nicht von den eigenen Kindern.

Birgit Stappen: Viele Erwachsene haben eine zu schlechte Meinung von den Pflegeheimen, die es gibt. Sie haben das Gefühl, ihre Eltern im Stich zu lassen, sie einfach in ein Heim "zu stecken", so wie es auch Natalia formuliert. Doch es gibt viele sehr gute Einrichtungen gerade für verwirrte Menschen. Die Heime konkurrieren geradezu mit sehr guten Konzepten, in denen auch die eigene Familie eine große Rolle spielt. Man gibt seine Eltern nicht auf oder verlässt sie. Man kann sie besuchen und in ihre Pflege eingebunden sein. Ein weiterer Vorteil ist, dass geschulte Mitarbeiter auch Momente der Freude oder des Glücks in der Gestik und Mimik der Patienten erkennen. Sie können den Angehörigen dann mitteilen, dass sich die Schwiegermutter über etwas gefreut hat. Allein wäre das dem Kind womöglich nie aufgefallen.

BRIGITTE-woman.de: Was würden sie Kindern raten, deren Eltern zwar pflegebedürftig sind, aber keine schwerwiegende Krankheit wie Demenz haben?

Birgit Stappen: Wenn der Pflegeaufwand nicht zu groß ist, bin ich grundsätzlich dafür, dass die Eltern so lange wie möglich in der Obhut ihrer Familie bleiben. Entweder sie werden in ihren eigenen vier Wänden von den Kindern unterstützt oder die Kinder nehmen ihre Eltern bei sich auf. Allerdings muss man das früh genug planen. Leider ist die Altersvorsorge für die meisten ein unangenehmes Thema. Ich beobachte immer wieder, dass sich weder die junge, noch die alte Generation damit auseinandersetzen wollen. Aber sie müssen! Die Alten sollten sich früh genug überlegen, ob sie irgendwann nicht in die gleiche Stadt wie ihre Kinder ziehen wollen. Bei der Haus- oder Wohnungsplanung sollten die Kinder bedenken, ob eine Treppe ihren Eltern nicht irgendwann zum Verhängnis wird. Die Kinder müssen sich bewusst machen, dass der Vater oder die Mutter wieder mit ihnen wohnen werden. Die Eltern müssen ihre Immobilität akzeptieren und es auch wollen, wieder bei ihren Kindern einzuziehen. Das wichtigste ist, dass sich beide Parteien früh genug damit auseinandersetzen und gemeinsam über diese Zukunft sprechen. Studien belegen, dass je mehr sich Kinder und Eltern gemeinsam über die Möglichkeiten informieren, desto besser läuft das Zusammenleben hinterher. Dann wird die ältere Generation auch zum Geschenk für die junge Familie.


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Interview: Alexandra Zykunov

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